Welche Emotionen mit der Produktion eines zweiten Albums verknüpft sind, wenn das erste ein internationaler Überraschungserfolg war, weiß Marius Lauber nur zu gut. Nach seiner Zeit als Gitarrist einer Indie-Band und einer längeren Phase als erfolgreicher Club-DJ legte er 2016 unter dem Namen Roosevelt sein selbstbetiteltes Debütalbum vor und fuhr dafür massig Lorbeeren ein. Es folgten Remixe für Chvrches, Glass Animals, WhoMadeWho und Tocotronic sowie ausverkaufte Konzerte auch jenseits des europäischen Marktes. Sein Cover des Womack-&-Womack-Klassikers „Teardrops“ bescherte ihm sogar eine familiäre Ehrenmitgliedschaft. Für Lauber – selbst gerade erst 28 Jahre alt und damit zwei Jahre jünger als die Nummer selbst – wohl ein so ehrenwerter wie schräger Moment. Jetzt erscheint mit „Young Romance“ das zweite Album des Wahlkölners auf CitySlang.

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Vor allem hängen geblieben aus der Zeit nach dem Release des Debüts ist aber die ausgedehnte Tour inklusive zahlreicher großer Festivals, die diesem folgte. „Das Touren hat sich schon maßgeblich verändert, als die Platte dann da war. Sowohl im Hinblick darauf, wie viel wir gespielt haben, als auch bezüglich der Größe der Shows. Dazu gehörte dann auch, mit dem Album in Amerika zu touren. Wir waren zwar vorher auch schon mal dort und haben einzelne Konzerte gespielt, aber eine zusammenhängende Clubtour durch ganz Nordamerika zu machen, das war schon ein besonderes Erlebnis“, erinnert sich Marius. Ein Erfolg, der auf der einen Seite das Selbstbewusstsein stärkt, auf der anderen Seite die Erwartungen auch ordentlich in die Höhe schraubt. Wie hoch man die Latte legt, liegt am Ende zwar bei einem selbst, ist aber nicht selten von äußeren Faktoren beeinflusst. Marius hingegen konzentriert sich bei all der Anerkennung vor allem auf die positiven Aspekte: „Nervös war ich nicht, der Erfolg hat eher motiviert, dort weiterzumachen, wo ich aufgehört habe. Das Bewusstsein dafür, dass es ganz schön viele Menschen da draußen gibt, die auf das warten, was man herausbringt, kann einem eine gewisse Disziplin beibringen, jeden Morgen ins Studio zu gehen und Musik zu machen. Das hat mir daran sehr gefallen.“

Die Texte des ersten Albums „Roosevelt“ waren in weiten Teilen autobiografisch, daran hat sich auch bei „Young Romance“ nichts geändert. „Ich wüsste gar nicht, wie man Texte schreibt, die nicht in irgendeiner Form mit dem bisher Erlebten zusammenhängen“, lacht er. Neu hingegen war der Ort der Produktion, die er aus dem heimischen Studio in Köln ins weit entfernte, dafür wärmere Los Angeles verlegt hat. „Bei der eigentlichen Produktion hat L.A. allerdings eine eher kleine Rolle gespielt – das Album war fast fertig, ich habe nur einzelne Details finalisiert.“ An seiner Seite dort Produzent Chris Coady, der schon für Bands wie Beach House, We Are Scientists, Massive Attack und TV On The Radio arbeitete, aber auch bereits beim Debüt von Roosevelt an den Reglern schraubte. Damals jedoch in physischer Abwesenheit des Künstlers. Das war dieses Mal anders: „Die Zeit mit Chris im Studio war sehr besonders und auch maßgeblich für den Sound der Platte.“ Es paart sich ein ausgeklügeltes Songwriting mit großer Popproduktion bei völligem Verzicht auf Kitsch und Pomp. „Ich war schon beim ersten Album sehr zufrieden mit dem Ergebnis seiner Arbeit. Jetzt bin ich eben auch zu den Mixing-Sessions geflogen. Chris bringt den nötigen Dreck rein, der teilweise in meinen Mixen fehlt“, zollt er dem Produzenten in aller Bescheidenheit Respekt.

Vom Indie-Schlagzeuger über den Club-DJ, der in namhaften Locations wie Fabric, Panorama Bar und für Boiler Room spielte, hin zum lupenreinen Popmusiker. Nicht der klassische Weg – und noch immer kratzt Roosevelt mit seiner Musik an den alten Wurzeln. Eine bewusste Entscheidung, die Richtung dahingehend zu wechseln und den internationalen Markt aufzurollen, habe es allerdings nie gegeben, sagt der 28-Jährige. „Das kam alles sehr natürlich auf mich zu. Ich habe mir wirklich nie viele Gedanken dazu gemacht, welches Genre ich bediene oder bedienen möchte. Das müssen andere Leute entscheiden.“ Ebenfalls ganz natürlich hat auch ein Soundwechsel der eigenen Hörgewohnheiten bei Marius eingesetzt. Geschuldet der persönlichen Weiterentwicklung und nicht unwichtig für die musikalische. „Das eine beeinflusst auf jeden Fall das andere. Ich höre generell unterschiedlichere Musik im Vergleich zu früher. Als Indie-Kid mit 16 war das Spektrum doch noch etwas begrenzt. Heute reicht es tatsächlich von Jazz über Metal bis hin zu Mainstream-Pop.“ Und ein gewisser 80er-Einschlag ist ebenfalls nicht zu leugnen. Von jemandem des Jahrgangs 1990, der diese Zeit sogar physisch um neun Monate verpasst hat, nicht unbedingt zu erwarten. „Viele meiner Lieblingsalben sind in dieser Zeit entstanden, allerdings auch in den späten 70ern. Ich denke, die 80er waren eine sehr aufregende Zeit für Popkultur generell, in der viele Konventionen gesprengt wurden und vieles in der Popwelt überhaupt erst entstanden ist. Musikalisch reizen mich Songs mit großer Geste, Bands wie Human League, Talk Talk, Tears for Fears … All das, was zu dieser Zeit entstanden ist, treibende, drückende Drums hat und gleichzeitig eine sehr tiefe Melancholie. Das ist es, was die 80er in meinen Augen und Ohren ausgemacht hat.“

In Sachen Setup setzt Marius dennoch weniger auf die damaligen Synthies als auf die modernen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts. Dabei bleibt er sich auch beim zweiten Album treu und hat nur weniges verändert: „Ich arbeite immer noch im selben Workflow wie beim ersten Album, es sind nur ein paar Geräte dazugekommen. Ich habe aber gerade bei der intensiven Arbeit an ‚Young Romance‘ gemerkt, dass ich immer wieder auf dieselben Geräte, Effekte oder Instrumente zurückgreife. Wenn man einmal seine Vorlieben hat und weiß, wie man mit ihnen umzugehen hat, ist es generell immer sehr schwer, davon wegzukommen.“ Never change a running system – solange dafür nicht die Notwendigkeit besteht. Mit „Young Romance“ gelingt Roosevelt erneut der Spagat zwischen reifem, emotionalem Electro- und mainstreamigerem Pop-Pop. Um aber auch dem geliebten Club zu huldigen, wird es – wie schon zu „Roosevelt“ – zu „Young Romance“ wieder Remixe geben. Zuletzt waren Kollegen wie Prins Thomas, Justus Köhncke, andhim und Hot Chips Joe Goddard am Werk. Und dieses Mal? „Ja, es wird wieder einige Remixe im Laufe der Albumkampagne geben. Allerdings kann ich noch nicht allzu viel verraten, freue mich aber sehr darauf, diese zu veröffentlichen.“ Und weil der Sound Roosevelts auf die Bühne gehört, geht auch schon diesen Monat die Tour los. „Wie immer wird das Ganze mit kompletter Band umgesetzt. Wir sind mittlerweile zu viert auf der Bühne. Live geht es dann generell etwas energischer und druckvoller zu – im besten Fall. Ich habe auf der Tour letztes Jahr bereits einige der Demos bei Soundchecks mit der Band ausprobiert, was mir sehr geholfen hat. In dieser Phase ist noch einmal viel umarrangiert worden, weshalb die neue Platte doch noch etwas mehr nach ‚Band‘ klingt als die erste.“

 

Aus dem FAZEmag 080/10.2018
Text: Nicole Ankelmann
Foto: David East
www.iamroosevelt.com