Es ist Winter in Russland. Der eisige Wind fegt unaufhaltsam über den Roten Platz. Lediglich die Mauern des Kremels sind hoch genug, um sich dahinter Schutz vor der Kälte zu suchen – sofern man priviligierter Politiker ist oder Gérard Depardieu heißt. Denn selbst warm eingepackt und mit Uschanka auf dem Kopf bleibt es draußen bitterkalt. Doch die Menschen in Russland sind alles andere als kühl, auch wenn ihr schroffes Erscheinungsbild es oftmals anders vermuten lässt. Sie haben gelernt mit der Kälte umzugehen und wissen, wie man standhaft bleibt. Ob mit einem heißen Borschtsch, Wodka, oder dem ganz eigenen gastfreundlichen Charme der russischen Kultur. Ein Grund mehr für uns den Blick gen Osten zu richten und aus Russland stammende Musiker wie ZEDD und Proxy, aber auch die Clubszene Russlands mal unter die Lupe zu nehmen. Nastrovje!

Clubs:
Russlands Musikszene wird natürlich stark von Trance- und Elektro House-Einflüssen dominiert, jedoch hat sich in den vergangenen Jahren auch ebenso eine ansehnliche Underground-Kultur etabliert. Die Vielfalt der Clublandschaft in Moskau erscheint mittlerweile schon fast unerschöpflich. So haben sich Clubs, wie das ARMA 17, das Propaganda und der Solyanka Club über die Grenzen des Landes hinaus dank qualitativ-hochwertiger Bookings bereits auch im internationalen Raum einen Namen gemacht. Wer hierbei zunächst an prunkvolle, vollgepackte Läden mit den hübschesten Frauen des Landes denkt, liegt nur teilweise richtig. Natürlich ist das Image noch stark geprägt von Champagner trinkenden Oligarchen, die genussvoll ihren Kaviar verzehren und sich die Hände unter vergoldeten Wasserhähnen waschen, jedoch ist dies, wie fast überall, nur ein Teil dessen, was eine Hauptstadt ausmacht. Längst sind Label Showcases wie Cadenza, Desolat, Highgrade und hochkarätige Künstler in den wöchentlichen Line Ups gelistet. Doch irgendetwas scheint anders zu sein.

ARMA 17
Das ARMA17 hat seinen Ruf, als einer der besten Clubs Russland, bereits in Stein gemeißelt. Wobei die Bezeichnung Club vielleicht nicht ganz zutreffend ist. Es ist vielmehr eine Bar, n dem Intimität und Nähe maßgeblich sind. Vor allem aber durch das abwechslungsreiche House- und Techno-Catering wird der Moskauer Szenetreff mittlerweile sehr ernst genommen. Nach einem Brand in 2009 wurde diese Lokalität, die ihren Namen von den Gründern des Gewerbeparks erhielt, komplett zerstört und wieder neu aufgebaut. Mit seinem Sitz im Nizhniy Susalniy Bezirk, beherbergt das ARMA17 mit wöchentlichen Veranstaltung viele bekannte internationale Gäste, so auch Berliner DJs und Produzenten wie z.B. Ellen Allien, Ben Klock, aber auch Nina Kravitz, Jay Shepheard. Der eine oder andere von ihnen wird mit Sicherheit auch schon einschlägige Erfahrungen mit den regulären Afterhours gemacht haben, die bekannt dafür sind, dass sie bis weit in Nachmittag andauern.

Propaganda
Das Propaganda ist einer der ersten Clubs in Moskau. Beliebt bei Clubbern und Touristen und vor allem durch seine Housepartys am Donnerstag oder Chillout-Veranstaltung mit qualitativer elektronischer Musik dienstags und mittwochs, oder aber auch mit Gay- Partys, wie der ChinaTown am Sonntag gelang es den Machern des Clubs, sich als fester Bestandteil des Moskauer Nachtlebens durch allgemeine Beliebtheit und ein Alternativ- Programm zu etablieren. Doch das Propaganda ist mehr nur ein Club. Tagsüber bekommt man vor Ort leckeres Essen und relativ günstige Getränke serviert. Nach 23 Uhr werden Tische und Stühle entfernt und was einst aussah wie ein Chillout-Café, verwandelt sich plötzlich in einen Nachtclub. Das Interieur ist sehr lässig und schick gehalten, die Tanzfläche erstreckt sich als offener Raum, bietet aber ebenso intime Ecken auf der ersten Etage.

Solyanka Club
Seit der Eröffnung im Jahr 2007 ist das Solyanka für freizeitaffine Besucher zum Mekka von Moskau geworden. Diese Hipster-Hochburg reicht viel weiter als ein normaler Verein und verfolgt eine Art erzieherische Mission, die manchmal schon fast an Bevormundung grenzt. Mit einem monatlich erscheinenden Magazin, Vorträgen, einer coolen Modeboutique und einem großen Restaurant gelang es die Zusammenarbeit mit verschiedensten kreativen Kollektiven aus Moskau und dem Ausland zusammenzuführen. Meist werden recht einfache Bookings mit Local Heros präsentiert, aber auch gelegentlich große Namen hinzu gemischt. Dem jungen Publikum ist dies Recht, und es honoriert dies mit lebendigen Partys, glücklichen Gesichtern und Dankbarkeit. Dieser Club gehört definitiv zu Moskau, wie der Papst zum Vatikan.

www.arma17.ru
www.propagandamoscow.com
www.s-11.ru

Proxy
Als Vertreter russischer Ravekultur ist man seinem Land verpflichtet und arbeitet hart, um die Underground-Zaren des Raves das Fürchten zu lehren. Mit seinem aktuellen Debütalbum „Music From The Eastblock Jungles Part 1 und 2“ auf Tigas Label Turbo Recordings, präsentiert Durchstarter Proxy alias Evgeny Pozharnov mit insgesamt 23 Tracks vorschriftsmäßig die geballte Ladung körperlicher Elektrohouse-Ertüchtigungstherapie. „Es ist irrelevant, welche Emotionen ich hierbei zum Ausdruck bringen möchte, lediglich die zerstörerische Kraft der Stücke zählt. Denn die einzige Botschaft, die das Publikum erhält ist: Du wirst zerkleinert“, erklärt er. Dass Hammer und Sichel hierbei bereits als Leitsymbol dienen, dürfte spätestens jetzt klar sein. Ob mit einem vollbärtigen Glatzkopf mit Kippe im Mund auf dem Rudergerät, lasziv anmutenden Tänzerinnen oder weiteren kühlen Elementen – in Proxys aktuellem Video „Raw“ bringt er das schroffe Image, wesentlicher Merkmale eines russischen Produzenten, bestens zum Ausdruck. „Hierbei überlasse ich die Angelegenheiten wie z.B. Artwork und Gestaltung gerne Turbo Recordings. Sie scheinen zu glauben, dass bestimmte Bilder, die Ideen, hinter meiner Musik gut kommunizieren. Wenn ich das selbst in der Hand hätte, würde jede Veröffentlichung in einem schmutzigen Leinensack gehüllt kommen, ohne falsche Versprechen von Schönheit oder Status.“ Getreu dieser Haltung produziert er, wie am Fließband, im Studio mit russisch-amerikanischer Analog-Hardware seine Musik und stellt klar, dass es zudem auch sinnlos sei weitere Informationenüber sein Studio-Setup bekannt zu geben, da niemand wie Proxy klingen kann. Seine Live-Sets bestehen selbstverständlich und ausschließlich aus eigenen Stücken. Auch hierbei sind Emotionen irrelevant. „Autonomer Überlebensinstinkt übernimmt hierbei die Kontrolle über den Schaffensprozess. Glück und Enttäuschung sind bald vergessener Luxus.“ Evgeny benötigt lediglich seinen Laptop, als einziges Instrument musikalischen Ausdrucks. „Ich bin nicht daran interessiert eine Illusion von mehr Aktivität, als nötig, zu vermitteln.“ Reserviert und eigensinnig macht er von sich Reden. Welche musikalischen Einflüsse ihn dabei bewegen, sind zudem Privatangelegenheit. Lediglich The Prodigy nennt er als Vorbilder. „Ihr werdet schockiert sein, mit wem ich in Zukunft alles zusammenarbeiten werde“, verkündet er stolz. Auf die Frage, wie er bei der Schöpfung seiner Titel im Studio vorgeht, bekommen wir nur als Antwort: „Fokussieren. Zorn. Schärfer fokussieren. Zorn. Verlust von Fokus. Göttliche Eingebung. Tipp-Ex.“ Fast schon gleichgültig, was man von ihm denkt, bricht er jegliche Information auf das Wesentliche herunter. Am Ende bleibt das Bild eines brutalen Vertreters eigensinniger Musik, dem alle Mittel Recht sind die treibenden, zeitlosen Beats, die aus seiner markanten geistigen Schöpfung entstehen, ohne große Mühe, in die Stadien der Welt zu tragen. Dabei bedient er sich unzählige Genres, ohne Beachtung von Trends oder vergänglichen Einflüssen, stets mit einem fast schon bemerkenswerten Kommentar, der die Neugier des Gegenübers weckt. Wer Proxy einmal live erleben möchte, hat Ende März im Berliner Gretchen die Gelegenheit sich von seiner musikalischen Vielfalt begeistern zu lassen.
www.turborecordings.com

Foto: Nick WalterZedd
Anton Zaslavski, besser bekannt unter seinem Künstlerpseudonym ZEDD, hat inzwischen mit Russland so viel am Hut, wie der Eifelturm mit der Eifel, dennoch ist er in dem derzeit von einem unerwarteten Meteoriteneinschlag betroffenen Land geboren und zielt bereits in seinen jungen Jahren mit der nötigen Klarheit und klassischen Methoden auf Superlativen ab. Mit gerade mal 23 Jahren tourt er rastlos, vorzugsweise schlafend via Direktflug, ohne Trombose-Strümpfe, stets in Begleitung seines iPhones, ohne festen Wohnsitz viel in der Weltgeschichte umher, war mit Lady Gaga auf Asia-Tour und im Studio, remixte für die Black Eyed Peas und ist u.a. mit Skrillex und Justin Bieber befreundet. So weit, so gut. Doch wie begann sein musikalischer Werdegang, und was war für ihn der Schlüssel zum Erfolg? Bereits im frühen Kindesalter zog er von Russland an den Rand des Pfälzerwaldes, oder besser gesagt, nach Kaiserslautern, wo er mit vier Jahren das Klavierspielen lernte, sieben Jahre später dann, im Zuge des Bandlebens, kam das Schlagzeugspielen hinzu. Die Bühne war von Anfang an sein Revier und so startete er gemeinsam mit seinem Bruder, unter der stillen Beobachtung seiner Eltern, in einer Post-Hardcore-Band, begleitet von Einflüssen durch Lieblingsbands wie Silver Chair, Genesis, Deep Purple und Radiohead, aber auch nicht zuletzt unter dem Einfluss des Jazz, als Sohn zweier Musiker, seine Karriere als Erfolgsroutinier. „Dann kamen Daft Punk und Justice und somit auch meine Leidenschaft zur elektronischen Musik.“ Mit der Frage, was ihm seine insgesamt neun Jahre Banderfahrung gebrachten haben, kommen wir schnell ans Eingemachte: „Diese Jahre haben mich musikalisch sehr geprägt, und ohne diese Erfahrungen würde ich niemals das machen, was ich jetzt mache, denn die Dinge klingen oft anders, wenn man über Banderfahrung verfügt. Somit baue ich meine Tracks auch von der Melodie oder Riffs her auf.“ Neben Genres wie Elektro House und Dubstep präsentiert er auf deinem YouTube Channel auch klassische Versionen deiner Songs. „Klassische Musik bietet mir Motive, die mich meine Elektrosounds auch aus anderen Blickwinkeln betrachten lassen. Vergleichen wir es einmal mit dem Beruf des Architekten – Die innere Leidenschaft ein einzigartiges Haus zu bauen ist vergleichbar mit der Art und Weise, wie ich meine Musik kreiere. Ich sehe die einzelnen Elemente der Musik klar vor mir und bin somit in der Lage meine Musik, wie nach einen Bauplan zu auf- oder umzubauen.“ Mit „Clarity“ wollte ZEDD ein zeitloses Album schaffen, und auch für 2013 hat er seine Visionen. „Das nächste Album ist bereits in der Mache. Zudem engagiere ich mich derzeit sehr an der Gestaltung des Live-Bühnenbildes, das speziell im visuellen Sinne bombastisch werden soll. Meine Ziele habe ich bereits unendlich weit hochgesteckt. Ich will größere Venues spielen – weniger kleine, dafür mehr große Hallen, Arenas, Stadien – am liebsten direkt zwei Gigs in einer Nacht am Stück. Amerika ist das erklärte Ziel meiner Visionen. Grundsätzlich sind das Dinge, die man immer weitertreiben will. Weiter Musik machen natürlich und zeitlos bleiben und so viel wie möglich für Andere produzieren. Natürlich auch umgehend bei einer Gage wie der von Skrillex oder deadmau5 anzukommen“, lacht er. Treibt einen so ein Lifestyle nicht auch manchmal an die Grenzen der eigenen Substanz? Ständig unterwegs zu sein und fast täglich den Ort, an dem man spielt, zu wechseln, ist doch bestimmt anstrengend. „Diesen Monat ist es eigentlich ganz gechillt und bis jetzt war ich nur einmal an meinen körperlichen Grenzen bzw. am Rande der Erschöpfung. Die Tour in Australien, als ich einen Abend in Sydney spielte, danach nach Perth flog, um dann wieder nach Sydney zu fliegen, um noch einen Gig zu machen – Das war hart!“ Wann dürfen wir also das nächste Album erwarten? „Das kann ich leider noch nicht genau sagen. Mein letztes Album entstand, als ich viel Zeit mit Gaga usw. im Studio verbrachte. Irgendwann stand dann der Plan, jedoch hatte ich dann noch mal fast vier Monate an dem Album gearbeitet.“ Wer die Gelegenheit verpasst hat, ZEDD auf einem seiner Konzerte in Deutschland zu erleben, muss sich wohl nun erst einmal noch in Geduld üben, da neben seinen Auftritten in den USA, Kanada und Asien bis jetzt keine weiteren Termine in Deutschland angesetzt sind. Weltweit bereits als Star elektronischer Musik gefeiert, wurde ihm hierzulande bis jetzt noch nicht diese Aufmerksamkeit zuteil. Doch spätestens auf den großen Festivals in diesem Jahr wird er sicherlich noch von sich reden machen. / Vitaly Zirent
www.zedd.net

Foto Zedd: Nick Walker