SHITSTORM final5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Shitstorm in 3 … 2 … 1!

Die Hexenjagd ist wieder eröffnet, die Sau kann durchs Dorf getrieben werden! Abermals hat ein Künstler etwas geäußert, was die Werte der Szene auf den Kopf stellt. Aufschrei, Entsetzen, Fassungslosigkeit, Ausrufezeichen!!1! Wozu sich jetzt noch die Mühe machen, um die Fakten zu ergründen, wenn die Schlagzeile allein schon jeden Grund zum Haten gibt?

Noch bevor die Kaffeemaschine ihre Betriebstemperatur erreicht hat, wird der innere Ruhepuls auf Krawall gebürstet. Schnell noch das imaginäre Popcorn neben die Tastatur stellen und los geht’s: „Juhu, da ist der Nächste. Auf ihn mit Gebrüll!“ Denn man selbst ist ja schließlich sooo frei von Fehlern. Aber egal, auf „teilen“ klicken und sein eigenes protestierendes „OMG!“ oder „WTF!“ hinzufügen, um die lodernde Flamme direkt in Öl zu tränken. Verbannt ihn! Ach was. Steinigt ihn!! Was ist schon ein Jahrhundert-Hochwasser, wenn es gleich den Jahrtausend-Shitstorm gibt? Und zack, die Karriere des augenscheinlichen Unmenschen wird schon für beendet erklärt, bevor die Äuglein das nächste Mal blinzeln.

Es überrascht, wie schnell sich Vorurteile summieren, wenn man sich zu einem Thema hochschaukeln will. „Irgendwas davon wurde bestimmt genau so gesagt! Meine Kumpels haben da vor zwei Jahren über zehn Ecken auch etwas Negatives gehört.“ Aber bemüht sich in der heutigen Schnell-Klick-Gesellschaft noch jemand um Tiefgang, wenn doch im Handumdrehen jede Halbwahrheit als Fakt verbreitet wird? Es ist wie ein wenig „Stille Post“ mit sich selbst. Kaum überfliegt man grob den Text, puzzelt man sich den Skandal zusammen, wie man ihn gerade braucht.

Ich beschönige keine menschenverachtenden Aussagen und verachte jede Form von Diskriminierung, werbe bei solchen (Clickbait-) Artikeln aber darum, Inhalt und Fakten gründlich zu prüfen, bevor man sich lauthals empört. Und außerdem: Wir sind Künstler, keine Roboter. Meist sind es doch missverständliche Aussagen unter Partyeinfluss, derbe Späße unter Freunden. Schwarzer Humor unter Leuten, die ihn nicht verstehen. Doch schnell ist man ein gefundenes Fressen für die Tastaturpolizei. Hat ein DJ nach der dreitägigen Afterparty auf Ibiza aus der Sektlaune heraus mal wieder einen gucken lassen, was er im nächsten Atemzug vielleicht schon wieder bereut hat? Vielleicht war auch das letzte Bier schal, die Buttermilch schlecht, die Zahnpasta braun. Es ist wie der Ex zu schreiben, wenn man sich mal einen kühlen Kurzen zu viel in den Schädel gestellt hat.

Doch bei aller Empörung sollte man immer erst hinterfragen: „Ist die Aussage wirklich so getroffen worden? Ist die Meldung bestätigt oder basiert sie nur auf Hörensagen? Ist die Quelle überhaupt vertrauenswürdig?“ Und sowieso: Sind es nicht manchmal einfach nur Aussagen, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurden? Oberste Devise: Erst denken, dann haten. Aber bitte nicht in Form einer mittelalterlichen Steinigung dank künstlich hochgeschaukelter Dramaturgie. Das wollen wir schließlich am eigenen Leibe auch nicht erfahren. Also bitte möglichst sachlich und fair. Das hat jeder Angeklagte verdient.

„Neun von zehn Personen finden Mobbing völlig okay.“ Ein Spruch, über den wir vielleicht schmunzeln können, außer wir sind genau dieser eine, den es trifft. Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weiterlaufen. Das können nicht viele Diven. Und das sind Künstler nun mal in den meisten Fällen. Wir sind eckig und kantig, keine glattgebügelten Managertypen, erst recht keine Marionetten. Wir haben keinen Coach, der uns Sätze und Verhaltensstrukturen einprügelt. Wir machen Fehler, denn wir Künstler sind ja auch nur Menschen. Und wie so oft im Leben sollte man fairerweise immer erst einmal auch die andere Seite hören. Manchmal erscheinen die Dinge dann aus einem völlig anderen Licht. Nur leider gehen in der heutigen Zeit manche Aussetzer viel zu schnell viral, die früher auf dem Schulhof allenfalls Gelächter erzeugten.

In diesem Sinne. Bierchen auf. Prost! Ich muss meiner Ex schreiben.

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www.marc-depulse.com