Stanton gerader Tonarm

 

Plattenspieler von Stanton Magnetics – das waren zur Hochblüte der Marke im vorangegangenen Jahrzehnt amtliche Laufwerke. Speziell die direkt angetriebenen Topmodelle wie der ST-150 waren zugleich technisch potente und dennoch günstige Alternativen zum Technics MK2. Nun, zehn Jahre nach der Einführung, schreibt die US-Company mit der neuen Generation M2 die ST-Historie fort.

Nun ist eine Dekade nicht der normale Produktlebenszyklus eines DJ-Plattenspielers. Vielmehr durchlief Stanton, wie andere Hersteller, eine wirtschaftliche Durststrecke, während der kaum neue Produkte veröffentlicht wurden. Dabei war der Hersteller Mitte des letzten Jahrzehnts noch gut aufgestellt. Das zukunftsweisende DVS-System FinalScratch hatten die Amerikaner in Kooperation mit Native Instruments massentauglich gemacht. 2007 wurde es dann aber von NI als TraktorScratch im Alleingang weitergeführt. Parallel fiel man bei anderen zukunftsweisenden Produktbereichen wie DJ-Controllern hinter die Konkurrenz zurück. Und die Finanzkrise 2008 dürfte für die Entwicklung innovativer Tools ebenfalls nicht förderlich gewesen haben. So glitt der Traditionshersteller aus Florida einige Zeit nahe der Nulllinie entlang, bis der Gitarrenhersteller Gibson die Marke 2011 übernahm. Seitdem tröpfelt es zumindest wieder.

Das aktuelle Wheel-Of-Steel-Revival dürfte dem einstigen TT-Spezialisten Stanton auf jeden Fall in die Hände spielen. Da ist es nur logisch, das Erfolgslaufwerk ST-150 wiederzubeleben. Die Version M2 wurde dabei laut Hersteller von Grund auf neu entwickelt. Wie schon den ursprünglichen ST-150 gibt es den M2 in zwei Varianten: Den ST-150 M2 mit geschwungenem Tonarm für den Club-Bereich sowie den STR8-150 M2 mit geradem „Straight“-Tonarm für Turntablisten. Die Vor- und Nachteile des Straight-Tonarms dürfen sich inzwischen herumgesprochen haben: Zwar verhält sich dieser bei Scratch-Manövern spurstabiler, wirkt also Nadelsprüngen entgegen. Dafür schmiegt sich die Nadel weniger optimal in die Rille, so dass man Abstriche bei der (Stereo)Klangqualität hinnehmen muss. Dass zudem das Vinyl etwas abnutzt wird, dürfte im Scratching-Bereich eine untergeordnete Rolle spielen.

Wir haben uns als Club-Magazin für die klassische S-Variante als Testmodell entschieden. Bis auf den Tonarm sind der ST und STR8 übrigens absolut identisch. Ausgeliefert wird er zum Schutz der Bauteile als bekanntes Turntable-Puzzle. Auf das Basiselement montiert werden müssen der Alu-Druckguss-Teller, die Slipmat, das Aufsteck-Target-Licht, das Gegengewicht sowie die Headshell mit SME-Anschluss. Ein Tonabnehmer ist nicht im Lieferumfang enthalten – die angepeilten Zielgruppen der Semi-Profis und Profis werden aber ohnehin auf ihren persönlichen Favoriten zurückgreifen wollen. Nicht beigefügt ist ebenso eine Schutzabdeckung. Glücklicherweise bietet Decksaver ein Klarsichsicht-Top für den alten ST zum Preis von rund 50 EUR pro Stück an. Aufgrund des identischen Flächenmaßes von 450 x 353 Millimetern sollte es auch für den M2 passen. Lauchige DJs dürfen übrigens aufatmen: Der neue S-150 hat um mehr als sechs Kilogramm abgespeckt und wiegt „nur“ noch 10,2 Kilogramm. Auf die Stoß- und- Standfestigkeit wirkt sich das keinesfalls negativ aus. Zumal die Füße jetzt auf flüssigem Silikon gelagert sind und physikalische Einflüsse besser denn je absorbieren.

In Bezug auf das Design zeigt sich der Stanton ST-150 M2 unverändert Technics-traditionell: Ein robustes Tool mit schwarz gebürsteter Aluminium-Faceplate, frei von optischem Firlefanz. Minimal, edel und zeitlos cool. Auch was die Spinning-Funktionen betrifft, gibt er sich betont spartanisch. Er besitzt keinerlei Digitalfunktionen wie eine Tonhöhenarretierung (Key Lock) oder einen S-PDIF-Ausgang. Der alte ST-150 war damit noch gesegnet. Entsprechend dem minimierten Funktionsumfang ist auch die Zahl der Bedienelemente im Vergleich zum Ur-ST geschrumpft. Es reichen auf der linken Seite ein runder Start/Stop-Button inklusive Leuchtring sowie ein Geschwindigkeitswahl-Button mit den Optionen 33, 45 und 78 rpm. Eine Besonderheit liefert das ebenfalls traditionell links angesetzte Strobolicht. Es beleuchtet den Plattentellerrand nicht nur in strahlendem Blau und lässt sich mittels Dauerdruck auf den rpm-Button abschalten. Es wurde auch als betont flach aufragende Kuppel gestaltet, die nicht über die Höhe des Plattentellers hinausgeht. Vom Wegfall des ursprünglich hohen Strobo-Zylinders und somit störungsfrei erweiterten Aktionsfelds werden vor allem Scratch-Artists profitieren, die den ST gerne mal um 90 Grad versetzt aufstellen. Dafür müssen diese allerdings auf den zweiten Start/Stop-Button, wie er noch beim Vorgänger vorhanden war, verzichten. Dennoch ist diese Änderung ein guter Kompromiss. Der sonst im Strobo-Zylinder untergebrachte On-Off-Schalter ist übrigens nicht ganz verschwunden, sondern als Kippschalter auf die Geräterückseite gewandert. Dass ist einerseits verschmerzbar, denn meist hängt das gesamte DJ-System ohnehin an einer Steckerleiste und wird darüber komplett ein- und ausgeschaltet. Andererseits lässt sich so kein „Motor Off“-Austrudeleffekt mehr erzeugen. Auch über eine einstellbare Bremszeit lässt sich das nicht realisieren. Zwar ist der entsprechende Drehregler noch vorhanden. Allerdings ist er – und warum auch immer – ebenfalls auf der Geräterückseite versteckt. Sogar ganz verschwunden ist ein Regler zur Einstellung der Startzeit. Ob das alles schlimm ist, muss jeder individuell entscheiden. Zwei wichtige Features bringt der ST-150 M2 aber immerhin noch mit: Einen Rückwärtslauf, der intelligenter Weise durch Doppeldruck der Start/Stop-Taste aktiviert wird. Und ebenso die Option, das Signal wahlweise in Phono- oder Line-Stärke auszugeben. Einen 105 mm langen, angenehm führbaren Pitch-Regler mit leichtem Nullwert-Rastpunkt bringt das Tool natürlich ebenfalls mit. Die Übersetzung lässt sich zwischen 8, 25 und 50% umschalten. Fast schon zum TT-Standard gehört heute ein auch hier verbauter High-Torque-Direktantrieb mit 4,5 kg/cm Zugkraft.

So bleibt unter dem Strich ein zwar puristischer, dafür aber sehr satt klingender Plattenspieler, der vor allem im virtuellen Laptop-Verbund eine gute Figur macht. Eine Lizenz für die Vollversion der Gibson/Image-Line DJ-Software „Deckadance“ ist wohl auch deshalb im Lieferumfang enthalten. Im klassischen Vinylbetrieb kann er sich dann mühelos behaupten, wenn Zusatzfunktionen wie eine Tonhöhenkorrektur bzw. -festsetzung nicht benötigt werden. Aber was nicht vorhanden ist, kann auch nicht kaputtgehen – insofern weckt der ST-150 M2 nach unserem Testlauf durchaus den Eindruck, als könne er das kommende Jahrzehnt defektfrei überstehen.

Specs Stanton ST-150 M2
Motor: bürstenloser DC-Direktantrieb,16 Pole/3 Phasen
Plattenteller: 332 mm Aluminium-Druckguss
Gleichlaufschwankung: < 0.1% WRMS (JIS WTD) bei 33 1/3 rpm Rauschabstand: > 60dB (DIN-B)
Kanaltrennung: > 15 dB
Auflagekraft: 0 – 3g
Gesamtgewicht: 10,2 kg
Flüssigkeitsgedämpfte Standfüße
Startdrehmoment: 4,5 kg/cm
Frei einstellbare Bremszeit (rückseitig)
Drehgeschwindigkeit: 33, 45, 78 rpm
Pitchfader: 105 mm mit Quartz-Lock, Bereiche 8, 25, 50%
Laufrichtungsumkehr
Umschaltbarer Phono-/Line-Ausgang (Cinch, vergoldet)
Zubehör: Deckadance DVS-Software, Target-Light, Slipmat, Single-Adapter, Headshell
Preis: 599 EUR UVP

www.stanondj.com

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