Stereo MCs ElsaOkazaki

Sie haben den amerikanischen HipHop in europäische Stadien gebracht, mit ihrem groovy Mix aus Rap, Dance und elektronischen Einflüssen ab Mitte der 80er-Jahre eine ganze Szene von Feierwilligen geprägt und mit ihrem innovativen Hybrid- Sound nicht zuletzt das beeinflusst, was Bands wie Massive Attack oder Portishead später als TripHop bekannt machen sollten – mit seiner umfassenden Werkschau „Collected“ schaut das britische Duo Stereo MCs nun zurück auf zwei Dekaden Pionierarbeit, ohne die die Entwicklung von Formationen wie Major Lazer, Rudimental oder Plan B wohl komplett anders verlaufen wäre.

Eigentlich wird erst 2015 das 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Bereits vorab gibt es mit „Collected“ schon mal sämtliche Alben, eine DVD, einen Fotoband und drei neue Songs in einem Boxset. Haben sich die Stereo MCs womöglich um ein Jahr verrechnet? „Wir haben uns schon ein paar Jahre mit dem Gedanken getragen, eine Best Of rauszubringen. Jemand schlug dann vor, es eine Nummer größer zu machen und ein Päckchen zu schnüren, das einen echten Eindruck davon vermittelt, worum es bei den Stereo MCs geht. Auf ‚Collected‘ blicken wir noch einmal zurück, um uns danach neuen Dingen zu widmen. Ich glaube, wir haben das Beste noch vor uns“, meint DJ Nick Hallam. Und es klingt nach ein wenig Nostalgie, sich noch einmal die alten Zeiten vor Augen zu führen. „Nein, gar nicht. Wir sind keine nostalgischen Typen. Im Gegenteil. Wir haben kürzlich wieder angefangen, wirklich alte Tracks von unserem Debütalbum in unser Live-Set aufzunehmen wie ‚On 33‘ oder ‚Lost In Music‘; Stücke, die wir seit zwanzig Jahren nicht mehr auf der Bühne performt haben und die heute modernen denn je klingen.“

Drei Dekaden Stereo MCs – eine lange Zeit, wie es scheint. „Rückblickend fühlen sich die letzten dreißig Jahre irgendwie sehr abstrakt an. Sie sind irgendwie gar nicht so richtig fassbar. Wir tun eigentlich dreißig Jahre lang dasselbe: Wir gehen morgens ins Studio, schrauben an neuen Tracks, touren, erholen uns ein bisschen und fangen wieder von vorne an. Allerdings denke ich, dass dreißig gemeinsame Jahre für eine Band wie uns schon sehr besonders ist.“ Nichts desto trotz gab es in der Karriere der Stereo MCs durchaus Höhen und Tiefen, erinnert sich Nick: „Natürlich. So wie es im Leben von jedem Menschen Höhen und Tiefen gibt. Nach unserem Megaerfolg mit ‚Connected‘ haben wir unseren eigentlichen Weg ein wenig aus den Augen verloren. Wir waren einfach ein wenig ausgebrannt und mussten uns erst wieder finden. Ansonsten können wir uns nicht beschweren. Rob und ich nahmen damals die ersten beiden Platten auf, während wir in einer gemeinsamen WG wohnten, danach zogen wir zu unseren Freundinnen. Selbst wenn die äußeren Umstände ein wenig komplizierter wurden, sind wir schon immer zwei ganz normale Typen gewesen, die zusammen Musik machen. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir heute mehr Platten verkaufen.“

Auch nach so langer Zeit ist das kreative Zentrum der beiden immer noch der Süden Londons – und nach wie vor ein wichtiger Einfluss: „Brixton ist für uns immer noch sehr inspirierend. Alles verändert sich ständig und ist im Wandel. Wir versuchen, diese kreative Energie in den Tracks einzufangen. Auf den Straßen läuft die unterschiedlichste Musik: Maxi Jazz von Faithless hat früher ein paar Häuserblocks entfernt gewohnt, die Basement Jaxx haben ihr Studio in der gleichen Straße wie wir. Es gibt hier Millionen verschiedener Künstler.“ Neben ihren berüchtigten Partyvibes haben die Stereo MCs auch immer schon gesellschaftskritische Botschaften transportiert – etwas, das heute bis auf ein paar Ausnahmen wie Plan B oder Primal Scream nur noch ganz wenige britische Bands tun. „Die Menschen haben heute einfach keinen Bock mehr, auf die Barrikaden zu gehen und gegen Missstände zu protestieren. Sie sitzen lieber Zuhause vor dem Fernseher und träumen von einem besseren Leben, statt etwas dafür zu tun. Jeder möchte zwar reich und berühmt sein, aber wenn möglich, ohne einen Finger krumm zu machen. Unsere Wurzeln liegen einerseits beim Sound der 60er – Hendrix und Woodstock – und natürlich dem Punk der End-70er. Das ist für mich die Essenz der Musik“, glaubt Nick. Und er wirft noch einen kurzen Blick in die Zukunft für uns, denn auf „Collected“ sind drei brandneue Songs vertreten, doch das ist noch nicht alles: „Momentan arbeiten wir an einem neuen Album, das voraussichtlich Mitte nächsten Jahres erscheinen wird. Mehr kann ich noch nicht sagen, ich lasse mich selbst überraschen.“ / Thomas Clausen