Der aus Leipzig stammende Sven Tasnadi hat am 2. November seinen bereits dritten Langspieler veröffentlicht. „Bridges“ ist damit der Nachfolger des vor drei Jahren ebenfalls auf Moon Harbour erschienenen Werks „All In“, an dem er damals komplett solo gearbeitet hat. Unter den zwölf aktuellen Titeln finden sich zahlreiche Kollaborationen, darunter mit Huxley, David Jach und Supernova. Die Message: mehr Brücken statt Mauern bauen – gerade in heutigen Zeiten ein nicht unwichtiges Thema. Ein Interview.

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Sven, Glückwunsch zum dritten Album. Drei Jahre sind seit unserem letzten Interview vergangen. Wie lange hast du an „Bridges“ gearbeitet?

Vielen Dank! Wie die Zeit vergeht. „Bridges“ ist im Zeitraum von November 2017 bis Februar dieses Jahres entstanden, also brauchte es etwa drei bis vier Monate. Währenddessen habe ich mich auch nur darauf konzentriert, mal von ein paar wenigen Remixen abgesehen.

Mit dem Titel und deiner Message dahinter beziehst du Stellung zum aktuellen Trend des „Protektionismus“, wie du es nennst. Erzähl uns mehr davon.

Inspiriert hat mich das Sprichwort „Du sollst Brücken bauen und keine Mauern“. Brücken bringen Menschen zusammen, Brücken verbinden und bringen uns einander näher. Ich finde, nur zusammen kann man große Dinge verändern und bewältigen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, in einem Land zu leben, das sich abgeschottet hat. Die Regierung damals hat auch lieber eine Mauer gebaut, als auf die eigentlichen Probleme einzugehen, diese zu verstehen und zu lösen. Das Resultat ist bekannt, heute gibt es das Land nicht mehr. Wir leben schon längst in einer globalisierten Welt und die Digitalisierung beschleunigt das alles noch mal um ein Vielfaches. Wir sind alle voneinander abhängig. Wie in einem Uhrwerk – sobald du hier ein kleines Rad verstellst, bleibt irgendwo anders eines stehen. Wir alle profitieren voneinander, und genau das sorgt ja für Stabilität, Kontinuität und letzten Endes auch für Frieden.

Wie spiegelt sich das deiner Meinung nach in der Musikbranche wider?

In unserer Szene sind Netzwerken und Zusammenarbeiten essenziell, gerade über Genre- und Ländergrenzen hinaus. Und das war auch ein Grund dafür, dass ich mich so wohlgefühlt habe, als ich mit 15 das erste Mal auf einer Techno-Veranstaltung war. Was den Stand der Musikbranche angeht, sehe ich mich natürlich auch betroffen von der Digitalisierung und den sinkenden Verkaufszahlen, gerade auch im Download-Bereich. Aber so geht es allen, die Welt verändert sich nun mal 24/7, und das war schon immer so. Als die Schelllackplatte erfunden wurde, hatten auch auf einmal alle Bands Angst, dass keiner mehr zu Konzerten kommen würde, weil sich ja alle nur noch die Musik auf Platte kaufen würden. Nun ist es genau umgedreht. Alle müssen wieder Auftritte machen, um ihr Einkommen zu sichern. Dass das vielen nicht gefällt, die noch andere Zeiten kennen, ist klar. Aber es liegen ja auch Chancen in der digitalen Welt. Wirst du heute in der richtigen Playlist bei Spotify eingefügt, kann sich zu morgen alles ändern. Wenn die Leute aber nicht mal bereit sind, 99 Cent für einen Song zu bezahlen, obwohl er ihnen gefällt, und ihn lieber kostenlos bei YouTube oder Spotify streamen, ist das schon echt traurig. Da stellt sich dann die Frage, wie interessiert die Menschen generell an Musik sind bzw. wie die Wertschätzung für dieses Kulturgut ist. Vor 25 Jahren fühlte ich mich von der House- und Techno-Szene angezogen, weil sie voller offener und vielseitiger Menschen war – und ich werde meinen musikalischen Beitrag dazu leisten, dass das so bleibt.

Für dein neustes Werk hast du mit zahlreichen Musikern kollaboriert – das verleiht deiner Message vom Miteinander noch mehr Ausdruck. Erzähl uns gerne mehr über die einzelnen Charaktere und darüber, wie die Zusammenarbeit lief.

Das stimmt, das ist mein erstes Album, für das ich Titel gemeinsam mit Kollegen produziert habe. Die letzten beiden waren komplett solo. Ich hätte gern noch den ein oder anderen internationalen Kollegen zusätzlich dabei gehabt, um der Botschaft noch etwas mehr Gewicht zu geben, aber leider war das terminlich nicht umsetzbar. Huxley aus England zum Beispiel kenne ich persönlich erst durch seine Releases bei uns auf Moon Harbour, aber diese fand ich sehr gut und hatte ihn auch gleich mit auf der Liste. Ich mag seine frischen Ideen und Twists. Ich habe ihm eine Idee geschickt und gefragt, ob ihm an diesem Punkt etwas dazu einfalle und er sich mit einklinken wolle. Das ging dann noch zweimal hin und her – und fertig war „My Soul“. So ähnlich lief es mit Supernova aus Italien, die ich schon länger kenne und auf deren Label Lapsus ich 2017 auch schon gemeinsam mit David Jach eine Single veröffentlicht habe. Mit David, Filburt und Mac Kee verbindet mich der lokale Faktor. Filburt und ich sind beide Ur-Leipziger und wir kennen uns schon seit über zehn Jahren. Eigentlich war die Zusammenarbeit hier schon längst überfällig. Der Track mit Filburt ist auch der einzige, der in einem anderen Studio entstanden ist. Es war mir auch wichtig, mal aus meinem eigenen heraus zu kommen. Die Zusammenarbeit mit Mac Kee war sehr locker und spontan. Er ist ja Live-Act und kam einfach mit seinen Koffern voller „Spielzeug“ zu mir ins Studio. Bei Moses Mehdi ging der Austausch dann auch wieder via Internet.

Gab es auch unerwartete Komplikationen und weniger schöne Momente?

Ja, wie ich bereits erwähnt hatte, hätte ich gern noch mit dem ein oder anderen weiteren Artist auf dem Album zusammengearbeitet. Ich hatte ja im Dezember 2017 mein erstes gemeinsames Release mit Dario D’Attis auf Defected Recordings und wir wollten eigentlich für das Album einen weiteren Track zusammen produzieren. Leider war das in dem Zeitfenster nicht möglich. Dafür wird er jetzt aber einen Remix zum Album machen, und das freut mich sehr. Dario hat echt immer super Grooves.

Wie hat sich dein Sound – unter Mitwirkung der Gäste sowie im Vergleich zu deinem letzten Longplayer – deiner Meinung nach verändert?

Schön, dass du mich das fragst. Erst vor Kurzem habe ich mir mal wieder die Zeit genommen und mit großem Abstand mein letztes Album „All In“ angehört. Und ich bin immer noch sehr glücklich damit. Bei manchen Tracks habe ich mich echt gefragt, wie ich dieses oder jenes eigentlich umgesetzt habe. Ich habe mich quasi selbst überrascht. (lacht) Mir war jedoch gar nicht so bewusst, wie deep das letzte Album war. Ich hatte das gar nicht mehr so in Erinnerung. Das neue Album ist noch viel stärker von dem DJ in mir beeinflusst. Noch mehr Dancefloor-Erfahrung ist eingeflossen und es macht mir Spaß, die Tracks im Club zu spielen.

Hat sich deine Art zu produzieren in den letzten Monaten und Jahren dadurch verändert beziehungsweise entwickelt?

Mit Sicherheit, das verläuft bei mir – und, wie ich oft sehe, auch bei vielen Kollegen – immer in Wellen: am Anfang eher analog, dann irgendwie komplett digital und nun so eine Art Hybrid mit Tendenz zu analoger Bedienung.

Was sind deine favorisierten Tools in Sachen Soft- und Hardware?

Da hat sich gar nicht so viel verändert. Meine neue Zentrale ist aber nach 18 Jahren endlich ein Mac. Das war absolut notwendig nach gefühlt zehn Windows- und Motherboard-Upgrades. Ansonsten laufen seit 2005 bei mir Ableton, Komplete und Maschine Mikro Mk2. Dapayk hat mir letztens freundlicherweise seine Mono-Station von Novation geliehen, damit versuche ich gerade warm zu werden. Ansonsten werden es wohl bald die TR8s von Roland und der OP1 von Teenage Engineering werden, auf die bin ich schon ewig scharf.

Es gab bereits die erste Single-Auskopplung mit einem Remix von Dennis Cruz. Was ist für die kommende Zeit geplant?

Nun ja, am 2. November erscheint das Album, und das war es dann erst mal mit Releases von mir bis Ende 2018. Das Album braucht Luft zum Atmen. Aber ich werde auch eine kleine Album-Tour machen. Den Auftakt zum Release feiern wir bei uns mit David Jach und Filburt in Leipzig in der Distillery, die übrigens soeben selbst etwas zu feiern hatte, nämlich ihr 26-jähriges Bestehen. Eine Woche später, am 9. November, sind wir im Watergate in Berlin – mit Matthias Tanzmann, Santé, Detlef, Emanuel Satie und David Jach. Anfang 2019 wird es dann noch die Remixe zum Album geben.

Von wem kommen die Remixe und welche Tracks werden geremixt?

Wir haben uns für vier Remixer entschieden. Mit dabei ist, wie schon erwähnt, Dario D’Attis. Dazu kommen Harry Romero, Nic Fanciulli und mein Freund seit Kindertagen: Dirty Doering von Katermukke. Uns verbindet eine mittlerweile fast 35-jährige Freundschaft und es freut mich natürlich ganz besonders, dass er nun einen Remix für mich macht.

Und wir freuen uns darüber, dass du in diesem Monat endlich den offiziellen FAZEmag Download-Mix für uns machst. Worauf dürfen sich die Hörer freuen?

Vielen Dank erst mal, dass ihr mir diese Möglichkeit gebt. Ich bin kein DJ, der eine Stunde lang dasselbe Sub-Genre spielt. Ich bin mit abwechslungsreichen DJ-Sets aufgewachsen, und das versuche ich auch immer so zu vermitteln. Es ist natürlich schwierig, das Ganze auf 60 oder 90 Minuten zu bekommen, ohne dass es verkrampft wirkt und den Flow verliert. Ich hoffe, ich habe die Dramaturgie gut hinbekommen. Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht.

Welche Highlights stehen für dich in den kommenden kalten Monaten an?

Das größte Highlight wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Geburt meines Sohnes im Dezember. (lacht) Dann werde ich im Dezember 40, und das soll gebührend gefeiert werden – vermutlich wie jedes Jahr in der Distillery. Der Winter wird heiß …

 

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Aus dem FAZEmag 081/11.2018
www.facebook.com/sventasnadi
Text: Triple P
Foto: Mario Hausmann

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