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Den Status der absoluten House-Connaisseure haben sich die Gebrüder Tiefschwarz in ihrer über 20 Jahre andauernden Karriere schon vor langer Zeit verdient. In dieser Zeit erfanden sich die beiden Stuttgarter und heutigen Wahlberliner immer wieder neu, trafen dabei stets den Puls der Zeit oder waren diesem um ein paar Schritte voraus. Sie arbeiteten mit Acts wie Cassius, The Rapture, Masters At Work, Kelis, Missy Elliot und vielen anderen. Vor genau zehn Jahren schufen sie mit Souvenir eine Plattform, die zahlreichen heute renommierten Künstlern in ihren Anfangstagen zu einer großen Hörerschaft verhalf. Stilistisch schränkte sich das Brand dabei zu keinem Zeitpunkt ein. Carl Craig, Seth Troxler, Adam Port, Locked Groove, Ruede Hagelstein, Phonique, Santé, Daniel Bortz, Danton Eeprom, Maher Daniel, Audiofly und Denis Horvat sind nur einige der auf dem Label bislang erschienenen Acts. Zuletzt lieferte Map.ache mit seinem Remix zu „Betsaida“ der beiden Mailänder Matteo Giovanelli & Amedeo Giovanelli alias Mathame einen dieser mittlerweile seltenen waschechten Club-Hits. Das Jahr 2016 steht im Zeichen von 10 Jahre Souvenir, was zeitgleich mit der Katalognummer #77 in Form einer Jubiläums-Compilation gefeiert wird. Darauf vertreten sind Akteure aus dem Label-Innercircle sowie neue, frische Gesichter. Ein Gespräch mit Ali und Basti Schwarz.

10 Jahre Souvenir. Was fällt euch bei dieser Aussage zuerst ein?

Basti: „Wow, wie schnell die Zeit vergeht! (lacht)“

Ali: „… und dass wir mit dem Label noch immer aktiv sind. Wir bei Souvenir befinden uns in einer stetigen Entwicklung. Selbstverständlich auch den Umständen draußen auf dem Markt geschuldet, gleicht die Label-Landschaft in den letzten Jahren ja oftmals einer Achterbahn. Man zieht um, das Team wächst oder verkleinert sich. Mal ist Vinyl in, mal wieder out, man erfindet sich ständig neu, ändert die Strategie und ist somit ständig in Bewegung. Das ist gesund und spannend.“

Basti: „Wir haben es in diesen zehn Jahren meiner Meinung nach geschafft, ein gewisses Understatement zu halten. Weder sind wir so groß wie Diynamic oder Innervisions geworden noch sind wir in der völligen Versenkung verschwunden. Man kann sich natürlich fragen, ob die erste Tatsache eine gute ist, sicherlich kann man aber sagen, dass wir eine gehaltvolle Wahrnehmung in der Szene genießen, die mich mit Stolz erfüllt. Souvenir steht seit Jahren in einem positiven Licht und hat eine für uns überaus wichtige Unabhängigkeit.“

Ali: „Wenn man irgendwann erfolgreich wird, ist das natürlich schön für den Geldbeutel und Projekte tragen sich finanziell eher. Auf der anderen Seite wird man wesentlich schneller in eine Ecke gedrängt, aus der man nur schwerlich wieder herauskommt. Aber klar, natürlich schadet es nicht, wenn man – wie die bereits genannten Labels – durch gut platzierte Releases auf eine kredible Art seinen Bekanntheitsgrad erhöht. Und genau daran arbeiten wir aktuell.“

Für mein Empfinden ist diese soundtechnische Unabhängigkeit eines der Markenzeichen von Souvenir. Man hat das Gefühl, ihr könntet nächste Woche eine komplett housige Sommer-Nummer veröffentlichen, gefolgt von einem absoluten Techno-Brett, ohne euch dabei zu verbiegen.

Ali: „Und genau das ist eigentlich das größte Kompliment, das du uns machen kannst, und spiegelt eindeutig das Bild von Tiefschwarz. Ein Teil unserer Philosophie war es schon immer, sich keinen Stempel aufdrücken zu lassen. Ich finde, wenn man diesen Status erreicht hat, hat man zeitgleich auch eine gewisse Freiheit erlangt. Wenn die persönliche, subjektive Wahrnehmung und die Selektion der Musik transportieren, dass das Label ein gewisses Standing hat, sich aber von links nach rechts frei bewegen kann, ohne dass die Buhrufe in lautem Maße ertönen, dann ist das eine äußerst angenehme Tatsache.“

Basti: „Man kann in der Tat nie so wirklich vorhersagen, was bei Souvenir als nächstes passiert, völlig abseits eines strikt durchgetakteten Businessplans. Und genau das macht das Label so spannend. Musik in eine Ecke zu packen, ist uns fremd und würde uns nur einschränken.“

Ali: „Tiefschwarz war schon immer sehr antizyklisch. Mal treffen wir den aktuellen Hype, meist jedoch platziert sich unser Stil etwas versetzt.“

Lasst uns über die Zeit um 2005 herum sprechen, als das Label nur in euren Köpfen existierte und mehr eine Idee bzw. ein Vorhaben war. Wie rekapituliert ihr diese Zeit?

Basti: „Man könnte behaupten, zu dieser Zeit war der Peak von Tiefschwarz. Eine Zeit, in der wir mehr denn je getourt sind und irgendwann der Meinung waren, dass wir so weit sind, den nächsten Schritt zu gehen, all die gegebenen Umstände in eine Art Netzwerk zu packen und für uns sowie unser Umfeld eine Plattform zu gründen, wo Leute andocken.“

Ali: „Seien es Wegbegleiter, Leute, die uns bereits länger begeisterten, oder Newcomer, die in unseren Augen eine Chance bekommen sollten. Dadurch haben wir den Fokus von uns selbst auf unsere Umgebung verlegt. Ich weiß es noch sehr genau. Wir hatten mit unserem französischen Freund Arthur Velasquez eine verrückte Nacht in der Fabric in London, in der wir lange gebrainstormt haben. In der gleichen Nacht haben wir einen passenden Namen gefunden sowie uns die Hand darauf gegeben, zusammen mit ihm dieses Brand zu gründen. Das war quasi der Startschuss.“

Basti: „Von den Dingen, die wir uns damals vorgenommen haben, haben wir nahezu alle erreicht. Zumal wir mit unglaublicher Motivation und viel Elan an die Sache herangegangen sind und das noch immer tun. Wir waren wirtschaftlich nie auf einem Level, wo man sich getrost zurücklehnen konnte, aber oftmals haben wir die Strukturen in dieser Zeit auch bewusst klein gehalten. Es gab eine Zeit, in der wir etwas mehr investiert haben. Dann haben wir allerdings recht schnell festgestellt, dass man auch viel mehr Verantwortung hat, je größer man wird. Und dadurch wird es eben auch schwieriger, wenn Bookings und Events nicht vollends greifen. Somit haben wir aktuell wieder nachjustiert und sind von der Struktur her wieder etwas kleiner geworden. Mit Label-Arbeit generell kann man sehr schnell sehr viel Geld verbrennen, dadurch überlegen wir uns jeden Schritt möglichst gründlich.“

Wie hat die Situation auf dem Vinyl-Markt Souvenir in den letzten Jahren beeinflusst?

Ali: „Wir haben – wie die meisten Labels – zu unseren Anfangszeiten vor zehn Jahren mehr Platten produziert und auch viel Vinyl verkauft. Mittlerweile realisieren wir Vinyl nur noch bei vereinzelten Releases, auch wenn das Medium aktuell wieder einen Hype erlebt. Jedoch finde ich, dass dieser Hype nur bei einer kleinen Schnittmenge der Szene stattfindet und eher Traditionslabels wie Perlon und Hardwax, die sich von der digitalen Welt klar abgrenzen, betrifft.“

Als wir uns 2012 das letzte Mal ausführlich unterhalten haben, habt ihr auch den offiziellen FAZEmag Download-Mix erstellt. Zu dieser Zeit seid ihr gerade in ein neues Büro gezogen und hattet Sammy neu im Team. Was ist seitdem passiert?

Ali: „Das Studio damals hier in den Arkonahöfen in Berlin war ein großartiges Projekt und einer der ersten großen Label- und Studio-Verbünde. Richie Hawtin, Matthew Johnson, Jazzanova, die Innervisions-Crew, Tobi Neumann, Märtini Brös., Dirt Crew und viele mehr – insgesamt sicher über 20 Künstler und zehn Labels. Es war also eine traurige Tatsache, dass sich die Stadt für Gentrifizierung in Form von Luxus-Lofts entschieden und diesen Hotspot aufgelöst hat. Somit sind wir in alle Winde verstreut worden. Da ich auch umgezogen bin und bei mir sehr viel Platz vorhanden ist, haben wir unser Souvenir-Büro gleich inkludiert, was auch einige Vorteile bietet. Sammy ist auf seinen Gebieten ein absoluter Nerd, und das meine ich positiv. Er ist einer der wenigen, die real und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Auch ist er stark verwurzelt und ein begnadeter Künstler. Diese Eigenschaften fließen alle mit in das Label und wir sind glücklich, ihn seit 2012 an Bord zu haben. Die Mischung auf dem Gebiet des A&R zwischen ihm und uns beiden ist ziemlich spannend und greift sehr, sehr gut.“

Welche Releases betrachtet ihr in der zehnjährigen Geschichte des Labels als Meilensteine?

Basti: „Ein Track sticht natürlich sofort heraus, weil dieser einfach über so eine lange Zeit hinweg und teilweise bis heute noch überall präsent ist. ,Emergency’ von Ruede Hagelstein war und ist over the top.“

Ali: „Die Leute trällern uns den Track noch immer vor und wünschen ihn sich. Auch wenn Ruede mittlerweile durchdreht, weil er ihn nicht mehr hören kann. Aber wir alle freuen uns natürlich sehr (lacht). Das war sicherlich unser größter Hit. Auch unsere Tiefschwarz-Sachen haben eine große Bandbreite, auf die wir gerne zurückblicken. Angefangen bei der Jubiläums-Compilation zu Tiefschwarz bis hin zu diversen Singles wie z. B. ,Trust’ mit Seth Troxler, die auch für seine Karriere von Bedeutung war. Auch fällt mir die ,Likely’-EP von Tim Paris ein, die sehr speziell und dennoch catchy war bzw. ist. Ebenso die von Elle P. & Iftah mit einem abgefahrenen dOP-Remix, wo das Original eigentlich schon mehr nach Electronica klingt.“

Basti: „Auch das sehr oldschoolige und electrolastige ,Desert’ von Mahk And Morpheus aus Belgien, das erst aus dem letzten Jahr stammt. Morpheus ist mittlerweile 65 und hat seine Roots in der Post-Punk-Ära in Tel Aviv. Wir haben also immer wieder in andere Gefilde gegriffen und dabei sind supertolle Sachen herausgekommen.“

Ali: „Definitiv muss man auch sämtliche Sachen von Re.You, Santé, Daniel Bortz und Sascha Sibler erwähnen, die ganz früh bei uns angefangen haben und mittlerweile ein super Standing genießen.“

Wie hat sich eurer Meinung nach Tiefschwarz durch Souvenir verändert?

Basti: „Das ist eine sehr interessante Frage, die wir uns in der Vergangenheit auch oft gestellt haben und zwischen mir und meinem Bruder eine Diskussions-Grundlage darstellt. Man muss natürlich sehen, dass wir damals mit dem Start des Labels den Fokus weg von uns und hin auf andere Dinge gelenkt haben. Wir haben uns quasi ein Stück weit zurückgenommen, um die Scheinwerfer auf Souvenir zu richten und das Label nach vorne zu bringen. Das war einerseits wichtig und selbstverständlich notwendig, auf der anderen Seite schwierig.“

Warum?

Ali: „Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo es wieder verstärkt nur um Tiefschwarz gehen musste, um die Balance zu halten. Und in dieser Phase stecken wir aktuell. Das Album im letzten Jahr war wichtig dafür und wir konnten uns mit Khan und einigen Pop-Einflüssen künstlerisch sehr austoben. Nun sind wir jedoch wieder im Club und im DJ-Dasein angekommen. Sieben bis acht vollends auf den Dancefloor abgezielte Tracks sind jetzt fertig. Einer davon erscheint auf der neuen Compilation und die anderen werden anschließend peu à peu veröffentlicht.“

Gutes Stichwort: Lasst uns über die anstehende Compilation sprechen, auf der einige exklusive Tracks zu finden sind.

Ali: „In der Tat! Und wir sind mit dem Resultat total happy. Es hat großen Spaß gemacht, mit den Künstlern zu arbeiten, die fantastische Arbeit geleistet haben. Darunter z. B. Thomas Von Party – seines Zeichens Bruder von Tiga –, der das Label Multi Culti betreibt. Auch das Stück von Dixie Yure, das wir für einen absoluten Hit halten und von dem wir selbst auch noch einen Remix machen werden, ist grandios. Außerdem vertreten sind u. a. Re.You, Ruede Hagelstein, Chris Wood & Meat, Kenny Leaven, Jules & Moss oder auch CYRK, das neue Projekt von Sierre Sam und Pascal Hetzel.“

Basti: „Eine Art Werkschau, die den aktuellen Zeitgeist des Labels in zahlreichen Facetten abdeckt und präsentiert.“

Vor vier Jahren haben wir uns noch intensiv über die damals omnipräsente GEMA-Diskussion unterhalten. Beatport verkündete erst vor Kurzem die Einstellung der Streaming- bzw. Vertriebsdienste. Vinyl verschwand und kommt aktuell wieder. Was würdet ihr als die größte Herausforderung der letzten zehn Jahre für Label-Manager bezeichnen, in solch einer schnelllebigen Szene?

Ali: „Der technologische Aspekt, der sich zunehmend schneller verändert, war und ist kein leichtes Unterfangen für uns. Es ist allseits bekannt, dass wir beide analoge Jungs sind, aus einer Zeit, in der man noch in der Fußgängerzone stand und Flyer verteilt hat, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn ich an die beiden Clubs in Stuttgart denke – da lief das gesamte Spiel noch grundlegend anders und eher im Do-it-yourself-Style ab. Es gab weder einen Bildschirm noch ein Smartphone zwischen den einzelnen Charakteren, sondern nur die persönliche Interaktion. Ohne Ablenkung, ohne Schnickschnack. Heute starten DJs ihre Karriere mit Social-Media-Manager und jemandem, der ihnen die Platten trägt, falls es überhaupt welche gibt – das ist alles sehr durchexerziert. Natürlich bringen neue Technologien auch einige Vorteile mit sich, zeitgleich aber viel öfter und in einer unglaublich höheren Schlagzahl Fragen über sich stetig verändernde Vertriebsstrukturen. Vinyl ja oder Vinyl nein oder vielleicht nur limitiert? Showcases oder nicht und wenn ja, wann, wo und wie? Booking-Agentur im Haus, ja oder nein? Kooperationen hier, gesponserte Posts da. Label-Arbeit hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert und wir handeln das sehr gut in meinen Augen.“

Welche Ziele habt ihr langfristig für Souvenir und auch Tiefschwarz?

Basti: „Wir möchten dieses Jahr das Jubiläum des Labels als eine Art Hebel nutzen, um die Marke noch weiter zu positionieren und dabei, wie bereits erwähnt, Tiefschwarz so zu platzieren, dass wir auch noch in den nächsten zehn Jahren relevant sind. Blickt man auf die Zeit unserer Eltern, wo man mit 30 den Höhepunkt seines Lebens hatte und mit 40 quasi schon tot war, hat man heute noch wesentlich länger etwas zu geben (lacht).“

Ali: „Das Alter spielt einfach keine Rolle mehr. Bestes Beispiel dafür ist Sven Väth, der für mein Empfinden jetzt erst an seinem persönlichen Karriere-Peak angelangt ist. Solange man mit Leidenschaft an die Sache herangeht, auch weiterhin gerne feiert und das gesamte Rad nicht nur als Business ansieht bzw. als Dienst nach Vorschrift, ist alles andere vollkommen nebensächlich. Und das ist Tiefschwarz.“ / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 052/06.2016

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