Tom Wax – KI, Kollaborationen & der Wert echter Visionen

 

Tom Wax gehört zu den konstantesten Figuren der elektronischen Musik – und bleibt dabei alles andere als stehen. Mit „Test Pressure“ veröffentlicht er nur ein Jahr nach seinem letzten Longplayer bereits sein siebtes Studioalbum und setzt damit bewusst ein Zeichen gegen die Schnelllebigkeit der Streaming-Ära. Während viele Artists auf einzelne Tracks setzen, denkt Wax weiterhin in größeren Zusammenhängen – musikalisch wie konzeptionell. Im Gespräch spricht er über kreativen Flow, den Wert von Alben, KI im Studio und warum die Szene aktuell unter Druck steht.

„Test Pressure“ ist bereits dein siebtes Studioalbum und erscheint nur kurz nach deinem letzten Longplayer – was treibt dich aktuell zu diesem enormen Output an?
Eigentlich möchte ich nur erreichen, daß ich 1000 angemeldete Werke bei der GEMA habe – nein Spaß beiseite – im Sommer letztes Jahr war ich extrem kreativ im Studio und total im Produktionsflow, woraus dann in gut 3 Monaten wieder 17 neue Stücke entstanden sind. Ich war gerade dabei Tracks für meinen Techno Essentials Channel zusammenzustellen, der sich nun schon seit Anfang Oktober auf 90s90s Radio großer Beliebtheit erfreut, und die Energie der alten Tunes hat mich so gekickt, daß ich extrem motiviert und inspiriert war, wieder selbst neue Musik zu erschaffen.

Viele Artists setzen heute eher auf einzelne Tracks statt auf Alben – warum bleibt das Albumformat für dich weiterhin so zentral?
2026 ist mein Jahr der Longplayer – zuerst mein The Future Is Now Remixed Album im Januar, dann die beiden Remix Editionen von From XS To Eternity, meinem Longplayer zusammen mit Mijk van Dijk dann im Februar und März. 14 sehr unique Tracks zusammen mit Rico Puestel als Rompax haben wir auch in ein Albumformat gepackt und im April habe ich alle Tracks, die ich unter meinem Jackin-House Pseudonym Nerdjack bisher schon veröffentlicht hatte, auch nochmal auf einer Art Compilation mit 2 exklusiven Tracks zusammengefasst. Singles kann jeder, ein Album ist Kunst und zeigt viel mehr Facetten eines richtigen Künstlers, transportiert Aussagen, musikalisch und auch durch Lyrics.Es geht heutzutage nur noch um Followers, Likes und Plays – die Musik ist nur noch Nebensache und ich versuche gegen den Trend zu schwimmen, weil mich diese 2 Minuten Single Tracks auf Spotify langweilen und ich mehr bieten möchte, als viele andere Künstler in unserem schnelllebigen DJ Business. Die meisten haben nur ihre Ghost-Producer, die für sie funktionale Hits produzieren und die wenigstens produzieren ihre Tracks selbst oder haben selbst eine musikalische Vision.Das ist bei mir halt komplett anders – ich möchte mich selbst verwirklichen und später mal zufrieden auf mein musikalische Schaffen zurückblicken!

Der Titel „Test Pressure“ steht für Spannung, Verdichtung und Release – wie sehr spiegelt das auch deine persönliche Situation oder deine Sicht auf die Clubkultur wider?
Mein Albumtitel Test Pressure ist aus Test Pressing, den DJ Vinyl White Labels aus früheren Promotiontagen und dem englischen Word Pressure für Druck entstanden. Als DJ kann man bei seinen Gigs seine eigenen Produktionen immer direkt an der Crowd beim Auflegen testen und macht sich ja auch selbst gerne Druck und hofft, daß die neuen Tunes bei den Leuten ankommen und auf der Tanzfläche funktionieren. Da wir als DJ´s und Producer einen selbstständigen Beruf ausüben, stehen wir natürlich auch immer unter Druck am Wochenende amtlich bei unseren DJ Sets abzuliefern, gute neue Produktionen zu releasen und natürlich generell weiterhin Gigs und Produktionsaufträge zu haben, sowie im Gespräch zu bleiben. Da immer mehr Clubs schließen und Festivals große finanzielle Probleme haben, steht natürlich auch unsere ganze Szene unter Druck, wie es zukünftig weitergeht. Die heutige Generation gibt nicht mehr viel auf Clubbing und grenzt sich nicht mehr wirklich mit spezieller Musik ab, sondern hört einen Gemischtwarenladen an Musik und steht nicht mehr auf Techno-Events in dunklen dreckigen Kellern.

Du bist seit Jahrzehnten aktiv und hast trotzdem einen sehr eigenständigen Sound – wie vermeidest du es, dich zu wiederholen oder in Nostalgie zu verfallen?
Ich habe aufgehört mich an musikalischen Trends zu orientieren und mache einfach genau die Musik, die mir persönlich gefällt,die mich zu 100% repräsentiert und die ich auch in meinen DJ Sets spielen kann. Ich freue mich, wenn anderen Leuten mein Sound gefällt, das macht mich glücklich, daraus ziehe ich die Energie weiter neue Musik zu produzieren und DJ Gigs zu spielen.

Welche Rolle spielt KI inzwischen in deinem Produktionsprozess – nutzt du sie bewusst oder lehnst du sie eher ab?
Beim neuen Album habe ich sie lediglich für Vocals genutzt. Bei 3 Titeln hat mir wieder Drea Perlon ihre Stimme geliehen, aber z.B. bei Abundance Of Life habe ich einen KI Stimmengenerator genutzt. Sicherlich wird KI in der Musikproduktion auch immer wichtiger und ermöglicht es noch schneller und effizienter zu produzieren, aber leider wird es nicht wirklich kreativer und vor allem nicht innovativer dadurch. Wenn man allerdings einen Blick in die Charts dieser Welt wirft, passiert da ja oftmals auch nichts anderes als Reproduktion in Form von Coverversionen und daher wird es wohl in Zukunft nur auf die richtigen Prompts ankommen um demnächst einen Hit in den Top Ten zu haben.

Mit „Techno De Pilon“ und „The Blast“ gab es bereits erste Vorab-Singles – wie wichtig ist dir diese Art von Release-Strategie rund um ein Album?
Man muss ja heute alle Mittel und Wege nutzen, um irgendwie auf sich aufmerksam zu machen Daher release ich immer zwei Singles vorab, um das Album zu teasen und schon Appetit auf die neuen Tunes zu machen. Dadurch landet man dann auch auf diversen DJ Playlists und die Leute draußen bekommen mit, daß es neue Musik von mir gibt, obwohl das ja fast alle 2-3 Wochen der Fall ist. Auch nach dem Album Release am 22. Mai wird es weitere Singles aus dem Album mit zusätzlichen Remixen geben und natürlich auch ein Test Pressure Remixed Longplayer! Die Remixe kommen u.a. von Superstrobe,Torsten Kanzler, Filterheadz, Mario Ochoa, Push und Jan Jacarta.

Parallel zum Soloalbum arbeitest du an Projekten wie Rompax mit Rico Puestel oder Tracks mit Mijk van Dijk – was geben dir diese Kollaborationen, was du solo nicht findest?
Ich liebe es im Team zu arbeiten, weil jeder Produzent anders an neue Tracks herangeht, andere Tools und PlugIns nutzt und auch die Studioarbeit wesentlich mehr Spaß macht und Synergien erzeugt. Natürlich entsteht immer ein musikalischer Kompromiss, da zwei Musikseelen miteinander fusionieren, aber das macht solche Kooperationen ja auch interessant. Für Ende des Jahres sollte ich auch mal eine TeamWorx Vol. 2 zusammenstellen und releasen, um alle Collabs mal wieder auf einer Compilation zusammenzufassen.

Wenn man sich deine vielen Releases und Projekte anschaut: Was können wir 2026 noch von dir erwarten – gibt es einen klaren Plan oder entsteht vieles spontan?
Eigentlich ist meine Release Plan für 2026 schon komplett voll, da neben dem neuen Album noch das 100. Release auf meinem Label Phuture Wax mit einer THE PAST und THE PHUTURE Edition ansteht. THE PAST kommt im April und ist mehr wie eine Best of Phuture Wax Compilation und THE PHUTURE kommt im Mai und bietet 12 exklusive Tracks von u.a. DSTRTD SGNL, sikøra, Ben Champell, Mara Sander,Tim Ziemer & Swen Baez und vielen mehr. Gemeinsam mit CJ Bolland gibt es demnächst ein Remake seines Tracks Desolat 1 auf Phuture Wax, mit dem Track Madness Of Silence zusammen mit DSTRTD SGNL ist ein absoluter Hammertrack in der Pipeline und mit Mijk van Dijk war ich Anfang des Jahres auch wieder im Studio. Da kommt im Juni auf Codex der Track How Do You Feel in die digitalen Stores, nachdem ich dort auch vor kurzem meine Solo-Single The Rave Machine veröffentlich hatte. Sicher lässt sich das ein oder andere spontane Release in 2026 nicht verhindern, da mir ja nie langweilig wird im Studio.

Aus dem FAZEmag 171/05.2026
Text: Triple P
www.facebook.com/djtomwax