„Der Kanzler kommt wieder“, so hieß eines seiner Alben. Doch der Name ist auch heute wieder Programm, denn über zehn Jahre nach diesem Werk präsentiert uns Torsten Kanzler mit „Home“ seinen fünften Langspieler. Viel hat sich in dieser Zeit verändert und entwickelt. Wir haben mit dem Musiker, Labelbetreiber und Familienvater über seine Arbeit im Studio, seine neue alte Heimat Thüringen und natürlich sein neues Album gesprochen.

torsten kanzler by sascha storz

Dein neues und fünftes Album „Home“ erscheint Anfang März auf dem altehrwürdigen Label Bush Records. Fühlst du dich nach einer jahrelangen Sound-Reise nun endlich zu Hause angekommen oder ist das vielleicht doch nur eine Art Zwischenstopp?

Ja, ich fühle mich momentan sehr wohl mit meinem Sound. Meine Sets sind ja schon lange von melodiösen Tracks geprägt. Leider habe ich mich bei meinen Produktionen immer sehr schwer damit getan, einen kräftigen Synth einzubauen. Allerdings bezieht sich der Titel „Home“ nicht nur auf die Musik. Ich bin 2016 weg von Berlin und aufs Land gezogen. Fern vom Stress der Großstadt habe ich mir ein eigenes Studio gebaut und eingerichtet. Es hat jedoch eine ganze Weile gedauert, bis ich mich in der neuen Umgebung zurechtgefunden habe. Ich hatte noch nie so einen sauber klingenden Raum zum Arbeiten. Das war sehr ungewohnt. Ich habe viel experimentiert und dabei einiges an Datenmüll produziert, aber irgendwann kam dann plötzlich Flow rein und ich habe fast jede Woche einen neuen Track fertiggestellt. Da kam mir dann auch die Idee zum Album. Und obwohl ich mich im Augenblick soundtechnisch zu Hause fühle, hoffe ich doch sehr, dass es nur ein Zwischenstopp ist und ich mich in den nächsten Jahren nochmals weiterentwickeln werde.

Wie würde sich diese Weiterentwicklung denn anhören?

Ich habe keine Vorstellung von einer bestimmten Musikrichtung oder Technik. Es geht mir vielmehr um die qualitative Weiterentwicklung und das Bestreben, neue Wege zu gehen. 

Momentan fühlst du dich sehr wohl, doch gab es da auch manchmal Zweifel an dem eigenen Weg, an beruflichen Entscheidungen oder in musikalischer Hinsicht?

Torsten Kanzler macht schon immer das, worauf er Lust hat und was ihm Spaß macht. Ich habe natürlich aber auch eine gewisse Verantwortung meiner Familie gegenüber und möchte uns ein gutes Leben ermöglichen. Dies lässt mich allerdings nicht an dem, was ich tue, zweifeln. Im Gegenteil, ich glaube an das, was ich mache, und stecke all meine Liebe und Passion in meine Arbeit. Hin und wieder denke ich aber schon darüber nach, wie lange ich mich da noch so frei entfalten kann. Was ist, wenn das, was mir Spaß macht, nicht mehr das ist, was die Leute oder meine Fans begeistert? Verbiege ich mich dann oder suche ich mir einen neuen Job? Im Moment ist es glücklicherweise so, dass meine Fans mögen, was und wie ich es tue. Ich glaube, der Schlüssel dazu ist Liebe und Leidenschaft.

Du hattest Bush Records für dein Album erst gar nicht auf dem Zettel. War „Home“ eigentlich für dein eigenes Label TK Records vorgesehen?

Bush hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Ich hatte zwar den Wunsch, es auf einem größeren Label außerhalb meiner Komfortzone zu veröffentlichen, aber ich hatte mir noch keine großen Gedanken darüber gemacht, auf welchem. Ich habe es erst mal ein paar Freunden vorgespielt und mir hier und da etwas Feedback geholt. Als ich dann mit Toby Rost von Soulwox darüber gesprochen habe, brachte der mich auf die Idee mit Bush. Ehrlich gesagt hatte ich da nie mit einer Zusage gerechnet. Umso größer war dann die Überraschung, als mir Toby die E-Mail von Eric, dem Label-Chef, weitergeleitet hat, der von dem Album total begeistert war.

Im Vorfeld erschien nun schon die Single „Midi Express“ mit drei Neuinterpretationen.

Ich bin schon viele Jahre ein großer Fan von Kaiserdisco-Produktionen und tatsächlich ist mit dem Remix ein weiterer Traum in Erfüllung gegangen. Frederic und Patrick sind zwei großartige Produzenten, genauso wie Eric, Niereich und Linus. Ich kenne die Jungs alle schon seit Langem und wir haben in der Vergangenheit schon oft zusammengearbeitet. Ich schätze ihre Arbeit sehr.

Du konntest dir mit Label und Remixer also einen Traum erfüllen. Welche Wünsche bleiben offen?

Es gibt noch einige Labels, die mich musikalisch extrem begeistern und auf denen ich in den nächsten Jahren gerne noch veröffentlichen möchte; genauso gibt es auch Clubs und Festivals, die ich noch bespielen möchte. Ich bin gespannt, was möglich sein wird, und freue mich auf alles, was die Zukunft für mich bereithält.

Gab es im Vergleich zu deinen früheren Produktionen neue Geräte, Arbeits- oder Herangehensweisen für die einzelnen Tracks?

Die Herangehensweise war auf jeden Fall eine andere als beim letzten Album. Ich bin dieses Mal frei und ungezwungen an die Produktionen herangegangen und habe mir wenig Gedanken darüber gemacht, ob der gewählte Sound da draußen gut ankommt oder nicht. Ich wollte ganz ohne Druck und ohne konkretes Ziel ein Album produzieren. Zum Einsatz kamen dabei ein Analog Rythm, die Native Instruments Maschine, ein Moog Sub 37, viele Software-Synths – unter anderem von Synapse und Lethal Audio – sowie diverse FX-VSTs und ein Matrix Brute von Arturia.

Dein Remix-Kollege Linus Quick zum Beispiel arbeitet ja komplett „in the box“. Wie wichtig ist dir das Arbeiten mit Hardware beziehungsweise wie wichtig ist das für deinen Flow?

Hardware spielt für mich keine übergeordnete Rolle. Ich produziere auch viel mit Software. Aber an analogen Geräten zu schrauben, ist einfach eine andere Welt und macht sehr viel Spaß. Ich brauche das hin und wieder. Jeder muss allerdings für sich selbst entscheiden, welcher Weg für ihn der beste ist.

Seit einigen Jahren sind analoge und vor allem modulare Synthesizer wieder sehr angesagt. Wäre so ein großer Baukasten mit zig Kabeln auch was für dein neues Studio?

Auf keinen Fall. Dafür bin ich zum einen zu ungeduldig und zum anderen würde ich wahrscheinlich meine ganze Zeit damit verbringen, Komponenten zu suchen, zu testen und zu tauschen. Die schier unendlichen Möglichkeiten der Erweiterung würden mich sicher auch in den Bankrott treiben. (lacht)

Welche Besonderheit zeichnet dein Album aus beziehungsweise was macht „Home“ zum besten Kanzler-Release?

Da ich nicht vorhatte, ein Album zu produzieren, habe ich mich jeden Tag einfach locker ins Studio gesetzt, wild herumexperimentiert und neue Wege ausprobiert. Ich denke, die ungezwungene Herangehensweise, die Leichtigkeit spiegelt sich in den Tracks wider. Es ist auf jeden Fall das melodiöseste Kanzler-Album, wenn man hier überhaupt von Melodien sprechen kann. Ob es jetzt das beste ist, weiß ich nicht. Das sollten lieber die Hörer entscheiden.

Eben viele deiner Hörer begleiten dich schon seit über zehn Jahren. Damals war dein Sound gänzlich anders, schneller, kantiger. Doch auch in diesen Tagen sind die schnellen Rhythmen wieder sehr im Kommen. Was hältst du davon und könntest du dir vorstellen, noch mal in diese Richtung zu gehen?

Hättest du mich damals gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen Track auf 126 bpm zu produzieren, hätte ich bestimmt gelacht. Es hätte mich damals einfach nicht mitgenommen. Heute finde ich es geil. Und Tracks jenseits der 130 begeistern und erreichen mich nicht mehr so. Das kann sich aber genauso gut auch wieder ändern.

Während seit vielen Jahren immer mehr Leute in die „Techno-Hauptstadt“ ziehen, packst du deine Sachen und gehst zurück in die Heimat, ziehst die Natur vor. Wie viel Einfluss hatte diese Stadt und ihre Kultur auf dich und deine Musik in den vergangenen 15 Jahren? Wieso ist dir die Nähe zur Natur nun so wichtig?

Berlin ist eine großartige Stadt mit einer großen und interessanten Techno-Szene. Viele denken, sie kommen nach Berlin und werden dann automatisch schneller bekannt, aber das ist ein Trugschluss. Berlin fordert mit seinen vielen Möglichkeiten hohe Selbstdisziplin; von Montag bis Sonntag kann man dort auf gute Partys gehen. Ich habe über die Jahre einige Leute getroffen, die im Partysumpf der Hauptstadt versunken sind und dabei ihr eigentliches Vorhaben, Musik zu machen, aus den Augen verloren haben. Welchen direkten musikalischen Einfluss die Stadt auf mich hatte, kann ich nicht genau sagen. Aber die große Vielfalt hat mich sicherlich geprägt. Nach 15 Jahren ist es jetzt mal Zeit für etwas Neues und anderes. Die Ruhe und Gelassenheit der Natur auf sich wirken zu lassen, ist etwas Wunderbares. Fern ab von Straßenlärm und überteuerten Altbauwohnungen kann ich jetzt vom Frühstückstisch aus oder beim Blick aus dem Studiofenster den Rehen beim Futtern auf meiner Wiese vorm Haus zuschauen. Mein eigenes Gemüse anbauen und meiner Tochter, bald auch meinem Sohn, beim Spielen zuschauen. Das mag für den ein oder anderen langweilig klingen, aber es erfüllt mich und gibt mir viel Inspiration für meine Musik. Außerdem ist das der perfekte Gegenpol zu den turbulenten Wochenenden. Nichtsdestotrotz freue ich mich immer wieder, wenn ich nach Berlin komme, Freunde besuche und etwas durch meinen alten Kiez spaziere.

Wie wichtig ist der Wohnort für einen DJ im Allgemeinen? Oder zählt nur noch die Nähe zum Flughafen?

Ich glaube nicht, dass der Wohnort zwingend für den Erfolg verantwortlich ist. Sicher eröffnet eine große Stadt wie Berlin größere Möglichkeiten, mit anderen internationalen Acts oder Labels in persönlichen Kontakt zu treten, aber in erster Linie zählt die Arbeit im Studio, auf der Bühne und in der heutigen Zeit vor allem auch im Bereich der Social Media. Letzterer hat meines Erachtens etwas überhand genommen und – zumindest gefühlt – nun einen höheren Status als das eigentliche Produzieren und Auflegen. Einen Flughafen in seiner Nähe zu haben, ist aber auf jeden Fall nicht verkehrt. Ich fahre jetzt etwa eineinhalb Stunden bis zum nächsten Flughafen. Das ist zwar noch im Rahmen, aber wenn ich daran denke, dass ich in Berlin nur 25 Minuten gebraucht habe, dann geht da schon eine Menge Zeit verloren. Aber man kann ja nicht alles haben. (lacht)

Apropos Flughafen: In den nächsten Wochen und Monaten steht eine intensive Album-Tour durch Deutschland mit Ausflügen nach Frankreich, Österreich und in die Schweiz an.

Es stehen neben vielen bekannten Clubs – wie beispielsweise dem Lehmann, Butan, Artheater, Übel & Gefährlich oder dem Hirsch –, in denen ich schon viele gute Partys erlebt habe, sehr viele neue Locations auf dem Tour-Plan. Ich bin sehr auf meine Premiere im Berliner Sisyphos, auf den Nordstern in Basel und den Bunker in Graz gespannt. Ich freue mich aber auf alle Stopps und bin sehr happy mit der Tour. Da hat mein Booker wirklich sehr gute Arbeit geleistet. Danke an dieser Stelle an Ali und das ganze Team um ihn herum!

Welche Pläne bezüglich Gigs, Touren und Releases gibt es sonst für 2018? Welche Ideen und Acts hast du für TK Records?

Bis Ende Mai läuft jetzt erst mal die Album-Tour, dann schauen wir weiter. Ich habe gerade eine Kollaboration mit meinem Freund und Kollegen Robert Egenolf gemacht. Die Releases erscheinen im April und Mai auf Kuukou Records und Neuhain Recordings mit dicken Remixen. Das aktuelle TK-Release ist von Dejvid Kavazovic & Distale mit einem Remix von mir. Die nächsten Releases kommen von Kasey Riot aus London sowie von Dok & Martin, jungen, talentierten Produzenten aus Spanien, mit denen ich für die Zukunft ein paar Projekte plane.

Nun noch eine etwas andere Frage zum Abschluss. Seit vielen Jahren bist du schon als DJ und Produzent aktiv, hast viel gesehen und erlebt durch deine Arbeit. Wir können festhalten: Elektronische Musik ist dein Metier. Auch die Bezeichnung Künstler wird an dieser Stelle oft verwendet. Wie stehst du zu diesem Titel und ab wann wird das Handwerk zur Kunst?

Puh! Fest steht, was Kunst ist, liegt im Auge des Betrachters. Wenn ich mithilfe meines handwerklichen Geschicks, meiner Inspiration und intuitiv aus den vorhandenen Materialien etwas Eigenes, etwas Neues erschaffe und Menschen damit schockiere oder begeistere, dann würde ich es als Kunst bezeichnen.

Kurz und knapp:
Letzte gekaufte Platte: Helge and the Firefuckers – Eiersalat im Rock
Lieblingsclub: Lehmann Club, Stuttgart
Bestes Album: Norah Jones – Day Breaks
Wenn Urlaub, dann hier: Dort, wo es am schönsten ist.

Aus dem FAZEmag 073/03.218
Text: Gutkind
Bild: Sascha Storz
www.torstenkanzler.de