Justus_köhncke

 

Zusammen mit Hans Nieswandt und Eric D. Clark startete Justus Köhncke Anfang der Neunziger das Projekt Whirlpool Productions. 1996 veröffentlichen die drei „From: Disco To: Disco“ und landeten damit auch außerhalb der Clubszene einen großen Hit, der er es sogar auf Platz 1 der italienischen Charts schaffte. Ende der Neunziger startete der Wahlberliner mit Solo-Releases und hat seit dem diverse Album und zahlreiche EPs veröffentlicht. Einer seiner erfolgreichsten Clubhits ist „Timecode“, 2004 auf der „Zwei Photonen“-EP auf Kompakt Records erschienen.

Was hast du mit deinem Track „Timecode“ musikalisch ausdrücken wollen bzw. in welcher Phase deines künstlerischen Schaffens warst du damals?

„Timecode“ handelt von Bedrohung, Sehnsucht und Erlösung (natürlich in der Disco, nicht in der Kirche oder dem Grab). Ich war sehr – noch frisch – und glücklich verliebt. Nach der wunderbaren Resonanz auf „Was Ist Musik“ und den ganzen 12Inch-Clubtracks auf Kompakt Records ab 2001 suchte ich seinerzeit auch nach einem würdigen Nachfolger von „2 After 909“, dem Track von 2002, von dem mir Jahre später in England erzählt wurde, das sei „Disco Nouveau“ – das Genre Nu Disco war noch nicht benannt. Was ich natürlich toll fand. Ich wollte bei „2 After 909“ offen gesagt eher Metro Areas „Miura“, das mich so dermaßen flashte, Paroli bieten. Die Elemente von „Timecode“ gingen etwa ein Jahr durch verschiedene Stadien, bis Anfang 2004 in meinem Kölner Heimstudio ein Groschen fiel.

Während des Hörens fällt einem die Vielschichtigkeit deiner Produktion auf, was sicherlich an den verschiedenen Tools liegt, die du für „Timecode“ benutzt hast. Fangen wir mal beim Groove an: Woher stammen deine Drumsounds und wie hast du sie bearbeitet?

Danke für die Vielschichtigkeitsblumen! Die Beatästhetik, die ich schon für „Was Ist Musik“ entwickelt hatte, beruht auf der Kombination naturalistischer Schlagzeugsounds. Seien es Samples, die man programmiert – gerne auch aus dem Hip-Hop-Bereich –, Drumloops von Schallplatten, oder auch einfach nur klassischer House-Roland-909, mit extrem synthetisch-artifizieller Perkussion aus angekoppelten NI-Reaktor-Sequenzern. Vor allem SineBeats, die sich auch sehr schön modulieren ließen. Bei „Timecode“ ist der Hauptbeat allerdings ein schamloses Vinylsample des Anfangs der Instrumentalversion von Eartha Kitts „Where Is My Man“, das ich sehr liebe. Ich denke, das ist eine schön stumpf programmierte Oberheim DMX Drum Machine. Earthas Kastagnetten hört man in „Timecode“ noch klappern, ihr gutturales Raunen hat es wegen der Offensichtlichkeit nicht mehr in „Timecode“ geschafft. Als die Platte raus war, habe ich als DJ den Track gerne mit diesem Instrumental gemixt, was meine Freundschaft mit Daniel Wang entzündete, der Eartha Kitt einmal zu dem Song von der Showtreppe fallen sah.

Zwei Elemente, die besonders prägnant herausstechen, sind definitiv die geigenähnlichen Leadakkorde und der rauschlastige Effektsound, der immer wieder auftaucht. Was kannst du zu der Entstehung dieser Sounds erzählen?

Die gespenstisch rauschenden Akkorde in den Breaks habe ich auf einem (natürlich virtuellen, von NI) Sequential Prophet 5 geschraubt. In der DAW (Logic) hieß die Spur immer „Bedrohung“, was auch mit persönlichen Ereignissen zu tun hatte. Wie so ein feindliches Raumschiff, das sich nähert. Dann explodiert die Disco vor Glück und das Raumschiff kapituliert. Die Akkorde sind mein bis heute bewährter Subtil-Pad-Kitsch.

Beim Arrangieren deiner Spuren hast du dich nicht auf gängige Formen limitieren lassen. Wie hast du es geschafft, deinen Track derart spannend aufzubauen?

Wie so oft bei mir, war der erste Entwurf des finalen „Timecode“ toll, aber für den Club viel zu kurz, weit unter fünf Minuten. Ich langweile mich schnell und vergesse dabei den Floor mit seinem Wunsch nach Repetition. Ich zeigte das Layout Michael Mayer, der begeistert war, aber auch klare Kommandos gab zur Verlängerung („das acht Mal, das vier Mal, da Break etc …“) – und mehr „untenrum“. Also lief ich nach Hause, brachte die Änderungen an und tat noch einen Suboszillator unter die Bassline.

Was ist dein Rezept für eine swingende Disco-Bassline?

Rezept? Krieg ich vom Arzt. Im Zweifel lasse ich mir eine Kurpackung Oktavbass verschreiben. Oder ich channele Bernard Edwards.

Wie lang brauchst du, um einen Track zu finalisieren und welchen Workflow bevorzugst du im Studio?

Das schwankt zwischen zehn Jahren und vier Stunden. Wo auch immer das Material herkommt, landet es bei mir, sobald es eine Form erkennen lässt, in Pro Tools zum endbearbeiten und mischen. Oder Pro Tools „From Scratch“. Ableton Live verwende ich nu – what else – live und als Loop-Tool. Es formatiert die Hirne irgendwie falsch, wenn man sich mal so durch Beatport hört, gleichwohl ein amazing piece of software. Avid spinnt natürlich um so mehr. Habe einen Crack, nachdem ich letztes Jahr mein iLok verlor.

Können wir bald mit einem neuen Release rechnen?

Nach der deutschsprachigen EP „An Alle“ auf Martin Hossbach, gehe ich bald mal wieder in Richtung instrumentale Diskothek.

 

Noch mehr Track-Checks:
Frankey & Sandrino – Acamar (Innervisions)
Oxia – Domino (Kompakt)

Andhim – Tosch (Superfriends)
Gabriel Ananda – Ihre persönliche Glücksmelodie (Karmarouge)
Ninetoes – Finder (Kling Klong)
Die Vögel – Blaue Moschee (Pampa Records)

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