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Zwei in der nationalen Technoszene wohlbekannte Künstler tun sich zusammen und gründen eine Art moderne Band. Das Duo vereint jedoch nicht nur eine Menge analoger und modularer Gerätschaften, sondern auch einen großen, über die Jahre angesammelten Schatz an Erfahrungen und Erlebnissen. TWCOR ist nicht nur ein Projekt, vielmehr ist es das Ergebnis menschlicher wie musikalischer Reife.

Um 2010 herum lernten sich die beiden Künstler Björn und Markus kennen – sie verstehen sich gut, reiten die gleiche Welle. Beide besuchten die SAE am Standort Köln, trieben sich auf denselben Partys herum, auch gebucht wurden sie beide auf ebensolche. Stück für Stück begann neben der sich aufbauenden Freundschaft auch eine künstlerische Zusammenarbeit. „Wir haben uns im Studio getroffen und auch b2b-Sets gab es hin und wieder mal“, erinnert sich Björn. Was folgte, war die erste gemeinsame Platte auf dem Tübinger Technolabel Nachtstrom Schallplatten. Im Grunde wurde hier bereits der Grundstein für TWCOR gelegt, doch was fehlte, war der Name, der dieses gemeinsame Werk vom jeweils eigenen, persönlichen Schaffen separieren sollte. Björn und Markus möchten mit ihrem Live-Projekt neue musikalische Wege gehen, ungezwungen agieren und sich frei machen von längst abgenutzten Genre-Stempeln. „Für uns ist das wie ein kleiner Neustart, bei dem wir von Beginn an alles richtig machen wollen. Egal ob beim Mastering, der Covergestaltung, dem produzierten Medium – in diesem Fall in Form von Vinyl sowie auch digital – oder allgemein beim Marketing.“ Es stellt sich jedoch die Frage, wie deutlich eine solche Abgrenzung stattzufinden hat. „Natürlich verstecken sich hinter TWCOR auch unsere Namen und vielleicht ein Stück weit unsere Wurzeln, doch steht dieser Name zuallererst einmal für ‚Two Cores’. Zwei Kerne, ein Duo. Auch birgt er etwas Mysteriöses, denn wenn man uns nicht kennt, lässt er sich nicht wirklich oder nur schwer zuordnen. Darauf haben wir Wert gelegt. Ein Name, der nicht sofort ein Bild oder eine Stimmung hervorruft, sondern neutral für sich stehen kann.“ Die Idee scheint aufzugehen, denn schon jetzt, in der Promo-Phase für ihre erste EP „Blinding Waves“, erzielt TWCOR eine ungeahnte Reichweite, die ihnen viel positives Feedback einbringt. „Künstler wie Marcel Dettmann, Âme, Carl Craig, Shlomi Aber, Capriati, Slam, Paula Temple oder Liebing hätten unseren Solo-Projekten wohl kaum ein Ohr geliehen, doch mit TWCOR steht die Uhr wieder auf null.“ Abgesehen von der Studioumgebung werden Björn und Markus auch auf der Bühne an ihren zahlreichen Geräten stehen, mit denen sie Sound erzeugen und formen. Hier treffen zwei voneinander unabhängige Musiker aufeinander. „Wir haben schnell gemerkt, dass man ohne klare Absprachen nicht weit kommt, und haben uns mit einer Art Aufgabenteilung arrangiert. Markus übernimmt hier den Part des Rhythmusgebers, kümmert sich um Drums und Percussions. Ich selbst gestalte die Effekt- und Themensektion mit Bassline und klassischen Synthesizer-Sounds.“

Wer den Alltag eines DJs, Produzenten und Künstlers kennt, der weiß, wie zermürbend dieser manchmal sein kann. Und dann leidet oftmals auch die Kreativität der Musiker. Ein kurzzeitiger Ortswechsel kann da vieles bewirken – zum Beispiel den Kopf frei machen, um Platz für neue Ideen zu schaffen. Einen solchen Trip haben auch TWCOR nun hinter sich. „Wir wollten zusammen Musik machen, doch es fehlte uns an Möglichkeiten und ausreichend Platz. Es ging hier nicht nur darum, zusammen in einem von unseren kleinen Studios zu sitzen, sondern auch darum, all unsere Gerätschaften zusammenzubringen. Da wir aber beide eine Frau – und Markus seit Kurzem auch ein Kind – zu Hause haben, geht das nicht mehr so einfach wie früher. Die Sachen in mein Schlafzimmer stellen und mal ein paar Tage jammen, so wie das früher womöglich passiert wäre, ging also nicht.“ Stattdessen ließen sich die beiden Herren eine Art Notlösung einfallen und mieteten kurzerhand eine abgelegene Waldhütte in der Pfalz, wo sie sich ungestört ausbreiten und musikalisch austoben konnten. Mit dem Auto, vollgepackt mit Modularsystemen, Drum-Machines, Synthesizern, einem großen analogen Mischpult, Laptops und einer Kiste Weißwein, ging es los in Richtung totale Isolation. „Wir waren komplett im Abseits, ohne Internet und Telefon, da war nichts, was uns groß hätte ablenken können. Nur wir, unsere Geräte und der Wald.“ Und was als entspannter Männerurlaub geplant war, wandelte sich zu einem hochproduktiven Wochenende. „Natürlich wäre es schade gewesen, wenn man bei diesem Ausflug keine neuen Ideen gesammelt hätte, doch nach dieser Wald-Session zwölf neue Tracks am Start zu haben, stand nicht auf dem Plan!“

Woher dieser Ideenreichtum kam, ob er der natürlichen Umgebung, dem klaren Fokus auf die Musik oder dem gemeinsamen Miteinander geschuldet ist, bleibt offen. Björn jedoch ist und war sich der besonderen Umgebung bewusst. „Ich glaube zwar nicht, dass der Ort, an dem man sich aufhält, konkret die Musik oder ihren Stil verändert, aber er nimmt definitiv Einfluss auf die Kreativität der Menschen, die sich an diesem Ort aufhalten.“ Bei der Frage, ob ein solch langes Wochenende wiederholt werden sollte, sind sich Markus und Björn einig. „Auf jeden Fall werden weitere Ausflüge dieser Art folgen. Diese gemeinsame Zeit fühlte sich fast so an wie früher auf Klassenfahrt, es schweißt enorm zusammen. Man steht morgens gemeinsam auf, trinkt den ersten Kaffee, mittags gibt es eine Dose Ravioli und abends quatscht man noch eine Runde oder spaziert durch den Wald, bevor es wieder ins Bett geht.“ Eine sehr intensive Zeit, die sich positiv auf die Musik und das gemeinsame Musikmachen von TWCOR ausgewirkt hat und noch immer nachhallt. Wohin es beim nächsten Trip gehen wird, steht allerdings noch nicht fest. „Ein Hausboot oder vielleicht auch einfach eine große Lagerhalle, in der wir unsere Sachen aufbauen und losjammen. Es muss also nicht unbedingt mitten in der freien Natur sein. Grundsätzlich geht es darum, an irgendeinem für uns weitestgehend unbekannten Ort zusammenzutreffen, um dort gemeinsam und für mehrere Tage Musik zu machen. Ein Zeitfenster, in dem nichts anderes so wichtig ist wie die Musik.“

Aus dem FAZEmag 063/05.2017
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