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Sie sind eine Institution: Seit fast 30 Jahren widmen sich Karl Hyde und Rick Smith nun schon der elektronischen Musik, haben die Schnittstelle zwischen Techno, House, Drum ’n’ Bass und Avantgarde immer wieder neu ausgelotet und ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk geschaffen. Jetzt, nach diversen Nebenprojekten, konzentrieren sich die Pioniere wieder auf gemeinsame Töne: „Barbara Barbara, We Face a Shining Future“ ist ihr erstes Album seit sechs Jahren – und eines ihrer stärksten. Grund genug für ein ausführliches Gespräch mit Mastermind Karl Hyde.

Karl, warum hat es so lange gedauert, ein neues Underworld-Album an den Start zu bringen?

Im Grunde ist es so: Seit „Barking“ haben Rick und ich den Soundtrack für die Danny-Boyle-Inszenierung von „Frankenstein“ am National Theatre komponiert, an den Remasterings unserer alten Alben gearbeitet, die Musik für die Eröffnungsshow der Olympischen Spiele in London komponiert, Solo-Alben aufgenommen und sind mehrfach um die Welt getourt. Wir waren also eigentlich ziemlich beschäftigt. Sehr beschäftigt sogar. Wir hätten dieses Album unmöglich früher angehen können (lacht).

Wie wichtig war es, zwischenzeitlich etwas mit Brian Eno zu machen?

Sehr wichtig! Nach all den Jahren, die Rick und ich zusammen sind, hat man auch mal das Gefühl, als könne man gewisse Dinge einfach nicht machen, weil man halt Rücksicht auf den anderen nehmen muss. Daraus entwickelt sich ziemlicher Frust und

wenn man den zu lange unterdrückt, sorgt das für Spannungen und führt nicht selten auch zu Trennungen. Deshalb haben Rick und ich uns geschworen, es nie so weit kommen zu lassen, sondern allenfalls eine Zeit lang getrennte Wege zu gehen – bis man erkennt: „Die Person, die ich wirklich vermisse und mit der ich wahnsinnig gerne arbeiten würde, ist mein alter Partner.“

Und Underworld ist eine Kollaboration fürs Leben?

Das ist zumindest das, was ich mir wünsche. Ich glaube, Rick denkt genauso.

Wie seid ihr das neue Album angegangen? Was hattet ihr vor, was war euch wichtig?

Mir ging es eigentlich nur darum, alles, was wir bisher gemacht hatten, außer Acht zu lassen und gar nicht groß darüber nachzudenken, dass wir ein Album machen. Ich wollte es einfach auf uns zukommen lassen. Also: Wir zwei in einem Raum, die ohne ausformulierte Ideen loslegen und schauen, was dabei passiert. Wobei wir wie Kraftwerk gearbeitet haben. Denn auch sie haben nur gespielt und nicht gleich alles aufgenommen. Ihr Ansatz war: Wenn sie sich am nächsten Tag noch daran erinnern konnten, was sie am Abend zuvor gemacht hatten, dann war es wert, das festzuhalten. Den Ansatz haben wir übernommen. Und wir haben uns von diesem fantastischen Foto von Ralf und Florian inspirieren lassen. Es stammt von einem ihrer frühen Alben. Sie sitzen sich da gegenüber und jeder von ihnen bedient einen Haufen Equipment. Was bei Rick und mir den Wunsch auslöste: „Wäre es nicht toll, wenn jeder sein eigenes Equipment hätte und wir uns damit gegenseitig Musik vorspielen würden?“ Wenn dabei etwas Tolles entsteht, nehmen wir es auf. Genauso sind wir diesmal vorgegangen.

Nach der alten Kraftwerk-Methode?

Richtig! Rick war Ralf und ich Florian – oder umgekehrt.

Wobei euer Experimentiergeist so weit ging, dass ihr in ein elektrifiziertes Banjo geschrien und auf Gitarrensaiten herumgetrommelt habt.

Ganz genau. Einfach, weil es beim Musikmachen keine Gesetze und schon gar keine Grenzen geben sollte. Und wir lieben es, skurrile Klänge festzuhalten. Von daher war das Letzte, was wir wollten, in irgendeine Routine zu verfallen. Nach dem Motto: „Das ist es, wie man singt.“ Oder: „So spielt man Gitarre.“ Die menschliche Stimme ist ein wunderbares Instrument, um damit alle möglichen Töne zu erzeugen. Und sie sollte nie auf das reduziert werden, was als archetypisch gilt. Auch die Handhabung von Instrumenten sollte hinterfragt werden.

Wie hoch ist das Risiko, dass dabei etwas daneben geht? Und wie oft kommt das vor?

Das ist doch das Fantastische daran!

Wie bitte?

Einfach mal komplett daneben zu langen ist großartig! Weshalb es auch keine schrecklichen Fehler gibt. Im Grunde gibt es überhaupt keine Fehler. Stattdessen muss man schon großes Glück haben, um Fehler zu machen – und sie dann noch genießen, so wie wir es tun. Dadurch entstehen interessante Sounds, die wirklich einmalig sind. Und was wir in den 80ern entdeckt haben, als wir noch jeden Abend gleich klingen wollten, war eben, dass die Shows zwar okay waren, aber auch ein bisschen leblos. Erst wenn etwas schieflief oder wenn etwas ausgefallen ist, wurde es aufregend. Und das hat sich auch aufs Publikum übertragen. Nach dem Motto: „Was machen sie jetzt?“ Ganz einfach: Wir mussten improvisieren, um da irgendwie rauszukommen. Wir mussten uns auf unsere Intuition verlassen. Was uns so gefiel, dass wir das in den frühen 90ern zum festen Bestandteil unserer Auftritte machten. Wir haben da bewusst Sachen eingebaut, die daneben gehen konnten. Oder wir haben es darauf angelegt, Fehler zu machen. Wir fingen an, Spiele zu spielen, um uns aus der Fassung oder aus dem Rhythmus zu bringen und diesen Moment zu provozieren, wo der Intellekt von Intuition und Erfahrung übernommen wird. Von daher sind Fehler wunderbare Geschenke!

Die für eine Reise ins Unbekannte sorgen?

Das sollte es immer sein! Und die ersten beiden Alben waren auch so. Danach – also auf allem, was folgte – waren wir eine Band, die eine Idee davon hatte, wer sie ist, die festen Zeitplänen folgte, unter bestimmten Engpässen litt und viel Verantwortung hatte. Das beeinflusste auch die Musik – selbst wenn sie immer okay war. Aber die ersten beiden Alben waren die einzigen, die frei von jedem Konzept entstanden – also dass es da eine Band gibt, die bestimmten Leuten dies oder das bedeutet, die dort und dort auftritt oder diese und jene Identität besitzt. Davon haben wir uns in den letzten fünf Jahren bewusst gelöst. Und sei es nur, weil wir im Grunde keine richtige Band waren. Als wir wieder zusammenkamen, war es ein bisschen so, als ob unsere Köpfe von all den Vorgaben befreit wären.

Also „step out – fresh“, um den Opener „Exhaler“ zu zitieren? Ist das das Motto des Albums?

Das könnte man so sagen. Wobei wir uns lange über die Texte unterhalten haben, ehe ich mit dem Schreiben anfing. Rick schlug vor, dass ich diesmal keine Geschichten erzähle, sondern er wollte, dass ich genauso vorgehe wie bei den Fotos, die ich jeden Tag auf www.underworldlive.com lade – was ich mittlerweile seit 16 Jahren tue. Er meinte: „Die Mentalität, die du bei den Bildern hast, wo du einfach festhältst, was dich gerade fasziniert, solltest du auch bei deinen Worten einsetzen. Denk nicht an Geschichten – halte das fest, was du siehst.“ Genau das habe ich versucht, wodurch die Worte sehr speziell geworden sind. Denn die Dinge, von denen ich mich angezogen fühle, hängen auch von meiner jeweiligen Laune ab. Insofern ist es eine Sammlung von Images geworden, die sich nach meiner Gefühlswelt richtet. Und die auch davon abhängt, wo ich gerade schreibe.

In „If Rah“ kommentierst du jemanden mit ungewöhnlichen Tattoos – oder machst dich gar über ihn lustig?

Nein, das zeigt nur, was für verrückte Sachen sich in meinem Kopf abspielen. Eben indem ich jemanden betrachte und denke: „Wow! Was ist denn das?“ Und die meisten Worte sind morgens um 07:00 Uhr in irgendwelchen Cafés entstanden. Denn das ist die Zeit, wenn meine Gedanken warm laufen, wenn die Chemikalien in meinem Kopf aus ihrer Muschel hervorkriechen und dafür sorgen, dass mein Körper in etwa so funktioniert, wie er sollte.

Karl Hyde, der menschliche Schwamm?

Keine Frage! Das ist meine allmorgendliche Meditation. Ich sitze eine Stunde in irgendeinem Café, ehe ich ein ansprechbarer, einsatzfähiger Mensch bin. Eben indem ich heiße Getränke schlürfe, schreibe und meinen Kopf so weit sortiere, dass er ein halbwegs positiver Ort ist. Das einzige Problem ist, dass um 07:00 Uhr morgens noch nicht wirklich viele Orte geöffnet haben (lacht). Schon gar nicht solche, an denen es warm ist und wo man sich einfach in einer Ecke verkriechen kann. Wobei ich öffentliche Orte, Cafés, Bars, Bahnhöfe, Züge und Flughäfen benutze – und das seit mittlerweile 25 Jahren. Eben weil das die einfachsten Anlaufstellen sind. Gehe ich dagegen in eine Bibliothek, was ich auch schon getan habe, sind mir da zu viele Informationen. Zumindest am frühen Morgen.

Was hat es mit dem kryptischen Titel „Barbara Barbara, We Face a Shining Future“ auf sich?

Das ist etwas, das Ricks Vater zu seiner Mutter gesagt hat – unmittelbar vor seinem Tod im letzten Jahr. Es hat etwas von: „Mach dir keine Sorgen, das Leben geht weiter.“ Und er war ein toller Mann, sehr inspirierend. Als Rick mir das erzählt hat, fühlte es sich einfach richtig an, den Satz für unsere Arbeit zu verwenden. Wobei wir das Album zu dem Zeitpunkt noch nicht mal beendet hatten. Aber die Formulierung war einfach so stark, dass wir wussten: „Yep, die nehmen wir.“ Also genauso, wie es seinerzeit mit „Dubnobasswithmyheadman“ und „Second Toughest In The Infants“ war. Alle anderen Titel dazwischen wurden von einem Gremium beschlossen – von Leuten, die in einem Konferenzraum saßen und sagten: „Ich denke, es sollte dies oder das sein.“ Das war diesmal nicht nötig. Wobei uns erst später bewusst wurde, wie positiv das Ganze ist.

Also kein Zynismus, keine bitterböse Ironie?

Nicht im Geringsten! Es ist vollkommen ehrlich und ernst gemeint. Genau wie eine weitere Zeile in dem Track: „Life isn´t shit!“ Das ist meine Lebenseinstellung – auch wenn ich öfter aufwache und denke: „Das Leben stinkt!“ Aber dann dauert es nicht lange, bis mir klar wird, dass es das nicht tut. Und ich war viel zu lange negativ. Das will ich nicht mehr sein. Einfach weil das keinen Spaß macht und es zu leicht ist. Deshalb geht es in dem Song auch so weiter: „What don´t lifts you, drags you down. Keep away from the dark side“. Was nichts anderes als eine Erinnerung an mich selbst ist – eine Botschaft, die ich mir morgens auf eine Serviette schreibe, wenn ich merke, dass meine Gedanken zu sehr in diese Richtung tendieren. Vielleicht sollten andere Leute das auch mal probieren …

Weil die Welt dann ein besserer Ort sein könnte?

Ja, stellt euch vor, es gäbe mehr glückliche, zufriedene Menschen auf der Welt. Menschen, die ihren Frust und ihren Pessimismus im Griff haben. Gott, wie toll könnte dann alles sein!

„A shining future“?

Wäre das nicht wunderbar?

Ist das Album auch eine Brücke zu eurer Zukunft als Band? Sprich: Folgt das nächste etwas schneller?

Lustigerweise war dieses Album das schnellste, das wir je gemacht haben. Zumal wir diesmal nur zwei Tage pro Woche gearbeitet haben. Es brauchte dafür weniger als ein Jahr. Normalerweise dauert ein Underworld-Album im Durchschnitt drei Jahre. Aber wir wollen so schnell wie möglich zurück ins Studio – einfach weil die jüngsten Aufnahmen für uns wie ein Buch waren, das man nicht weglegen kann, sondern immer weiterlesen möchte, weil man wissen möchte, was als nächstes passiert. Und das will ich unbedingt – ich will wissen, was passiert, wenn Rick und ich wieder loslegen. Vorher geht es aber nach Japan, wo wir auf dem Dach eines gigantischen Towers in Tokio spielen werden. Anschließend kommen wir nach Berlin, was etwas traditioneller sein wird – aber hoffentlich genauso spannend. In der Zwischenzeit wollen wir auf jeden Fall wieder mit dem Schreiben anfangen. Einfach weil wir diesen Hunger spüren, herauszufinden, was als nächstes passiert. Wir werden also in Bussen, Garderoben, Hotelzimmern und wo immer möglich arbeiten. Wobei das Entscheidende ist, dass wir beide zusammen in einem Raum sind. Denn dieses File-Sharing-Ding, das auch wir so lange praktiziert haben, ist einfach langweilig. Und: Wir haben – bis jetzt – nie ein Album gemacht, bei dem wir gleichzeitig am selben Ort waren. Wir treten seit 25 Jahren gemeinsam auf und genießen das sehr, aber bis zu diesem Album hatten wir nie zusammen in einem Studio an Stücken gebastelt. Das hat 30 Jahre gedauert, was irgendwie bizarr ist.

Warum seid ihr erst jetzt darauf gekommen?

Das ist einfach so passiert und es ist uns auch nie wirklich bewusst gewesen. Wir haben es scheinbar für normal gehalten, dass jeder für sich in seinem Kämmerlein rumwerkelt. Zumal es auch das ist, was die moderne Technik impliziert. Nämlich alles allein zu machen und quasi nur anonym zu kommunizieren. Also via E-Mail und SMS. Wobei das Wichtigste auf der Strecke bleibt: Die Interaktion. Deshalb haben wir uns für die nächste Phase unserer Zusammenarbeit vor allem eins vorgenommen: Ab sofort immer im selben Raum zu sein.

Es gibt ein großartiges Zitat von dir: „Das Tolle an der Dance-Musik ist die Tatsache, dass sie immer in Bewegung ist und nie stehenbleibt.“ Ist das noch aktuell?

Das ist es – und es ist genau das, was ich an der Dance-Musik mag. Als wir in den späten 80ern/frühen 90ern anfingen, uns damit zu befassen, hat uns am meisten beeindruckt, dass man beim Veröffentlichen von 12-Inches viel schneller sein kann als mit Alben. Man kann da binnen kurzer Zeit viel mehr Ansätze und Ideen ausprobieren und sich auf diese Weise als Künstler viel schneller weiterentwickeln. Zumal ich das Gefühl habe, dass die Genres, aus denen wir ursprünglich kommen – eben Pop- und Rockmusik –, die Tendenz aufweisen, eine einmal erreichte Erfolgsformel immer wieder zu recyceln und sich insofern kaum zu bewegen. Worauf wir keine Lust hatten. Insofern war Dance-Musik eine wunderbare Sache – das Beste, was uns passieren konnte.

Was ist mit dem Maler in dir? Stehen demnächst irgendwelche Ausstellungen an?

Die nächste ist Anfang März in Tokio. Wir übernehmen da das „Parco“-Kaufhaus in Shibuya, im Zentrum der Stadt – und zwar anlässlich des 25-jährigen Bestehens unserer Design-Firma „Tomato“. Wir verwandeln den ganzen Laden in eine riesige Galerie, wobei ich eine Installation beisteuere, die Rick mit Musik untermalt. Er begleitet mich quasi. Und es ist das erste Mal seit mehreren Dekaden, dass wir wieder zusammen an einer Installation arbeiten – was zeigt, wo wir heute als Menschen wie Künstler stehen. Anschließend geben wir ein Konzert auf dem Dach.

Wie einst die Beatles?

Ich hoffe, es regnet nicht (lacht)! Aber das ist halt das Tolle daran, in dieser Band zu sein: Es bieten sich einem so viele aufregende Gelegenheiten, man kann so viele interessante Dinge probieren und sich auf kreative Weise austoben. Rick und ich schätzen uns also verdammt glücklich. Trotzdem muss man – wie wir es zuletzt getan haben – zwischendurch auch mal etwas anderes machen. Und sei es nur, um zu erkennen, dass man im Grunde schon immer alles hatte, was man wollte (lacht). / Marcel Anders

Aus dem FAZEmag 049/03.2016

Foto: Perou