Alex Flitsch 2012 - 09 - © Ruben Salgado Escudero
Vor zehn Jahren starteten Alex Flitsch, seine Frau Hilary und Martin Henkel das Label Connaisseur Recordings. Streng genommen hätte das schon Ende letzten Jahres gefeiert werden müssen, aber das Jubiläumsrelease hat sich in seiner Fertigstellung etwas verzögert – daher die kleine Verspätung, die sich durchaus gelohnt hat, wenn man das Ergebnis hört, um das mal vorwegzunehmen. Zehn Jahre mit Höhen und Tiefen, wie sie viele Labels kennen, wobei Connaisseur sich gerade unbestritten in einer Hochphase befindet – und so ist es kaum verwunderlich, warum Flitsch gerade von „La Dolce Vita“ schwärmt.


Eigentlich sollte alles ganz anders laufen. Alex sollte in das elterliche Schmuck-Unternehmen einsteigen. Zur Vorbereitung ist er dann nach Miami gegangen, um bei einem Geschäftspartner das Vertriebsbusiness zu lernen. Danach wollten Hilary und er nach Hongkong auswandern. Doch die Zeit in Florida lief anders als geplant, mit wenig Spaß und viel Frust. „Das war nichts für mich. Aber ich war um die Erkenntnis reicher, dass ich was mit Musik machen sollte. Denn was mich die ganze Zeit abgelenkt hat, war die Musik, weshalb ich zu dem Schluss kam, dass ich diese vielleicht zu meinem Job machen sollte.“ Mit Elan und Motivation setzten sich Martin, Hilary und er zusammen, machten sich Gedanken und schmiedeten Pläne. „Dass zu meinem engsten Freundeskreis Patrick Chardronnet, die Jungs von Afrilounge und Markus Müller gehörten, war natürlich eine gute Voraussetzung.“ Und so kam Ende 2005 „Eve By Day“ von Chardronnet und wurde mehr als nur wohlwollend aufgenommen. „Wir hatten Glück, die Nummer hat direkt viele Steine aus dem Weg geräumt. Ich habe bestimmt anfangs die eine oder andere falsche Entscheidung getroffen, aber daraus lernt man ja und dass wir nach zehn Jahren noch dabei sind, zeigt ja, dass man nicht alles falsch gemacht hat.“ Musikalisch sind sie ihrer Linie treu geblieben, Connaisseur mag es deep, melodiös und emotional, womit es zurzeit auch wieder besonders gut vertreten ist. „Natürlich nimmt man aktuelle Tendenzen auf, dennoch haben wir immer diesen roten Faden.“ 2009 stieß noch Ralph Böge mit Paradise Distribution dazu und kümmert sich seither um die digitale Strategie von Connaisseur, während Hilary sich in den letzten Jahren zwar aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, aber immer noch eine feste Säule des Labels bildet.

Kommt man auf die großen Erfolge des Labels zu sprechen, landet man natürlich auch bei Kollektiv Turmstrasse. 2007 veröffentlichten sie auf Connaisseur ihre erste EP, 2009 lieferten sie mit ihrem „Let Freedom Ring“-Remix für Federleichts „On The Streets“ einen Hit ab. „Obwohl mir schon bewusst war, dass das ein gutes Ding war, hätte ich nicht gedacht, dass die Nummer so durch die Decke geht. Es gab noch einen anderen Remix, den ich anfangs mehr auf dem Schirm hatte, aber den erstgenannten haben die Jungs immer live gespielt und die Leute sind total ausgeflippt. Da haben wir den extra als 10Inch veröffentlicht und in der Außenwirkung war der Remix genauso wichtig wie „Eve By Day“. Ebenfalls ein großer Hit war ihr Album „Rebellion Der Träumer“, der Weg zur Veröffentlichung im November 2010 war allerdings etwas holprig. „Zwei Jahre bevor das Album rauskam, hatte ich schon ein fast fertiges von den beiden Jungs auf dem Tisch liegen. Dann meldeten sie sich bei mir und erklärten mir, dass sie sich das Ganze noch mal durch den Kopf haben gehen lassen. Wenn sie ein Album rausbringen würden, dann müsste es was anderes sein, daher würden sie jetzt komplett neu anfangen. Zu dem Zeitpunkt waren sie ja auch schon eine Weile damit beschäftigt. Die Jungs haben mir Geduld beigebracht“, schmunzelt Alex. Aber letztlich hat sich das Warten gelohnt, „Rebellion Der Träumer“ schlug ein und verkauft sich nach fast sechs Jahren immer noch stetig.

Dass die Formkurve für Connaisseur in den letzten beiden Jahren stark nach oben geht, hat mit den neuen Künstlern zu tun, die seitdem zum Label dazugestoßen sind. Man kann durchaus von einem Umbruch sprechen, der seinen Anfang genommen hat, als der italienische DJ und Produzent Lorenzo Esposito alias Lehar an Bord ging – genau zum richtigen Zeitpunkt. „Er hat mir ein Demo zugeschickt und beim ersten Gespräch merkte ich sofort, dass da jemand richtig Bock hat und an sich glaubt. Der hat so eine Menge Energie und Motivation mitgebracht, dass er mir gar keine andere Wahl gelassen hat. Ich habe ihn auch bald darauf privat kennengelernt und festgestellt, dass wir komplett auf einer Wellenlänge sind. Es passte einfach super vom Sound her und dann habe ich ihm viel Freiraum gelassen. Und diesen Freiraum nutzte der Venezianer, um befreundete Landsleute mit ins Boot zu holen, sodass der aktuelle Künstlerstamm des Labels mittlerweile überwiegend italienisch ist – „La Dolce Vita“ ist im Hause Connaisseur ausgebrochen, mit Olderic, Musumeci (inkl. seines Human-Machine-Projekts), Dodi Palese und eben Lehar. Dazu gesellen sich noch Of Norway und der Kölner Peter Pardeike, ebenfalls Neuzugang und erstmals auf dem Jubiläumsrelease mit dabei.

Das zweiteilige „10y of Connaisseur“-Release mit insgesamt sechs Tracks beinhaltet nur Kollaborationen. Die Idee dazu entstand allerdings schon 2014 und ist inspiriert vom Konzept des leider nicht mehr existierenden Elan Clubs im beschaulichen Meiningen, dessen ehemaliger Mitbetreiber Marcel Storandt ein guter Freund von Alex ist. „Der Laden war ein Kleinod und Marcel fuhr dort ein interessantes Konzept. Er lud einen DJ ein und der musste sich dann einen b2b-Kollegen aussuchen. Dadurch sind im Laufe der Jahre tolle Kombinationen entstanden. Und so habe ich dann auch unsere Acts beauftragt, sich einen Wunschpartner auszusuchen.“ Das hat zwar länger gedauert als geplant, aber letztlich ist das Ergebnis wirklich überzeugend geworden und es ist ein würdiges Jubiläumsrelease. Bezeichnend auch, dass es kein Rückblick ist, was ja auch oft genug von Labels gemacht wird, um einen runden Geburtstag zu feiern. Der Umbruch geht weiter. Das Logo ist neu und auch das „Recordings“ ist aus dem Namen verschwunden. „Wir positionieren uns neu, über ein Plattenlabel hinaus. Wir haben damit ja schon immer gespielt – wie z. B. mit unserem Olivenöl als Katalognummer 50 –, aber wir wollen noch mehr auf Sachen eingehen, die den Namen Connaisseur verdienen. Ein Wunschthema ist z. B. eine Videoporträtserie mit dem Titel ‚Modern Connaisseur’, die auch Themen außerhalb der Musik aufgreift und bei der es um Menschen geht, die ein tiefschürfendes Connaisseur-haftes Wissen in sich tragen. Und es werden auch weitere Produkte angeboten, die über normales Merchandise hinausgehen.“

Was allerdings schon dingfest ist, das sind die kommenden Releases. Peter Pardeike veröffentlicht seine Solodebüt-EP, es kommt eine Remix-EP zum Titel „Black Sunrise“ von Francesco Chiocci feat. Black Soda der letzten „Livingroom Techno“-Compilation und im August folgt die neue Ausgabe von „BBQ Techno“. Außerdem stehen Lehar, Olderic, Of Norway und Musumeci mit neuem Material bereit und mit Lars von Licht wird das Sublabel Superior wiederbelebt.

Es wird also viel getan, um die Hochphase zu halten. Das Leben könnte gerade nicht süßer sein für Hilary, Alex, Martin und Ralph. / Tassilo Dicke

Aus dem FAZEmag 052/06.2016

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www.connaisseur-recordings.com

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Foto Alex Flitsch: Ruben Salgado Escudero
Collage von links oben nach rechts unten: Aril Brikha & Chymera, Dodi Palese, Human Machine, Lehar, Musumeci, Of Norway, Olderic, Peter Pardeike, Silky Raven & The Element.