Das Leipziger Label feiert seinen zehnten Geburtstag – herzlichen Glückwunsch. Und das zelebrieren die drei KANN-Bosse Sevensol, Map.ache und Bender mit der Compilation „Family Horror X“ sowie dazugehörigen Label-Showcases. Auf der Compilation gibt’s nicht nur Tracks vom Stammpersonal, sondern auch von guten Labelfreunden wie Axel Boman, Lawrence oder Underspreche. Die Showcases führen das Kollektiv u. a. nach Graz (08.06.), Leipzig (22.06.), Dresden (07.07.), Berlin (14.07.) und zum Nachtdigital Festival (04.08.). Im Namen der Troika hat uns map.ache ein paar Fragen beantwortet.

Sevensol__Bender___Map.ache5



Wenn drei Leute in der Labelführung sitzen, KANN das oft schwierig werden mit der Entscheidungsfindung, Stichwort zwei gegen einen. Wie ist das bei euch? „Family Horror“ oder weitestgehend einvernehmlich? Und wie ist die Aufgabenverteilung?

Es ist wirklich mehr Segen als Fluch. Die Idee, dass mehr als nur eine Person auf eine Sache draufschaut, zahlt sich im Ergebnis meistens aus. Es geht also bei Entscheidungsfindungen immer weniger um Kompromisse, als vielmehr so lange miteinander zu reden, bis alle happy sind. Der Versuch eines Konsens’ sozusagen. Von Anfang an war unser Motto, dass wir drei immer mit allem happy sein müssen. Das klappt natürlich nicht immer ganz und ist schon ein Ideal, allerdings für uns auch nach zehn Jahren die einzig sinnvolle Methode, um zu Entscheidungen zu kommen. Die Aufteilung der Aufgaben ändert sich oft und wird auch gut auf die jeweiligen Lebensumstände angepasst. Wer am meisten Kapazitäten hat, hängt sich dann auch am meisten rein. Grob gesagt schmeißen aber Alex und ich das Büro und den damit verbundenen täglichen Betrieb und Dennis ist unser wichtiger, bodenständiger und kreativer Gegenpart, der neben seinem anderen Fulltime-Job als wichtiger Spiegel, notwendige Bremse und Ideengeber fungiert.

Bei einem Rückblick schwingt ja auch oft ein bisschen Wehmut mit dabei. Gibt es einen besonderen Moment, auf den besonders gerne zurückschaut?

Das stimmt natürlich. In Hinblick auf die dann doch recht schnell vergangene Zeit und die Dinge, die sich darum und darin verändert haben, wird man tatsächlich wehmütig, aber auch zuversichtlich und verliert gleichzeitig auch die Angst vor Veränderungen. Wichtig ist es bei solch einem Projekt, immer wieder sich gegenseitig abzugleichen, Motivationen zu hinterfragen und immer den gemeinsamen Nenner im Auge zu behalten, so lange er erkennbar ist. Da kommt so ein Jubiläum schon wie gerufen, um sich zu erinnern, wieso man das die ganze Zeit macht und was man davon noch möchte.

Die Momente, die das alles geprägt haben, sind natürlich immer ganz individuell. Ohne viel nachzudenken sind das aber vor allem: „Ö“ – ein kleines Minifestival in Dänemark, das Giegling ab 2009 zwei Mal veranstaltet hat, dann ganz klar das Nachtdigital Festival, was uns freundschaftlich und ästhetisch bis heute mehr als nur nahe steht, und schließlich die zahlreichen Nächte und Gartenpartys im Conne Island.

Aber da ja auf der Jubiläumscompilation kein Rückblick, sondern neue Tracks zu finden sind, richtet sich ja der Fokus in die Zukunft. Also werfen wir einen Blick in die Glaskugel wollen von euch drei mögliche Zukunftsszenarien  für KANN zwischen Weltherrschaft und Auflösung hören.

Puh, so wie wir drauf sind, ist da „glücklicherweise“ vieles denkbar. Wir sind nach wie vor faule Hunde, die sich auch gerne die Zeit zum Nichtstun gönnen. Unter diesen Vorraussetzungen schließt sich demnach die Weltherrschaft aus. Da wir Ossis aber nach zehn Jahren endlich geschnallt haben, wie Kapitalismus funktioniert, könnte es demnach durchaus sein, dass es uns noch einige Jahre geben wird. Aber auch einer Auflösung steht natürlich nichts im Wege wenn wir irgendwann merken dass der Bock flöten geht. Auch so ein Zeitpunkt sollte nicht verpasst werden, auch wenn der gerade nicht in Sicht scheint.

Wie fühlt es sich eigentlich an, dieses „10 Jahre KANN Records“? So aus der Magengrube heraus …

Verschwommen, viel zu kurz und doch wie eine Ewigkeit, normal, unbeschreiblich, nach wie vor irgendwie klein und doch voll besonders. Vor allem fühlt es sich aber nach etwas an, das da in unserem Sinne gewachsen ist und trotz der langen Zeit immer noch brodelt.

Nach zehn Jahren Labelarbeit bitte ein kurzes Statement zu diesen Begriffen in Bezug auf diese Periode:

Desillusioniert
Wird man schnell wenn man alles wirklich hinterfragt.

Leidenschaft
Ist essentiell für Erfolg.

Bürokratie
Nervt wie Sau und mag keiner von uns.

Vinylliebe
Sollte unbedingt ersetzt werden durch Musikliebe.

Überzeugung
Kann man so sehen, aber auch so.

Business
Ist notwendig, um mit Leidenschaft seine Miete zahlen zu können.

The Big Easy
Meine Lieblings EP auf KANN und ein Zustand, den man sich für die ganze Welt wünscht.

Gibt es irgendwas, was in Zukunft noch besser werden KANN?

Nicht nur bei uns gibt es da sehr sehr viel. Klar muss man sich immer den Istzustand irgendwie schönreden. Man darf aber nicht vergessen, dass Unzufriedenheit auch Antrieb sein kann. Veränderungen und Dynamik sind demnach essentiell für alles Kommende. Konkret kann/könnte es für uns in dem Bereichen Struktur, Selbstbewusstsein und Effizienz  durchaus etwas besser werden. Muss aber auch nicht (lächelt).

Für jemanden, der tatsächlich KANN Records noch nicht kennen sollte, welche Platte empfiehlt ihr ihm als Einstieg?

„FAMILY HORROR VOL. 01“ sowie „The Big Easy“ von Sevensol & Bender.


Aus dem FAZEmag 075/05.2018
www.kann-records.com