Ich bitte um einen Tusch. 15 Jahre Kittball, was für eine Leistung. Die Solingen-Dortmund-Connection hat es mit einer großen Anzahl an erfolgreichen Releases eindrucksvoll geschafft, zu einem der renommiertesten Label aus Deutschland zu werden. Zahllose Beatport-Top-Platzierungen sprechen hier ebenso eine deutliche Sprache wie Bookings und Label-Showcases rund um den Globus. Auch wenn sich das Dreamteam um Tube & Berger und Juliet Sikora ein anderes Jubiläumsjahr mit vielen Bühnen auf großen Festivals gewünscht hätte, gefeiert wird dennoch. Zum Beispiel mit dem 200sten Release und herausragenden Kollaborationen. Nachdem wir in den vergangenen Monaten diverse Kittball-Releases in unserer Tonträger-Rubrik abgefeiert haben, war es mehr als nur konsequent, den roten Cover-Story-Teppich für Kittball Records auszubreiten und Juliet Sikora und Tube & Berger zu 15 Jahren Kittball zu befragen.

 

15 Jahre, eine unglaublich lange Zeit, wenn es um elektronische Plattenfirmen geht. Wie seid ihr damals auf die Idee gekommen, das Label zu gründen und wie seid ihr auf den Namen gekommen?

Tube & Berger: Seit wir uns als Fulltime-Musiker sehen, war der Traum vom eigenen Label eigentlich ein stetiger Begleiter. Sich von Major-Labels nicht reinreden zu lassen und selbst neue Künstler zu signen und einfach autark zu sein, waren der Anreiz für die Gründung von Kittball. Der Name ist aus einer feucht fröhlichen Laune heraus entstanden. Wir haben damals ständig das Wort ‘Kitt’ benutzt. ‚Lass mal im Studio ordentlich Kitt geben‘ oder, ‚Mann, was war ich am Samstag verkittet‘, konnte man des Öfteren bei uns hören. Als es irgendwann hieß, dieser Planet ist doch ein einziger ‚Kittball‘ war der Name gefunden. Danke auch nochmal an King Brain, der hierbei maßgeblich beteiligt war.

Vor der Labelgründung hattet ihr schon erfolgreiche Karrieren in den Bereichen House und Techno! Warum seid ihr zuerst im relativ kleinen und überschaubaren Solingen (Bergisches Land) geblieben und nicht in eine Metropole umgezogen? Zumal Solingen ja noch einige schärfere Regeln in Bezug auf Veranstaltungen aufzuweisen hat als beispielsweise Wuppertal. Jetzt seid ihr zwar in Dortmund, was aber auch nicht unbedingt als Nabel der elektronischen Welt gilt.

Tube & Berger: Der Wechsel in eine kreative Metropole wie z. B. Berlin war für uns eine Zeit lang gar nicht mal so abwegig. Wir haben dann davon abgesehen und das war bestimmt auch gut so, sonst würden wir wahrscheinlich heute noch auf einer Afterhour festsitzen. Als wir plötzlich nur noch in Flugzeugen und Hotels gelebt haben, wäre ohne Mama Kittball, wie wir Juliet intern nennen, nichts mehr gelaufen. Da war es Zeit das Hauptquartier nach Dortmund zu verlagern.

Juliet Sikora: Die ersten Jahre hatten wir unser Office in Solingen, das stimmt schon. Damals saßen wir auch noch regelmäßig zusammen. Umso stressiger das Tourleben wurde, desto seltener hatten wir unsere Meetings. Da ich aus Dortmund komme, und mich primär ums Label kümmere, haben wir entschieden, unser Office nach Dortmund verlegen und den Laden zu vergrößern.

Das erste Kittball-Release stammt zwar von Tube & Berger, wurde allerdings unter dem Pseudonym Babylon Robots veröffentlicht. Aus rechtlichen Gründen oder wieso? Schließlich hatten Tube & Berger 2005 schon einige Hits vorzuweisen.

Tube & Berger: Tja ja, wie das leider oft so ist, gab es da einiges Rechtliches hin und her, da wir zu der Zeit als Tube & Berger vertraglich fest verbaut waren und uns nicht ganz so kreativ flexibel bewegen konnten wie erwünscht. Die Babylon Robots waren dann praktisch unsere Art, gegen das System zu rebellieren.

Im Laufe der vergangenen 15 Jahre habt ihr viele Releases veröffentlicht und dabei sehr viele Clubhits feiern können. Wie lautet die Philosophie von Kittball Records und wieso finden sich sehr viele Produzenten aus den Anfangstagen immer wieder auf Kittball? Das familiäre Brauchtum wird ja oft beschworen, aber bei euch scheint es zu stimmen? Oder ist das Zufall?

Juliet Sikora: Das habt ihr schon richtig festgestellt, wir halten den Familienzusammenhalt schon sehr hoch, ich glaube das ist auch mit einer der Gründe für unseren jahrelangen Erfolg. Wir leben dieses Gefühl. Wir möchten, dass die Künstler gerne mit uns arbeiten, sich wohl und verstanden fühlen. Wir haben immer ein offenes Ohr und versuchen nicht nur als Label zur Seite zu stehen, sondern auch als Berater und Freunde. Hört sich weichgespült an, ist aber so.

Eine der wichtigsten Veröffentlichungen auf Kittball Records mit einer sehr großen medialen Wirkung war eure „It Began In Africa“-Compilation. Wie kam es dazu und was war die Idee hinter diesem Charity-Event?

Juliet Sikora Tatsächlich hat das Thema schon eine lange Historie – 2009 kam die Vol. 1 raus und 2019 konnten wir die Vol. 3 veröffentlichen. Wir kamen auf die Idee, als Tube & Berger und ich im Studio an einer gemeinsamen Nummer arbeiteten. Da entdeckten wir ein afrikanisches Kindervocal: Leider hatten wir keine Information, wer die Urheber waren. Es fühlte sich einfach falsch an, das Vocal zu nutzen. Als wir auf unserer Suche dann den African Children’s Choir (ACC), eine gemeinnützige Organisation, die sich um Waisen und Kinder aus armen Verhältnissen kümmert, gefunden haben, war für uns die Sache klar. Wir bringen den ACC und unsere Szene zusammen und machen Charity. So entstand IT BEGAN IN AFRICA (IBIA).

Man gewinnt den Eindruck, dass es bei euch um Nachhaltigkeit geht. In einer Branche, die von Oberflächlichkeit geprägt ist, keine Selbstverständlichkeit. Mit welchen Maßnahmen versucht ihr, nicht nur an heute sondern auch an morgen zu denken?

Juliet: Bevor ich mir morgens die Zähne putze, checke ich schon die E-Mails, WhatsApp etc., ich bin einfach mit vollem Herzen dabei und es macht mir immer noch extrem viel Spaß. Jeden Tag, wenn ich vor dem Spiegel stehe sage ich mir; ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, ich denke das ist das höchste Level der beruflichen Zufriedenheit, das man erreichen kann. Das lässt uns ebenfalls langfristig denken und handeln, damit dieser Traum, der zur Erfüllung wurde, nicht gefährdet wird. Natürlich läuft das nicht immer so einfach, wie es sich anhört: Es gibt immer wieder Ups and Downs bei einem Label, den Weg aus einer Sackgasse zu finden und sich immer wieder neu zu erfinden ist wichtig und macht den Erfolg langfristig dann aus.

Kittball ist mittlerweile viel mehr als ‚nur‘ ein Label sondern auch ein Veranstaltungsbrand mit vielen eigenen VAs und vielen Bühnen auf bekannten Festivals. Wann und wieso habt Ihr damit begonnen, eure eigenen Veranstaltungen durchzuführen?

Juliet Sikora: Die Anfrage war da und es ist immer clever, auch um die Ecke zu denken und eine weitere Einnahmequelle zu haben, neben den anderen Bereichen wie Publishing, Neighbouring Rights, Merchandise und dem Lizenzgeschäft. Der Download ist geradezu ins Bodenlose gefallen vor ein paar Jahren und der Streamingmarkt holt auf, aber bei weitem nicht so schnell, wie der Download am Boden verloren hat. Das Gute ist, dass ich das Thema Event auch studiert habe, also warum dies nicht nutzen. Wir haben vor ca. drei Jahren damit angefangen, die Bookingagentur erstmal auf Eis gelegt und uns voll auf die Events konzentriert, eigene Konzepte kreiert – wie unser Day & Night Festival , Kittball Rooftop oder die Winter Rooftop, um ein paar Sachen zu nennen. Wir sind sehr dankbar dafür, dass es von Anfang an so gut angenommen wurde.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung bei Kittball? Sowohl Juliet Sikora als auch Tube & Berger sind – in normalen Zeiten – jedes Wochenende auf dem ganzen Erdball unterwegs. Wer kümmert sich im Team um welche Aufgaben und wer gehört noch zum festen Kittball-Stamm?

Tube & Berger: Ohne unsere gute Katsi (Juliet) wären wir mit dieser Unternehmung ziemlich aufgeschmissen. Seitdem wir verstärkt als Artists touren und unsere Kids haben, sind wir vor allem noch am A&Ring und als Acts bei den Events involviert – als Bürokräfte haben wir sowieso nie wirklich was getaugt.

Juliet Sikora: Grundsätzlich kümmere ich mich um das Labelmanagement und koordiniere die Zusammenarbeit mit unseren Mitarbeitern und Partnern wie z. B. Housesession, die uns beim Backoffice unterstützen. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir uns auf kreative Arbeiten fokussieren möchten und müssen, sodass wir einige Bereiche outgesourcet haben. Wir haben eine eigene Verlagsedition, die über den Independent Musikverlag ROBA läuft. Wir haben einen unvergleichlichen Grafiker aus der Dominikanischen Republik, ein Team von Künstlern, mit denen wir zusammen A+R Meetings abhalten. Wir haben Heiko als Teilzeitkraft, der mich unterstützt, Ana unsere herzallerliebste Praktikantin, Chris, der sich hauptsächlich um T&B kümmert, uns aber auch im Bereich Social Media unterstützt. Dann gibt es noch Michael, der sich primär um das Sublabel ZEHN mit Berger zusammen kümmert. Es gibt auch eine Erweiterung in diesem Jahr zu unserem Portfolio, unser zweites Sublabel UROK, das die Baustelle von Herrn Tube und mir werden wird.

Wie übersteht ihr die Corona-Krise?

Juliet Sikora: Besser als gedacht, muss ich ehrlich sagen. Am Anfang hatte ich wirklich Panik, wie sich das alles auf unser Baby auswirkt. Aber Kittball hat gezeigt, dass es gesund und kräftig ist. Wir sehen Corona gerade eher als Chance, sich neu aufzustellen und mutig zu sein, über neue Wege nachzudenken. Daher die Idee mit dem zweiten Sublabel UROK. Wir machen auch weiterhin Events, die bis jetzt fast immer ‚Sold Out‘ waren. Was mich allerdings etwas traurig macht ist, dass wir für dieses Jahr so viele tolle Events und Collab-Events geplant haben zu unserem 15-Jährigen und leider so gut wie alles auf 2021 verschieben mussten. Unsere Stage auf dem Pollerwiesen Festival, Juicy Beats Stage, Dockland Festival und und und …

Tube & Berger: Corona und der damit einhergehende Wahnsinn ist gleichermaßen Fluch und Segen. Veranstaltungen und Bookings fielen einerseits größtenteils weg, andererseits konnten wir noch einmal als Künstler sozusagen „back to the roots“ gehen und uns im Studio austoben und uns an zahlreichen unerwarteten Kollaborationen mit Schwergewichten wie Nervo oder Like Mike ausleben und eine Single für das AfterHours-Label von Tiësto machen. Endlich ist die Zeit für Co-Produktionen z. B. für den abgedrehten Italiener Boss Doms feat. Kyle Pearce „I want more“. Wir bleiben aber auch dem Tech-House-Gebolze treu und machen mit Raumakustik eine Nummer für das neue Label von den Solardo-Jungs. Ein Toolroom-Release ist in der Pipeline, und wir wollen noch ein Follow-up für das Label Muse von Dennis Cruz und Eddy M produzieren. Und natürlich werden auch ein paar Dinger für Kittball kommen. Wir finden es spannend, Musik für mehr als „nur“ den Dancefloor zu machen. Alles ist anders, und die Karten werden neu gemischt.

Was bringt die Zukunft? Auf welche kommenden Releases können wir uns freuen?

Juliet Sikora: Ganz aktuell feiern wir nicht nur unser 15-jähriges Bestehen, sondern auch unser 200. Release auf Kittball und ich bin mega stolz, dass ich mit Ashibah zusammen für den musikalischen Erguss sorgen durfte. Zudem dürfen wir dieses Jahr Künstler wie Lexlay, The Deepshakerz, Ashibah, Nils König und auch Tube & Berger begrüßen. Was die Zukunft bringt: ich hoffe viel Positives. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass wir gut durch diese schwere Zeit kommen.

 

Welche fünf Kittball-Releases haben für euch den ideell größten Stellenwert und wieso?

Tube & Berger: Milan Euringer – Lovebreak
Paji – Six o clock
Juliet Sikora – Larrys Garage
Tube & Berger, P.A.C.O. – Greyjoy
Purple Disco Machine – Yo

Zu jedem einzelnen Song herrscht eine große emotionale Bindung, daher würde ein „wieso“ eindeutig den Rahmen sprengen ;-)

Was ist die verrückteste Geschichte, die euch bei euren Veranstaltungen passiert ist?

Tube & Berger: Zum einen haben wir mehr vergessen, als andere erlebt haben. Zum anderen ist es für uns normal, wenn sich bei unseren Events die Leute auf der Tanzfläche ausziehen, wild Liebe machen und Kontakt zu außerirdischen Lebensformen aufnehmen.

Wann finden die nächsten Kittball-VAs statt?

Juliet Sikora: Wir haben das Glück, dass jeden Sonntag bei gutem Wetter in Dortmund im Moog Garden unser Kittball Cafe stattfindet. Eine kleine Oase der Glückseligkeit und Freude. Wir überlegen auch gerade, das Konzept weiterzuführen in den Herbst und Winter hinein, sofern das Wetter trocken ist. Wäre nicht das erste Mal, dass wir draußen in Ski Klamotten eine Kittball Veranstaltung feiern. Die Frage ist, ob die Regierung uns wieder einschränkt, ich hoffe jedoch nicht. Weil, wo soll es hinführen, wenn wir wirklich keine Möglichkeit mehr haben, zumindest laut Musik zu hören außerhalb der eigenen vier Wände? Des Weiteren feiern wir am 19.09. unser im Juli angesetztes Day & Night Festival in einem anderen Rahmen nach. Familiärer und nur tagsüber. Haltet also die Augen auf, wir sind definitiv sehr umtriebig und lassen uns immer wieder was Neues für euch einfallen.

Tube & Berger: Lasst uns nicht aufgeben und zusammenhalten, denn es wird eine Zeit nach Corona geben und diese Zeit wird – Harder, Faster, Scooter!

 

Aus dem FAZEmag 103/09.2020
Text: Sven Schäfer