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Glaubt man den Esoterikern, so steht die Zahl 16 für Schwierigkeiten und Lernprozesse. Macht Sinn, gedeiht doch gerade in der Pubertät der Sarkasmus und das Interesse am umständlichen Chaos in uns heran. Die Ziffer symbolisiert aber auch Seelenstärke und Mut. Und man darf zwar mit 16 für gewöhnlich noch keinen Technoclub betreten, aber man kann vor ihm sitzen und ein Bier trinken – immerhin. In der metaphysischen Lehre geht es bei der Zahl 16 um die bewusste Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Emotionen und Spiritualität. Das passt doch schon eher, sowohl Magie als auch Blut, Schweiß und Gefühle pflastern die 16-jährige Geschichte des Labels Freude am Tanzen.

Das sagt bereits der Name der Jenaer Kreativwerkstatt: „Damals kam ein Freund zu mir und zeigte mir eine Einkaufstüte aus der DDR. Dort stand ‚Freude am Einkauf’ drauf, das habe ich dann einfach eingescannt, umgestaltet und fertig war der Name Freude am Tanzen“, sagt Thomas Sperling, Mitbegründer des Labels, mit einer euphorischen Stimmung, die nicht nur ansteckt. Man könnte glauben wir sind wieder im Jahr 1995. Damals veranstaltete er mit seinem Partner Daniel Mauß die Reihe TIMELESS. Auch wenn zumeist der Fokus auf Berlin liegt, war der Fall der Mauer ein Segen einer bereits entstehenden Szene im Osten. Die Ausreisemöglichkeit ist hier das Stichwort, aber prägend waren besonders zwei Quellen: „Marusha mit ihrer Sendung Dancehall auf DT 64 hat den ganzen Osten ja quasi sozialisiert mit der Mischung aus Happy Hardcore, Breakbeats und Techno aus Berlin, Belgien und Detroit.“ Außerdem ging es natürlich persönlich in die Hauptstadt: Tresor, Walfisch und Planet die Adressen, in denen Sperling erste Eindrücke sammelte und sich anschaute, wie man eine ordentliche Party aufzieht. Das gebündelte Wissen floss in die TIMELESS-Partys von Freude am Tanzen im alten Kassablanca. Doch der Weg zur Club-Institution, die das Kassablanca heute darstellt, war steinig: Vereinsgründung, Geldprobleme, Nazis, Schwierigkeiten mit den Pächtern, Umzug in einen ehemaligen Wasserturm am Jenaer Westbahnhof bis hin zum Aus- und Umbau des ehemaligen Lokschuppens im Jahre 1997. Und die Partys konnten mit denen aus der Hauptstadt sicherlich mithalten, buchte man doch die großen Heroen der Zeit. Ob Jeff Mills, Robert Hood, Tanith, Rok oder Westbam – alle wurden sie von Sperling nach Jena gebracht. „Wir haben damals wie heute sehr viel Bedeutung auf die Dekoration, das Licht und den Sound gelegt. Das war uns immer sehr wichtig, damit die Partys auch erfolgreich sind“, erzählt Sperling ohne einen Anflug von Nostalgie im Timbre. Der Aufbruch in der Provinz ging dabei so richtig im Herbst 1991 los. „Es gab zwar bereits im Kassa eine Technoparty am Mittwoch, aber wir waren die ersten, die das wirklich durchgezogen haben.“ Sperling, den seine Freunde liebevoll Spatz nennen, ist ein Sympathieträger. Ständig lacht er im Gespräch und schlachtet seine Pionierrolle in der Lichtstadt keineswegs aus. Dabei lösten die Anfänge der Partys einen regelrechten Schub aus, der sich auch auf die Szenen in Erfurt, Dresden, Leipzig und Magdeburg übertrug. Auf den ersten Partys spielten aber vor allen Dingen lokale Talente, denen Freude am Tanzen eine Plattform bot, um ihre Sichtweise zum elektronischen Boing Boom Tschak mitzuteilen. Schnell bildete sich ein Netzwerk und eine weitere Idee: „Wir hatten ja viele Leute, da habe ich denen einfach gesagt, ihr könnt auch mal eine Platten machen. So hatten wir dann die Möglichkeit uns ein wenig bekannter zu machen und den Sound der Partys ein wenig einzufangen und aus dem Dunstkreis Jena herauszutreten“, sagte Sperling. Der erste Release des Labels FAT001 erschien im Dezember 1998. „Four Sexy Tracks“ wurde nicht nur in einer Auflage von 350 Stück produziert, von den drei vertretenen Artists ist bis heute nur noch Robag Wruhme, damals noch DJ Gabor, aktiv.

Dass jedoch nach der Labelgründung keine Luftschlösser gebaut wurden, zeigt der Katalog: Bis 2001 wurde lediglich eine Platte pro Jahr veröffentlicht – House mit deepen Pathos und diesem speziellen Twist, der auch bei den über 60 Veröffentlichungen zu hören ist. „Wir hatten doch DJs wie Gabor oder Sören Bodner, so war die Idee, dass sie auch mal eine Platte machen können. So stieg die Bekanntschaft, der Sound der Partys wurde ein wenig eingefangen und wir konnten auch aus dem Dunstkreis Jena hervortreten.“ Sperling nennt Unbedarftheit und Musikbegeisterung als Schlüsselfaktoren der ersten Schritte des Labels: „Wir wollten das einfach machen. Es war auch eigentlich kein großes Risiko, seit jeher gilt: Mit dem Geld was wir haben, machen wir das was wir tun.“ Dieses gesunde Credo spiegelt sich auch in der Geschichte des Labels wider – step-by-step statt überschnelle Profitgier. Von der Eröffnung des Freude am Tanzen-Plattenladens Fatplastics über die Gründung des Sublabels Musik Krause, das mit dem A&R Wendelin Weissbach aka Metaboman auf frechere Floor-Stücke setzt, bis hin zur FAT-zig-Reihe und der angeschlossenen Booking-Agentur – Freude am Tanzen ist in den letzten 16 Jahren natürlich gewachsen. Selbst auf die Digitalisierung konnte man angemessen reagieren: „Dafür das es um Techno geht, also alles technologische Nerds am Werke sind, kam die Digitalisierung eigentlich recht spät. Natürlich sind ab 2006 dann die Plattenverkäufe zurückgegangen, aber dem Hörer im Club ist es egal, welches Medium er hört. Vinyl zu spielen, gilt heute schon wieder als exotisch, dabei sind gewisse Entwicklungen nicht aufzuhalten. Musik ist ja nur das Handwerkszeug. Um die richtige Spannung zu erzeugen, muss der DJ selber einen Bogen spannen, das ist seine Hauptaufgabe.“ Dabei hat Sperling in den letzten Jahren mit Mathias Kaden, Douglas Greed, Kadebostan, Monkey Maffia, Juno6 oder Marek Hemmann nicht gerade wenige Talente zu bieten, die die Gesetze des Floors kennen. Auf der nun erscheinenden Jubiläums-Compilation „FAT Six10“ finden die alten Recken ebenso Platz wie die jüngeren Talente Mooryc oder Tim Vitá & Oliver Gehrmann. „Sweet Sixteen war immer unser Arbeitstitel, wir feiern eben die ungeraden Zahlen. Wir machen das einfach anders und wer weiß, vielleicht feiern wir einfach nur Primzahlen“, amüsiert sich Sperling.

In Jena swingt man eben anders, und dafür kann man Sperling und seine Crew nur beglückwünschen – sowohl für das reflektierte und nicht allein hedonistisch-getriebene Gestalten einer Szene als auch für das Portfolio eines Labels, das längst nicht nur international Anerkennung gefunden hat, sondern seit den Anfangstagen stets auf Qualität statt Quantität setzt. Die abwechslungsreiche Compilation wird mit speziellen Showcases in Paris, Köln, Berlin und Hamburg wird im Laufe des Jahres gefeiert. Mit dabei: Ein 45-jähriger Sperling, der sich kritische Gedanken über die explodierte Gagenentwicklung macht, denn schneller Erfolg sei zwar einfach, doch wo bleibe da die Nachhaltigkeit. Es sind Worte eines Musikverrückten, der auch nach zwei Jahrzehnten nicht die Lust verloren hat. Gilt für Sperling wie für Freude am Tanzen gleichermaßen: Alter schützt vor Liebe nicht, aber Liebe vor dem Altern. / Sebastian Weiß

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Marek Hemmann – Bittersweet (Freude am Tanzen)
www.freude-am-tanzen.com

FAT Six10 Tourdates:
13.09. Aschaffenburg, Double X (Monkey Maffia, Berk Offset)
31.10. Stuttgart, Kowalski (Monkey Maffia, Mooryc LIVE)
08.11. Köln, Heinz Gaul (Monkey Maffia, Jesper Ryom LIVE)
14.11. Berlin, Watergate (FAT Showcase)
21.11. Hamburg, Docks (Douglas Greed, Krause Duo, Mathias Kaden)
12.12. Rave on Snow, Saalbach-Hinterglemm/Österreich (Mathias Kaden, Douglas Greed, Monkey Maffia)
20.12. Gebesee, Klangkino (Douglas Greed feat. Nagler & Kuss LIVE, Monkey Maffia, Krause Duo, Thomas Stieler)