Der Supermarket in Zürich West unterhält die Massen seit 1998 und ist damit eine der (wenn nicht sogar die) Keimzelle des modernen Clubbings in der grössten Schweizer Stadt. Wer rechnen kann wird schnell merken, dass der Club in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen feiert. Dieses denkwürdige Ereignis, die durchschnittliche Lebensdauer eines Zürcher Tanzlokals liegt unter zehn Jahren, haben die Betreiber des Supermarkets Sandro Bohnenblust und Jean-Pierre Grätzer zum Anlass genommen, nach weit mehr als einer Dekade Absenz mit einem eigenen Love Mobile zur Street Parade zurückzukehren. Neben dem Langstrasse-Club Klaus und dem Club Bellevue wird der Supermarket einer von drei Zürcher Clubs sein, die mit einem eigenen Lastwagen ums städtische Becken des Zürichsees zuckeln. Und es ist dieses Love Mobile, das im Vorfeld der Street Parade den meisten Rummel verursacht: Die großen Schweizer Tageszeitungen und ebenso die Radiosender stehen vor dem Club mit Stift oder wahlweise Mikrofon die Füsse platt um über das Street-Parade-Comeback dieser Zürcher Nachtleben-Ikone zu berichten. Was ist es, das diesen Club ausmacht? Wo liegen die Ursachen für das anhaltend große Interesse am Supermarket?

 

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Das hat diverse Gründe. Zum einen wäre da natürlich der bereits erwähnte Pioniergeist, der durch diese hehren Hallen weht. Als der Supermarket 1998 an der Geroldstrasse erstmals Gäste empfangen hat, war Zürich West noch nicht „die erste Schweizer Partymeile“ zu der das Stadtviertel dereinst werden sollte. Einen Club im streng regulierten und mit vielen amtlichen Vorschriften beladenen Zürich zu eröffnen war damals ein abenteuerliches Wagnis: Das liberalisierte Wirtegesetz trat erst 1998 in Kraft und damit im Gründungsjahr des Supermarkets – keiner konnte damals wissen, welche gigantische Auswirkungen diese Lockerung auf das nächtliche Zürich haben wird. Clubs wie das dritte Rohstofflager, die Dachkantine und die Tonimolkerei sind in der weiteren Nachbarschaft des Supermarket entstanden und wieder verschwunden, andere wie das Hive, die Härterei und der Escherwyss-Club sind später dazugekommen und machen das heutige Nachtleben von Zürich West aus. Der Supermarket ist damit auch ein Zeitzeuge, eine der wenigen Konstanten im von Umwälzungen geprägten Zürcher Westen. Zwischenzeitlich sah es für den „Supi“ nicht gut aus: Die Zürcher Stadtverwaltung plante einst just auf seinem Boden ein neues Kongresszentrum, dessen Bau jedoch verhindert werden konnte. Die Ups und Downs in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Club und Betreiber geeicht und den Supermarket zu dem gemacht, was er heute ist: Eine überaus lebendige und lebende Legende.

Von Beginn weg hat man hier auf elektronische Clubmusik gesetzt und die Partys dahingehend konzipiert. Die Musik stand hier schon damals im Mittelpunkt und tut es auch heute noch. Diese Konsequenz ist einer der Hauptgründe für den langjährigen Erfolg des Supermarkets. Zu guter Musik gehört natürlich auch ein gutes Soundsystem und in diesem Club wummert eines der besten des Landes. Dieses ist komplett mit KV2-Equipment bestückt und ist ein regelrechter Showroom für die Marke geworden: Die überdimensionierte Anlage eröffnet Bohnenblust und Team die vollständige Auslotung sämtlicher musikalischer Möglichkeiten und sorgt auch bei erfahrenen DJs und Soundexperten wie Tobi Neumann für Begeisterung. Das KV2-Soundsysem ist ein Spiegel für die vom Supermarket gepflegte Kompromisslosigkeit, die sich bei der Raumgestaltung, der Programmierung und in etlichen weiteren Bereichen des Clubs fortsetzt.

Was die Programmierung anbelangt setzt man hier auf einen wohlausgewogenen Mix aus international renommierten Namen und einem feinen Stamm an Schweizer Residents. Tale of Us, Tobi Neumann, Loco Dice, Âme, Adriatique, M.A.N.D.Y. und Dixon sind nur ein paar wenige der Größen, die dem Supermarket in den letzten Jahren einen Besuch abgestattet haben. Die Partys werden (auch) von so arrivierten Marken wie den nach New York expandierten Mirage-Brooklyn-Machern von Cityfox veranstaltet und auch der Austausch mit anderen Nightlife-Motoren im Ausland wird gesucht: Am Wochenende des 1. und 2. September kommt der berühmte Club Midi aus dem rumänischen Cluj nach Zürich um im Supermarket ein zweitägiges „Manifest“ auszurichten – mitsamt seinen wichtigsten Clubmusikern wie Mihigh, Priku und Arapu. Aber auch die Schweizer DJs an dieser Adresse haben viel zu bieten und sind nicht selten auch ausserhalb der helvetischen Grenzen bekannt, wie beispielsweise Dario D’Attis.

Die Location selbst ist ebenfalls ein Highlight. Der ebenerdige Club in den backsteinernen Mauern einer ehemaligen Autowerkstatt verfügt über eine großzügige Tanzfläche, die von zwei dominanten Bars begrenzt wird. Hinter der Hauptbar befinden sich (etwas erhöht) zum Verweilen ladende Lounges. Die Decken befinden sich in der exakt richtigen Höhe, nicht zu niedrig, sodass sie ein beklemmendes Gefühl verbreiten würden, aber auch nicht zu hoch, was der Stimmung abträglich wäre. Zu wahrer, raumtechnischer Hochform läuft der Club aber im Sommer auf: Als einer der wenigen Zürcher Clubs verfügt der Supermarket über einen Aussenbereich, der im Sommer für ein paar Wochen zur, thematisch beeindruckend gestalteten, Tankstelle-Pop-up-Bar wird. Wer also etwas frische Luft schnappen möchte, der braucht nicht erst Treppchen hoch oder Treppchen runter zu machen, nur um sich dann auf einen engen Bürgersteig zu quetschen, sondern kann einfach mit ein paar wenigen Schritten in ein grosszügiges Freies treten. Alles hier ist Luft, Raum und Öffnung nach allen Seiten. Selbst wenn der Supermarket äusserst gut besucht ist (was sehr oft vorkommt) kommen hier nie klaustrophobische Gefühle auf.

Das Publikum im Club ist bunt gemischt; jeder und jede ist willkommen aber nicht alle kommen rein. Dennoch etabliert der Supermarket keine restriktive Türpolitik: Wer sich anständig verhält und es nicht an Respekt den Mitfeiernden gegenüber mangeln lässt, der darf hier tanzen. Dies führt zu spannenden Begegnungen mit Menschen, mit denen man ansonsten vielleicht kein Bier heben würde. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst einer, über viele Jahre eingespielten, Barcrew – hier arbeiten gar Leute, die mit dem Club ihr Zwanzigjähriges begehen können. Man kennt sich also und wird als Freund behandelt. Das gilt nicht nur für das Personal, sondern auch für die Gäste des Clubs: Hier herrscht eine dominante familiäre Atmosphäre und im Laufe der Jahre sind unzählige Anekdoten zusammengekommen – einjeder hier hat seine eigene Supi-Geschichte.

Am Wochenende vom 14. bis zum 16. September wird der Supermarket seinen zwanzigsten Geburtstag mit einem dreitägigen Fest begehen. Dieses wird auf dem großen Platz zwischen Geroldsgarten und Club stattfinden. Am Freitag wird die Vergangenheit des Clubs gewürdigt, samt Sets ehemaliger Supi-Dauerspieler wie Mike Levan, René S, Kurtis, Gallo, George Lamell, Urs Diethelm, Pitsch & Heinz, Boost, Madness, Gogo, Tonic, Dani König und Jamie Lewis. Dabei wird die glorreiche Vergangenheit auch mit der Abgabe einer exklusiven Compilation an die anwesenden Gäste manifestiert: Diverse bekannte DJs haben für diese einen Song im Stile der 90er Jahre produziert. Am Samstag und am Sonntag dann lässt man die Vergangenheit Vergangenheit sein und widmet sich der Gegenwart: Die entsprechenden Line-ups und das begleitende Programm befinden sich noch in der Konzeptionsphase.

Ungeduldige die den September nicht abwarten mögen, wird empfohlen, sich am 11. August an die Strecke der Street Parade zu begeben und nach dem Supermarket-Love-Mobile Ausschau zu halten: Was da vorbeizuckelt und -wummert ist ein großes Stück Stadtzürcher Vergangenheit und Gegenwart. Nicht nur was das Nachtleben anbelangt, sondern die gesamte städtische Kultur.

www.supermarket.li

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