30 Jahre Antaris Project – Interview mit Booker Jonas Kersten

Foto: Murilo Bezescky

Muss es immer das Festival sein, das täglich 70.000 Besucher anlockt und musikalisch in Richtung Mainstream ausgerichtet ist? Events in dieser Größenordnung ziehen die Massen an, klar. Doch was ist mit Independent-Veranstaltungen, die gar keine Acts im Line-up haben wollen, für die sie eine fünf- oder sechsstellige Gage hinblättern müssen? Können auch sie auf eine lange Historie zurückblicken, auf eine gute Zukunftsprognose und zufriedene Gäste? Beim Psytrance- und Goa-Open-Air namens Antaris Project lautet die Antwort eindeutig: JA. Denn während die meisten Open Airs nach zwei oder drei Anlaufversuchen auf dem hart umkämpften Markt aufgeben (müssen), hat sich dieses Underground-Event zu einem echten Szene-Geheimtipp etabliert. Und das nicht erst seit gestern. Dieses Jahr feiert die Crew ihr bereits 30. Jubiläum. Höchste Zeit, einmal hinter die Kulissen zu blicken und Booker Goa Jonas ein paar Löcher in den Bauch zu fragen.  

Foto: Suraj Mohandas

Hallo Jonas, super dass du Zeit hast für ein Gespräch. Vielleicht zum Einstieg: Stell dich doch unseren Lesern kurz mal vor. Wer bist du, was machst du und wie und wann bist du eigentlich beim Antaris Project gelandet?

Ich bin Jonas und … Wahnsinn, wenn ich mir das gerade so durch den Kopf gehen lasse … seit fast 28 Jahren schon als DJ im Bereich Psytrance unterwegs. Im Alter von zwölf Jahren habe ich mit dem Auflegen begonnen, damals, 1995, noch mit Kassetten.

Und wo waren deine Roots?

Passenderweise tatsächlich in Goa, in Indien. Ich habe zu der Zeit mit meinen Eltern dort gelebt, von 1991 bis 1999. Los ging es natürlich nicht mit digitaler Technik, sondern mit Kassetten. Und witzigerweise habe ich dort im Alter von sechs Jahren auch Uwe Siebert kennengelernt, den Gründer des Antaris Project. Er war oft dort, in der „Geburtsstätte“ des Goa-Sounds, am Anjuna Beach, im Restaurant „Nazlavi“ habe ich ihn zusammen mit meinen Eltern immer mal getroffen.

Die Grundsteinlegung für deine Tätigkeit beim Antaris Project?

Kann man so sagen, ja. Denn er hat mich von Beginn an supportet und meinen Werdegang stets verfolgt. Und in der Tat hatte ich dann 1999 meinen ersten großen, bezahlten DJ-Gig auf dem Antaris. Da war ich 15 Jahre alt.

Und heute zählst du zur Crew der Veranstaltung.

Richtig. Seit 2014. Es war das Jahr, in dem die Antaris ihr 20. Veranstaltung feierte. Zwischen 1999 und 2014 habe ich zwar auch immer wieder mal dort aufgelegt, doch dann ergab sich die Möglichkeit, das Booking zu übernehmen. Ich kümmere mich also um das Line-up, die Timetables, die Kommunikation mit den Künstlern und Managern, buche die Flüge (falls nötig), plane die Logistik und, und, und …

… und das machst du alles ganz allein?

Jein. Bis vor drei Jahren schon, aber seitdem habe ich Unterstützung im Boot, weil diese ganze Orga doch schon enorm aufwendig ist.

Lass uns noch mal kurz zurück zum Stichwort Goa. Bist du in Indien geboren?

Nein, ich nicht. Aber meine jüngere Schwester. Ich selbst bin in der Nähe von Hamburg auf die Welt gekommen und habe dort auch die ersten fünf Jahre gelebt. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch sehr jung war. Meine Mutter hat dann einen neuen Mann kennengelernt, einen Hippie, wie er im Buche steht: lange Haare, langer Bart, total freiheitsliebender Typ. Er ist auch immer barfuß durch Hamburg gelaufen. Und mit ihm sind wir dann 1991 nach Indien ausgewandert.

Weil?

… es sich vermutlich im heißen Goa einfacher barfuß laufen lässt als beim Schietwetter in Hamburg. (lacht)

Und wie habt ihr dort gelebt?

Total flippig, mal in einer Hütte am Strand, mal in einer Höhle.

Interessante Stationen, die du da erlebt hast. Interessant ist auch das Antaris Project. Wie groß seid ihr eigentlich so aufgestellt?

Wir haben ein paar festangestellte Mitarbeiter, aber die meisten sind Freiberufler. Die Stamm-Crew besteht auch nur aus einer Handvoll Leuten, so drei bis vier. Die kümmern sich das ganze Jahr über um die Entstehung der Antaris. Kurz vor Festivalbeginn sind wir dann schon so 30+ Leute, und am Festival selbst natürlich noch mal eine Schippe mehr.

Ihr greift aber bestimmt auch externe Firmen zu, oder?

Ja klar. Audiophil Berlin ist beispielsweise für das Soundsystem und die Hauptbühne verantwortlich, EPS kümmert sich um das Licht, TOI TOI & DIXI übernehmen den Part mit den Sanitäranlagen, die Deko übernimmt Free Optics. Da greifen wir auf die Deko vom letzten Jahr zurück und erweitern diese noch mal. Den Techno- & Chill-Floor bauen wir selbst. Da greifen wir auf die langjährige Erfahrung von Axel Stumpf und seinem Team zurück.

Bühnen. Wie viele Bühnen gibt es on location?

Dieses Jahr zum ersten Mal seit 18 jahren zwei. Ein Psytrance-Floor und eine Techno-/Chill-Area. Wir werden den Platz auch komplett neugestalten. Neues Konzept. Den bisherigen Alternative Floor ersetzen wir beziehungsweise wird dieser 2023 mit dem Chill- und Techno-Floor vereint. Das Feuerzelt wird es wie gehabt geben, aber es wird davor eine Tanzfläche gebaut, damit man wie immer im Zelt chillen kann, aber auch mehr Platz hat zum tanzen. Wir wollen die Floors somit größer gestalten und legen den Fokus klar auf das Miteinander. Wir wollen nicht mehr so weit verstreut sein über mehrere Floors hinaus. Wir werden die Areale noch liebevoller gestalten, mit noch mehr und noch schönerer Deko und besserer Licht- und Soundtechnik.

Deko, Licht und Sound ist das eine Thema – das Line-up ein anderes. Nun ist es ja so, dass viele die Goa- und Psytrance-Musik mit Acts wie Neelix, Vini Vici, Ace Ventura und Infected Mushroom verbinden. Künstler, die das Underground-Genre – ich sag mal so – salonfähig gemacht haben. Dennoch liest man in eurem Line-up keine Mainstream-Artists.

Und das ist auch gut so. (lacht) Es ist zwar wunderbar, dass diese Künstler die Szene mehr in die Öffentlichkeit rücken, aber unsere Intention ist klar der Underground. Kein neuartiger Pop-Psytrance mit Gesang – das versuchen wir zu vermeiden. Kein „Kling-Klong“, sondern deeper und authentischer Sound dieser Sparte. Völlig im non-kommerziellen Bereich.

Liegt nicht der Reiz, einen Neelix zu buchen, darin, dass man lapidar gesagt die Hütte voller bekommt?

Ja, das ist natürlich ein Argument, weil solche Acts gewisse Massen anzieht. Aber dann wäre das traditionelle der Antaris verloren, das Spirituelle ebenfalls. Der finanzielle Erfolg wäre sicher größer, aber das Feeling geringer. Das Publikum würde sich dadurch zwar verjüngen, aber unsere Stammgäste womöglich „vergraulen“, und das ist jetzt gar nicht böse gemeint. Denn Neelix & Co. haben allesamt ihre Daseinsberechtigung und machen ihre Sache ganz hervorragend. Aber die Antaris ist halt einfach anders ausgerichtet.

Ich hab im Aftermovie gesehen, dass ihr durchaus Gäste habt, die über 60 Jahre alt sind. Außerdem betont ihr auf eurer Website, dass auch Kinder willkommen sind. Aber die Antaris ist kein reines Daytime-Event, stimmt’s?

Stimmt. Die Antaris ist der Familientreff der Goa- und Psytrance-Szene. Bei uns läuft 22 Stunden am Tag Musik. Zwei Stunden werden genutzt, um die Location sauber zu machen, und dass die Menschen ein bisschen Ruhe bekommen. Wir wollen einfach den Spaß vermitteln, ohne Altersgrenzen, ohne Herkunft, ohne beruflichen Background unserer Gäste. Wir sind ein ganz friedvolles und homogenes Generationenfestival. Bei der Antaris wird auch nicht nur Musik geboten, wir bieten im „Spiritual Circle“ auch Meditation an, Yoga, Workshops, Vorlesungen und vieles mehr. Wir sind also kein reines Party-Event. Jeder achtet aufeinander. Wohlfühlen ist oberstes Credo, füreinander da sein. In unserem Publikum gibt es von jung bis alt alles, manche Gäste sind auch schon 80 oder älter. Für Menschen mit Behinderung und Familien gibt es auch einen speziellen Campingbereich.

Wie gehst du in Sachen Booking vor? Wo ist dein Anspruch und was muss ein Act haben, damit er bei der Antaris im Line-up steht?

Ich versuche, eine gute Balance zu halten. Ich sehe das Line-up als ein großes DJ-Set an. Das ist immens wichtig, wenn man einen guten Timetable basteln will. Ich kann nicht erst Progressive Trance spielen lassen und dem folgt dann ein Forest-Dark-Act. Ich lege großen Wert auf die „Wellenberwegung“, kein „Hüh und Hott“, alles muss harmonisch sein im Übergang. Breit fächern: ja, auf jeden Fall. Es soll natürlich für alle was dabei sein. Speziell dieses Jahr, zum 30. Geburtstag der Antaris. Hier habe ich auch Acts „ausgegraben“, die schon auf der ersten Antaris performt haben. Gerne auch eine Prise Oldschoolness, mit Künstlern wie Astral Projection oder Man with no Name, die seit mehr als 30 Jahren Musik machen. Außerdem haben wir dieses Jahr auch zwei Bands, einmal Hilight Tribe auf dem Mainfloor, die für ihren Natural Trance bekannt sind, und dann noch Klangphonics, die auf unserem zweiten Floor Live-Techno spielen. Mal retro, mal modern, mal psychedelisch für die Nacht aber nicht zu dark & twisted. Und für den Tag darf es auch ein bisschen smoother zugehen.

Und wie vereint ihr auf dem Techno-/Chill-Floor diese beiden doch sehr konträren Stilrichtungen?

Darum kümmert sich bookingtechnisch mein Kollege Chris Zippel. Ich habe zwar auch Acts beigesteuert, um ein paar größere Psytech-Leute dabei zu haben. Also – tagsüber ist es in diesem Areal eher chillig, auch mal mit Live-Flöte. Abends sind wir technoider unterwegs. Aber nicht zu heftig, schön tanzbar. Der Floor soll einen guten Kontrast zur Mainstage bilden.

Und wie setzt ihr den Sound in Sachen Technik und Beschallung um? 360 Grad, 8-Punkt?

Das hatten wir viele Jahre. 2022 haben wir uns nach langer Zeit für die Stereo-Version entschieden. Denn wenn man ehrlich ist, ist ein 8-Punkt-System halt auch nur 4 x 2 Stereo, was die Speaker angeht. Wenn du falsch stehst, hast du ein Delay. Und mit Stereo hört es sich überall gut an auf dem Dancefloor. 2022 haben wir Lambda Labs ins Boot geholt. Ein bombastisches Soundsystem, das wir dieses Jahr noch mal erweitern werden. 120.000 Watt, mehr Bässe, Mitten und Höhen auf beiden Floors. In Bezug auf die Lichttechnik setzen wir auf Laser, Schwarzlicht und Moving Lights, noch mal eine Ecke aufwendiger als im Vorjahr. Wir sind auch in Gesprächen, auf Dolby-Atmos-Ebene ein 360-Grad-Klangerlebnis umzusetzen. Allerdings ist die Technik noch nicht so weit, dass es für unsere Floorgrößen ausreichen würde. Da kannst du maximal nur 20 Meter beschallen. Also: Zukunftsmusik.

Was euch auch noch wichtig ist: Nachhaltigkeit.

Oh ja. Wir appellieren da schon seit Jahren an den gesunden Menschenverstand unserer Gäste und sagen: bildet Fahrgemeinschaften, sodass nicht nur zwei Personen im Auto sitzen. Nutzt unseren Shuttle. Außerdem haben wir Schilder mit dem Hinweis „Leave no trace“, also: keine Spuren hinterlassen, den Platz so sauber verlassen wie man ihn vorgefunden hat. Wir erheben auch zehn Euro an Müllpfand, die man bei Abgabe eines Sackes natürlich erstattet bekommt. Ebenso wird es dieses Jahr keine Duschen mit Warmwasser geben. Da müssten wir 24/7 Generatoren laufen lassen. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass nur rund zehn Prozent der Gäste sie nutzen. Wir steigen komplett auf Kaltwasserduschen um. Zum einen ist die Antaris im Sommer, zum anderen ist diese Variante umweltschonender.

Längst gibt es auf Festivals mehr als nur Pizza, Döner und Dosenbier. Viele Besucher wollen vegetarisches oder gar veganes Essen, ein ausgewogenes Ernährungskonzept on Location und ein reichhaltiges Angebot an Getränken, wie Smoothies und Vitaminshots. Wie breit seid ihr diesbezüglich aufgestellt?

Der Hauptaugenmerk liegt klar auf vegetarischem Essen, aber wir servieren natürlich auch fleischhaltige Kost. Generell haben wir alles da, von Thai über Indisch bis hin zur deutschen Küche. Von französischen Baguettes über schwäbische Spätzle oder Steinofenpizza. Zudem eine Absinth- und eine Cocktailbar, außerdem auch frische Säfte.

Zum Schluss noch deine Message an die FAZEmag-Leser, warum sie zum 30. Jubiläum der Antaris kommen sollen:

Die Antaris bietet einfach das ultimative Familien- und Generationengefühl für alle, die Psytrance und Goa lieben. Wir setzen auf Altbewährtes, bringen aber auch Neues ins Spiel, haben ein ganz wunderbares Publikum, das gegenseitig aufeinander aufpasst und ein wundervolles Friedensfest feiert. Wir haben Künstler da, die 30 Jahre alte Klassiker spielen, aber auch Acts, die frisch gepresste Ware im Gepäck haben. Zudem sollten sich die Leser das neue Floorkonzept und die neuen Geländegestaltung nicht entgehen lassen. Ein spannender Frischekick in großartiger Kulisse.

23.-26.06.2023 • Flugplatz, Stölln/Rhinow

Line-up: Hilight Tribe (Live-Konzert), Man with no Name, Goa Jonas, Astral Projection, Arjuna, Captain Hook, Avalon, Eat Static, Electric Universe, Scorb, Chris Zippel, Klangphonics (Live-Konzert), Fernanda Pistelli, Djantrix u. v. m.

www.antaris-project.de

 

Aus dem FAZEmag 134/04.2023
Foto Location: Murilo Bezescky
Foto Goa Jonas: Suraj Mohandas