Es gibt wenige Clubs in Deutschland, die eine so bewegte Geschichte haben wie das Warehouse in Köln. Und noch weniger Clubs fallen mir ein, die nach ihrer Schließung als Partyreihe in verschiedenen Locations ähnliche Erfolge feiern konnten. Das Warehouse ist weit mehr als ein Name, das Warehouse ist eine Marke. In diesem Jahr feiern das Warehouse und sein Gründer Yena Kisla 30-jähriges Jubiläum. Zeit für einen Download-Mix von Warehouse-Resident Steve Mason und Zeit für ein umfangreiches Interview. Wir haben Yena Kisla in Köln getroffen.

Yena Kisla


An welchem Tag, in welchem Jahr ist die Idee für das Warehouse entstanden und wie ist sie entstanden?

Da ist sie, die ewig gleiche Frage: Wie ist was entstanden? Ich habe diese Frage schon unzählige Male beantwortet und meine Antwort ist ebenso simpel wie wahr: Wir waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Idee für das Warehouse entstand 1990, als ich auf der Wilhelm-Mauser-Straße noch nebenbei als Hausmeister tätig war. Dort war damals ein Rockschuppen, der zunächst „Empire“, dann „Star Club“ hieß. Als es dort irgendwann nicht mehr so gut richtig lief, habe ich den Laden einfach selbst angemietet und vorerst nur untervermietet, einige Monate später im gleichen Jahr (1990) fanden dann bereits die ersten Partys dort statt. 

Wie bist du auf den Namen gekommen und wo und wann fand die erste Party in der Wilhelm-Mauser-Straße statt?

Seinen Namen verdankt das Warehouse einer Partyreihe in London, die ein wenig abseits in einer wirklichen alten Lagerhalle stattfand, die hieß damals auch „Warehouse“. Unsere erste richtige eigene Veranstaltung im Kölner Warehouse im Jahr 1990 hieß, soweit ich mich richtig erinnere: „Alk und Abfahrt mit DJ Tanith“, es war ein ganz normaler Mittwoch. Unsere einzige Werbung bestand aus einem Karton voller Flyer, die wir eigenhändig kopiert hatten. Bereits bei diesem ersten offiziellen Termin hatten wir ca. 1.200 Partygäste und das – wie gesagt – mitten in der Woche und ohne nennenswerte Promotion. Von da an ging es steil bergauf.

Wie würdest du den damaligen Techno-Stellenwert von Köln beschreiben und wie war die Stimmung in Köln?

Ich würde sagen einzigartig, einfach anders. Wenn ich das Video „Feiern“ von Sven Väth sehe, ich glaube, da ist alles beschrieben, was wir in den 1990ern erlebt haben. Es war einfach exotisch, wir alle waren Exoten, Techno war etwas für Paradiesvögel, einfach anders, es war echt, wir waren echt – zu 100 Prozent. Alle Menschen waren hier gleich, diese Musik machte keinen Unterschied hinsichtlich Herkunft, Alter oder sexueller Orientierung. Wir waren damals alle eins, mit uns und mit der Musik. Wir waren offen und aufgeschlossen, mutig und neugierig, wir waren wirklich alle Rebellen, weil die Mehrheit der Menschen auf uns mit Argusaugen blickte, denn wir waren neu. Und Neuem begegnet das Establishment zumeist mit Argwohn … Doch am Ende haben wir alle gewonnen. Techno ist längst zum anerkannten Kulturgut geworden, eine Musikrichtung, die ohne Sprache, ohne Diskriminierung und ohne Vorurteile daherkommt.

Wer gehörte zu Beginn zu deinem festen Team?

Oh, da gab es jede Menge! Unser Akif war der Mann für Lagerhaltung und Kasse, Sabri Temsamani war nicht nur unser Paradiesvogel aus Düsseldorf, sondern auch die gute Seele des Ladens, Tim Han war unser Sorter (an ihm war es damals ganz schön schwer vorbeizukommen), zudem ist Tim Han auch der Founder des bekannten Warehouse-Logos, das seit 1991 existiert. Ebenfalls von Anfang an mit dabei waren zwei meiner Geschwister, mein älterer Bruder Ali und mein jüngerer Bruder Tuncer (DJ S. O‘Neal). Es gibt so viele weitere, die ich hier aufzählen könnte, aber das würde den Rahmen sprengen. Jede*r einzelne hat daran mitgewirkt, das Warehouse zu dem zu machen, was es war: eben das Warehouse. Ruhm und Erfolg kommen ja nicht einfach so über Nacht, das haben wir uns alle gemeinsam hart erarbeitet.

Warehouse-Crew

Wie sahen die Vorbereitungen auf die Partys aus und wie kamen die legendären Bookings zustande?

Die Party-Vorbereitungen liefen damals noch rein analog und waren dadurch sehr arbeits- und zeitaufwendig. Hätten uns vor 30 Jahren schon die Hilfsmittel von heute zur Verfügung gestanden, dann hätte ich deutlich mehr Zeit für andere Sachen gehabt. Allein das Booking war schon ein Riesenakt (kein Internet, keine sozialen Netzwerke). Einen DJ zu buchen, bedeutete damals Plattenlabel anzuschreiben, Faxe zu versenden und erst einmal abzuwarten.

Oder das Thema Werbung! Das lief damals auch alles vollkommen anders. Wir hatten tatsächlich noch Personal, das nur dafür zuständig war, unsere Gäste postalisch, also per Brief, anzuschreiben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir nächtelang im Büro mit mehreren Leuten saßen und unzählige Briefe nach PLZ vorsortiert haben, damit ich die Einladungen anschließend per Post versenden konnte. Ich sag es mal so: Die Leute von heute können sich einfach nicht mehr vorstellen, mit was für einem unglaublichen Arbeitsaufwand das Ganze damals verbunden war. Heutzutage genügt ein Klick auf deinen E-Mail-Verteiler, auf Facebook oder Instagram, und in Sekunden hast du die Gäste zu deinem Event eingeladen, früher war so etwas ein Ding der Unmöglichkeit. Aber all das, alle diese Strapazen haben uns mit der Crew zusammengeschweißt, wir waren wirklich eine Family.

Wie beschreibst du die ersten vier Jahre und was hat sich nach der Razzia verändert?

Ich habe lange gebraucht, um halbwegs verstehen zu können, was plötzlich passiert ist, warum auf einmal alles kaputtging. Naja, ehrlich gesagt: Wirklich begriffen habe ich es eigentlich bis heute nicht ganz. Ja, stimmt, es wurden Drogen gefunden bei einigen Gästen, aber ich frage mich bis heute immer wieder: Was habe denn ich damit zu tun? Meine klare Meinung dazu lautet: Gar nichts! Ich selbst habe und hatte auch nie irgendwelche illegalen Substanzen zu mir genommen. Warum um Himmels willen wurde das Warehouse also damals zugemacht? Aus meiner heutigen Sicht war es am Ende wohl ein politisches Spiel bzw. eine politisch motivierte Aktion der Behörden. Man wollte wohl einfach die elektronische Musik und das damit verbundene neue Lebensgefühl aufhalten.

Und was hat das alles gebracht? Rein gar nichts. Nichts, außer der Tatsache, dass der Laden zu war und wir eineinhalb Jahre später auf der anderen Rheinseite eine neue Clublocation eröffnet haben. Zudem haben damals nach der Schließung unserer alten Wirkungsstätte viele Szenemitglieder die Chance ergriffen, ihre eigenen Läden aufzumachen, weil das Warehouse ja für eine gewisse Zeit verstummt war. Überall schossen neue Techno-Clubs aus dem Boden, das „Tribehouse“ in Neuss, der „Poison Club“ in Düsseldorf, der „Fusion Club“ in Münster usw. Diese Entwicklung hat schon damals überdeutlich gezeigt, dass diese Art der Musik am Ende die ganze Welt erobert würde und längst erobert hat. TECHNO ist KULTUR.

Welchen Einfluss hatte das Warehouse deiner Meinung nach auf Techno-Partys in ganz Deutschland?

Seit der Gründung des Warehouse sind 30 Jahre vergangen und ich bin davon überzeugt, dass wir im Laufe dieser Zeit tatsächlich viel dazu beigetragen haben, diese Szene zu gestalten bzw. weiterzuentwickeln mit unseren Partys, Künstler*innen und Clubs. Auch wir haben uns kontinuierlich weiterentwickelt, musikalisch wie organisatorisch. Das Wichtigste ist doch immer, dass man offen bleibt für Neues, hungrig. Der Mut, einfach etwas auszuprobieren, auch mal ein persönliches Risiko einzugehen und seinem Instinkt zu folgen, spielt dabei eine große Rolle. Es war nie das erklärte Ziel, eine Vorreiterrolle einzunehmen, umso schöner ist es, dass genau das in gewisser Hinsicht passiert ist. Trends entdecken, bevor es ein anderer tut, das kickt! Ich habe erst nach der Schließung des alten Warehouse im Jahr 1994 gemerkt, was das Warehouse eigentlich für uns alle war, was daran so besonders, so anders war. Insbesondere mir persönlich ist das erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden. Warum? Dazu kann ich nur sagen: Die endgültige Schließung ging durch die internationale Presse. Fanmagazine und Tagespresse anderer Länder haben tatsächlich über uns berichtet. Ich bekam damals jede Menge Post, da haben mir wildfremde Menschen ganz persönliche Briefe geschrieben, Menschen, die ich vorher gar nicht auf den Schirm hatte. Sie waren alle unendlich traurig, ja teilweise völlig erschüttert. Auch verzweifelte Eltern schrieben mich an. Sie fragten mich, ob das Warehouse eine Sekte sei, ich war baff, komplett verdutzt, aber habe das natürlich trotzdem sehr ernst genommen und jedem persönlich geantwortet. Das gehört auch zu unserer Verantwortung.

Alles in allem würde ich sagen: Ja, wir haben wirklich eine neue Art von Lebenskultur erschaffen – und das lernt man wohl erst wirklich zu schätzen, wenn es zu Ende ist. Aber wie gesagt, als damals das Warehouse schließen musste, haben viele neue Clubs aufgemacht, die unser Lebensgefühl einfach weitergetragen haben. Insofern würde ich sagen, dass wir die Technoszene nicht nur (mit-)aufgebaut, sondern auch nachhaltig geprägt und beeinflusst haben.

Wie war damals die Verdienstspanne? Wie viel kostete der Eintritt, was hat Sven Väth verlangt? (Hau raus!)

Oh Mann, da fragst du jetzt aber was … Natürlich haben Top-Acts wie Sven Väth, Richie Hawtin oder Carl Cox zur damaligen Zeit noch nicht solche horrend hohen Gagen verlangt wie heutzutage. Ich sag‘s mal so: Ein Carl Cox nebst vier weiteren Künstler*innen seiner damaligen Agentur Ultimativ Management (wie Daz Sound etc.) haben damals für eine Nacht insgesamt 3.000 Pfund bekommen. Ich finde, das war für fünf Acts ein verdammt guter Preis. Natürlich sieht die Lage heute völlig anders aus und heutzutage wäre das alles für Normalsterbliche unbezahlbar, wenn man bedenkt, dass allein ein Carl Cox inzwischen fünf- bis sechsstellige Gagen einstreicht. Und ein Richie Hawtin kostete damals gerade mal 800 US-Dollar an Gage pro Auftritt, doch heute steht dahinter ein Millionen-Unternehmen und Richie Hawtin ist eine Marke. Wenn ich‘s mir recht überlege, werde ich wohl im nächsten Leben einfach DJ.

Wie ging es nach der Wilhelm-Mauser-Straße weiter?

Nach der Schließung des Warehouse im Jahre 1994 gab es natürlich verschiedene Phasen, in denen wir uns fragten: Was machen wir jetzt, wie geht es weiter, ein neuer Club ein neuer Anfang oder doch irgendwo andocken? Doch schnell stand für uns fest: Wir machen weiter und zielstrebig verfolgten wir unsere Vision. Alsbald war auch das passende Objekt gefunden – natürlich in Köln, genauer gesagt in Köln-Deutz. Diese neue, einzigartige Location ist heute international bekannt als das legendäre „Bootshaus“. (An dieser Stelle gehen ganz herzliche kollegiale Grüße und ein fettes Dankeschön an meine tollen Kolleg*innen auf der Schäl Sick für ihre professionelle Arbeit, an alle Jungs und Mädels im dortigen Team und natürlich an die Macher selbst, Fabian Thylmann und Tom Thomas. Ihr seid großartig!). Jeder Club hat seine Geschichte und diese Location überzeugt bis heute noch immer und mehr denn je durch sein Konzept, deswegen ist das Bootshaus seit Jahren zu Recht die unangefochtene Nummer eins der deutschen Clublandschaft. Hallo, Deutschland, wer noch ein Teil dieser einzigartigen Erfolgsgeschichte sein möchte, sollte auf jeden Fall das Kölner Bootshaus besuchen!

Welche Veränderungen gab es im Team, welche DJs kamen neu und fest dazu usw.?

Durch die Schließung unserer alten Wirkungsstätte wurde die Warehouse-Family natürlich zunächst getrennt und manche unserer Mitstreiter*innen gingen ihrer Wege, aber wir pflegen noch immer regen Kontakt zu zahlreichen Freund*innen, Wegbegleiter*innen, Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen von damals. Musikalisch hatte sich vieles verändert, wir versuchen kontinuierlich, neuen Leuten die Chance zu geben, ein Teil der neuen Warehouse-Family zu sein und zu werden. Durch unsere jüngst im Jahre 2021 hinzugekommene Aktivität als Plattenlabel erlebt das Warehouse gerade wieder einen Boom an neuen Artists und Möglichkeiten, da wird also auf jeden Fall noch einiges passieren und der eine oder andere neue Act hinzukommen.

Welche Abende wirst du nie vergessen? Anekdoten, bitte!

Der Abend mit der Razzia ist auf jeden Fall einer jener Abende, die ich niemals im Leben vergessen werde. Wie könnte ich so etwas auch jemals vergessen!? Ein ganz normales Wochenende im Warehouse stand bevor. Es war Freitag und für den darauffolgenden Abend hatte sich Eric Rozen (I Love Techno) angekündigt, der damals noch das „Out Soon Magazine“ herausbrachte. Er hatte angekündigt, am Samstag mit einem Bus voller Gäste aus Belgien angereist zu kommen. Doch es war, wie gesagt, Freitagabend und so wunderte ich mich bereits, als ich zwei Busse auf uns zufahren sah. „Wieso kommt der Typ einen Tag zu früh?“, fragte ich mich und vor allem „Warum mit zwei Bussen statt mit einem?“. Erst als die Busse zum Greifen nahe waren, erkannte ich, dass es nicht Eric Rozen, sondern die Polizei war. Der Rest ist Geschichte. Die Razzia ging in die Annalen der Technoszene ein, das Warehouse an diesem Abend für ein paar Jahre unter. Aber die Totgeglaubten leben bekanntlich länger und auf das Warehouse folgte das Bootshaus.

Steve Mason hat den Mix angefertigt – wie bist du mit Steve zusammengekommen und wie verlief diese großartige Partnerschaft?

Steve ist einer der Künstler, denen ich meinen allerhöchsten Respekt zolle, mit ihm bin ich wirklich durch Dick und Dünn gegangen und das machen wir heute noch. Er ist einfach ein ganz wunderbarer Mensch. (>>>> Heyyy, Steve, I love you! <<<<) Wir hatten wunderschöne Erlebnisse zusammen, all die Touren und Auftritte, die wir weltweit gemeinsam gemacht haben, da komme ich heute noch ins Schwärmen, es war fantastisch! Wenn ich darüber nachdenke, was wir alles gemeinsam gesehen, durchlebt und gefeiert haben, geht mir das Herz auf. Sowas kann man nicht beschreiben, das kann man nur erleben. Wir hatten verrückte, großartige Zeiten in Las Vegas („Camel Air Rave“), in San Francisco und an so vielen anderen Orten auf dieser Welt, das hat uns beide geprägt und zu Freunden gemacht.

Da Steve ja ständig unterwegs war und ich nicht immer Zeit hatte ihn zu begleiten, ist ab und zu auch mal mein bester Freund Savas (R.I.P.) mitgefahren. Sein Englisch war anfangs zwar grauenhaft, aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben und im Laufe der Zeit hat es sich gebessert und es funktionierte mit der Konversation. Es gibt einfach unendlich viele wundervolle Anekdoten mit Steve, ich könnte Bücher schreiben darüber, aber zumindest eine davon möchte ich hier gerne erzählen:

Wir hatten mal einen Auftritt in Moskau und wurden vom Flughafen abgeholt. Am Zoll war eine monstermäßige Schlange, gerade als wir uns einreihen wollten, kamen zwei MP zu uns mit einem Schild „Mr. Mason & Mr. Kisla“, schwupp, die wupp befanden wir uns im Innenraum einer Luxuslimousine. Ich wunderte mich zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig darüber, dass zwei Wagen vor uns und zwei weitere Fahrzeuge hinter uns waren, und fragte aus Neugier, warum man eigentlich so einen Wirbel macht für uns, wo wir doch ganz normale Typen sind – mehr nicht. Der Veranstalter (von Beruf vermutlich Sohn) erzählte uns nur, dass es etwas Stress gegeben habe mit einer anderen Familie. Steve, der das mitbekommen hatte, wurde daraufhin bereits leicht nervös.

Kaum hatten wir das Hotel erreicht, erhielten wir die Mitteilung, wir würden gleich abgeholt und ins Casino gebracht. Als wir dort angekommen waren, drückte man jedem von uns 500 US-Dollar in die Hand zum Verzocken, doch wir bedankten uns artig und lehnten höflich ab: „Sorry, wir spielen kein Roulette …“ Steve hatte zu diesem Zeitpunkt schon Schweißperlen auf der Stirn, und meinte zu mir: „Hey, Yena, lass uns diese Nacht einfach geil auflegen und wieder verschwinden.“ Er wollte sogar auf seine Gage verzichten, doch ich entgegnete ihm: „Steve, Business ist Business! Natürlich werde ich die Restgage verlangen.“

Kurz vor unserem Auftritt ging ich zum Veranstalter und fragte nach der Restgage. Er meinte, da sei ein Koffer und ich könne mir da ruhig selbst rausholen, was wir noch zu kriegen hätten. Ich war komplett verdutzt und sagte: „Ne, ne, sehr freundlich, aber ich gehe nicht einfach so an fremde Koffer.“ Doch der junge Mann ließ sich nicht überzeugen. So machte ich doch diesen dubiosen Koffer auf. Er war randvoll mit Geld und oben auf der Kohle thronte eine Pistole. Das war der Zeitpunkt, an dem auch mir etwas mulmig zumute wurde. Wie auch immer, ich nahm die restliche Gage aus dem Koffer und fragte den Veranstalter, ob er nicht nachzählen wolle. Er lehnte ab mit den Worten: „Warum? Nein, ich glaube nicht, dass du mich anlügst. Genießt den Abend!“ Im Ballsaal waren zu diesem Zeitpunkt vermutlich 1.500 Leute. Es war eine legendäre, berauschende Nacht. Andere Länder – andere Sitten.

Wie hat sich die Technoszene deiner Meinung nach in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Anfangs nannten wir das neue Musikphänomen Acid, später dann Techno, was sich im Laufe der Zeit zum Oberbegriff der verschiedenen untergeordneten Musikrichtungen im elektronischen Bereich weiterentwickelte. Als dann einige Jahre später der große Rush der breiten Masse auf die technoide Musik begann, änderte sich die übergeordnete Bezeichnung erneut und das gesamte Genre wurde fortan einfach als Elektronische Musik bezeichnet.

Leider war der Begriff „Techno“ schon damals mit dem Begriff „Drogen“ negativ konnotiert, was auch dem Warehouse bekanntlich zum Verhängnis werden sollte. Aus meiner Sicht eine schreiende Ungerechtigkeit, denn der Konsum illegaler Substanzen hat rein gar nichts mit einer bestimmten Musikrichtung zu tun. Egal, ob Rock, Reggea, Punk, Latino oder Techno – Drogen wirst du überall finden. Da hängt das Bild bis heute gewaltig schief.

Durch die rasant wachsende Anzahl der Technoclubs gab es ab der Mitte der 1990er-Jahre einen regelrechten Boom in der elektronischen Musikszene. Viele neue DJs, viele neue Labels, viele neue Tracks. Wir hatten eigene Magazine, beispielsweise „Frontpage“ oder „Raveline“, Techno war schon damals keine Randerscheinung mehr und damit längst gesellschaftsfähig geworden. Die Sponsoren haben sich damals gerissen um uns. Mit dem Zeitalter des Internets und der Smartphones kam dann der ganz große Umbruch: Wenig Releases auf Vinyl, wenig CD-Verkäufe, wenig Print. Stattdessen Streaming-Angebote im Überfluss und reines Cross-Media-Marketing. Statt der Plattenvertriebe wie Discomania, Zyx oder Intergroove gab es nun einen dominanten digitalen Anbieter, das heutige Vertriebsportal Beatport – noch immer die absolute Nummer eins im Online-Musikvertrieb. Wichtiger als berufliche Erfahrung, persönliche Kontakte und musikalische Qualität waren von nun an Kennzahlen, wie die Anzahl der Follower und Klicks, die Struktur der Customer Audience und natürlich die Reichweite auf Social Media. Die jungen Künstler*innen und Veranstalter*innen sind allesamt Digital Natives und beherrschen spielerisch die Klaviatur des digitalen Marketings (inklusive Self Publishing). Ihre digitale Überlegenheit hat sich die junge Generation logischerweise zunutze gemacht, denn wer das Publikum zuerst erreicht, der gewinnt. Und das neue Publikum ist leicht manipulierbar.

In Windeseile wird hier mal eben eine neue Partyreihe aus dem Boden gestampft und dort mal eben ein neuer Track produziert, anschließend wird beides ebenso übereilt ins Netz eingestellt und verbreitet. Darunter leidet sowohl die Qualität von Veranstaltungen als auch die der Musik. Die elektronische Musikszene läuft dadurch aus meiner Sicht zunehmend Gefahr, sich selbst zum Wegwerfprodukt zu machen.

Zugegeben: Jede Generation hat ihre eigenen Regeln, und im Hinblick auf die rasante Geschwindigkeit und Wendigkeit der Jugend muss man sich als alter Hase logischerweise schon mal anpassen und mit der Zeit gehen, um weiterhin vorne mit dabei zu sein. Ehrlich gesagt: Auch wir hatten früher Konkurrenzvorteile gegenüber den Älteren, jetzt sind wir die Älteren und unsere Messlatte sind das Internet und seine jungen flexiblen User. Dabei fällt mir allerdings immer wieder etwas auf:

Dieses „Wir-Gefühl“, was uns damals alle zusammengeschweißt hat und bis heute zusammenhält, dieses besondere Ding gilt für die junge Partygeneration heute nicht mehr, denn heute zählt nur noch, was sich beim Online-Schwanzvergleich durchsetzen kann und entsprechend schrill präsentiert wird. Was passiert auf der Party? Ist da was los? Wie sind die Leute? Geile Deko und fetter Sound oder nur ein Durchschnittsritt im endlosen Überangebot der Möglichkeiten? Also schnell ein Video mit dem Handy filmen, hochladen, Freunde verlinken und . zack… schon bist Du online und alle Welt weiß, ob die Party läuft. So easy und schnell geht das.

Es ist einfach alles schneller geworden, das Leben, das Marketing, das Booking, das Feiern, ja sogar der Zeit- und Musikgeschmack – und zwar sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. Influencer-Marketing ist ja ein ganz heißes Eisen, damit kann man gewiss viel erreichen, aber auch ganze Existenzen auslöschen in wenigen Minuten. Die Konkurrenz wird zu stark? Kein Problem: Schnell eine kleine Hater-Attacke quer durch alle sozialen Netzwerke geschickt und schon heißt es „Tschüss!“ für den einen oder „Bravo!“ für den anderen.

Diese Dinge muss man heutzutage im Auge haben, daher heißt es wachsam sein und bleiben. Konkurrenz gab es schon immer, aber sie ist unfairer geworden. Wie gesagt: Das „Wir-Gefühl“ ist zwar noch da, aber es bezieht sich heute eher auf kleinere, in sich geschlossene Gruppen statt wie früher auf eine ganze Szene. Die Community ist in Kollektive aufgeteilt und die stehen untereinander teilweise in knallharter Konkurrenz.

Was ärgert dich am meisten an der neuen Szene?

Tja, gute Frage. Der Kampfgeist in der elektronischen Musikszene ist immer noch da und weiterhin spürbar, das ist wirklich schön. Man hält weiterhin zusammen, jetzt nach Corona vielleicht sogar noch mehr als zuvor, aber – wie eben erwähnt – ist die ehemals große verbrüderte Community heute in Grüppchen aufgeteilt, die ihr eigenes Süppchen kochen und sich dabei gerne mal gegenseitig ans Tanzbeinchen pinkeln. Das ist gar nicht schön, doch es lässt sich verschmerzen.

Viel schwerer wiegt da aus meiner Sicht das zunehmende Ungleichgewicht in der Bezahlung von Top-Acts einerseits und weniger bekannten, oft hervorragenden Artists andererseits. Heutzutage sind es leider vor allem die Künstleragenturen, die die Veranstalter*innen ausbeuten, die immer noch mehr und noch mehr Kohle verlangen. Die Künstler*innen selbst werden immer mehr zu Finanzwerkzeugen der Agenturen, denn ein Artist kommt heute nicht mehr einzeln oder mit seiner Begleitung zum Gig, nein! Vielmehr reist gleich ein ganzer Tross, eine riesige Entourage von der Größenordnung einer Filmcrew mit an und stellt die absurdesten Anforderungen hinsichtlich Kost und Logis (Überraschung: Das kostet zufällig alles Geld).

Diese überzogenen Forderungen sind einfach irrwitzig, einzelne Künstler*innen werden zu Popstars aufgebaut, wodurch sich die kleinen und mittelgroßen Clubs diese überteuerten Top-Acts nicht mehr leisten. Es sei denn, dass der/die Künstler*in zufällig dein „Best Buddy“ ist. Dann legt er oder sie in deinem Laden vielleicht auch mal für kleineres Geld auf oder deine Location wird gerade dermaßen auf Social Media gehypet, dass die Künstler*innen diesen Hype im Rahmen eines bezahlten Promotion-Auftritts mitnehmen.

Mein klarer Appell an die Künstleragenturen lautet daher: „Bitte gebt auch den kleinen Clubs und Veranstalter*innen die Möglichkeit, endlich mal wieder bekannte Namen zu buchen. Die Szene besteht eben NICHT nur aus großen Festivals und Megaveranstaltungen, nein, es sind die kleinen Clubs und Musikkneipen, die das Herz und die Wurzeln unserer Szene darstellen. Die Clubs geben die Richtung an, auch und insbesondere immer dann, wenn sich etwas Neues entwickelt. Aber diesbezüglich laufe ich ja leider immer noch beharrlich gegen die Wand.
Diese ganze EDM-Posse des Festivalausverkaufs geht mir zugegebenermaßen schon tierisch auf die Nerven. Alle großen Namen werden verkauft bzw. wurden aufgekauft, wie zuletzt auch der holländische Brand „Thunderdome“. Das hätte ich alles niemals für möglich gehalten, dass diese großen Namen und Urgesteine der elektronischen Musikkultur tatsächlich eines Tages für ein paar 100 Millionen Euro verscherbelt werden würden. Naja, sei´s drum …

Wie hat sich Corona getroffen, wie sehen deine weiteren Pläne aus? Ich weiß, dass du einen neuen Club geplant hattest.

Die Corona-Krise hat mich, wie fast alle anderen in der Kultur-, Musik- und der gesamten Veranstaltungsbranche, sehr schwer getroffen. Ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass im Grunde fast alle Berufsgruppen betroffen sind. Ich bin da aber ganz eisern, durchhalten heißt die Devise. Ich glaube immer an das gute Ende. Wir werden alle über kurz oder lang lernen, mit Corona zu leben und müssen uns einfach entsprechend anpassen und neu bzw. besser aufstellen. Kreativität und Flexibilität gepaart mit gesundem Optimismus und dem nötigen Realismus sind immer noch die beste Waffe im Kampf gegen die Herausforderungen des Lebens. Aufgeben ist für uns keine Option.

Dementsprechend laufen die Planungen weiter. Ja, es stimmt. Wir konzipieren mal wieder etwas ganz Neues und werden zu gegebener Zeit auch etwas dazu sagen, sobald uns die entsprechende Baugenehmigung vorliegt, gibt es dazu auch konkrete Infos und Bilder, nur vorher bringt das ja alles nichts. Die Mühlen der städtischen Behörden mahlen bekanntlich sehr langsam und bedingt durch Corona nun eben noch viel gemächlicher. Am Ende wird es vermutlich mein letztes großes Projekt sein und ich hoffe natürlich auch, ein sehr schönes.

Welche DJs lädst du immer wieder gerne zu Warehouse-Partys ein?

Im Grunde liebe ich ja Classic Events und erinnere mich wahnsinnig gerne an die gute alte Zeit. Doch so schön es auch war, wir müssen endlich wieder nach vorne schauen und uns der Zeit anpassen, gerade jetzt nach der Corona-Krise. Es gibt viele richtig großartige DJs, die mal zu dem einen Programm passen und mal zu einem anderen. Diesbezüglich lege ich mich nicht fest, weil man sich mit so einer Kategorisierung nur selbst beschneidet. 

Wie heißt es so schön: Manchmal muss das Rad eben doch neu erfunden werden, sprich: Man muss sich einfach weiterentwickeln. Dazu gehört auch das Alte loszulassen und seinen Frieden damit zu machen. Allein den vergangenen Zeiten nachzutrauern, davon halte ich nicht viel. Das sollten sich einige Kolleg*innen einfach zu Herzen nehmen und rauskommen aus ihrer Komfortzone. Ich persönlich würde gerne ja wirklich gerne mal wieder den Mate Galic (heute der „Big Boss“ bei Native Instruments) auflegen sehen oder Paul Cooper, doch leider sind beide raus aus dem DJ-Geschäft, aber wer weiß? Lassen wir uns überraschen!

 

Aus dem FAZEmag 116/10.21
Fragen und Interview: Sven Schäfer
Fotos: Vallery Kloupert
www.warehouse-club.de/