Roland_TR-808_(large)

Zugegeben, die Frage nach den tollsten Musikstücken, die jemals die Outputs der legendären Roland TR-808 verlassen haben, ist nicht die allerneueste. Unzählige Musiker, Journalisten und Blogger haben sich ausgiebig darüber Gedanken darüber gemacht, welches denn nun wirklich die definitiven 808-Tracks sind. Da ist die Rede von Marvin Gayes „Sexual Healing“ (legendärer, weil toll programmierter und unheimlich lasziver Groove), da wird über die 808-Cowbell in Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“ diskutiert (der nervigste 808-Track ever? Oder braucht es vielleicht doch noch more Cowbell?) oder es wird darüber gestritten, ob nun Cybotrons „Clear“ (grandios!) oder Egyptian Lovers „Egypt Egypt“ (sensationell!) die ultimativste Elektro-Nummer aller Zeiten ist.

Papperlapapp, alles Quatsch. FAZEmag, euer Magazin mit dem sympathischen Autostart-Player oben rechts, hat nun also die wirklich erfreulichsten acht 808-Tracks aller Zeiten zusammengetragen. Und los geht’s:

1. Charanjit Singh – Ten Ragas to a Disco Beat LP

Fangen wir direkt an mit den ältesten Kamellen von allen. Viele Jahre galten DJ Pierre und Phuture gemeinhin als Erfinder des Acid House, doch dann kam das Internet und jedem Experten folgte ein weiterer Experte, der alles noch viel besser wusste. So tauchte irgendwann ein Herr namens Charanjit Singh im Fokus der Musikhistoriker auf, der 1982 einen geradezu sensationellen Soundtrack zu einem doch eher irrelevanten Bollywood-Schinken komponierte. Das Besondere an dem Soundtrack, der im Jahre 2000 unter dem Namen „Ten Ragas to a Disco Beat“ wiederveröffentlicht wurde: er wurde ausschließlich mit den damals gerade erst erschienenen Roland-Geräten TR-808, TB-303 und Jupiter 8 produziert und nahm Acid House ganze fünf Jahre vor besagter „Acid Trax“ von Phuture vorweg. Im Sommer diesen Jahres verstarb Charanjit Shingh, man erzählt sich, er wäre zeit seines Lebens ein bescheidener und lebensfroher Mann gewesen.

2. Alexander Robotnick – Problèmes d’amour

Gar nicht so viel jünger, nämlich aus dem Jahre 1983 ist diese Perle der Tanzmusik. Der Italo Disco-Hype war gerade auf dem Höhepunkt und der Italiener Maurizio Dami, der sich fortan Alexander Robotnick nennen sollte, landete mit dieser schmissigen Nummer einen veritablen Hit. Tatsächlich war „Problèmes d’amour“ für Robotnick anfangs gar nicht viel mehr als ein Mittel zum Zweck: vollkommen pleite riet ihm ein Freund, einen einfachen Discotrack mit stumpfem 4/4-Bass zu produzieren, er würde davon garantiert mindestens 10.000 Platten verkaufen. Tatsächlich wurden es dann auch ziemlich genau 10.000 Stück, was Robotnick damals allerdings ziemlich enttäuschte. Erst im Laufe der Jahre erkannte er den Einfluss, den der Track auf die Dance-Szene hatte und vertiefte sich weiter in die Produktion von Dance Music.

3. Bam Bam – Where Is Your Child

Wir springen einige Jahre weiter und landen in der Blütezeit des Acid House. In Chicago erscheint nahezu täglich ein neuer Klassiker. Neben dem superben „No Way Back“ von Adonis platziert sich dieser nicht minder knallige Track von Bam Bam alias Chris Westbrook. Sagen wir mal wie es ist: während die morbid-debilen Vocals und die geradezu psychopathische 303-Line einem den Kopf aufsägen, pustet die knackige 808-BassDrum-Tom-Hihat-Snare-Kombi mal eben den Rest des Gehirns einfach so weg. Was für eine Nummer! Und unter uns: wenn die Crowd während eures Sets mal wieder eingepennt ist, spielt diese Platte und der Laden brennt. Kein Scheiß.

4. Plastikman – Plastique

Die Rentner unter uns werden sich noch erinnern: Es gab eine Zeit, in der brauchte Richie Hawtin weder eine große Entourage noch aufwändige Werbefilm-Produktionen um darauf hinzuweisen, dass er mal wieder etwas Großes vollbracht hat. Damals™ reichte es tatsächlich noch, eine phantastische Platte zu machen. Und davon hat Hawtin zugegebenermaßen eine ganze Menge in seinem Portfolio. Zum Beispiel das Plastikman-Album mit dem simplen Namen „Musik“, das nur ein Jahr nach dem schon herausragenden Album „Sheet One“ (dessen Cover auf LSD-Blotter-Papier gedruckt war) erschien. Dort beschränkte sich Hawtin auf die klassischen Roland-Geräte wie TB-303, TR-606 oder eben TR-808, schickte diese durch die abstraktesten Effektgeräte und drosselte das Tempo entgegen aller damaligen Konventionen zum Teil deutlich unter die Tanzbarkeitsgrenze. Und auch wenn diese Platte mittlerweile über 20 Jahre alt ist (bitte noch mal laut mitlesen: Zwan! Zig! Jahre!), klingt sie immer noch, als wäre sie gerade erst erschienen. Und das muss man erst mal schaffen.

5. I-F – I Do Because I Couldn’t Care Less

Nein, nicht „Space Invaders Are Smoking Grass“. Auch wenn diese Nummer natürlich ein totaler Überhit war und selbst I-F selbst nicht müde wird, ihn in jedem seiner Sets wieder und wieder zu spielen. Auf dem selben Album (mit dem schönen Namen „Fucking Consumer“) befindet sich auch „I Do Because I Could’nt Care Less“ und wären die Space Invaders nicht gewesen, wäre I-F dann eben durch diesen Titel unsterblich geworden. Denn dieser vollkommen überverzerrte 808-Beat mäht einfach nur alles kurz und klein. Dazu gibt es eine kleine ebenso kaputte Melodie und fertig ist ein Track, dem in seiner Konsequenz und Coolness kaum ein anderer nahekommt. Ganz große Nummer.

6. Blake Baxter – Our Luv // Erik & Fiedel – Donna

Zugegeben, „Our Luv“ von Blake Baxters 1997er Album „The H Factor“ ist gar nicht viel mehr als ein verhältnismäßig banaler 808-Beat, der über einem Donna Summer-Sample liegt. Hört man das Original (zum Beispiel hier, mit dem entsprechenden Sample ab 2.48 min) merkt man auch, wie wenig eigenen Beitrag Baxter hier letztendlich geleistet hat. Dennoch: die 808 macht’s! Wer jemals den treibenden Beat von Baxters Version im Club erlebt hat, erkennt schnell, welche Energie Rolands Klopfgeist freizusetzen vermag.

Gleiches Thema, aber noch deutlich konsequenter umgesetzt findet man auf Erik & Fiedels „Donna“. Dieser Track verzichtet auf das Sample, programmiert die Drums und die Bassline neu und moduliert das Thema bis der ganze Laden Kopf steht. Großartigst. Und wer beide Platten direkt hintereinander spielt, darf sich getrost die Krone der Coolness aufsetzen und die anerkennenden Blicke der Kenner genießen.

7. Das Bo – Türlich Türlich

Türlich Türlich? Ist das unser Ernst? Sicher Digger. Denn auch wenn diese Nummer durch unzählige Abipartys und nicht zuletzt die unsägliche Jan Delay-Version mehr oder weniger totgespielt ist, muss man ihr wohl zugestehen, dass sie vermutlich der definitive deutschsprachige 808-Track ist. Und damit nicht genug – kein anderer Track hat wohl die deutschen Ohren mehr für Miami Bass geöffnet als „Türlich Türlich“. Nicht auszudenken, wie viele DJ Assault-Mixe in Deutschland nicht gehört worden wären, hätte das Bo nicht nach Bass, Bass verlangt. Die Produktion des Tracks ist so simpel wie funktionell: lediglich eine 808 sowie einen kleinen Chord-Synth gibts auf „Türlich Türlich“ zu hören. Mehr nicht. Und trotzdem fliegen die Boxen in die Luft, weil die gute alte Tante 808 alles gibt. Übrigens – was glücklicherweise nur wenige wissen: Das Bo hat 2008 noch mal mit einer ähnlich angelegten, aber vollkommen verunglückten Nummer den Bundesvision Song Contest erfolgreich verloren.

8. Baauer – Harlem Shake

Wenn Musikjournalisten alt werden, hören sie auf, sich für neue Musikströmungen zu interessieren. Sie machen dann meistens eine Handbewegung als würden sie eine Fliege verscheuchen wollen und sagen so Dinge wie „vollkommen überproduzierter Oldschool-Nuschool-Quatsch“. Dennoch musste sich so manch betagter Musikjournalist 2013 zwangsweise mit der Stilrichtung „Trap“ und dem Phänomen „Harlem Shake“ auseinandersetzen. Gut, um die Musik ging es nur in zweitrangig, in erster Linie erfreute man sich an wild rumspackenden YouTube-Protagonisten und selbst besagte Musikjournalisten zogen in Erwägung, ein ebensolches Video hochzuladen. 2015 ist der Hype zwar wieder vorbei, der Track bleibt aber immer noch in Erinnerung. Und siehe da: auch hier hatten wir es wieder mit einer 808 zu tun – und vermutlich sogar mit der am fettesten abgemischten Bass Drum aller Zeiten. Alleine dafür muss man Herrn Baauer schon Respekt zollen – und erkennen, dass eine Drum Machine von 1981 auch heute noch punktgenau am Puls der Zeit sein kann. Respekt, liebe 808! / Stefan Gubatz

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