
Hinter dem Projekt stehen die Produktionsplattform Ballet Entertainment GmbH mit der Berlin Ballet Company zur Umsetzung der künstlerischen Konzepte, beide gegründet von Oleksandr Shpak, Arshak Ghalumyan und Alexander Abdukarimov. Zuvor Tänzer beim Staatsballett Berlin wollen sie das klassische Ballett mit den Dancefloors des Techno verschmelzen. Wir haben mit Oleksandr Shpak (Sasha) über die Idee, die Entstehung und die unerwarteten Parallelen zwischen Spitzentanz und Rave gesprochen.
Ein Aufeinandertreffen zweier Welten/Gegensätze, radikal und neu: Wie kam es zu der Idee, Techno und Ballett miteinander zu vereinen? Wie hält man dabei eine Balance zwischen beiden Welten ein, um weder die klassische Virtuosität noch die rohe Club-Energie zu verlieren?
Sasha: Die Idee kam aus unserem eigenen Leben und Arbeiten in Berlin – zwischen den Shows und Proben beim Staatsballett und den Nächten in den Clubs. Schon damals gab es kreative Berührungspunkte, etwa als das Staatsballett im Berghain auftrat und Resident-DJs speziell für diese Produktionen Musik komponierten. Aber dort wurde im Club ein Theater gebaut, das Publikum saß und schaute zu – wir hingegen wollen die Clubnacht selbst zur Bühne machen. Wir wollten die Energie beider Welten nicht trennen, sondern sie wirklich aufeinandertreffen lassen. Die „richtigen Bedingungen“ zu schaffen, heißt für uns: der passende Raum, die Musik, das Licht, die Choreografie, die gesamte Architektur des Abends. Der Ballettpart entfaltet sich über drei Bühnen – mitten in der Crowd, die selbst Teil der Choreografie wird. Was dann passiert, ist unberechenbar – und genau das macht es lebendig. Jeder Abend ist anders.
Warum Techno? Welche Qualitäten besitzt dieser Sound, die ihn zur perfekten Begleitung für eine moderne Ballett-Performance machen?
Sasha: Techno hat diesen klaren, hypnotischen Rhythmus, zu dem sich alle bewegen können. Er schafft einen gemeinsamen Puls, in dem beide Welten eins werden können. In diesem Zustand verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum. Und natürlich: Techno ist ein wesentlicher Teil der Berliner Kultur – es wäre fast unmöglich, hier zu leben und ihn nicht in die eigene Kunst zu integrieren.
Das Zielpublikum: War die Motivation, Ballett einem neuen Publikum von (jungen) Ravern zugänglich zu machen? Erwarten Sie mehr Ballett-Interessierte, die zum ersten Mal in den Club gehen, oder umgekehrt Techno-Fans, die das Ballett neu entdecken?
Sasha: Unsere Motivation war weniger, ein neues Publikum für Ballett oder ein neues Publikum für Clubkultur zu gewinnen – sondern beide Welten zusammenzubringen. Menschen, die sich im Alltag zwar ständig begegnen, sich aber in ihrer Freizeit kaum finden, sollten dieselbe Erfahrung teilen. Genau das ist bei unserer Show im Kraftwerk passiert: Da standen am Sonntagnachmittag Menschen über fünfzig oder sechzig Jahre alt – die sonst um diese Zeit in der Philharmonie oder in einer Ausstellung wären – neben jungen und alten Clubbern, die gerade nach einer langen Nacht aus dem Tresor kamen. Eltern kamen mit ihren erwachsenen Kindern – vielleicht zum ersten Mal gemeinsam, einerseits im Club und andererseits beim Ballett. Die einen entdeckten die Energie der Nacht, die anderen die Poesie des Balletts. Für uns war das der schönste Moment: zu sehen, wie sich diese Welten öffnen und einander verstehen. Vielleicht liegt genau darin die mögliche soziale Kraft unseres Projekts.
Es handelt sich bei eurem Event um eine interaktive Show. Die Tänzer*innen bewegen sich mitten in der Crowd und über drei Bühnen. Vor welche Herausforderungen stellt dies die Künstler*innen? Wie sah der kreative Prozess dahinter von Ihnen und den Choreografen Arshak Ghalumyan und Alexander Abdukarimov aus?
Sasha: Dass die Tänzer*innen mitten ins Publikum gehen, ist kein Zufall – es hat eine symbolische Bedeutung. Die Hauptfigur erscheint zuerst in der Menge, wie Odysseus, der sich zwischen drei Inseln – unseren drei Bühnen – seinen Weg sucht. Die Crowd wird dabei zu einem bewegten Meer aus Körpern und Energie. In diesem Moment entsteht die Integration – wenn sich die Präzision des akademischen Tanzes, die auf der Bühne in vollem Glanz erstrahlt, mit der Spontaneität der Clubkultur inmitten der Menge verbindet.
Arshak Ghalumyan, Alexander Abdukarimov und ich sind seit vielen Jahren künstlerisch – als Tänzer und Kreative – und menschlich eng verbunden. Für Arshak und Alexander als Choreografen bei dem Projekt war es wichtig, den Tanzenden Vertrauen zu geben und Raum für echte Reaktion zu lassen. Improvisation heißt hier nicht, einfach irgendetwas zu machen – sie entsteht innerhalb einer klaren Struktur. Die Choreografie hat feste Elemente, doch Reihenfolge, Dynamik und Energie können sich im Moment verändern – je nachdem, wie das Publikum reagiert und welche Stimmung im Raum entsteht. Die Tänzer*innen treffen spontan Entscheidungen, um auf diese Atmosphäre zu antworten. Das schafft diesen ganz besonderen Moment des gemeinsamen Daseins – für Tänzer*innen und Publikum.

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Belgrader DJ und Produzenten Marko Nastić, der den treibenden Soundtrack für die Show komponiert hat und live performt, zustande? Inwiefern unterscheidet sich dieser Soundtrack womöglich von seinen üblichen Produktionen? Muss dabei die Musik dem Ballett „dienen“, oder ist es ein gleichberechtigter, hypnotischer Dialog?
Sasha: Alles begann bei einer Konferenz für Kulturschaffende in Thessaloniki, wo wir Leute aus dem Orga-Team des EXIT-Festivals trafen. Dort entstand die Idee, einen Ballettabend im Kontext einer Clubnacht zu zeigen. Miloš Ignjatović, der damals in Belgrad den urbanen Subkultur-Space Dorćol Platz leitete, schlug vor, dafür einen Pilotabend bei ihm zu realisieren. Wir dachten: Wenn wir schon Ballett aus Berlin nach Serbien bringen, wäre es schön, die Musik einem lokalen Künstler anzuvertrauen. So kamen wir zu Marko Nastić – wahrscheinlich dem bekanntesten Techno-Produzenten Serbiens.
Marko war sofort begeistert. Er schickte unseren Choreografen erste Tracks, die sie gemeinsam weiterentwickelten. Daraus entstand die Musik für das gesamte 70-minütige Stück. Weder Musik noch Tanz führen hier allein – sie wachsen ineinander. Und alles passiert live: Marko performt den Soundtrack bei jeder Show und verändert ihn jedes Mal leicht – neue Klänge, Stimmen, Schichten. Die Tänzer*innen reagieren darauf, müssen im Moment bleiben, sich anpassen. Das ist eine der Besonderheiten des Projekts – nichts ist jemals exakt gleich, jede Performance entsteht neu, hier und jetzt.
Was ist der langfristige Plan der Ballett Entertainment GmbH – werden Sie weiterhin die Grenzen des Balletts in die Clubkultur verschieben? Welche Formate sind nach der „Odyssey“ geplant?
Sasha: Zuerst sollte man zwischen der Ballet Entertainment GmbH und der Berlin Ballet Company unterscheiden – auch wenn beide von denselben drei Personen gegründet wurden: Arshak Ghalumyan, Alexander Abdukarimov und mir. Ballet Entertainment ist im Grunde die Produktionsplattform, die die Events organisiert, während die Berlin Ballet Company die künstlerischen Konzepte entwickelt und auf die Bühne bringt. Aber unsere Arbeit geht weit über die Verbindung von Clubkultur und Ballett hinaus – A Techno Ballet Odyssey ist nur eines von vielen Projekten. Im Juni haben wir in Berlin das Stück „Glanz & Widerstand“ gezeigt – ein immersives Ballett über den Mythos Marlene Dietrich, inszeniert in den Atelier Gardens, dem historischen Filmgelände der BUFA in Berlin Tempelhof, wo Dietrich einst Der blaue Engel drehte. Dort verknüpften wir Film, Theater und Tanz, verteilt über vier verschiedene Räume und Außenflächen.
Parallel tourt unsere Compagnie mit klassischen, konventionellen Theaterproduktionen – Initium in der Schweiz und mit Dance Spectrum in Kasachstan. Und natürlich arbeiten wir außerdem an der Entwicklung neuer Konzepte. In diesem Jahr und Anfang 2026 steht uns mit A Techno Ballet Odyssey eine große Tour bevor – mit Stationen in Berlin, Frankfurt, Baden-Baden und Köln. Wenn sich zeigt, dass das Format des Balletts im Clubkontext, wie wir es in A Techno Ballet Odyssey entwickeln, das Publikum wirklich berührt, möchten wir dem eine Fortsetzung geben – mit neuen Geschichten, Konzepten und Orten. Im größeren Sinne liegt unsere Vision darin, das akademische Ballett in neue Kontexte zu bringen, Genres zu verbinden und ihn in ungewöhnlichen Räumen neu erfahrbar zu machen – ohne dabei den klassischen Rahmen zu verlieren, den wir ebenso lieben und regelmäßig auf traditionellen Bühnen zeigen.
Die „Odyssey“-Erzählung: Der Titel ist „A Techno Ballett Odyssey“, in der eine Figur wie Odysseus zu sich selbst sucht. Inwiefern würden Sie sagen, spiegelt die Techno-Kultur diese Suche wider und wie übersetzt die Choreografie von Arshak Ghalumyan und Alexander Abdukarimov die Energie einer Club-Night auf die Bühne?
Sasha: Ganz im Gegenteil – Arshak Ghalumyan und Alexander Abdukarimov versuchen nicht, Techno-Kultur auf der Bühne zu inszenieren oder ihre Energie zu imitieren. Sie bringen klassische, tänzerische Choreografie auf die Bühne und stellen sie der Energie des Clubs gegenüber. Es geht also nicht darum, Techno zu zeigen, sondern mit ihm zu kollidieren. Soweit wir es verstehen, geht es in der Techno-Kultur nicht darum, sich zu finden, sondern eher darum, das Ich aufzulösen – sich in der Menge zu verlieren, das Ego loszulassen, eins zu werden mit der Masse. Der Tanz dieser „Odyssee“ geht deshalb nicht über Techno, sondern über den Menschen – über den ewigen Prozess, sich selbst zu suchen. Und vielleicht liegt genau darin das Paradoxe: Selbst, wenn wir in den Club gehen, um uns zu verlieren, tun wir es letztlich aus demselben menschlichen Impuls – dem Wunsch, uns selbst zu finden.
A TECHNO BALLET ODYSSEY – Termine
11.-13. Dezember 2025, Berlin – Flughafen Tempelhof, Hangar 5
18.-19. Dezember 2025, Frankfurt/Main – Zoogesellschaftshaus
30. Januar 2026, Baden-Baden – Festspielhaus
26.-28. Februar 2026, Köln – Bootshaus
Mehr Infos gibt es unter: www.berlinballet.company
Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: Leona Menn
Fotos: Yan Revazov