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Warum wagt jemand ein Festival in Lichterfeld-Schacksdorf? Der Name der Gemeinde mutet an eine Rolle einer Reality-TV-Serie an, Navigationsgeräte fragen zweimal, ob die angegebene Adresse wirklich richtig ist. Hätten Gemeinden Vornamen, dann hieße dieses kleine verschlafene Nest vermutlich Kevin. Der stolzeste Besitz von Kevin Lichterfeld-Schacksdorf wäre ein Fließentisch, mitten auf dem Dorfplatz. Und doch wurde dieser winzige Ort drei Tage lang zu einer kulturell relevanten Plattform – die erste Ausgabe des Aerophilia fand statt.

Die anfängliche Ungläubigkeit über den Ort, der nicht wirklich nah an auch nur irgendetwas ist, wird aber beim ersten Betreten des Festivalgeländes komplett weggefegt. Bedrohlich steht ein alter Förderbagger über dem kompletten Gelände, ein stählerner Zeitzeuge einer industriell besseren Zeit für die Region. Andere bekannte Festivals mögen vielleicht auch Bagger haben, aber der Unterschied ist wie Sandschäufelchen im Kindergarten und einer gelben Maschine der Firma Bobcat. Das tonnenschwere Stahlmonster wird begleitet von einer alten Lok, einem größeren Bürogebäude und unzähligen Überresten der ehemaligen Fördertätigkeiten. Dies gibt dem ganzen Event einen einmaligen und unverkennbar industriellen Anstrich, den die Organisatoren geschickt nutzen. Mit liebevoll gebauten Ständen und Sitzgelegenheiten aus Holz, die alle individuell angemalt waren, entstand so ein Kontrast zur maschinellen Vergangenheit.

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Auf insgesamt vier Bühnen spielten viele DJs aus allen Bekanntheitsgraden für die Besucher. KiNK, die Suol-Truppe, viele Kallias-Artists, Ewan Pearson, Mano Le Tough, Motor City Drum Ensemble, Adana Twins und zahlreiche kleinere Local-DJs aus Berlin versorgten die Tanzenden den ganzen Tag über mit Musik. Erstaunliche Sets lieferten Homework und KiNK, aber auch La Fleur und Daniel Bortz wussten geschickt die Menge an sich zu ziehen.

Leider zeigte sich das Wetter von seiner weniger gnädigen Seite. Nach zwei Tagen subtropischer Hitze, mit Temperaturen, die nah an den 40°C vorbeischrammten, war an ein ausgelassenes Tanzen mittags kaum zu denken. Stattdessen wurde jeder Zentimeter Schatten genutzt, um so viel von der Musik mitzubekommen und sich nicht direkt am ersten Tag einen Sonnenbrand zu holen. Selbst in der Nacht fielen die Temperaturen nicht unter 20°C. Kühler wurde es dann erst am Sonntag, dank starkem Regen und Gewitter. Dies schwemmte auch ein wenig den Timetable für das Closing durcheinander, an ein Feiern auf den OpenAir-Floors war nicht mehr zu denken. Die Stimmung lies sich davon glücklicherweise davon nur bedingt trüben, es wurde viel auf den Zirkus-Floor gelegt, die Unermüdlichen tanzten auch dort bis in den frühen Montagmorgen.

Somit steht das Aerophilia Festival ebenso kontrastreich da, wie die Location, in der es stattfand. Brütende Hitze und regnerisches Ende, Topacts und Geheimtipps, Berliner Szenekenner und Festivalneulinge. Für einen Start lief es leider nicht perfekt, was aber nicht an den Veranstaltern lag. Die Stimmung war generell sehr locker und gut, die gebotene Musik etwas Besonderes. Die große eigene Verbundenheit der Organisatoren und des kompletten Teams war überall zu sehen, mit viel Liebe zum Detail wurde hier der elektronischen Musik eine Fläche geboten, die genutzt wurde, um das Beste aus dem Plattenkoffer zu holen. Und somit bekam auch Kevin wieder seine Daseinsberechtigung auf der Landkarte. Für nächstes Jahr haben sich die Aerophilia-Macher bereits zurückgemeldet, dann werden sich wieder unzählige Musikliebhaber fragen, wo eigentlich Lichterfeld-Schacksdorf ist.

www.aerophilia.de