2017-07-15 22.31.235
Festival-Check: Airbeat One 2017 – Are u ready for take-off?
Text & Fotos: Torsten Widua

Definitiv! Auf dem Flugplatz Neustadt-Glewe waren die rund 45.000 Passagiere an Bord der „Airbeat One“ gerne dazu bereit, abzuheben. Ein Großaufgebot an Superstars aus den Bereichen EDM, Trance, Hardstyle, Goa und (Tropical-)House gab sich auf Norddeutschlands größtem Festival für elektronische Musik die Klinke in die Hand. Gut 100 Kilometer östlich von Hamburg wurde auch dieses Jahr ein neuer Besucherrekord aufgestellt. Bereits an Tag 1 reisten Tausende nach Meck-Pomm, um ein friedvolles Cometogether im Campingdorf und auf dem Festivalgelände zu feiern. Gäste aus 45 Nationen waren vor Ort und versiebenfachten mal eben die Einwohnerzahl des idyllisch und beschaulich gelegenen Örtchens Neustadt-Glewe. Kommerziellere Musik hin oder her – es zeigt doch, dass die Veranstalter erneut alles richtig gemacht haben und eine Community zu begeistern wissen, die bei (vorwiegend) Mainstream der elektronischen Tanzmusik ein ausgelassenes Fest feierte. Massentaugliche Musikware muss also nicht immer schlecht sein, keineswegs!


Selbst Global Playern wie Armin van Buuren, Tiesto, Hardwell und Martin Solveig dürfte ein „What the fuck is this?“ über die Lippen gekommen sein, als sie die Bühne der Mainstage sahen: Satte 130 Meter breit und gigantische 45 Meter hoch war sie, die größte Festivalbühne Deutschlands aller Zeiten, vor der das Neueste an Licht-, Show- und Pyrotechnik aufgefahren wurde.
Besonders gefeiert wurde die EDM-Elite: am Donnerstag war es der Spanier Danny Avila, der mit seinen 22 Jahren genauso alt war wie schätzungsweise der durchschnittliche Airbeat-One-Besucher. Einst ein Youngster – heute schon einer der gefragtesten „Put your Hands up in the Air“-Discjockeys weltweit. Weniger EDM und mehr progressive House knallte in der gleichen Nacht das schwedische Duo Axwell Λ Ingrosso in Richtung der tanzenden Partycrowd. Am Freitag sorgte vor allem Tiësto für eine rappelvoll gefüllte Mainstage. Der Niederländer, der mit seinen 48 Lenzen wahrscheinlich der älteste Mastermind an den Reglern war und altersbedingt locker Vater des ein oder anderen Besuchers sein könnte. Trotzdem: Oldschool war es keineswegs, was er abgeliefert hat.

Ach ja, und dann waren da auch noch Dimitri Vegas & Like Mike, die Resident-DJs aus dem Tomorrowland. „Abriss“ lautete hier ihre Devise. Zum Glück aber nur sprichwörtlich. Es wäre auch zu schade gewesen, die bombastische Bühne mit 24 Großlasersystemen, 1.000 Quadratmetern LEDs, Dutzenden CO2-Kanonen und mehr als 500 computergesteuerten Scheinwerfern dem Erdboden gleichzumachen. Zumal auch noch zwei Wasserfälle das kolossartige Bühnenbild in Perfektion abrundeten, für das 140 Trucks nötig waren, um das 1.000 Tonnen schwere Equipment auf die Airbase zu transportieren. Hingucker waren auch die 5.000 Quadratmeter Dekoplatten der Bühne. 5.000 Quadratmeter – damit kann man fast ein ganzes Fußballfeld pflastern.
Selbst für erfahrene Festivalhasen war es ein überwältigendes Gefühl, 50, 60 Meter vor der XXL-Bühne im Design des Weißen Hauses zu stehen und die fulminante Lichtshow auf sich wirken zu lassen, die perfekt zum Sound arrangiert war. Die Musik aus dem Kapitol lieferte zum Glück für die Nation nicht DJ Donald Trump, sondern die Fraktion, die was von ihrem Fach versteht: Nicky Romero, W&W sowie Showtek. Sie spielten zur Primetime in der Nacht von Samstag auf Sonntag Fast-Forward-EDM-Sets und brachten die Meute zum tabulosen Ausrasten auf dem hiesigen Dancefloor.

Aber, liebe DJs…: Könnt ihr bitte mal eine Prise weniger „Clap your Hands“-Shoutings in eure Sets einbauen? Auch die „I wanna hear you scream!“-Rufe kamen gefühlt alle 20 Sekunden und – sorry – nervten einfach! Vielleicht lieber mal die Musik rollen lassen?! Nichtsdestotrotz: Perfekt in Szene gesetzt wurden die musikalischen Beiträge mittels 100 Flamejets und insgesamt 6.000 Pyro-Einsätzen. Die meisten durfte man beim Feuerwerk erleben, das um Punkt null Uhr am Sonntag in den mecklenburg-vorpommerschen Himmel schoss: ein großartiges Erlebnis, punktgenau auf die Beats programmiert. Ein Farbspektakel der Extraklasse. Es gibt wohl kaum angemessene Superlative, die die prachtvolle Show auch nur annähernd beschreiben könnten, die 15 Minuten lang auf der Mainstage über die Bühne ging. Das Feuerwerk war – im wahrsten Sinne – ein Knaller.

Ein Feuerwerk an Licht und Sound gab es auch nebenan: Hier hatten sich die Kollegen von Q-Dance ihre ganz eigene Location errichtet. Zugegeben: Im Vergleich zur Mainstage war ihre Bühne eher „Opel Astra“ als „Porsche Cayenne“ – was aber vorwiegend an der imposanten Größe und überdimensionalen Lichttechnik des Hauptfloors lag. Dieser war einfach nicht zu toppen. Dennoch war auf dem Areal der Niederländer nicht Holland in Not! Die Q-Dance-Bühne war ohne jeden Zweifel ein Eyecatcher! Das furchteinflößende Monster, zwischen dessen Beißern sich die DJ-Area befand, war ebenfalls sehr gut bestückt mit allem, was die Pyro-Riege hergibt: Flammenwerfer, Sharpys, Strobos, Laser – alles da, um Angerfist, Wildstylez, Adrenalize, Zatox, The Prophet, Charly Lownoise & Mental Theo eine ehrwürdige Plattform zu geben. Ein feiner Schachzug übrigens vom Veranstalter, das zweite Feuerwerk des Festivals zeitversetzt zum ersten Feuerwerk in den wolkenfreien Nachthimmel schießen zu lassen. Während die Pyrotechniker der Mainstage um Mitternacht ihren Einsatz hatten, war es bei Q-Dance eine Stunde später an der Zeit, das große Finale einzuläuten. So konnte jeder, der sowohl auf EDM als auch auf Hardstyle steht, gleich zwei Feuerwerke erleben. Nice!

Dass weniger durchaus mehr sein kann – das durfte man auf der sogenannten Second Stage erleben: Auch könnte die Devise hier „kleiner, aber feiner“ lauten. Auf diesen Floor passten keine zig tausend Leute, wie drüben bei Q-Dance. Dafür war der Sound hier unübertroffen. In einem Wort: Brillant. Warum? Weil sich die Macher hier nicht nur für Front-Speaker entschieden hatten, sondern für ein im Kreis angeordnetes Surround-Sound-System. Gute Wahl! Eine Acht-Punkt-Beschallung lieferte Bässe, so frisch und klar wie das Quellwasser aus den Alpen. Die knockenden Beats waren die perfekte Ergänzung zu den zarten wie zerrenden Synthie-Melodien der Goa-Tracks, die man in dieser liebevoll wie verspielt gestalteten Location zu hören bekam. Gastgeber waren unter anderem Klopfgeister, Vini Vici, Egorythmia, E-Clip, Schrittmacher, Liquid Soul und Neelix. Gerade der zuletzt Erwähnte erfreut sich derzeit aufsteigender Popularität und wird bereits als neuer Superheld auf den Olymp des Goa-Trance gehievt. Zurecht? Zurecht. Denn der Hamburger Jung´ hat mit „1.000 Sterne“ vor kurzem einen Track abgeliefert, den Partybesucher wie Kritiker gleichermaßen feiern. Celebrate Neelix!

Last but not least soll natürlich auch Floor Nummer 4 Erwähnung finden. Wenngleich man allerdings sagen muss, dass die Area „Terminal“… nein, sie war zwar nicht das Sorgenkind der Airbeat One, aber sie war der Bereich, in dem am wenigsten und am wenigsten laut gefeiert wurde. Augenzwinkernd könnte man sagen: Das Terminal war die Chillout-Zone der Airbeat One. Und wenn nicht gerade Headliner wie Gestört Aber GeiL, Lost Frequencies, Jonas Blue, Felix Jaehn oder Sam Feldt ihre millionenfach verkauften, gestreamten und downgeloadeten Chart-Hits spielten, war es bei dem ein oder anderen DJ-Kollegen doch etwas ruhig und überschaubar im Zelt. Schmusesongs statt Bassgewitter? Da mag kurz der Gedanke aufkommen, dass Tropical-House-Tracks zwar absolute Straßenfeger im Radio sind, aber nicht unbedingt festivaltauglich, wenn es ums Feiern mit Abgehfaktor geht. Wie gesagt: Er mag nur kurz aufkommen, der Gedanke.

Auch abseits der vier Floors war eine ausgelassene Stimmung zu spüren. Ob’s wohl daran lag, dass sich der ein oder andere einen Überblick über das Festivalgelände aus 35 Metern Höhe im Riesenrad verschaffte?! Andere ließen sich den Döner mit Zaziki, den sie für sechs Euro verspeist hatten, im „Break Dancer“ noch mal im Magen durcheinanderwirbeln. Killer auf der Vergnügungsmeile war „The Beast“ – eine (harmlos gesagt) Kopfüber-Schaukelfahrt in bis zu 24 Metern Höhe. Täusche ich mich oder habe ich tatsächlich ein paar Jungs und Mädels gesehen, die sich nach einer solchen Fahrt das Grillwürstchen mit Kartoffelsalat vom Campingplatz noch einmal durch den Kopf gehen ließen? Wie auch immer. Im Vergleich zu „The Beast“ war „Sky Dance“ ein Kinderkarussell. Eine Art Wellenflug deluxe in luftiger Höhe, 45 Meter über dem Boden. Da sollte man schon schwindelfrei sein.
Was wäre ein Kirmesbereich ohne die Futtermeile? Das wäre ja wie ein Festival ohne Zelten: Unvorstellbar! Ergo konnte man sich an diversen Imbiss-Ständen stärken. Heiße Ware zu coolem Sound: Egal ob Pizza, Pasta, Asia, Burger, Nuggets oder Fritten – satt wurde hier jeder! Und wenn nicht, gab es auch noch Stände mit Crêpe & Co. Wobei man sagen muss, dass die meisten Pärchen ihren Nachtisch doch eher später im Zelt zu sich genommen hatten. Egal – und apropos Zelt: Auch dieses Jahr wurde wieder fleißig gecampt. 35.000 Gäste schlugen ihre Zelte auf. Goodie: Das Campingdorf war in drei Areale aufgeteilt: Leise, laut, VIP. Eine nette Randerscheinung war Europas größter, mobiler Pool. Hier tummelten sich hunderte Camper im kühlen Nass, das mit 1.400 Quadratmetern flächenmäßig so groß war wie 300 Zwei-Mann-Zelte im Campingdorf. Erfrischung pur bei durchaus sommerlichen Temperaturen um die 23 Grad und Sonne satt über dem Airbeat-One-Land. Großes Plus: Camping- und Festivalgelände grenzten direkt aneinander an. Es bedurfte also keines langen Fußweges, um von A nach B zu gelangen – was vor allem nach einer durchtanzten Nacht sehr von Vorteil sein kann, wenn man am Morgen danach auf den Schrittzähler des Handys guckt: 21,7 gelaufene bzw. getanzte Kilometer.

Fazit: Die Airbeat One ist ein Festival, das sich jeder EDM-, Trance, Hardstyle- und / oder Goa-Fan ganz dick in seinem Jahreskalender markieren sollte. Die Veranstalter haben im Vorfeld mit gut 500 fleißigen Heinzelmännchen ihre Hausaufgaben gemacht und mit einer Manpower von 2.200 Leuten ein gut geplantes, top organisiertes und 1a durchgeführtes Festival reibungslos, friedlich und sicher funktionieren lassen. Und das auf einem Gelände, das um ein Viertel größer ist als das echte Weiße Haus – der momentanen Heimat von Donald Trump.

Wer meckern will, der kann das natürlich tun. Allerdings nur auf hohem Niveau. Somit könnte man vielleicht mal anregen, die Toilettenabteilung nicht in der Mitte des Festivalgeländes zu platzieren. Die Sache stank irgendwie. Auch wäre es wünschenswert gewesen, etwas mehr Bodenplatten vorgefunden zu haben. Es gab dann doch so einige matschige Stellen, die das K.O. für die Sneaker bedeuteten. Letzter Minuspunkt: Man musste die Getränke in bar bezahlen. Die Einführung eines Bonsystems, wie es andere Veranstaltungen haben, wäre vielleicht auch nicht verkehrt, um Wartezeiten zu minimieren. Aber wie gesagt: Das war Meckern auf hohem Niveau! Denn: Mehr als 322.000 Follower auf Facebook können nicht irren: Die Airbeat One hat es längst in den Elite-Kreis geschafft und ihre absolute Daseinsberechtigung am Festival-Firmament untermauert. Eine großartige Stimmung, ein bombastisches Mainstage-Design, liebevoll angelegte Floors, bis ins kleinste Detail ausgeschmückte Nebenschauplätze – und nicht zu vergessen: guter bis brillanter Sound – sagen doch eindeutig: Wir. Kommen. Wieder!
Somit freuen wir uns auf Airbeat One 2018, die dann sogar noch einen Tag länger geht und bereits am Mittwoch startet. Die 17. Ausgabe findet vom 11. bis 15. Juli 2018 statt.

P.S.: An den Taxifahrer, der für 8 km vom Hotel zum Festivalgelände 25 Euro verlangte: Dislike!

Hard Facts:
Wann: 13. bis 16. Juli 2017 (Donnerstag bis Sonntag), Set-Times 18:30 bis 08:00 Uhr
Wo: Flugplatz Neustadt-Glewe, 20 Minuten von Schwerin entfernt
Findet statt seit: 2002
Besucherzahlen: 45.000 (2017), 27.000 (2015), 8.500 (2009)
Motto 2017: Eine Reise in die USA
Floors & Styles: Mainstage (EDM, Trance), Second Stage (Goa), Q-Dance (harder Styles), Terminal (House)
Eintrittspreis: 129 Euro (Standard-Festivalticket für drei Tage)

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Und hier noch die offiziellen Pressefotos:

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