Auf meinem Studiotisch liegt der neueste Sprössling eines der Instrumente, die man guten Gewissens als Ursprung der elektronischen Musik nennen kann. Eine Legende also, diese MPC 60 aus den 80er-Jahren, was man nicht zuletzt daran sieht, wie eng so einige aktuell beliebte Instrumente à la Ableton Push oder Native Instruments Maschine an das einstige Design angelehnt sind. Doch während man damals mit 13,1 Sekunden Sampling-Zeit auskommen musste, ist unser jetziger Testkandidat, die MPC One, weit von Old-School entfernt und entpuppt sich als sehr vielseitig – als Herzstück des Studios, als Taktgeber deiner Synthesizer, als Sample-Schleuder oder als schnellster Weg, mit einem Beat anzufangen.

Fangen wir erstmal mit den Basics an: 16 Anschlags-empfindliche Pads mit RGB-Beleuchtung, 30 Buttons, mit denen man sehr schnell durch fast alle Menüfunktionen kommt, und fünf Drehknöpfe bestimmen einen Teil der Oberfläche. Der andere Teil wird von einem Sieben-Zoll-Touchdisplay beherrscht. Alles in allem fühlt sich alles sehr robust, fest und wertig an, nur das Display könnte noch etwas intuitiver auf Berührungen reagieren. Doch das ist kritisieren auf hohem Niveau: An ein iPad kommt das Display nicht heran, doch es ist definitiv sehr gut nutzbar bei Performances.

In den letzten Jahren ist die MPC-Serie etwas in Verruf gekommen, weil sie sich zu einem reinen Controller für die MPC-Software entwickelt hat. Doch seit einiger Zeit geht der Trend wieder zurück in die richtige Richtung und mit der MPC One kann man schon längst wieder Musik machen ohne einen Computer. Das ist für mich das Hauptargument, sich mit diesem Workflow zu beschäftigen, denn 2021 kann man mit einer MPC so gut wie alles machen, was eine DAW auch kann. Darüber hinaus gibt es natürlich immer noch eine perfekte Integration der Hardware in die DAW via Plug-in.

Damit man die MPC aber wirklich auch ohne Computer ernst nehmen kann, schauen wir uns jetzt mal die Anschlüsse an die Studioaußenwelt an, denn hier entscheidet sich, ob sich die bisher günstigste Workstation von Akai wirklich als alleinige Steuerzentrale im Studio eignet. Und wir werden fündig, denn hier kann man sich auf vielen Wegen mit anderen Studiogeräten verbinden: Acht CV/Gate-Ausgänge sorgen für jede Menge Optionen, sich mit Vintage-und Modularsynthesizern zu verbinden und diese zu sequenzen. Die zwei MIDI-Ports sorgen dafür, dass man einerseits andere MIDI-Geräte ansteuern kann, aber anderseits mit sämtlichen MIDI-Controllern wie Keyboards die Sounds auf der MPC spielen kann. Sounds gibt es auf der MPC im internen Speicher, den zahllosen Expansion-Packs, die aber teilweise sehr teuer sind, oder natürlich von euren Samples, die via SD-Card oder USB-Stick in den Workflow integriert werden. Der letzte und vielleicht wichtigste Eingang für alle Sampling-Enthusiasten ist natürlich der zweifache Klinkeneingang, mit dem man klassischerweise Schallplatten, aber natürlich auch jedes andere Audiosignal einspeisen kann. Wer die MPC One in ein Ableton-basiertes Set-up einbinden will, kann sich via Ethernet und Ableton Link verbinden.


Und damit sind wir auch schon am Kern der MPC One angelangt: Man kann sich mit jeglichen Synthesizern, Controllern oder Sequenzern verbinden und alles von einem Gerät aus steuern, spielen, aufnehmen und effektieren. Gerade Fans von No-DAW-Set-ups, also Studios, die komplett auf Computer verzichten, haben hier ein Herzstück gefunden, das Noten an alle Geräte des Studios ausgibt und die Signale wieder aufnimmt. Dazu muss man ehrlicherweise sagen, dass die MPC nur zwei Monoeingänge hat. Wer mehr Eingänge braucht, sollte Instrumente, die er mit der MPC ansteuert, mit einem anderen externen Recorder aufnehmen. Hier bietet sich natürlich vor allem wieder eine DAW an, sodass man wieder einen Computer braucht, jedoch nur als Aufnahme-Tool.

Nun ist es Zeit, den ersten Beat zu programmieren. Das geht nach klassischer MPC-Manier mit den Drumpads über Overdub-Recording, über einen sehr intuitiven Step-Sequencer oder über eine Pianoroll-artige Funktion, die Grid-View heißt.

Neben Samples gibt es auch drei interne Plug-in-Instrumente: Electric, Tubesynth und Bassline, die melodisch über die Pads abgespielt werden können. Für sämtliche Harmonie-Instrumente gibt es Scale- und Chordmodi, sodass man sehr schnell passende Chordprogressionen über die Pads findet und auch ohne musikalische Bildung spannende Harmonien für sich verfügbar machen kann. Die Time-Correction samt Swing-Funktion macht meistens ganz genau das, was man möchte und liefert programmierten Beats den legendären MPC-Swing, den die meisten Software-Programme auch dreißig Jahre nach der ersten MPC noch nicht nachmachen können. Drumrolls funktionieren mit der Note-Repeat-Funktion blitzschnell, ebenso umfassende Sample-Manipulationen wie Pitchen, Filtern oder jegliche Effektesektionen.

Apropos Effekte: Der Touchscreen eignet sich auch perfekt als Effektgerät à la Kaoss-Pad: Hier kann man auf einem X/Y-Pad zwei Effekte legen und diese per Fingertip kontrollieren. Somit eignet sich die MPC One auch als externes Effektgerät für DAWs. Dazu kommt noch die Tatsache, dass mehrere Simulationen des legendären Klangs der MPC 60, MPC 3000, SP12 und SP1200 im Effekt-Arsenal dabei sind, die Signalen aus der digitalen Welten das gewisse Old-School-Sampler-Feeling geben.

Für alle, die sich fragen, wie man denn nun am schnellsten von einem „In-the-box“-Set-up auf diese bezaubernde Hardware-Kiste umsteigt, ohne komplett von vorne anzufangen, kann man folgendes raten: Speichert genau die Samples, die ihr für euren eigenen Sound als wichtig empfindet, auf einer SD-Card, am besten direkt als Loop. Die könnt ihr dann direkt choppen, auf die einzelnen Pads legen, sequenzen und einspielen.

In meinen Fall habe ich Fieldrecordings aus Werkstätten, Kellern oder Industriegebäuden aufgenommen und das Ergebnis in der MPC als eigenen Drumtrack gespeichert.

Nach einem recht kurzem Sample-Editing der langen Fieldrecordings, bei dem ich noch die Startpunkte der einzelnen Slices des Loops angepasst habe, kann ich nun noch intuitiver als am Computer mit diesen Klängen kreativ werden. So kann ich die Fieldrecordings z. B. blitzschnell mit zwei Drummaschines via MIDI layern und so ziemlich tief ins Sounddesign einsteigen. Den ersten Groove, den man dann programmiert hat, heißt in der MPC-Welt Sequenz. Eine Sequenz kann bis zu 128 MIDI- und 128 Audiospuren enthalten, sollte also locker ausreichen für die meisten Studios. Aus den einzelnen Sequenzen, wie z. B. Intro, Hook und Drop,  wird dann ein Song arrangiert. Hierfür stehen auch wieder 128 Sequenzen zur Verfügung. Was will man mehr?

Abschließend lässt sich sagen, dass sich sicherlich noch ein MIDI-Keyboard empfiehlt, wenn man Melodien nicht nur über die Pads einspielen will. Ansonsten macht es einfach Spaß, wie schnell man Ideen hiermit umsetzen kann, wie spielerisch man Beats macht und einfach sich umliegende Synthesizer und Drummaschines integrieren lassen. Klar kann man mit Software wie Ableton noch etwas detaillierter an manche Dinge rangehen, doch die MPC One löst den Blick vom Computerbildschirm und macht Musikmachen wieder haptischer und körperlicher.

 

Aus dem FAZEMAG 109/03.2021 
Text: Bastian Gies
www.akaipro.de