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Während im gleichen Moment der Champagner an einem der zahlreichen VIP-Tische auf Ibiza geöffnet wird, spielt ein Sinfonie-Orchester zusammen mit zwei aufstrebenden jungen Künstlern die ersten Takte des Tracks „Pimpernuckel“ und der Applaus des Publikums ist den beiden schon jetzt sicher. Diese beiden Live-Acts hören auf die Namen Gabriel Vitel und Alec Troniq. Während Ersterer mit seiner Stimme schon diverse Tracks in der elektronischen Szene bereichert hat, macht der Letztere sich über genau diese Szene grundlegende Gedanken, die weit abseits des Dance-Zirkus gelagert sind. Der Mann hinter dem gehypten Ipoly-Imprint überrascht uns im Interview mit sehr erfrischenden Ansichten und einem Konzept, das weit über das gewöhnliche DJ-Dasein hinausgeht.

Alec, wie geht es dir und wo findet man dich gerade?

Fantastisch – ich gehe völlig in meinem ganz eigenen musikalischen Irrsinn auf. Raus aus der Wohlfühlzone, zurück ins Industriegebiet, wo die Werke der Stadt rattern und stampfen, um mit uns den Fortschritt und die Rettung der Welt zu ertanzen! 

Anscheinend reicht es dir nicht, dass es musikalisch gerade sehr rund läuft bei dir, du kreierst deine eigene fiktive Stadt: Was hat es mit „Alectropolis“ auf sich? 

Wir kennen das immer gleiche Gepose: Selfie am Flughafen, geiles Hotelzimmer, #djlife, haha, krasses Opfer da drüben, aber ich auf der Bühne und alle Arme in der Luft, noch ein Selfie mit Väth („my bro“) und dann wieder Studio-Time … Hat der Künstler eigentlich etwas auszusagen oder spielt er morgen schon am Ballermann? Egal, denn auf Keta lässt sich selbst der Weltuntergang feiern, Hauptsache, der Livestream läuft. Aber wohin führt das, wenn wir so weitermachen und für nichts stehen, während Donald J. & Co. den Planeten in eine verseuchte Wüste verwandeln? Mit etwas Vorstellungskraft lässt Alectropolis das erahnen. Ich will die Fantasie anregen, statt nur den Alltag in seinem Ist-Zustand zu feiern. Das ist schließlich auch eine Aufgabe der Kunst, das kann unserer Feierei ein wenig Tiefe geben. 

Wie verbindest du „Alectropolis“ mit deinem musikalischen Schaffen?

Alectropolis ist eine virtuelle Interpretation dessen, was wir sonst mit unseren Füßen ins Tanzparkett treten. Ich liebe es, wenn Musik mich geistig in eine andere Welt mitnimmt, daran arbeite ich auch im Studio. Ab einem gewissen Level läuft im Kopf ein surrealer Film. Der kommt dann aber nicht auf RTL.

Dein Track „Many Fails“ landet derzeit in den Plattenkisten unzähliger DJs, da er nicht nur ungemein treibend ist, sondern wie alle deine Releases mit einem eigenen Stil aus der Masse heraussticht. Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben und was muss ein Track haben, damit du ihn releast?

Um mal meinen Geschmack zu beschreiben: sauer, scharf oder bittersüß, unbedingt heiß serviert. Keine künstlichen Aromen, wenig Wiedergekäutes, keine Plastikverpackung. Dynamisch variiert, leidenschaftlich handgemacht … und warum nicht mal bizarr? Manchmal kommt meine masochistische Musik-Veranlagung durch. Es soll auch mal scheppern, holzen oder wehtun. „Wie beknackt klingt das denn?“ Ab diesem Punkt fängt’s an, erst richtig Spaß zu machen. Aber ich will schon auch anständig dabei raven. 

Mit welchen Tools arbeitest du gerne im Studio?

Meine Sucht nach rauem Synthie-Handwerk führt mich immer wieder an schrottige, alte Krachkisten, lässt mich Sounds modular formen und Spielzeug misshandeln – egal, ob analog oder digital. Hauptsache, ich mache mir die Finger schmutzig und fordere mich selbst zu immer neuen Experimenten heraus.

Warum machst du eigentlich Musik und gab es einmal einen Plan B zur Musiker-Existenz?

Plan A passt, denn meine wenigen positiven Eigenschaften klammern sich nur an die Musik. Ansonsten kann man immer in die Politik einsteigen: Mit der Limo vorfahren und den Frustrierten was von Armut und Unterdrückung erzählen. Aber dass WIR jetzt dran seien und uns alles zurückholen würden, egal von wem, von den anderen halt – Hauptsache, wir werden wieder groß! Ha, das lieben die … 

Ein Künstler, mit dem du schon sehr oft gearbeitet hast, unter anderem auch zusammen mit den Dortmunder Philharmonikern, ist Gabriel Vitel. Wie habt ihr euch kennengelernt und was fasziniert dich am Musizieren mit Gabriel?

Gabriel schrieb mich als 18-Jähriger an, dass er einen Track von mir remixe – natürlich von YouTube gerippt – und ich doch mal die Originalspuren rüberschicken solle. Ich so: „What the …?!“ – und stelle später erst fest, dass er ja singt, und zwar genau so, wie ich das immer für meine Musik haben wollte. Also bestelle ich ihn einen Tag vor seiner Abi-Prüfung ins Studio und nach fünf Minuten ist klar, dass wir auf der gleichen Frequenz funken. Nach ein paar Stunden waren plötzlich mehrere Songs im Kasten, die uns für die nächsten Jahre intensiv auf Live-Act-Tour schicken sollten. Nach unserer Groove-Symphony mit 60-Mann-Orchester mussten wir uns dann erst mal sammeln. Dieser Tage erscheint nun also unsere EP mit den Dortmunder Philharmonikern und dann werden wir unter dem Duo-Namen Gabriel Vitel wieder den Freudenschweiß zwischen die Schenkel treiben. 

Von Dresden in die Welt: Deine Heimatstadt ist nicht unbedingt eine Metropole für elektronische Musik, trotzdem ist es dir gelungen, aus dem Schatten der Stadt herauszuspringen und eine hohe Reichweite zu erlangen. Wie würdest du die Szene in Dresden beschreiben und wie schwer ist es, in einer Stadt ohne ein dichtes Künstlernetzwerk nationale Aufmerksamkeit zu erlangen?

Ich muss meinen Namen nicht mit einem „place to be“ aufwerten. Im Gegenteil: Würde ich mich dem gleichen übersättigten Umfeld aussetzen, das eh schon alle nachahmen, hätte ich als Künstler nicht viel Neues zu erzählen. Kauziger Eigensinn in großer Vielfalt ist mir lieber als der gleichförmige Common Sense, dem so viele hinterherhetzen. Ich spiele immer außerhalb, dort sauge ich das Leben aus aller Welt in mich auf. Diese Erfahrungen geben mir zusammen mit der herzlich engagierten und kreativen Subkultur meiner Stadt den Input für Musik, die eben keine Grenzen kennt. 

Wo siehst du überhaupt dein Standing in der elektronischen Szene?

Wahrscheinlich polarisiert: Einerseits immer wieder bewusst auf die Füße derer tretend, die sich in Gewohnheiten einlullen. Andererseits überall dort herzlich aufgenommen, wo frischer Wind gefragt ist. 

Auf welche Performances und Releases freust du dich besonders in den kommenden Wochen?

Auf meine Live-Acts u. a. im Sisyphos, auf dem Taka-Tuka-Festival, dem PALP-Festival in der Schweiz, dem Festival La Mousserie in Belgien sowie Releases auf Sacrebleu, Formatik, Snoe … und es sind noch weitere heiße Eisen im Feuer.

Aus dem FAZEmag 066/07.2017
Text: Basti Gies

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