Alison Wonderland – Selbstexploration

Credit: Simply G

Während sie sich nachts als Bassistin in lokalen Bands etwas dazu verdiente, war sie in ihrer Anfangszeit als Cellistin im Sydney Youth Orchestra tätig. Als sie sich in Sydneys Nachtleben zurechtfand, wurde sie schließlich in die Welt des DJings eingeführt und lernte die Magie des Produzierens kennen. Seitdem sie 2009 ihr Projekt Alison Wonderland initiierte, avancierte sie zu einer Art immer stärker strahlendem Leuchtturm in Australiens pulsierender Szene und erlangte auch auf allen anderen Kontinenten eine bemerkenswerte Reputation. Mittlerweile ist Alexandra Margo Sholler, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, als Produzentin, Sängerin, Songwriterin und DJ unterwegs. Ihr Debütalbum „Run“ erreichte die Spitze in den Billboard Top Dance/Electronic Album-Charts. Der Erfolg war so immens, dass ihr erster Auftritt in den USA beim Coachella Festival stattfand. Ein Ritterschlag, der selbst jahrelang erfolgreichen Künstler*innen verwehrt bleibt. Sie erhielt zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen zum „Breakout Artist Of The Year“ sowie „Best New Artist“, ehe sie 2018 mit „Awake“ ihr zweites Nummer-1-Album veröffentlichte. Die anschließende Tour war gespickt mit ausverkauften Shows rund um den Globus. 2020 landete sie mit „Bad Things“ einen Hit, der bis dato rund 19 Millionen Streams akkumuliert. Nun ist Alison Wonderland, die trotz ihres Erfolges immer wieder mit Themen wie Depressionen und Mental Health im Allgemeinen in Berührung kam, mit ihrem dritten Langspieler zurück. Generell hat Wonderland in ihrer Musik schon immer ihre Gefühlswelten verarbeitet. Auf „Loner“, das am 6. Mai erscheint, thematisiert sie ebenjene Themen, die vor allem während der Pandemie rund um Covid-19 präsent waren. Das Resultat ist das wohl „hoffnungsvollste Werk ihrer Karriere“, sagt sie. Eine Mixtur – explosiv wie feinfühlig, wo sie extravagante und komplexe Beat-Gerüste mit Unerwartetem sowie Cello-Breakdowns und swingendem Trap, Bassbeats und dynamischen, futuristischen Soundscapes vermischt.

„Mein Leben lief in eine bestimmte Richtung, bevor mir etwas den Boden unter den Füßen wegzog“, erzählt sie. „Es ließ mich völlig allein, und das alles geschah ungefähr zur gleichen Zeit wie Covid. Ich hatte das Gefühl, meinen Tiefpunkt erreicht zu haben.“ Daraufhin hörte sie sich nach einiger Zeit wieder ihre eigenen Alben an: „Mir wurde klar, dass ich mich immer als das Opfer meiner Geschichte gesehen habe. Diesmal hatte sich aber etwas in mir verändert, und ich habe beschlossen, dass ich nicht mehr das Opfer sein möchte. Stattdessen würde mich alles, was ich von hier aus schreibe, ermächtigen und mir helfen, in dieser Einsamkeit Kraft zu finden.” Gesagt, getan. „Es ist das positivste und hoffnungsvollste Album, das ich je geschrieben habe. Es erkennt die Dunkelheit an, aber es schafft dadurch seine eigene Euphorie. So stolz und verbunden habe ich mich noch nie mit einem meiner Releases gefühlt. Ich habe das Gefühl, dass es die beste Musik ist, die ich bis dato gemacht habe.“

Alison beschreibt die schwierige Phase, aus der sie mit diesem Album gestärkt hervorkam, als eine Art Wiedergeburt. Ein Umstand, der sich sicherlich auch im Albumtitel wiederfindet: „Alles, was ich für mein Leben hielt, wurde mir ganz plötzlich genommen und ich musste neu anfangen. Mir wurde klar, dass das Einzige, was im Leben garantiert ist, die Veränderung ist, und das Einzige, was ich kontrollieren kann, das ist, wie ich auf diese Veränderung reagiere. Es war eine schwierige Zeit, in der ich sehr alleine war. Ich musste mir selbst ins Gesicht sehen und mich einigen harten Wahrheiten stellen. Ich war die Einzige, die aus dieser Situation herauskommen konnte. Niemand anderes konnte mir dabei helfen. Ich war die Einzige, die diese Geschichte ändern konnte, und es bedeutete harte Arbeit. Aber dieser Prozess war notwendig, weil ich kein Leben führen wollte, das sich irgendwie falsch anfühlte. Es war zeitgleich das Schlimmste und das Beste, was mir passiert ist. Zum einen, weil ich mich weigerte, meine Geschichte zu akzeptieren. Ich weigerte mich, das Opfer zu sein. Also habe ich hart daran gearbeitet, mich zu entwickeln und alles wieder aufzubauen. Mir geht es jetzt viel besser und ich hoffe, dass jeder, der dies liest und etwas Ähnliches durchmacht, weiß, dass es immer einen Weg gibt. Es wird nicht immer einfach sein, aber wenn man bereit ist, sein Leben wirklich zu ändern, kann man es in eine bessere Richtung lenken. Versprochen.“

Danach gefragt, ob die Herangehensweise eine ähnliche wie zu den Werken in 2015 sowie 2018 war, hält Alison eine ständige Entwicklung und einen stetigen Progress für gegeben: „Ich glaube, je mehr Zeit vergeht, desto mehr entwickle ich mich als Künstlerin weiter, nicht nur bei den Produktionen, sondern auch beim Songwriting und Gesang. Viele der Vocals auf dem Album habe ich als Gedichte geschrieben, bevor ich sie in Songs für dieses Album verwandelt habe. Musikalisch, denke ich, dass dieses Album von allen am meisten nach mir klingt, aber das würde ich wohl für alle meine Platten sagen, wenn ich sie veröffentliche. Ich habe das Gefühl, dass meine Seele in diesem Album förmlich eingefangen wurde. Ich mag es, dass sich elektronische Musik auf Technologie stützt und sich diese ständig weiterentwickelt. Das fordert mich heraus und hält die Dinge frisch und aufregend.“ Und eben jener Umstand sorgte für das Ausmaß an vorherrschender Positivität: „Ich dachte, wenn ich mir eingestehe, wo ich hin will, dann würde mir das helfen, mein Ziel zu visualisieren und zu manifestieren. Worte sind mächtig und Musik ist es auch. Manchmal hilft es dir, wenn du außerhalb deines Kopfes einfach ehrlich zu dir selbst bist, die richtigen Schritte im Inneren zu machen. Die Musik ist die Liebe meines Lebens, und das ist es, was mich antreibt, meine Passion.“

In den kommenden Monaten wird Alison Wonderland dort ansetzen, wo sie Pandemie-bedingt im Frühjahr 2020 aufhören musste – am Erfolg, der sich nach zwei Jahren endlich wieder mit vollen Venues greifen lässt: „Aber während der Pandemie wurde mir auch klar, wie wichtig ein Gleichgewicht in meinem Leben ist. Davor bestand mein ganzes Leben nur aus Tourneen und dem Studio. Es gab einige Jahre, in denen ich mein Bett nur einen Monat im Jahr gesehen habe. Ich glaube, ein Gefühl von zu Hause zu haben, ist wirklich wichtig für meinen Geist. Dafür werde ich sorgen.“

Aus dem FAZEmag 123/05.2022
Text: Lisa Bonn
Foto: Simply G
www.instagram.com/alisonwonderland