Neue Labels schießen neuerdings wie Pilze aus dem Boden, wahrscheinlich ist die Zahl der heute existierenden Techno-Labels größer als die der Tracks, die in den Neunzigern pro Jahr releast wurden. Soweit die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es Labels, die man immer wieder wegen ihres ganz eigenen Sounds und beständiger Qualität anläuft, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Mit einem offenen Ohr für Elemente verschiedenster Genres hat sich 2019 in Hamburg Alula Tunes gebildet. Minimal-Sound wird hier mit Melodien vereint, die nicht selten eine psychedelische Note aufweisen. Dazu kommen ausgewählte Schichten aus Tech-House, Bounce und Trance. Fertig ist das Erfolgsrezept und eine neue Genreschublade wird geschlossen. Von wegen! Labelmacher Lampé, A&R Carbon und der talentierte Labelstamm um Joseph Disco, Osiris4, Javiis und Peter Groskreutz stehen für einen eigenen Klang, der sich immer wieder in verschiedenste Richtungen öffnet, aber eine spezielle Handschrift trägt – und das ist in diesen Tagen Zeichen einer hohen Kreativität.

 

Doch von vorne: Labelboss von Alula Tunes ist Lampé, ein sehr sympathischer Produzent und DJ aus dem hohen Norden. Und in seiner Jugend beginnt die Geschichte, die vor fast genau einem Jahr in Alula Tunes mündete: „Schon sehr früh habe ich einige Instrumente gelernt und mich in Bands versucht. Doch meine ersten Rave- und Goa-Party-Besuche 1998 infizierten mich mit dem DJ-Virus. Es ging so weit, dass ich im Jahr 2002 meine Band verlassen habe, um autark elektronische Musik zu produzieren. Zu dem Zeitpunkt war ich im norddeutschen Raum gut etabliert und habe regelmäßig auf Partys und Festivals Psytrance aufgelegt. Mein Progressive-Psytrance-Projekt ging dann 2007 durch die Decke, Gigs auf der ganzen Welt waren das Ergebnis. Neben der Trancegeschichte war mein Musikgeschmack aber schon immer breit gefächert, ich habe immer nach links und rechts geschaut. Von Rock über Jazz bis zu hartem Techno – es kam alles aus meinen Lautsprechern. Ich liebe es, mal die ganzen Genreschubladen aus dem Regal zu reißen, den Inhalt auf einen Haufen zu kippen und Dinge zu fusionieren. Heutzutage sucht sich ja jedes große Genre einen supertollen neuen Namen, um sich abzugrenzen. Ich kann das, was wir machen, nicht wirklich in ein Genre packen. Die Downloadshops haben ja ihre Kategorien, in denen ich uns manchmal auch deplatziert finde. Unser Motto ist: Alula Tunes … if the music is good!“

Mit diesem so breit gefächerten Spektrum hat Lampé nicht in den strengen Release-Schedule einiger Labels gepasst, die oft so lange an den Demos Änderungen vornehmen wollten, bis sie schlussendlich zum Label-Sound passten. Doch davon ließ sich der Hanseat nicht entmutigen – 2019 gründete er einfach sein eigenes Imprint: „Das Label ist aus dem Wunsch heraus entstanden, Musik zu einem selbst bestimmten Zeitpunkt zu veröffentlichen und nicht auf irgendwelche Termine von anderen zu warten. Diesen Wunsch teilen auch einige andere Künstler aus unserem Freundeskreis. Das Publikum freut sich anscheinend sehr darüber, zwischen häufig leider sehr stupide und rezitativisch ablaufenden DJ-Sets etwas Frisches mit neuen Einflüssen zu hören. Wir haben das Label als ein rein digitales gegründet, da wir möglichst viele Zuhörer erreichen möchten. Die Schallplatte, die Kassette und die CD hatten ihre eigene Zeit und sind immer noch für Liebhaber ein tolles Produkt, wenn es um Artwork und Design geht. Wenn es um Reichweite geht, sind diese Medien allerdings stark begrenzt.“ Das charakteristische Artwork des Labels, ein Hybrid aus Realbild und digitaler Kunst, kommt von Labelkünstler Osiris4: „Sein erster Vorschlag hat direkt ins Schwarze getroffen und somit war der Artwork-Stil festgelegt. Seitdem bekommen wir sehr gute Rückmeldung auf die Grafikarbeit.“

Die Jungs aus Hamburg legen nicht erst seit Corona einen strammen Takt vor: „Unser Release-Plan sieht aktuell wöchentlich neue Veröffentlichungen vor. Carbon und ich haben gerade auch genug Output, um zweimal die Woche selbst zu releasen. In den Startlöchern stehen neben Carbons und meinen Produktionen neue EPs von Joseph Disco, Maksim Dark, Osiris4, Javiis und vielen anderen. Zukünftig sind auch wieder ein paar Showcases in Hamburg, Berlin und Zürich geplant, die leider aufgrund der Umstände verschoben werden mussten.“

 

Aus dem FAZEmag 101/07.2020
Foto: Sebastian Frick
Text: Bastian Gies
www.alula-tunes.com