
„Wie leben wir in Zeiten, in denen nichts sicher scheint? Wie hören wir Musik, wenn Raketen und Kugeln die Luft zum Kreischen bringen? Wie produzieren wir Musik, wenn das Gebäude mit unserem Studio einfach nicht mehr da ist?“ Diese und viele weitere Fragen verarbeiten das deutsche Duo AMAS und der Ukrainer Konstantin Kost auf ihrer gemeinsamen „Odessa“-EP – benannt nach dem Heimatort Kosts, der seit nunmehr über zweieinhalb Jahren unter den Auswirkungen des russischen Angriffskrieges leidet. Persönlich kennengelernt haben sich AMAS und Konstantin Kost nie. Und dennoch haben sie es in den letzten zwei Jahren geschafft, eine gemeinsame Platte über die Grenzen des Krieges hinweg zu produzieren, die nicht nur einen fantastischen Sound offenbart, sondern auch von einer extremen Ambivalenz gezeichnet ist. Denn während sich Philip Hinrichsmeyer und David Heine von AMAS frei in Europa bewegen können, konnte ihr Kollaborationspartner sein Land seit dem 24. Februar 2022 nicht verlassen. Zusammen führen sie uns nun auf eine emotionale Reise durch die Tiefen der Electronic, durch Deep- und Dub-Techno, durch die bittere Realität des Lebens und durch die Hoffnungen und Träume, die aus dieser hervorgehen. Wir haben mit ihnen gesprochen und verlosen drei Platten.*
Ihren Ursprung findet diese zutiefst bemerkenswerte Kollaboration im Jahr 2022, kurz nach dem zweiten AMAS-Release „FACE I“, das nicht nur bei unseren Ohren großen Anklang fand (Volle Punktzahl in der Review-Sektion), sondern auch bei Konstantin Kost. „Ein einsamer Cyborg sitzt in den Ruinen unserer einst freudigen Kathedralen und besingt seine Zerrissenheit“, hieß es damals in einem Info-Sheet zur Veröffentlichung. Treffender könnte diese Analogie wohl kaum sein, denn auch er sitzt in den Ruinen seiner Stadt – und trägt in „Talk To God“ ein Gedicht des berühmten ukrainischen Schriftstellers Taras Shevchenko vor: „A Cloud Floating Behind The Sun“ – Hoffnung, ein zentrales Motiv der EP, die unter denkbar schwierigen Bedingungen entstand.
„Odessa wurde damals beschossen und Konstantin verlor sein Studio sowie einen Großteil seines Equipments. Am Ende waren es einige Audiospuren von ihm, die wir als Kontur für die Tracks nutzten. Vocals entstanden in mehreren Durchläufen am Ende der Produktion. Insgesamt haben wir fast zwei Jahre an dem Release gearbeitet“, erklären AMAS, die sich bereits seit der Schulzeit kennen und sich im Studio bestens ergänzen: „Philip war zu Beginn eher für den künstlerischen Teil zuständig, ist dann aber immer weiter in die musikalische Detailarbeit eingestiegen“, erzählt David. „Wir ergänzen uns so, dass er der intuitive Part ist, der auch einfach mal ein Cello oder seinen Moog Sub 37 einspielt, und ich dann die Architektur mache. Der eine flippt quasi aus und der andere muss es ausbaden, haha.“

Auf das Produktionsgeschick der beiden wurde schließlich auch Konstantin Kost aufmerksam – geboren und aufgewachsen in Odessa und eng mit der reichhaltigen (Underground-)Kultur der Hafenmetropole verwurzelt. „Trotz des Krieges und seiner Auswirkungen organisiere ich mit meinem OVERSPEED-Kollektiv weiterhin Techno-Partys und versuche die Szene am Leben zu halten. Odessa ist eine Stadt mit einer langen kreativen Geschichte, in der Kunst und Musik schon immer floriert haben“, erklärt er. Eine Ästhetik, die auch auf dem visuellen Part der EP zum Tragen kommt: Kost leitete die Produktion des begleitenden Musikvideos zu „Talk To God“ und schoss das Cover-Artwork der Platte, die, im klassischen AMAS-Sinne, einer Narration folgt, um den Hörerinnen und Hörern eine verstärke Immersion und Greifbarkeit zu bieten.
Narration, das bedeutet in erster Linie Lyrik, denn nicht nur Taras Shevchenkos Zeilen finden sich auf „Odessa“ wieder, sondern auch die Stimmen der großartigen ukrainischen Vokalistin Tanya („Red Glow“) sowie von AMAS selbst. Das Gedicht und die Vocals auf „Nightcall“ und „Old Kings“ wurden von Hinrichsmeyer persönlich verfasst und gesprochen.
Ob und wann sich das Dreiergespann in naher Zukunft endlich in der Realität kennenlernen kann, ist derzeit noch offen. „Wir hoffen es sehr, eine Reise nach Odessa ist geplant, sobald der ganze Wahnsinn vorbei ist“, so AMAS abschließend. Wir wünschen ihnen nur das Beste.
Hier könnt ihr in die EP „Odessa“ reinhören
„Odessa“ ist am 13. September via Amas Studio erschienen.

*Um mitzumachen, schickt uns eine Mail mit dem Betreff „Odessa“ an win@fazemag.de Einsendeschluss ist der 25.10.2024. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Aus dem FAZEmag 152/10.2024
Text: M.T.
Web: www.instagram.com/konstantin_kost, www.instagram.com/amas_studio