Anna Tur – „Vielleicht entdecken wir gar nichts Neues, sondern einfach die Freiheit wieder“

Die Karriere von Anna Tur ist über viele Jahre gewachsen – zwischen Radio, DJing, eigenen Produktionen und einer immer stärkeren internationalen Präsenz. Heute ist die auf Ibiza geborene Künstlerin an einem Punkt angekommen, an dem diese verschiedenen Stränge zunehmend zusammenfinden. 2026 spielt sie unter anderem bei Rave The Planet in Berlin, dem World Club Dome in Frankfurt, Aquasella sowie in Clubs wie Hï Ibiza, Pacha, Hive in Zürich oder Hafen 49 in Mannheim. Besonders eng ist dabei ihre Verbindung zu Carl Cox, der sie in diesem Sommer mehrfach für seine Events im neuen Ibiza-Club UNVRS an seine Seite holt. Auch als Produzentin hat Anna Tur zuletzt deutlich an Profil gewonnen. Support von Adam Beyer und dem Drumcode-Umfeld, ihr offizieller Remix von Paul Oakenfold & Infected Mushrooms „I’m Alive“ für Perfecto Records sowie neue Releases auf Lowlita, Say Musick und Arcane zeigen eine Künstlerin, die sich musikalisch immer weniger in feste Kategorien einordnen lässt. Techno bleibt eine wichtige Basis, doch Groove, progressive Elemente, House und andere Einflüsse spielen eine immer größere Rolle. Gleichzeitig beobachtet Anna Tur als gebürtige Ibizenkerin aus nächster Nähe, wie sich die Clubkultur ihrer Heimat verändert. Im Gespräch geht es um ihre aktuelle Entwicklung, die Zusammenarbeit mit Carl Cox, musikalische Freiheit und die Frage, wie Ibiza sich weiterentwickeln kann, ohne seinen besonderen Charakter zu verlieren.

Wenn man deine Karriere von außen betrachtet, scheint gerade vieles zusammenzukommen. Fühlt es sich für dich ebenfalls so an, als würdest du momentan eine der stärksten Phasen deiner Karriere erleben?

Ich glaube, die größte Veränderung ist dieses Gefühl der Konsolidierung. Ich bin seit vielen Jahren professionell in der Musik tätig, aber lange Zeit habe ich meine DJ-Karriere mit der Leitung eines Radiosenders für elektronische Musik kombiniert, bis 2020. Aus diesem Grund habe ich auch relativ spät als Produzentin angefangen. Seit 2020 konzentriere ich mich vollständig auf meine DJ-Karriere, neben meiner Arbeit als Musikkuratorin für eine spanische Hotelgruppe. Ich habe vor 18 Jahren angefangen und alles ist sehr organisch gewachsen, aber ich habe das Gefühl, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, auf das nächste Level zu gehen. In den vergangenen zwölf Monaten hatte ich das Gefühl, dass viele Dinge, an denen ich lange gearbeitet habe, angefangen haben, zusammenzukommen: die Musik, die ich produziere, die Künstler, die sie unterstützen, die Bühnen, die ich erreiche, und vor allem eine künstlerische Identität, mit der ich mich sehr wohlfühle. Und es gibt noch etwas Wichtiges: Ich habe immer weniger das Bedürfnis, in eine bestimmte Schublade zu passen. Ich weiß musikalisch besser, wer ich bin, und erlaube mir gleichzeitig, mich nicht auf einen bestimmten Stil festlegen zu lassen.

Diesen Sommer spielst du fünf Shows gemeinsam mit Carl Cox im UNVRS Ibiza. Wie hat sich eure Beziehung entwickelt und was bedeutet dir seine anhaltende Unterstützung in dieser Phase deiner Karriere?

Meine Beziehung zu Carl reicht einige Jahre zurück und hat sich sehr natürlich entwickelt, zunächst durch professionelle Bewunderung und später durch eine engere und sehr schöne Beziehung, die auf Respekt und Vertrauen basiert. Für mich ist Carl viel mehr als nur ein großartiger DJ. Er ist Teil der Geschichte der elektronischen Musik und hat gleichzeitig noch immer eine enorme Neugier auf neue Musik und neue Generationen. Dass er mir immer wieder vertraut und mit mir die Booth teilt, bedeutet mir sehr viel. Ich sehe das nicht nur als berufliche Chance, sondern empfinde auch ein Gefühl von Verantwortung. Wenn dir jemand mit seiner Karriere diesen Raum gibt, möchtest du zeigen, warum du dort bist. Und es gibt etwas, das ich an Carl besonders bewundere: Er versteht eine Nacht als eine vollständige Reise. Das entspricht sehr stark meiner eigenen Vorstellung von der Rolle eines DJs.

UNVRS ist eine der größten Neuerungen auf Ibiza seit Jahren. Nachdem du den Club nun selbst erlebt hast: Was fügt er der Insel musikalisch und kulturell hinzu?

UNVRS hat eine neue Größenordnung nach Ibiza gebracht. Technologisch und in Bezug auf die Produktion ist es beeindruckend, aber was ich interessant finde, ist, dass es trotz seiner Größe noch immer eine sehr physische Cluberfahrung schaffen kann. Ibiza hatte schon immer diese Fähigkeit, die Art und Weise neu zu erfinden, wie wir elektronische Musik erleben, und ich glaube, UNVRS steht für eine neue Phase dieser Entwicklung. Gleichzeitig besteht die Herausforderung bei Venues dieser Größenordnung genau darin, das menschliche Element nicht zu verlieren. Man kann die beste Technologie der Welt haben, aber am Ende brauchen wir immer noch eine DJ-Booth, eine Tanzfläche und eine echte Verbindung zwischen DJ und Publikum.

Du spielst in diesem Jahr in sehr unterschiedlichen Umgebungen – von UNVRS und Hï Ibiza über Rave The Planet, World Club Dome und Aquasella bis hin zu Clubs wie Hive und Hafen 49. Passt du deinen Sound für diese unterschiedlichen Settings stark an?

Ja, absolut, obwohl ich meine Identität nicht verändere. Für mich bedeutet DJ zu sein, zu lesen, wo man gerade ist. Ich kann bei einer Cluberöffnung nicht exakt genauso spielen wie bei einem Festival vor Tausenden von Menschen, in einem kleinen Underground-Club oder auf einem Float, der sich durch Berlin bewegt. Was sich verändert, ist die Erzählweise, die Intensität, vielleicht auch eine leichte Veränderung der BPM oder wie viel Zeit ich mir nehmen kann, um bestimmte Teile des Sets zu entwickeln. Aber die musikalischen Kriterien bleiben dieselben. Tatsächlich ist genau das eines der Dinge, die ich am DJ-Sein am meisten genieße: mich anzupassen, ohne dabei aufzuhören, ich selbst zu sein.

Dein internationaler Kalender scheint sich zunehmend über Ibiza und Spanien hinaus zu erweitern. Ist der Aufbau einer noch stärkeren globalen Präsenz derzeit eines deiner wichtigsten Ziele?

Ja, wobei ich es nicht einfach als eine Frage betrachte, mehr Länder oder Termine hinzuzufügen. Ibiza ist meine Heimat und zwangsläufig Teil meiner Identität, aber gerade weil ich von einer so internationalen Insel komme, habe ich Musik immer aus einer globalen Perspektive verstanden. Mich interessiert besonders, Beziehungen zu unterschiedlichen Szenen und Publika aufzubauen und an Orte zurückzukehren, anstatt einfach nur durchzureisen. Deutschland, die Schweiz, Italien oder Lateinamerika haben zum Beispiel alle sehr unterschiedliche Arten, eine Tanzfläche zu erleben. Für mich ergibt internationales Wachstum dann Sinn, wenn es Kontinuität gibt und man eine Beziehung zu diesem Publikum aufbauen kann. Deutschland war das erste Land, das mich willkommen geheißen hat, als ich außerhalb Spaniens zu spielen begann, und indem ich diese Beziehung aufgebaut und die unglaubliche Kultur respektiert habe, die ihr dort habt, fühle ich mich heute geliebt und akzeptiert. Das ist mir sehr wichtig.

Du hast kürzlich ein Set für HÖR Berlin aufgenommen. Die Plattform besitzt eine enorme internationale Reichweite, gleichzeitig aber eine sehr spezielle Identität. Wie bist du an diesen Auftritt herangegangen?

Mit einem enormen Respekt vor diesem Raum. Von außen wirkt HÖR simpel: ein Raum, eine Booth und Musik. Und genau deshalb gibt es keinen Ort, an dem man sich verstecken kann. Es gibt keine riesige Produktion, die von einem ablenkt. Es gibt dich, deine Auswahl und eine Kamera. Ich wollte etwas machen, das repräsentiert, wo ich musikalisch gerade stehe, ohne daraus eine Präsentation meiner eigenen Produktionen zu machen. Ich bin daran wie an ein echtes Set herangegangen. Und Berlin hat etwas, das mich persönlich sehr inspiriert: Dort besteht weniger das Bedürfnis, die Musik zu erklären. Sie passiert einfach.

Drumcode und Adam Beyer unterstützen deine Musik, gleichzeitig hast du auf Labels mit sehr unterschiedlichen Identitäten veröffentlicht. Wie wichtig ist es dir heute, nicht nur mit einer bestimmten Spielart von Techno verbunden zu werden?

Sehr wichtig. Ich bin Adam und seinem großartigen Drumcode-Team unglaublich dankbar für ihre Unterstützung, weil sie in dieser jüngsten Phase sehr viel für meine Entwicklung sowohl als Produzentin als auch als DJ bedeutet hat. Ich habe viele Jahre im Radio gearbeitet und sehr viele verschiedene Stile gehört. Eine Zeit lang wurde Minimal extrem populär, danach existierten unterschiedliche Facetten von Tech House nebeneinander und später Techno. Heute gibt es innerhalb jedes Stils so viele Variationen und dazu neue Richtungen, die rund um härtere Sounds entstanden sind, dass selbst ich manchmal den Überblick verliere. Deshalb verstehe ich Musik nicht als eine Reihe geschlossener Abteilungen, sondern eher als eine Form des Ausdrucks, abhängig vom jeweiligen Moment und Kontext. Ich kann mich damit wohlfühlen, einen technoideren Track zu machen, einen anderen mit progressiven Elementen, House oder sogar Trance. Wichtig ist mir, dass es einen gemeinsamen roten Faden gibt und man beim Hören etwas von meiner Persönlichkeit wiedererkennen kann.

Du hast kürzlich einen offiziellen Remix von Paul Oakenfold & Infected Mushrooms „I’m Alive“ für Perfecto Records veröffentlicht. Was hat dich an dem Track gereizt und wie viel Freiheit hattest du bei deiner Interpretation?

Das Erste war Respekt. Wir sprechen über Paul Oakenfold und Infected Mushroom, Künstler, die Teil der Geschichte der elektronischen Musik sind und die ich schon gehört habe, lange bevor ich mir hätte vorstellen können, eines Tages einen ihrer Tracks zu remixen. Ich hatte die Freiheit, ihn neu zu interpretieren, und am Ende wurde daraus ein ziemlich besonderes Stück in meinen Sets. Es ist nicht unbedingt ein Track, den ich in irgendeinem Moment maximaler Intensität spielen würde. Ich finde es viel spannender, genau den Moment zu finden, in dem er die Atmosphäre auf der Tanzfläche verändern kann. Und dass Paul ihn später selbst gespielt und mir persönlich geschrieben hat, um mir zu sagen, dass er sehr gut funktioniert, hatte für mich eine besondere Bedeutung. Der Remix ist jetzt offiziell Teil des Perfecto-Katalogs und Oakenfold selbst hat ihn kürzlich in seinem Planet Perfecto gespielt.

Mit Lowlita, Say Musick und Arcane stehen bereits drei weitere Releases an. Was verraten diese Tracks darüber, wohin sich dein Sound gerade entwickelt?

Es gibt eine Basis aus Techno und Groove, die sehr präsent bleibt, aber ich integriere zunehmend Elemente aus anderen Bereichen, die schon immer Teil meiner musikalischen Kultur waren. Groove interessiert mich sehr. Ich möchte, dass Musik Energie hat, aber auch Bewegung, Sinnlichkeit und Raum. Ich möchte nicht, dass alles von Härte oder BPM abhängt. Ich glaube, diese kommenden Releases zeigen eine etwas freiere Version von mir, die weniger damit beschäftigt ist, genau zu definieren, welches Genre ich gerade mache.

Da deine eigenen Produktionen inzwischen immer mehr Raum einnehmen: Hat sich für dich das Verhältnis zwischen DJing und Produzieren verändert?

Ja. Lange Zeit habe ich mich zuerst als DJ und erst danach als Produzentin gesehen. Die Art, wie ich Musik verstehe, kommt aus der Booth, aus dem Radio, aus dem Auswählen von Musik und aus dem Beobachten einer Tanzfläche. Heute nimmt die Produktion deutlich mehr Raum in meinem Leben ein und ist zu einem grundlegenden Werkzeug geworden, um zu definieren, wer ich als Künstlerin bin und mir vor allem dabei zu helfen, mich besser zu positionieren. Aber ich möchte meinen DJ-Instinkt niemals verlieren. Ich produziere Musik mit der Vorstellung, wo sie funktionieren könnte, welche Art von Moment sie erzeugen könnte oder was ich damit in ein Set einbringen kann. Für mich rücken diese beiden Dinge immer näher zusammen. Ich sehe sie nicht mehr als zwei getrennte Karrieren.

Ibiza verändert sich erneut rasant – mit neuen Venues, immer größeren Produktionen und einem zunehmend internationalen Publikum. Was gewinnt die Insel aus deiner Sicht im Jahr 2026, und was droht sie zu verlieren?

Ibiza gewinnt enorm in Bezug auf Produktion, Technologie und die Fähigkeit, Erlebnisse zu schaffen, die wahrscheinlich nirgendwo sonst existieren könnten. Aber die Gefahr besteht darin, Entwicklung mit Gigantismus zu verwechseln. Die Geschichte Ibizas entstand nicht aus Screens oder Produktionen im Wert von mehreren Millionen Euro. Sie entstand aus einer ganz besonderen Mischung aus Freiheit, Musik, Charakteren, Kulturen und Orten, an denen unerwartete Dinge passieren konnten. Ich glaube, wir brauchen beides. Wir können außergewöhnliche Venues und riesige Produktionen haben, aber wir müssen auch kleine Clubs, lokale Szenen, alternative Orte und eine gewisse Spontaneität schützen. Wenn Ibiza das verlieren würde, könnte es weiterhin eines der größten Entertainment-Ziele der Welt sein, aber es wäre nicht mehr das Ibiza, das die elektronische Musik über Jahrzehnte kulturell geprägt hat.

Elektronische Musik bewegt sich derzeit zwischen härterem Techno, progressiven Sounds, melodischen Einflüssen und einer neuen Lust auf House. Wird die Szene deiner Meinung nach musikalisch wieder offener oder erleben wir einfach den nächsten Zyklus?

Elektronische Musik hat sich schon immer in Zyklen bewegt. Wenn ein Trend ein Extrem erreicht, folgt normalerweise eine Reaktion in die entgegengesetzte Richtung. Nach einigen Jahren, in denen Geschwindigkeit und Härte einen bedeutenden Teil der Diskussion dominiert haben, nehme ich wieder eine größere Lust auf Groove, House, Progressive, Vocals, Melodien wahr … Musik, die einem etwas mehr Luft zum Atmen lässt. Und ich glaube, das ist gesund. Persönlich habe ich diese Besessenheit von Labels nie wirklich verstanden. Eine gute Tanzfläche kann viele verschiedene Dinge aufnehmen, wenn der DJ weiß, wie er die Reise dorthin aufbaut. Vielleicht entdecken wir gar nichts Neues; wir entdecken einfach die Freiheit wieder.

Wenn wir uns in einem Jahr wieder unterhalten: Was müsste bis dahin passiert sein, damit du sagen kannst, dass sich der aktuelle Schwung tatsächlich zu einem neuen großen Kapitel deiner Karriere entwickelt hat?

Ich glaube nicht, dass ich das nur an der Größe der Festivals, der Anzahl der Shows oder an Rankings messen würde. Ich würde gerne zurückblicken und sehen, dass ich Musik veröffentlicht habe, auf die ich immer noch stolz bin, dass ich neue Territorien betreten habe, ohne meine Identität zu verlieren, und dass einige der Venues und Künstler, die mir heute vertrauen, das auch weiterhin tun wollten. Ich möchte außerdem international weiter wachsen und in bestimmte Circuits und auf bestimmte Bühnen gelangen, bei denen ich noch ein Stück Weg vor mir habe. Aber vor allem möchte ich das Gefühl bewahren, das ich gerade habe: dass die Dinge passieren, weil eine echte Entwicklung dahintersteckt, und nicht, weil wir versuchen, einen Moment künstlich zu erzeugen. Wenn ich in einem Jahr noch immer diesen Hunger, diese Neugier und ein bisschen von dieser nervösen Vorfreude auf das habe, was als Nächstes kommt, wäre das ein gutes Zeichen.

Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Triple P
www.instagram.com/annaturdj