Apparat & die neue Freiheit: Alles kann. Nichts muss.

Foto: Max Zerrahn

Stolze sechs Jahre liegen seit dem letztem Solo-Release von Sascha Ring aka Apparat zurück. Schreibblockaden und eine fast verlorengegangene Bindung zur Musik ließen diese Zeitspanne von außen betrachtet eher wie eine Pause als einen verlängerten Schaffensprozess aussehen. Doch mit dem Ansatz, einfach frei und von allem losgelöst täglich Ideen für Songs zu erarbeiten, entwickelte das Moderat-Mitglied aus unzähligen Fragmenten „A Hum Of Maybe“ – ein zutiefst persönliches Album, über das er mit uns kurz vor seinem Auftritt im Pariser Trabendo sprach.

Diesen einen Moment, in dem es plötzlich wieder funkt und klickt, habe es während seiner Studioarbeiten nie gegeben. „Ich habe lange darauf gewartet, dass sich etwas wie ein Wendepunkt anfühlt, aber der kam nicht“, so der 47-Jährige. Vielmehr bezeichnet er diesen Wandel als „langsames Wiederauftauchen“ seines eigenen Interesses. „Danach brauchte es eine Menge Disziplin und Routine. Musikmachen ist auch Arbeit, und die romantische Idee, dass einem die Inspiration irgendwann zufliegt, muss man vielleicht nach 25 Jahren mal überdenken.“

Die tägliche Tätigkeit, Ideen zu skizzieren, klingt gegenläufig zu dem Ziel, losgelöst zu arbeiten. Sie klingt vielmehr nach ritueller Therapie oder bewusst auferlegter Routine – und damit gar nicht mehr so losgelöst. Anfangs sei dies auch so gewesen. „Der innere Kritiker war am Anfang extrem laut. Gerade wenn man lange Musik macht, kennt man alle Abkürzungen – und alle Gründe, etwas sofort abzulehnen“, gibt Sascha zu. Die Routine sei kein Versuch gewesen, den inneren Kritiker zu besiegen, sondern ihn zu umgehen. „Ich habe mir erlaubt, unfertige, unspektakuläre Dinge zu machen. Das war schwer, weil man sich permanent selbst korrigiert. Mit der Zeit hat sich aber etwas verschoben. Diese Nachsicht wirkt auch außerhalb des Studios. Man wird weniger streng, lässt Dinge länger offen. Ich glaube, das hat mich insgesamt ruhiger gemacht.“

Feste Abläufe gab es dabei kaum. Manche Tage seien eher technisch oder spielerisch gewesen: Modular, Sequencer, Plug-ins. Andere sehr reduziert: Klavier, Stimme, einzelne Akkorde oder Textfragmente. „Wichtig war nur, dass etwas entsteht. Dass ich das Studio nicht verlasse, ohne eine Spur zu hinterlassen“, erklärt Sascha. Viele Stücke auf dem Album würden diese Offenheit tragen. Vor allem die Songs, die sich nicht klar auflösen. Er selbst nennt dabei „Tilth“ oder „An Echo Skips A Name“, die sich eher wie „Zustände“ anfühlen würden denn wie abgeschlossene Aussagen. Auch der Albumtitel trägt diesen thematisierten Zwischenzustand in sich. „Früher wollte ich Klarheit herstellen, Entscheidungen treffen, Dinge festschreiben. Auf diesem Album habe ich bewusst darauf verzichtet […] Keine klassischen Höhepunkte, keine eindeutigen Auflösungen. Klänge dürfen nebeneinander existieren, ohne sich gegenseitig zu erklären.“

Für Apparat sei das eine Form von Freiheit, weil sie erlaube, Dinge nicht sofort einzuordnen. Das „Maybe“ stünde nicht für Zaudern, sondern einen offenen Zustand. Neben dieser Freiheit fällt sofort auf, wie sehr Sascha sein Album inhaltlich mit Liebe, Beziehung, Bindung, aber auch Veränderung füllt. Gesellschaftskrisen, Vaterschaft, Corona-Pandemie. Das alles hat Einfluss genommen. Beziehungen fühlten sich heute komplexer an, meint er: „Nicht unbedingt schwieriger, aber fragiler. Durch das Vatersein bekommen Entscheidungen ein anderes Gewicht. Gleichzeitig hat die Pandemie vieles freigelegt, was vorher überdeckt war. Man merkt, wie dünn die Schicht ist, die Sicherheit suggeriert“. Diese Gleichzeitigkeit aus Nähe und Unsicherheit präge das Album. Er habe das aber nie auflösen wollen, sondern wollte es einfach so stehen lassen.

Einen noch persönlicheren Eindruck vermittelt das Ganze, wenn Tracks wie „Glimmerine“ oder „Tilth“ extrem nah an eigenen inneren Monologen – zwischen Elternschaft, Hochzeit, Glauben, Angst und all diesen Zwischenräumen — andocken. Es seien allerdings weniger einzelne Zeilen, die transparente Einblicke in sein Leben geben würden, als vielmehr bestimmte Momente: „Vor allem die leisen Passagen, in denen fast nichts passiert. Diese Stellen sind sehr privat, weil sie nichts erklären. Man hört eher das Zögern, das Suchen. Ich habe kurz überlegt, ob ich diese Offenheit wirklich teilen will, aber das Album hätte ohne diese Momente nicht funktioniert.“

Auch der Song „An Echo Skips A Name“ spiegelt diese Ehrlichkeit wider und beschreibt das langsame Fremdwerden in einer Beziehung als leisen Prozess von Veränderung. „Mich interessiert dabei weniger der große Bruch als das Dazwischen. Diese Phase, in der nichts klar benannt ist, man aber spürt, dass sich etwas verschiebt. Musik kann das gut abbilden, weil sie nicht linear erzählen muss. Wiederholungen, kleine Veränderungen, Motive, die sich verschieben oder abbrechen – all das kann Nähe und Entfernung gleichzeitig zeigen. Es ist kein Drama, eher ein leises Auseinanderdriften.“

Apropos Auseinanderdriften. Das Gegenteil ist der Fall, blicken wir auf die Namen, die während der Albumproduktion an Saschas Seite auftauchten. Mit Philipp Johann Thimm, Mäckie Hamann, Jörg Wähner und Christian Kohlhaas hat sich der Produzent mit langjährigen Weggefährten zusammengetan. Angesprochen darauf, inwiefern dieses Team „A Hum Of Maybe“ verstärke und wo er Unterschiede zu früheren Apparat-Alben sehe, antwortet er: „Mit ihnen zu arbeiten, bedeutet, dass wenig erklärt werden muss. Es gibt ein großes Vertrauen, das mir erlaubt hat, Kontrolle abzugeben. Früher habe ich stärker versucht, alles zusammenzuhalten. Dieses Mal durfte das Album fragmentarischer sein. Die anderen haben Räume geöffnet, die ich allein wahrscheinlich nicht betreten hätte.“

Never change a winning team, also. Musikalisch bedeutet das allerdings nicht, dass sich Apparats Hörerschaft durchweg auf Altbewährtes einstellen muss. Zwar bewegt sich das Album zwischen Elektronik, organischen Instrumenten und fast klassischer Dramaturgie. Doch: „Alles, was ich gemacht habe, steckt irgendwo in dieser Platte, aber eher als Hintergrund. Ich wollte nichts zitieren oder reproduzieren. Mich hat interessiert, wie Musik klingt, wenn man sich nicht absichert. Vieles ist auch einfach in einem Moment großer Offenheit ‚passiert‘.“  Apparat steht also weiterhin für diese unverwechselbare Verbindung aus Electronica, Ambient und treibender elektronischer Musik. Nur dieses Mal hat er seinen fein komponierten Soundlandschaften, die gleichermaßen emotional berühren und clubtauglich sein können, durch eine gewisse Schwebe des „Vielleicht“ innerhalb der Schaffenszeit noch einmal eine neue Substanz hinzugefügt.

Nun steht Apparat aber nicht ausschließlich für hochwertige Studioarbeit, sondern auch für intensive Erlebnisse, indem Klang, Atmosphäre und Performance zu einem fesselnden Gesamtkunstwerk verschmelzen. Wie lässt sich nun dieses neue fragile Gleichgewicht zwischen Intimität und Druck, Emotionen und Gedankenwelt in eine Live-Show übersetzen? Ganz einfach. Auch hier heißt es, „Alles kann. Nicht muss.“ Ziel sei es vor allem, Räume zu schaffen, in denen Musik nicht funktionieren muss. „Stille darf passieren, Dinge dürfen kippen. Kontraste sind wichtig“, meint der Musiker. Bislang scheint der Plan aufzugehen. Nach Konzerten in München, Wien, Zürich, Leipzig und Berlin bejubeln seine Anhänger*innen auf Social Media seine Gigs nicht nur, sie bedanken sich regelrecht für die Musik. Sascha Ring sieht sich bestätigt und entgegnet dankbar: „Alles passiert nun mit Bedacht und Ruhe. Dadurch wird die Musik sehr detailliert. Rock ’n’ Roll brauche ich nicht mehr.“

Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: scharsigo
Foto: Max Zerrahn
www.instagram.com/apparat3000