Manchmal ist es schon eine Krux. Was macht man als Musik-Journalist in Sachen Intro, wenn man gleich drei Themen zur Auswahl hat? Sich auf ein einziges Topic beschränken und zwei weglassen? Oder umgekehrt? Ich habe mich für Lösung drei entschieden: Alle drei Themen zum Thema machen. Und diese lauten: Armin van Buuren … JBL … World Club Dome.

Es ist Freitag, der 7. Juni 2019. Mein Kollege Lukas und ich haben gerade die Frankfurter Commerzbank-Arena betreten. Denn hier, im Rahmen der BigCityBeats World Club Dome Space Edition, ist für 19:00 Uhr ein 15-minütiger Interview-Slot mit Armin van Buuren angesetzt. Plan ist, dass Armin gegen 18:30 Uhr mit dem Helikopter vor der Arena landet und von BigCityBeats-Chef Bernd Breiter persönlich begrüßt wird. Nach einem kurzen Interview mit Daisy Dee, die manch einer von euch noch als lebende VIVA-Club-Rotation-Legende aus den 1990er-Jahren kennt, sind wir an der Reihe. Bis es jedoch 19:00 Uhr geschlagen hat, ist noch ein bisschen Zeit. Zeit, die wir nutzen. Ein Meet & Greet, ein Come-together, ein happy Talk in der JBL-Lounge. Mit Gregor von JBL und mit Sarah von der entsprechenden PR-Agentur. Ein kleines Warm-up in geselliger, kuscheliger und chilliger Atmosphäre. JBL hat gleich zwei Lounges gehostet. Beide in stylishem Orange/Weiß getüncht. Die symbolischen und stilprägenden Farben von JBL. Flauschesessel, große Kissen und jede Menge Technik. JBL-Lautsprecher in allen Variationen, Größen und Formen. Und alle bereit, getestet zu werden. Unter anderem finden wir auch den Kopfhörer Live 650 BTNC vor. Das BTNC steht für „Bluetooth Noise Cancelling“. Ein Headphone, den auch der niederländische Trance-Superstar Armin van Buuren verwendet. Zu sehen übrigens auf dem Cover dieser FAZE-Ausgabe. Armin van Buuren und JBL – eine Kooperation, die so perfekt passt wie der Beat zum Club. Denn ein Kopfhörer ist – nebst Technik – das Must-have, das Maß aller Dinge und das unabdingliche Utensil eines DJs, um überhaupt einen einzigen richtigen Übergang zu erzeugen. Gerade bei Veranstaltungen wie dem World Club Dome ist es von immenser Bedeutung, die Party-Crowd mit guten Übergängen und gutem Sound zu catchen. Knapp 50 000 sind es, die in der Arena alias Mainstage ihre Heroes feiern. Heroes wie Armin van Buuren. Und der erscheint pünktlich auf die Minute und plaudert mit uns. Nicht nur über Kopfhörer.


Hi, Armin, schön, dass wir dich treffen.

Ja, das „nice to meet you“ gebe ich gerne zurück. Schön, hier bei euch zu sein.

Armin van Buuren als Coverstory für das FAZEmag – wir haben da als investigative Journalisten mal was vorbereitet. Und zwar ein paar Fragen, die auf Antworten warten. Please be honestly.

(lacht) Ich soll ehrlich sein? Na klar doch. Nothing but the truth. (lacht)

Ach so, nur der Vollständigkeit halber: Ist es okay, wenn wir das Gespräch als Audiodatei aufzeichnen, damit wir auch nichts vergessen zu erwähnen?

Natürlich, kein Problem.

Okay, dann drücke ich im Handy mal auf „Recording“. Und schon geht’s auch los: Sieben Releases in gerade einmal drei Monaten, von Februar bis April 2019. Das verdient auf jeden Fall ein Wow. Woher nimmst du all diese Kreativität und die Energie, so viel in so kurzer Zeit zu produzieren und zu veröffentlichen?

Irgendwie kam eins zum anderen. Ich gönnte mir Anfang des Jahres eine zweimonatige Auszeit und zuvor hatte ich ziemlich viel gearbeitet und produziert. Ich habe ja letztes Jahr auch schon angekündigt, dass ich im Frühling gleich mehrere Veröffentlichungen am Start haben werde. Und es gibt noch weitere gute Neuigkeiten: Es wird ein neues Album geben mit 21 brandneuen Tracks: „Moons Of Jupiter“, ein Titel, den ich mit meinem Alias GAIA produziert habe.

Zu GAIA kommen wir gleich noch ganz ausführlich. Lass uns vorher kurz über „Show Me Love“ reden, eine Veröffentlichung, die in Zusammenarbeit mit Above & Beyond entstand. Es ist eine Mischung aus – und korrigiere mich bitte, sollte ich falsch liegen – Oldschool Trance, Progressive Trance und Vocal Trance. Was war dein Part bei der Produktion und was haben Above & Beyond beigesteuert?

Es war im April 2018, als ich nach London reiste. In einer geheimen Mission sozusagen, denn niemand wusste, dass ich beabsichtigte, dort zu arbeiten. Generell war die Koop 50:50. Also 50 Prozent Above & Beyond und 50 Prozent Armin. A&B haben verschiedene Melodien geschrieben und produziert, mir die Sachen gemailt, ich habe weiter daran gefeilt und gebastelt – und die Sachen zurückgemailt. Und so weiter. Wir haben alle gemeinsam am Track gearbeitet – anfangs sogar im gleichen Studio in London. Dort entstand die Grundidee, wenn man so will. Wir haben dort zusammen gestartet, bevor ich dann zurück nach Holland geflogen bin. Ab dann lief alles über die Dropbox. Es hat schon eine Weile gedauert, bis „Show Me Love“ final fertig war. Fast ein ganzes Jahr, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Das war halt kein Ding, das man an einem einzigen Tag runterrockt. Und fairerweise muss man natürlich sagen und eingestehen, dass wir nicht tagtäglich daran gefeilt haben. Denn mal war ich auf Tour, mal waren Above & Beyond auf Tour. Letztendlich haben wir uns aber viel und häufig ausgetauscht und darüber diskutiert, wann der Break kommt, wann der Drop kommt und wie wir noch alles verfeinern können.

Wenn du dich kurz umdrehst und auf die Mainstage blickst, siehst du die Rakete als Bühnenhintergrund. Sie ist zwar noch verhüllt, aber heute Abend fällt der Vorhang und man sieht den Nachbau der Ariane 5. Das diesjährige Motto des BigCityBeats World Club Dome lautet ja „Space Edition“. Was glaubst du: Sind wir allein auf der Welt und im Universum? Oder ist da draußen noch jemand, wie zum Beispiel Bernd [Bernd Breiter, CEO BigCityBeats, Anm. d. Red.] oder Marshmello?

(lacht) Okay, ich versuche mal, ernsthaft zu bleiben: Das Universum ist riesig. Beziehungsweise unendlich. Und wir – die Menschheit – haben gerade erst angefangen, das All zu erkunden. Wir fliegen zum Mond, haben aber weiter noch nicht viel erforscht. Bisher. Klar kann es sein, dass auf fernen oder weniger fernen Planeten Leben ist. Das alles ist für mich ein total spannendes wie faszinierendes Thema. Mein GAIA-Album heißt ja nicht umsonst „Moons Of Jupiter“. Es ist quasi die Reise zu diesem Planeten und …

Was für eine gelungene Überleitung! Stichwort GAIA, dein Side-Project. Album-Release war Ende Juni.

Genau, am 25. Juni 2019.

War es eine Art inoffizielle Hymne für den diesjährigen World Club Dome, der unter dem Motto „Space Edition“ über die Bühne ging?

(lacht) Ja, gut möglich. Thematisch würde es zumindest sehr gut passen.

Uns liegt zwar bisher noch kein Pressematerial vor, aber wenn du der GAIA-Schiene treu bleibst, kann man davon ausgehen, dass auch die Tracks auf dem neuen Album sehr melodisch sind. Kannst du uns einen kurzen Einblick geben und das Album beschreiben?

Das Album spiegelt meine „andere Seite“ wider. Es ist ein weiterer Planet im Universum Armin van Buurens. (lacht) Man kann es auch als eine Hommage an meine Vorbilder und Helden bezeichnen, wie Klaus Schultze, Tangerine Dream, The Orb und Future Sound Of London. Aber auch Speedy J, Chris Liebing und natürlich Kraftwerk. Viele deutsche Inspirationsquellen, wie mir gerade auffällt. (lacht) Deren Einflüsse und deren Werke haben mich und meine persönliche Schaffensseite als Produzent sehr geprägt. Mit dem neuen GAIA-Album gehe ich zurück zu meinen Wurzeln, denn ich vermisse den Sound der guten alten Zeit. Ich vermisse diesen Sound in den heutigen Produktionen – den Sound, wie ihn ein Jean-Michel Jarre beispielsweise macht.

In der Tat ist es ja momentan so, dass vieles Alte wieder zurückkehrt und modern wird.

Ja, definitiv. Und für dieses Album waren und sind mir die Einflüsse aus „anno dazumal“ enorm wichtig. Ich habe mich beim Produzieren an keine klaren Regeln gehalten. Ich wollte nicht, dass man nachher sagen kann „Er hat ein reines Trance-Album gemacht“ oder so. Keine Kategorisierung. Kein reiner Techno, kein reiner Ambient. Ich saß einfach im Studio, bin in mich gegangen und habe mich an meine Anfangszeit erinnert. Und diese Ergebnisse kann man auf „Moons Of Jupiter“ hören. Und guck mal, normalerweise ist es ja so, dass du mit dem folgenden Plan ins Studio gehst: produzieren, mastern, veröffentlichen, touren. Bei diesem GAIA-Album war es so, dass ich zuerst auf Tour ging – und jetzt erst kommt das Album.

Aber es ist schon tanzbares Material auf dem Album.

Ja, natürlich. Es ist eine Reise, eine musikalische Reise von hier zum Jupiter. Von hier zu kleinen und großen Planeten. Aber es ist ein ganz anderes Album und eine ganz andere Musik, die ich als GAIA veröffentliche – im Vergleich zu den Releases, die als Armin van Buuren auf den Markt kommen. Es ist viel mehr Underground. Es gibt keine Vocal-Tracks, keine Kollaborationen, keine Remixe oder Neuauflagen von alten Tracks. Nichts von alledem. Es gibt keine Effekte, keinen Reverb-Kick, keine Noise-Sweeps oder so. Mit diesem Album habe ich mich selbst neu entdeckt und erforscht. Ich habe rund 2000 Loops auf dem Album kreiert. Drum-Loops, Melody-Loops, Arpeggios, String-Pattern – und das habe ich alles quasi in einen Topf geworfen und miteinander kombiniert und vereint. Also war es ein ganz anderer Arbeitsprozess wie „gewohnt“. Ich habe viele Ideen einfach miteinander verwoben. Und ich habe einfach geguckt, welche Loops am besten zusammenpassen, welche Tempi ich erzeuge und welche Sounds ich zusätzlich verwende. Ich habe mich schlichtweg von meinen Gefühlen steuern und leiten lassen. Und das – ganz krass gesagt – ohne Rücksicht auf die Fans. Das mag hart klingen, ich weiß. Und der ein oder andere GAIA-Fan wird von den neuen Stücken ein wenig enttäuscht sein, aber ich denke auch, dass die GAIA-Fans aufgeschlossen sind und sich Neuem gerne öffnen.

Du willst mit „Moons Of Jupiter“ also gegen den Strom schwimmen?

Jein. (lacht) Das Album ist kein Commercial-Album. Es gibt auch keine Single-Auskopplung. Klar, ich würde mich natürlich freuen, wenn es ein kommerzieller Erfolg werden würde, und hoffe, dass es bei Fans und Kritikern gut ankommt. Aber mein Hauptziel war es, etwas zu produzieren, das unvorhersehbar ist und das man nicht in Schubladen pressen kann. Es gab halt auch niemanden, der gesagt hat, was zu tun ist. Niemanden von Armada, keinen, der Vorgaben machte. Der Einzige, der daran beteiligt war, ist mein Studio-Buddy Benno.

Wie ist das eigentlich: Wissen deine Fans, dass Armin van Buuren hinter GAIA steckt?

Ja, ich glaube schon. Ich denke, das ist ein offenes Geheimnis.

Kein Geheimnis hingegen ist, dass du seit einigen Wochen Markenbotschafter im Global-Team von JBL bist. Wir haben übrigens ein sehr cooles Foto von dir als Cover. Armin van Buuren mit dem weißen JBL-Kopfhörer Life 650 BTNC. Warum hast du dich für eine Zusammenarbeit mit JBL entschieden?

JBL hat einen guten Namen, wenn es um Sound und Qualität geht. JBL ist einer der größten und bekanntesten Headphone-Hersteller der Welt, und mit dem Life 650 BTNC habe ich den perfekten Kopfhörer für mich gefunden. Ich denke, die gesamte Kooperation findet gerade zu dem perfekten Zeitpunkt statt.

Die Zusammenarbeit mit JBL wurde zwar erst vor Kurzem angekündigt, aber man kann davon ausgehen, dass die Koop mehrere Monate andauern wird. Was haben du und JBL genau vor und was können deine Fans erwarten?

Wir arbeiten in einem großen Team zusammen, um den perfekten Kopfhörer für unterwegs und für DJs zu entwickeln. Sie sollten genau an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden können. Beispielsweise haben wir einen exakten Nachbau einer Schallwelle meines Heimstudios erstellt, sodass man genau hören kann, wie meine Tracks klingen, wenn ich sie in meinem Studio erstellt habe. Wenn man diese Kurve auswählt, kann man den Klang miterleben.

JBL hat eine lange Tradition in der Musikbranche und ist heute eine der führenden Kopfhörermarken. Und du bist einer der renommiertesten und international anerkanntesten DJs. Arbeitest du mit JBL zusammen, was das Finden neuer Produkte angeht?

Ja, letzte Woche war ein Team aus den USA angereist, um mein Studio zu vermessen und über die Vor- und Nachteile und meine Vorlieben für Kopfhörer zu sprechen.

Welche Kopfhörer-Funktionen sind für dich besonders wichtig und welche Anforderungen stellst du an deine Headphones?

Ganz klar: Der Sound ist am wichtigsten. Gefolgt vom Tragekomfort. Der Kopfhörer sollte passen und gut sitzen. Punkt drei: Haltbarkeit und Belastbarkeit. Man kann für Kopfhörer viel Geld ausgeben und da müssen Preis und Leistung einfach stimmen. Man will sich ja nicht jeden Monat neue Phones kaufen. (lacht) Und last, but not least müssen sie natürlich cool aussehen.

Musik hast du bestimmt schon als Jugendlicher über Headphones gehört. Vielleicht war da auch der Van-Halen-Track „Jump“ dabei. Gut möglich, oder? Schließlich hast du ein Cover angefertigt. Wie kam es dazu? Was war der Ansporn?

Ich wollte eine Bootleg-Version für mein Set beim Ultra Miami machen. Ich habe es an Van Halen geschickt und keine so positive Reaktion erwartet! David Lee Roth wollte sogar auf der Bühne stehen, wenn ich es zum ersten Mal spiele!

Von „Jump“ jumpen wir mal direkt zu „Phone Down“, einem Track mit Garibay. Als ich ihn das erste Mal hörte, dachte ich: Das ist ein grooviger Summer-Smasher, konzeptionell ähnelt er „This Is What It Feels Like“. War genau das auch deine Intention dahinter?

„Phone Down“ war nicht als Follow-up gedacht, aber für mich ist es völlig okay, wenn man den Track so betrachtet. Stimmt schon, er hat eine ähnliche Mood. Meine persönliche Absicht war es, einen Track zu generieren, der sich mit der Thematik Telefon befasst. Telefon … Ein Medium, das wir tagtäglich verwenden und in den Händen halten.

Telefone gab es auch schon, als du vor mehr als 20 Jahren angefangen hast. Kabelgebundene Telefone mit Wählscheiben, Handys im XL-Format. Wenn du an diese Zeit zurückdenkst: Kannst du dich eigentlich noch an dein erstes Set erinnern, das du vor zigtausend Leuten gespielt hast?

Ja klar! Das war ein ganz besonderer Augenblick für mich. Es war der 5. Februar 2000, als ich zum ersten Mal für den Veranstalter Cream in Liverpool gespielt habe.

Ja, es gibt Ereignisse im Leben, die vergisst … Oh, ich bekomme gerade das Signal von deinem Management, dass wir zum Schluss kommen müssen. Okay, letzte Frage: Was kannst du neuen Produzenten auf den Weg geben, damit sie auf dem hart umkämpften Musikmarkt erfolgreich Fuß fassen können?

Nun, zunächst muss man für sich definieren, was man unter Erfolg versteht. Willst du die Nummer 1 des DJ Mag sein? Willst du einen Grammy gewinnen? Willst du auf die Pole-Position der Charts? Willst du als Headliner beim World Club Dome spielen? Kommt halt immer darauf an, was man will. To make a long story short: Mach dein eigenes Ding. Produziere deine eigenen Tracks. Punkt.

Das ist der „Magic Key“, richtig?

Genau. Das ist er. Eigene Tracks sind der Door-Opener. Ohne sie: kein Erfolg. Wenn andere DJs anfangen, deine Tracks zu spielen, erlangst du eine immer größere Reichweite. Das ist wie ein Schneeballsystem. Je mehr DJs deine Sachen spielen, desto bekannter und erfolgreicher wirst du.


Okay, prima. Hab vielen Dank für das Interview, Armin. Und viel Spaß gleich vor 50 000 Leuten auf der Mainstage!

Danke, hat mich auch sehr gefreut, Jungs. Bis zum nächsten Mal.

www.arminvanbuuren.com
www.jbl.com

 

 

Aus dem FAZEmag 089/07.2019
Text: Torsten Widua
Foto 1 und 3: Bart Heemskerk
Foto 2: Torsten Widua
Foto 4: Ruud Baan