Atlaxsys – Innere Welten

Foto: Valentina Zavgorodnyaya

Initiiert hat Andrey Kudinov sein aktuelles Projekt erst 2016, musikalisch aktiv ist er jedoch weitaus länger. Als Atlaxsys veröffentlichte Kudinov in den vergangenen Jahren beeindruckende Titel, den Fokus dabei stets auf komplexe und eingängige Modulation analoger sowie digitaler Maschinen, der klassischen 303 oder 808, und einem sphärischem, fast schon cineastische Sounddesign. Seine Tracks wurden bereits von Szenegrößen wie DJ Rush, Marc Houle, Alex Bau, Reset Robot und anderen geremixt, BBC Radio 1 spielt seinen Output nicht selten auf Heavy Rotation. Darüber hinaus gibt es keinen Künstler, der mehr Remixe für Moby veröffentlicht hat als er – ganze neun an der Zahl.  Atlaxsys gehört zu einem der aufstrebendsten Künstler*innen Russlands, der seinen Sound dieser Tage in internationalere Gefilde trägt. Dazu verhilft ihm auch sein eigenes Label Pysch.

Andrey, wie bist du zur Musik gekommen und was hat dich am meisten beeinflusst?

Ich begann, mich für Musik zu interessieren, als ich erst drei Jahre alt war. Von da an hörte ich gerne verschiedene Genres, meine Eltern hatten ganz andere Vorlieben und hörten sehr oft dieselben Lieder. Ich hingegen suchte immer nach etwas Schrägem und Ungewöhnlichem, was mich mehr ansprach als die gewöhnliche Radio-Playlist. Mit 15 Jahren begann ich dann mit dem Schreiben von Musik. Ein paar Jahre später wurde mir klar, dass ich das alte Projekt abschließen und etwas Neues, Reiferes und Bewussteres beginnen musste. Und so wurde ich zu dem, der ich heute bin.

Wie, würdest du sagen, haben dich deine Wurzeln und deine Heimat bisher als Künstler beeinflusst?

Aufgrund der aktuellen Umstände lebe ich mittlerweile in Armenien. Ich kann nicht sagen, dass meine Heimat einen allzu großen Einfluss auf mich als Künstler hatte, denn ich war eigentlich immer recht weit entfernt von der russischen Musikkultur und Lebensanschauung. Natürlich mag ich Musik und Kunst aus vielen verschiedenen Ländern auf unterschiedliche Art und Weise, aber ich kann sagen, dass ich eher ein Typ mit europäischen Ansichten bin und mir europäische Underground-Musik und amerikanische Popmusik viel näher sind. Entweder, weil sich mein Geschmack und meine Interessen schon immer von denen der Menschen um mich herum unterschieden haben oder weil ich ein wenig deutschstämmig bin, was sich in meiner Vorliebe für Techno-Sound von klein auf zeigt, auch wenn ich verstehe, dass das ein bisschen seltsam klingt. In Russland gibt es keine richtige Techno-Kultur, die man als populären Trend oder gar als Subkultur bezeichnen könnte. Es gibt verschiedene Partys, Clubs und Crews, die versuchen, Techno zu supporten, aber mehr auch nicht.

Du hast dein Projekt offiziell im Jahr 2016 gestartet – seitdem hast du viele EPs und Remixe veröffentlicht.

Ja, mein Projekt begann 2016 zur gleichen Zeit wie mein Label. Ich habe es genossen, Ende der 90er- bis Anfang der 2000er-Jahre gute und intelligente Musik auf MTV zu hören. Die besten Zeiten erlebte ich, als Moby und Radiohead mein Herz eroberten. Ich höre Moby, seit ich ein Kind bin, und es war schon immer ein Traum von mir, mit einem solchen Künstler zu arbeiten! Und Träume werden ja manchmal wahr. Ich schickte Moby eine Anfrage für einen Remix des Tracks „Go“. Nach einer Weile bekam ich eine positive Antwort. Also machte ich neun offizielle Remixe, die auf meinem Label Pysch veröffentlicht wurden. Es wurde auch eine Collectors-Vinyl mit allen Remixen veröffentlicht. Darauf bin ich sehr stolz.

Lass uns auf dein Label zu sprechen kommen. Wie beschreibst du die Philosophie von Pysch?

Zunächst einmal ist mein Label eine Art „safe place“ für mich. Mein Zuhause, wo es warm und gemütlich ist. Es war mir wichtig, Inhalte zu veröffentlichen, die ausschließlich von mir und meinen Freunden und Künstler*innen aus meinem Inner Circle stammen. Mit der Zeit wurden meine Ansprüche an mich selbst sowie meine Wünsche immer höher. Das Label wurde privater und die Philosophie wurde intimer und persönlicher. Im Moment ist mein Label meine Festung, auf der Künstler*innen wie Moby, DJ Rush, Marc Houle, Reset Robot, Alex Bau, Projekt Gestalten, Nick Muir, Cristian Varela, Dawn Razor und viele mehr veröffentlicht haben bzw. das auch weiterhin tun werden. Die Philosophie ist einfach – meiner inneren Welt Ausdruck zu verleihen. Mein Label ist quasi meine innere Welt.

Im Juni hast du deine Katalognummer 36 veröffentlicht. Erzähl uns etwas über die bisherige Geschichte des Labels und über die Ziele für die Zukunft.

Als ich anfing, Musik zu machen, wurde mir recht schnell klar, dass ich mein eigenes Label gründen wollte. Also habe ich das Label über die deutschen Vertriebe DigDis und decks.de gestartet. In naher Zukunft wird die visuelle Komponente des Labels überarbeitet und es sind einige großartige Releases geplant.

Wie, würdest du sagen, hat sich der Sound des Labels im Laufe der Zeit entwickelt?

Der Sound wandelt und verändert sich ständig, wie eine Art Schaukel. Das hängt oftmals von der Stimmung ab. Ich kann chaotisch sein und klingen wie experimentelle Electronica, oder ich kann gerade und hart sein wie Berliner Techno. Dieses Prinzip lässt sich auf dem Label abbilden, auch wenn dort der Sound äußerst einheitlich ist.

Was steht für den Rest des Jahres auf deiner Agenda?

Es sind sehr viele Live-Shows in Planung, darunter in Deutschland, Frankreich und Spanien. Außerdem plane ich, so bald wie möglich in ein Land zu ziehen, in dem ich mich als Techno-Künstler mit meiner geliebten Familie weiterentwickeln kann. Meine Familie ist die Popoff Kitchen, eine queere Techno-Community. Seit kurzem bin ich einer der Hauptkünstler dort. Dort fühle ich mich selbstbewusst, sicher und verstanden. Da ich selbst schwul bin, ist dies genau der richtige Ort mit den richtigen Leuten, die mich nie verurteilen würden. Nikita und Sergey werden mich nie im Stich lassen. Musik ist das Einzige, das ich mein ganzes Leben lang machen möchte. Manchmal experimentiere ich mit Musik. Ich kann sowohl sehr weiche und luftige Musik schreiben, wie Ambient oder etwas Entspannenderes und Vageres, als auch etwas zwischen New Age und Industrial. Ich möchte mich auch an Filmen und Videospielen versuchen – beim Schreiben von Soundtracks. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

 

Aus dem FAZEmag 128/10.2022
Text: Lisa Bonn
Foto: Valentina Zavgorodnyaya
www.instagram.com/atlaxsys