Auf der Dachterrasse eines Hotels in Berlin. Die Sonne scheint, Adrian Sherwood ist guter Dinge – trotz Interviewmarathon. Der Mann ist schließlich Profi und seit den 70er-Jahren im Business. Als Labelmacher, DJ und vor allem Produzent hat er sich einen legendären Status erarbeitet. Er produzierte große Acts wie Depeche Mode, Einstürzende Neubauten, Ministry, Skinny Puppy, oder Nine Inch Nails. Seine Verdienste um den Dubsound dürfen hier natürlich ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Gerade ist das erst dritte Soloalbum „Survival & Resistance“ erschienen. Adrian Sherwood hat aber auch sonst viel zu erzählen.


Inwieweit bezieht sich der Titel deines neuen Albums eigentlich auf dein eigenes Leben als Künstler?

Ich denke, er passt perfekt. Ich konnte all die Jahre meine Karriere als Produzent verfolgen und habe nicht locker gelassen. Dafür bin ich sehr dankbar. Und ich bin immer noch hier. Doch eigentlich ist der Titel nach einem Buch über den palästinensischen Kampf benannt. Aber das ist nun wirklich nicht vergleichbar mit meinem Leben. (lacht)

Aber es geht doch auch etwas um deinen eigenen Kampf?

Kampf ist nicht das richtige Wort, denn mein Kampf ist nichts vergleichbar mit dem der armen Palästinenser. Ich sah einfach den Titel und fand, dass er auch ein guter Name für mein Album sein könnte. Ich hatte wirklich viele großartige Zeiten in meinem Leben, konnte mit meinen Helden arbeiten und machte viele wunderbare Erfahrungen. Ich denke, dass ich über all die Jahre mein Handwerk gelernt habe. Aber es ist natürlich ein gewisser Kampf, ein Label zu erhalten.

Welche Zeit war denn eher schwierig für dich?

Nun, was passiert ist – und das nicht nur für mich sondern für viele andere Leute auch – ist, dass sich das digitale Feld der Musik durchgesetzt hat. Man muss sich deshalb breiter aufstellen und ich war nicht schlau genug das zu tun. Daher muss ich mich nun umorganisieren. Ich bin aber in der Position, dass ich immer noch meine Arbeit besitze und eine wirklich gute Karriere und Vergangenheit habe. Jetzt arbeite ich mit einem der besten Labels der Welt, mit Warp. Aber mir ist wirklich bewusst, was heute passiert. Daher trifft der „Survival and Resistance“-Titel auch ganz gut. Ich habe mein eigenes Label auch deswegen, weil ich keinen Fragen oder um etwas anbetteln möchte. Wir machen einfach unser Ding. Ich könnte in keiner besseren Situation sein. Ich bin nun ganz auf meine eigene Arbeit konzentriert und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich habe eine zeitgenössische Dubplatte gemacht, die nach keiner anderen Platte klingt.

„Survival & Resistance“ ist erst dein drittes Soloalbum. Das erscheint etwas ungewöhnlich, immerhin bist du schon seit den 70ern musikalisch aktiv. Hast du generell lieber für andere produziert?

Ich habe auch die Platten, die ich für andere produziert habe, als meine eigenen angesehen, auch wenn meine Name nur auf der Rück- und nicht auf der Vorderseite stand. Ich spielte so viele Live-Shows und DJ-Sets, bei denen dann mein Name auf dem Plakat stand, ohne dass ich eine eigene Platte gemacht hatte. Es waren Fans, die die Informationen auf den Rückseiten gelesen haben und wussten, wer ich war. Daher war es für mich irgendwann an der Zeit, meinen eigenen Namen etwas mehr nach vorne zu bringen, ohne von anderen abhängig zu sein. Die ersten beiden Alben machte ich, um Tracks für meine Live-Dubshows zu haben. Die neue Platte ist das Gegenteil, sie ist dafür gemacht worden, um sie daheim zu hören.Es sind auch kaum Synths darauf enthalten, vielmehr habe ich viel mit dem Tuning von Sounds wie Strings und Percussions gearbeitet. Es klingt nach Synthesizern, aber es sind keine.

Ab wann hat sich denn für dich die Richtung erschlossen, in die du mit „Survival and Resistance“ gehen wolltest?

Ich hatte anfangs die Idee, ein amazonisches, psychedelisches Dubalbum zu produzieren, bekam dann aber nicht genug Tracks dafür zusammen und fühlte mich auch nicht bereit, weiter daran zu arbeiten. Stattdessen begann ich mit dem Tuning von schnellen, türkischen und brazilianischen Percussions zu experimentieren. Ich bearbeitete und verbog sie. Das Album entstand dann ziemlich leicht.

Wie hältst du denn das bestimmte Dubgefühl nach all den Jahren für dich immer noch frisch?

Die ganze Dubbewegung hat Jamaika ja vor vielen Jahren verlassen. Sie hat sich aus Versions entwickelt. Es gab einen Song und eine Instrumental Version. Heute hat man Leute in Deutschland, Italien, Frankreich, England, die Dub produzieren, dem nicht erst ein Song vorsteht. Was ich mache, ist ein Stück zum einen technisch mit Echo und Delay zu bearbeiten
und zum anderen zu versuchen etwas eher meditatives im musikalischen Sinne daraus zu kreieren. So dass der Hörer sowohl in die Musikalität als auch in den Dubklang hineingezogen
wird. Viele aktuelle Dub- und Rootsplatten sind nicht in der musikalischen Art und Weise gemacht, wie ich selbst sie versuche umzusetzen. Ich liebe Musik, wenn man in ihr hören kann, in welche Richtung der Macher damit gehen wollte.

Es gab gerade in den letzten zehn Jahren viele Dubtechno-Tracks, die nach dem gleichen Strickmuster mit den gleichen Chords und Delays arbeiten und die dadurch extrem austauschbar und ohne eigenen Charakter klingen …

Durch den Austausch und die direkte musikalische Verbreitung über das Internet haben viele Ideen ganz einfach gar nicht die Zeit, sich zu entwickeln und zu atmen. Sie werden zu früh aufgebauscht und können sich nicht natürlich entfalten. So hört jeder dann Dubstep und jeder drückt den Knopf und hat den gleichen Wobblebass. Jeder kopiert das, was erfolgreich ist. Und irgendwann ist das Genre dann tot und irgendwer kommt und erfindet eine neue Variante davon.

Hat denn die Veränderung der Technologie auch auf dich einen großen Einfluss im Studio?

Ich habe immer schon mit jungen Engineers gearbeitet. Der aktuelle verwendet zum Beispiel Pro Tools. Und ich hab die ganzen analogen Sachen, wie ein wundervolles analoges Mischpult mit 36 Kanälen. Das neue Equipment kann ich selbst eigentlich nicht bedienen, dafür habe ich den Engineer. Aber die Verbindung beider Techniken funktioniert super. Analoges Abmischen ist meiner Meinung nach heute sehr selten geworden. Es fügt dem Klang einfach eine andere Dimension hinzu. Das ist sehr spannend.

Kannst du als Musikhörer überhaupt das analytische Hören abschalten, wenn du andere Musik hörst?

Ja natürlich. Aber ich liebe es, wenn man den eigenen Sound des Produzenten heraushört. Ich mag es bei meinen eigenen Sachen, wenn die Leute nicht direkt heraushören,
wie etwas gemacht wurde. Das finde ich selbst auch gut, wenn ich andere Sachen höre. Ich möchte etwas Eigenes schaffen, das nach mir klingt.

Du hast in deiner Karriere mit sehr vielen großen Künstlern gearbeitet. Gab es darunter jemanden, der dich in deiner Produktionsweise nachhaltig beeinflusst hat?

Am meisten hat mich Mark Stewart beeinflusst. Seine Produktionstechnik, die Distortion und das Überladen … Ich denke aber, dass ich von allen, mit denen ich näher im Studio zusammengearbeitet habe, etwas lernen konnte. Ein guter Engineer wird auch alle Tricks von den Leuten, für die er arbeitet lernen und hoffentlich selbst irgendwann dadurch zum Produzenten werden.

Gehst du denn jedes Mal mit „neuen“ Ohren und einer anderen Art des Hörens ins Studio, wenn du mit einem anderen Künstler arbeitest und die Herangehensweisen verschieden sind?

Das hängt davon ab, was die Präferenzen sind. Man redet ja mit dem Künstler, bevor man anfängt. Dann werden die Ideen diskutiert, und es wird darüber gesprochen, in welche Richtung es gehen soll. Oder der Künstler sagt, was er will oder nicht will. Wenn er open-minded ist, sagt er, dass man zusammen etwas versuchen soll. So sollten Produktionen ablaufen. Wenn ich für jemanden arbeite, hängt es auch davon ab, ob ich als zusätzliches Mitglied der Band gesehen werde oder als jemand der nur für den Klang zuständig ist. Bei meinen eigenen Platten arbeite ich von Anfang bis Ende daran und entscheide selbst, wenn es fertig ist. / Benedikt Schmidt

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