Auf Tour in Indien: ME & her – hier der Erlebnisbericht aus einer fremden Welt – Teil 2

 

Das Schweiz-Deutsch-Vietnamesische DJ Duo ME & her besteht zwar nicht aus biologischen aber musikalischen Schwestern im Geiste, aus zwei Talenten, die eins geworden sind, um zu zweit die Dancefloors dieser Welt aufzumischen. Phuong & Jen vereinen nicht nur ethnisch zwei unterschiedliche Kulturen unter zwei Scheiteln, ihre unterschiedlichen Wurzeln sind auch in ihrem musikalischen Schaffen stets spür- und hörbar.

Mit Releases auf Get Physical, Off Recordings und Deeperfect haben sich die zwei in den letzten zwei Jahren bereits einen kleinen Namen gemacht und touren seitdem rund um die Welt. Vor kurzem sind sie zurück aus ihrer zweiwöchigen Indien Tour, wo sie unter anderem für die ADE Global Session Mumbai unterwegs waren und berichten exklusiv für uns über ihre Erlebnisse in drei Teilen.

 

Dharavi Slums – Teil 2

Auf dem Weg zum Bahnhof gab mir Mohammad einige wichtige Hinweise. Ich solle bitte vor ihm laufen und wenn der Zug kommt, wird es einen riesigen Andrang geben und ich soll einfach mit der Menge mitgehen und so nah wie möglich bei ihm bleiben. Wenn es um öffentliche Verkehrsmittel geht achtet jeder nur darauf, dass er selbst noch in das Verkehrsmittel kommt. Ich hatte Glück, dass wir nicht in den Stoßzeiten unterwegs waren, denn da ähnelt der Ein- und Aussteigeprozess eher einem Stierkampf. Als der Zug langsam angerollt kam, sprangen die ersten Leute bereits auf den Zug. Nein, die Passanten zuerst aussteigen zu lassen kennen sie nicht, also blieb mir auch nichts anderes übrig als mich auch da reinzudrängen. Ich wurde von allen Seiten gedrückt und das Schlimmste war, dass ich auch noch begrabscht wurde. Es sind so viele Leute, dass es einfach unmöglich ist zu erkennen wer es war. Als Frau fühlst du dich dort einfach völlig ausgeliefert! Die ganze Zugfahrt war so unangenehm. Nur Männer im Abteil, ja jetzt weiß ich auch warum es Frauenabteile gibt. Ob beim Einsteigen oder Aussteigen du wurdest von allen Seiten begrabscht und auch Mohammad konnte nichts dagegen machen. Ich war nur froh als wir in Dharavi ankamen.

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Lokalzug mit hauptsächlich Männern / Strasse von Dharavi

 

 

Ja, seit „Slumdog Millionaire” kennt so ziemlich die ganze Welt Dharavi, doch nur die Wenigsten wissen, was da wirklich abgeht. Das Wort Slum wird viel zu oft negativ interpretiert. Doch was ich dort erlebt habe, war alles andere als negativ. Mohammad zeigte mir stolz die verschiedenen Produktionsstätten: Recycling, Stofffärbungen, Kleidung, Schmuck, Lederprodukte, Kunsthandwerk und sogar Software wird programmiert. Es gab kaum Arbeitslosigkeit und was mich vor allem erstaunte auch kaum Kinderarbeit. Die meisten Kinder gehen zur Schule, da ihre Eltern hart arbeiten um Ihnen ein besseres Leben zu schenken. Doch die Arbeitsbedingungen der Menschen sind wirklich sehr schlecht. Sie arbeiten zum Teil mit giftigen Chemikalien ohne Schutzkleidung oder Maske. Von allen Seiten trafen verschiedene Gerüche aufeinander, Rauch, Abgas, Urin und überall Fliegena. Auch wenn es ein Armenviertel ist, waren die Leute dort sehr herzlich. Ich spielte mit den Kindern Cricket (Cricket ist DIE Sportart in Indien), habe mich mit den Menschen dort unterhalten, gelacht und obwohl sie nicht viel hatten haben sie das Wenige mit mir geteilt und es kam alles von Herzen, das konnte ich förmlich spüren. Genau dieses Gefühl von Herzlichkeit & Ehrlichkeit fehlt mir etwas in der Schweiz und in der DJ Szene. Würde man nur die Synergien nutzen und mehr miteinander arbeiten als gegeneinander würden wir alle soviel weiterkommen. Es gibt doch nichts schöneres, als Erfolg zu teilen.

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Auf Tour in Indien: ME & her

Kinder von Dharavi / Bewohner von Dharavi

 

 

Die Hintergrundgeschichten von den Bewohnern von Dharavi waren so eindrücklich, einerseits auch traurig aber andererseits auch so schön. Sie schämen sich nicht, dass Sie aus Dharavi sind, es ist ihr zu Hause. Sie wohnen dort, arbeiten dort und haben Familie und Freunde dort. Was man noch erwähnen muss ist, dass es egal ist ob man Moslem oder Hindu ist, alle leben friedlich miteinander. Ja da sieht man mal wieder, dass es manchmal nur wenig braucht um glücklich zu sein. Am Schluss der Tour lud mich Mohammad zu sich nach Hause ein damit ich auch sein Zuhause kennenlernen durfte. Die Arbeitsstätten und der Wohnbereich sind geteilt. Wir betreten den Wohnbereich durch eine super enge dunkle Gasse, wo sich links und rechts Wohnungen aneinanderreihten. Ok, Wohnungen kann man das nicht nennen eher Bruchbuden. Ich wurde herzlich von seinem Onkel empfangen und er bot mir Chai Tee aus einem Plastiksack an. Obwohl ich am Anfang etwas misstrauisch war muss ich sagen, dass der Tee hervorragend schmeckte. Die Wohnung war nicht größer als 10qm. Darin wohnen bis zu 5 Leute manchmal sogar mehr. Sie waschen sich, schlafen, kochen und essen dort und wenn man auf die Toilette musste, musste man etwa 100m zur Gemeinschaftstoilette laufen, die nicht größer war als ein Bungalow. Mehr als 1400 Menschen benutzen diese Toilette – täglich.

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Chai Tee bei Mohammad zu Hause / Essen bei Freunden von Mohammad

 

 

Nach einer kurzen Pause bei Mohammad blieb uns noch etwas Zeit um ein bisschen Sightseeing zu machen. Gateway of India und die Küste standen auf dem Programm. Es war aber so heiß und meine Füße taten mir auch schon so weh, dass ich es nicht wirklich lange ausgehalten habe. Schnell ein paar Erinnerungsfotos aufnehmen und dann ging es zurück ins Hotel, in dem ich erstmal die ganzen Eindrücke verarbeiten musste. Ja irgendwie schon ein ziemlicher Kontrast und mir wurde es noch mal viel bewusster wie gut wir es doch einfach haben und es soviel mehr schätzen sollten. Auf jeden Fall kann ich die Tour nur jedem empfehlen! Meldet euch bei Mohammad – Dharavi Slum Tour (auf Facebook).

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Der Kontrast könnte nicht grösser sein!

 

 

ADE Cook Off @ Todi Mill Social, Mumbai

Mitte der Woche waren wir dann endlich wieder vereint. Pünktlich zum ADE DJ Cook Off, dem Kochwettbewerb der ADE für DJs, bin ich (Jen) angereist. Ich traf mich mit Phuong und unseren Tourorganisatoren in einer Eventlocation im Herzen Mumbais, der Todi Mill Social. Auf dem Weg zur Location konnte ich einen sehr eindrücklichen Blick auf Mumbai erhaschen.

 

Da wir in einem 5-Stern-Hotel untergebracht waren, konnte der Unterschied nicht größer sein: du kommst aus deiner schicken Hotelloby raus und ein Fahrer erwartet Dich. Du steigst gut behütet und umsorgt in dein Taxi und wirst dann mal eben krass in die Realität des Lebens zurückgeholt, indem du vom Taxi aus Einblicke in die Lebensverhältnisse von den Mumbai Street People erlangst. Diese Bilder haben uns sehr beschäftigt und uns gezeigt, wie gut das Leben zu uns ist und wie dankbar wir sein sollten. In der Zukunft wäre es schön, wenn wir mehr und mehr soziale Projekte durch unsere Musik unterstützen könnten und Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns den Zugang zur Musik erleichtern oder einen Teil durch Spenden an andere zurückgeben können.

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Ein “Schlaf- & Wohnzimmer” der Street People von Mumbai.

 

 

An der Location angekommen, ging es dann auch schon ziemlich schnell los und wir hatten 4 Stunden Zeit, mit einer Herdplatte für 30 Leute zu kochen. Das war auf jeden Fall eine Herausforderung! Da Phuong durch den Stadtverkehr und die Unzuverlässigkeit in Indien 40 Minuten zu spät kam und ich keine Ahnung davon hatte, was wir kochen werden, wurde es zunehmend spannender.

 

Bereits im Vorfeld hat uns die ADE gefragt, ob wir am Cook-Off teilnehmen und wir mussten uns für ein Gericht entscheiden sowie die Zutaten bekanntgeben. Da Phuong’s Eltern aus Vietnam kommen, haben wir uns für einen Mix aus 2 vietnamesischen Gerichten entschieden:

 

  1. Vietnamesischen Sommerrollen aka. “Happy Rolls”

Hierbei werden Koriander, Salat, Riesengarnelen und scharf angebratener Lachs, sowie Gurkenstreifen in Reispapier eingerollt und mit Hoisin Sauce gegessen

 

  1. Nuong La Lot aka. gefüllte Weinblätter mit Garnelenspießen auf Reisnudeln

Die Weinblätter werden mit einer Mischung aus Hackfleisch und Garnelen sowie einer würzigen Marinade gefüllt und gegrillt. Dazu gab es Garnelenspieße ein Reisnudelbett und Fischsauce.

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Unsere Kochstation bestehend aus einem Holztisch, einer Kochplatte und den Zutaten, welche im Vorfeld für uns besorgt wurden / Unser Menü.

 

 

Wir wurden leider nur Zweiter, aber auf jeden Fall war es eine tolle Erfahrung. Es gab 4 Kochteams, welchen jeweils Kochassistenten zur Verfügung standen. Da insgesamt 120 Gäste eingeladen wurden, musste jedes Team demnach für jeweils 30 Gäste kochen.

 

Der Abend wurde dann ausgelassen gefeiert, da wir mit den ADE-Organisatoren, den anderen Kochteams und Drinks einer Präsentation von Arjun Vagale über Musik, die ihn inspirierte, lauschen konnten.

 

Tao Terrace Bangalore

 

Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg nach Bangalore. Dort angekommen wurden wir von Gokul, dem Promoter und Resident DJ vom Tao Terrace in Empfang genommen. Dieser hat uns viel über seine Zeit in Berlin erzählt und sofort haben wir uns extrem gut mit ihm verstanden. Nach einigen Stunden Reisezeit, war es dann auch schon wieder so spät, dass wir uns gleich auf den Weg in den Club machten. Diese zauberte uns noch asiatische Dim Sum und Gerichte als Stärkung auf den Tisch, bevor wir dann um 23:00 Uhr (Main-Act-Time) unser Set starteten. Der Club ist ein Open-air-Rooftop-Venue und sofort spürten wir eine spezielle Stimmung dort. Die Leute waren ausgelassen und gespannt darauf, dass wir unser Set anfingen. Wir haben sofort gespürt, dass wir dort meliodiöser und etwas deeperen Techno spielen werden und die Reaktion des Publikum gab uns auch schon bald recht. Insgesamt kann man sagen, dass uns das Publikum einlud, es mit auf eine musikalische Reise zu nehmen. Gemeinsam haben wir uns immer mehr zu einer immer bessern Stimmung gesteigert und hatten gemeinsam eine sehr gute Zeit.

 

Am Ende des Sets haben wir gemeinsam mit einigen Leuten aus dem Publikum auf den Boxen zum DJ Koze Remix von Bad Kingdom getanzt und uns nach Ende des Sets und nach Schließung des Clubs um 1 Uhr morgens noch sehr gut mit allen unterhalten. Bangalore war ein extrem toller Gig und hat uns besonders viel Spaß gemacht.

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