Immer wieder wurde mir „Purple Line“ von Ben Böhmer als Video empfohlen und immer wieder versuchte ich stark zu bleiben gegenüber YouTubes Algorithmen. Und wie so oft gab ich meiner Neugierde irgendwann nach, drückte auf Play und der Track begann: Gefühlvolle Harmonien verbanden sich mit verspielten Synth-Lines zu einem deepen, organischen Soundkonstrukt, das mit swingenden Percussion-Patterns und pointierten Vocal-Cuts eine frische und energiereiche Version von House ergab.

Foto: Erik Weiss


Dass der nun in Berlin wohnende Produzent ein derart gutes Gespür für ungewöhnliche, elektronische Klangkombinationen entwickelt hat, ist nicht zuletzt der Einführung in die Szene durch seinen älteren Bruder geschuldet: Zusammen entdeckten sie früher Rave-Events rund um ihre Heimat Göttingen – heute kümmern sich die beiden gemeinsam mit anderen Gefährten aus dieser Zeit um das eigene Imprint Ton Töpferei, welches nun schon auf 25 Katalognummern zurückschauen kann.

Die Gründung des Labels ist eng mit Bens eigenem Werdegang verknüpft: Um seinen einzigartigen Sound releasen zu können, brauchte es eine eigene Plattform – denn viele etablierte Labels konnten ihm keine bieten, da sie keine Newcomer in den Labelstamm aufnahmen. Ton Töpferei 001 hieß dann „Mauerblümchen“, eine Compilation mit allen Protagonisten des Labels, und wurde bereits als Geheimtipp gehandelt. Für Ben standen schnell immer mehr Gigs an und Releases auf Sacrebleu, Ostfunk oder Keller Records. 2017 kam dann die Anfrage des britischen Houselabels Anjunadeep, ob Ben nicht einen Track zur „Explorations“-Compilation beisteuern könnte. Das Material, das nun nach UK geschickt wurde, überzeugte die Label-Heads Above & Beyond so sehr, dass Ben direkt zwei EPs nachlegen durfte. „Ab diesem Punkt Mitte 2018 hat sich für mich alles geändert: Ich durfte Live-Sets auf jedem Kontinent spielen und habe mich um die Produktion meines Debütalbums gekümmert. Wenn ich zurückblicke, verging das Jahr wie im Flug und war gleichzeitig das produktivste und spannendste in meinem Leben.“

Das Gefühl, dass es an der Zeit für ein erstes Album war, entwickelte sich für Ben sehr organisch – das Ergebnis stellt für ihn nach mehr als 13 releasten EPs einen Meilenstein dar: „Für mich als Musiker gehört ein Album auf jeden Fall in die Diskografie. Ich sehe ein Album auch einfach als Gesamtwerk, in dem ich meinen Sound in all seinen Facetten zeigen kann: mal butterweich, mal bitterböse, mal straight, mal kitschig. Es ist natürlich etwas für den Samstagabend in Berlin dabei, aber es gibt auch Raum auf dem Album für einen beschaulichen Sonntagnachmittag.“

Ben Böhmer ist ein großer Freund davon, mit anderen Menschen Musik zu machen – so ist es nicht verwunderlich, dass einige der elf Tracks aus Jams mit Künstlern aus dem Freundeskreis wie Monolink, Jan Blomqvist oder Nils Hoffmann entstanden sind. Irgendwann war der Gedanke da, aus dem immensen Material, das sich bei diesen Jams und dem fast täglichen Produzieren ergeben hatte, ein Album zu gestalten. Was folgte, war ein sehr perfektionistischer Feinschliff, wenn um es die Klangplatzierung und verspielte Details ging.

Bens Sound steht im harten Kontrast zum vorherrschenden Rave-Techno-Trend. Doch wer schon mal auf den Vibe am Anfang seiner Live-Sets geachtet hat, bemerkt glückliche Raver, die sich freuen, dass jemand seine Emotionen in Harmonien und deepen Texturen ausdrückt, und stellt fest, dass trotz dieser Tatsache alle Hände oben sind, wenn Ben loslegt. Mit diesem Feedback seiner Fans im Rücken geht es im Frühjahr endlich auf Album-Welttour mit Auftakt in Amerika.

Aus dem FAZEmag 094/12.2019

Text: Bastian Gies
Beitragsbild: Erik Weiss
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