Beyerdynamic DT 275 PRO – Leise aber laut!

Ruhe? Naja, zumindest fast. Ich habe mir gerade den neuen DT 275 PRO von Beyerdynamic aufgesetzt und tatsächlich ist das Erste, was mir auffällt, gar nicht der Sound. Es ist die Ruhe. Der Kopfhörer schirmt die Außenwelt nämlich erstaunlich stark ab. Und nein, hier arbeitet kein Noise Cancelling, kein DSP und auch sonst keine elektronische Zauberei. Dieser Kopfhörer macht das einfach durch seine Bauweise. Setzt man ihn auf, ist schon deutlich weniger von dem da, was um mich herum passiert. Beyerdynamic hat ihn für Situationen gebaut, in denen es laut und vielleicht auch mal ein bisschen chaotisch wird. FOH, Filmset, Recording, mobile Produktion oder natürlich auch meine laute DJ-Booth, in der ich ihn teste. Also eigentlich genau die Orte, an denen man einen Kopfhörer wirklich braucht. Für 119 Euro bekommt man mit dem DT 275 PRO den Einstieg in Beyerdynamics PRO-Serie. Einen geschlossenen On-Ear, der gerade einmal 195 Gramm wiegt. Er sitzt wirklich direkt auf den Ohren und ich muss gestehen, ich finde On-Ears gerade beim DJ-ing ziemlich geil. Klein, schnell aufgesetzt, eine Seite runter, wieder drauf. Fertig. Aber dazu später nochmal mehr.

Erstmal Regler hoch und Musik an.
Ich höre zunächst ein paar Tracks, die ich wirklich gut kenne. Wenn ich Headphones teste, mache ich das eigentlich immer so. Audiophile Testaufnahmen bringen mir relativ wenig, wenn ich nicht genau weiß, wie sie eigentlich klingen soll. Bei eigenen Produktionen oder Tracks, die ich schon hundertmal gehört und gespielt hab, geht das viel schneller. Tatsächlich überrascht mich der DT 275 PRO auch hier. Er klingt anders, als ich erwartet hatte.

Wer Beyerdynamic kennt, verbindet damit vielleicht schnell einen sehr detaillierten, teilweise ziemlich offenen Hochtonbereich. Dieses Modell ist da entspannter. Die Höhen springen mich nicht direkt an und der gesamte Sound wirkt relativ direkt und kompakt. Ich musste mich daran kurz gewöhnen. Nach 4 Tracks habe ich aber verstanden, warum das hier Sinn ergibt. Er will kein Kopfhörer sein, mit dem ich nachts um drei Uhr im Studio die letzten drei Prozent meiner HiHat suche. Er sagt mir, was gerade passiert. Und genau dann, wenn gerade mit 107 Dezibel um mich herum was anderes passiert.

Das ist ein großer Unterschied: Laut draußen, leise drinnen.
Die passive Abschirmung ist für mich deshalb tatsächlich das wichtigste Feature des DT 275 PRO. Der Hersteller gibt hier eine Geräuschisolierung von 22 dB(A) an, und das ist für ein Modell in dieser Größe schon sehr ordentlich. Der interessante Punkt ist aber bekannterweise nicht die angegebene Zahl, sondern was sie in der Praxis bedeutet.

Ich habe seit fast 30 Jahren regelmäßig Kopfhörer in DJ-Booths auf dem Kopf. Dort passiert eigentlich immer dasselbe. Der Monitor ist laut, die PA ist laut, der Raum ist laut und irgendwann dreht man den Kopfhörer einfach noch lauter. Man muss ja irgendwie dagegen ankommen. Das ist natürlich der komplette Wahnsinn für die Ohren. Raus aus der Booth, rein ins Studio. Auch hier gibt er ein super Bild ab. Er wurde offensichtlich nicht für den perfekten Raum gebaut, sondern eher für das genaue Gegenteil. Für Räume, die man nicht mal eben kontrollieren kann.

Der Bass muss… drücken.
Untenrum geht es ordentlich zur Sache. Der Bass ist präsent und meine Kickdrums haben einen schönen, saftigen Wumms. Das gefällt mir natürlich. Trotzdem wird daraus kein übertriebener DJ-Kopfhörer, bei dem nach 4 Tracks alles nur noch aus Bass besteht. Gerade der Bereich, den ich für meine Musik (Techno) brauche, ist sehr gut wahrnehmbar. Kick und Bassline kann ich im Studio problemlos voneinander unterscheiden und genau darauf kommt es doch auch an. Besonders in lauten Umgebungen. Dazu bekommt man präsente Mitten serviert. Vocals, Synths und Percussions stehen gut im Mix und ich muss nicht erst noch danach suchen. Obenrum ist er ein bisschen zurückhaltender. Das kann man mögen oder nicht. Für einen rein analytischen Mixing-Kopfhörer hätte ich persönlich gerne etwas mehr Offenheit und Information in den Obertönen. Aber hey. Dann wären wir bei einem anderen Einsatz- und vor allem Preisgebiet.

Er ist sicherlich kein Kopfhörer fürs Studio, um die perfekten Mixe abzuliefern. Dafür braucht man Modelle, die tiefer gehen. Aber für Recording oder um zu beurteilen, was aus einem Gerät herauskommt, ist der DT 275 PRO absolut befriedigend. Was mir in allen Situationen auffällt: Er strengt nicht an. Gerade präsente Höhen können bei langen Sessions irgendwann richtig nerven. Ich höre ihm gerne zu. Auch nach langer Zeit. Das macht schon einen Unterschied.

Klein! 195 Gramm. Das merkt man.
Er wirkt wirklich angenehm kompakt und genau das passt zu seinem Konzept. Gerade unterwegs will man nicht ein extra Headphone Case mitschleppen. Die Hörerschalen lassen sich eindrehen und machen ihn schön flach. Einfach rein in die Laptoptasche und fertig. Auf dem Kopf merkt man ihn kaum. Die Kunstlederpolster liegen direkt auf den Ohren und der Kopfbügel ist weich gepolstert. Gleichzeitig sitzt er aber ziemlich sicher. Und das muss er auch. Ich will keinen Kopfhörer, der bei jeder schnellen Bewegung vom Kopf rutscht. Mit dem DT 275 PRO kann man sich bewegen, nach vorne beugen und auch nach dem ein oder anderen Kaltgetränk sitzt hier alles noch sicher auf der Birne. Natürlich ist On-Ear Geschmacksache. Der Druck liegt hier direkt auf dem Ohr und jeder Kopf ist anders. Ich persönlich komme damit auf der Bühne sehr gut klar. Im Studio bevorzuge ich eher die offene Bauweise.

Einer rein, einer raus. Links? Rechts? Egal!
Kommen wir mal zu den Features. Das Kabel kann entweder links oder rechts rein. Warum können das nicht alle Kopfhörer? Es gibt immer wieder Situationen, in denen das Kabel einfach auf der falschen Seite hängt. Es liegt über dem Mixer, oder bleibt an Reglern hängen. Hier entscheide ich selbst, wo ich ihn drinhaben will. Super praktisch: Der Anschluss lässt sich sogar verriegeln. Wenn ich doch mal irgendwo hängenbleibe, ziehe ich nicht den Stecker. Und was steckt drin? Ein ultra flexibles Spiralkabel. Etwa 1,5 m lang und bis auf 2 m dehnbar. Ein guter Mittelweg. Die Ohrmuscheln lassen sich außerdem um 180 Grad drehen. Wer beim Auflegen nur eine Seite abhört, kann sich das Ding entsprechend wegdrehen. Ein schönes kleines Detail, an dem man merkt, dass sich hier Gedanken gemacht wurden.

Bitte nicht fallen lassen! Oder doch?
Ich muss zugeben, dass mir das Testgerät einmal unbeabsichtigt auf den Boden gefallen ist. Aufgehoben und nicht mal ein Kratzer zu sehen. Fazit: Bei einem Werkzeug, mit dem man nicht nur am Wochenende im Club, sondern auch unter der Woche im Studioalltag regelmäßig arbeitet, ist mir vor allem eins wichtig: Stabil muss es sein. Und genau das ist hier der Fall. Er besteht zu großen Teilen aus Kunststoff. Er wirkt leicht, aber nicht billig. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich besonders vorsichtig sein muss. Noch wichtiger ist mir aber, dass ich die Polster austauschen kann. Die sehen einfach nach einigen vollgeschwitzten DJ-Gigs nicht mehr lecker aus. Neue drauf, weiter geht’s. Dafür darf man hier auch gerne das PRO in den Produktnamen schreiben. Denn genau darum geht’s. Professionelles Equipment darf nicht zum Elektroschrott werden.

DJ oder Studio?
Beides. Ganz klar sogar. Besonders beim Auflegen hat er absolut überzeugt. Ich liebe Kickdrums und ich liebe Bass. Ich will den nächsten Track hören und gegen den Club und alles um mich herum ankommen. Das tut er. Er ist nicht spektakulär, aber er gewinnt in den wichtigsten Momenten, um die es geht. Beim analytischen Mixing brauche ich ganz klar mehr Luft ganz oben und eine gnadenlose Darstellung kleinster Details. Wer das sucht, sollte hier nicht zugreifen. Da gibt es von Beyerdynamic andere Modelle, die dafür gemacht sind. Der DT 275 PRO ist ein absolutes Allrounder-Arbeitstier. Natürlich kann man mit ihm auch einen Mix machen. Je länger man ihn kennt, desto besser lernen wir uns gegenseitig kennen.

Seine größte Stärke ist ganz klar die passive Abschirmung. Die Außenwelt wird merklich leiser. Gerade im Live-Betrieb, beim Recording und beim DJing ist das ein echter Vorteil. Durch sein geringes Gewicht und seine kleine Größe überzeugt er hier wie kein zweiter. Klanglich liefert er das, was er soll. Druck untenrum, gute Mitten und angenehme Höhen. Ich habe in den letzten Jahren so einige Kopfhörer getestet, wo es viele Features gab, die in der Praxis keiner braucht. Hier ist alles auf den Punkt gebracht. Für 119,- Euro ziemlich fair. Er würde sich sehr gut in meiner DJ-Tasche machen und genau dort landet er nun auch (und freut sich auf den nächsten Einsatz).

Aus dem FAZEmag 175/09.26
www.beyerdynamic.de/