Press Photo 1 - Bicep - Photo Credit Ben Price5


Wenn euch eure Eltern mal wieder erzählen, dass man mit Blogs nicht erfolgreich werden könne und in eurem Leben etwas mehr Vernunft vonnöten sei, antwortet einfach: „Feel my bicep.“ Mit ihrem Musikblog unter diesem Namen haben die aus Belfast stammenden und in London lebenden Matt McBriar und Andy Ferguson nämlich ihre mittlerweile kometenhafte Karriere initiiert. Das war 2008. Nun – neun Jahre später – erscheint ihr Debütalbum auf Ninja Tune. Das Werk setzt dabei deutlich Eckpunkte der Underground-Clubkultur zueinander in Beziehung und fußt einerseits auf klassischem House, Techno, Electro und Italo-Disco, trägt andererseits aber den typischen Bicep-Sound in sich. Doch von vorne …

Der anfangs bloß als Portal für ihre intensiven Plattensammelgewohnheiten gedachte Blog ließ recht schnell eine regelmäßige Clubnacht in UK entstehen. Die damals schon Musik produzierenden Macher wurden dadurch immer bekannter und haben auch im Club das präsentiert, was ihre Präsenz im Internet ausmachte: eine ausgewählte Mischung aus Tracks, exklusiven Edits, gemixt mit rarem House und Disco-Cuts. „Es gab damals eine Menge kommerzielle Musik und unzählige Eurodance-Radio-Stationen in Belfast. Leider alles recht geschmacklos. Als wir mit 16 dann mit dem Clubben angefangen haben, wurden wir das erste Mal mit Musik konfrontiert, die uns tatsächlich gefiel. Das Line-up dort war total gemischt, aber immer mit dem Besten, was der Underground damals, Anfang der 2000er, zu bieten hatte. Diese Nächte entfachten sehr schnell in uns die Leidenschaft und den Drang, selbst nach Musik zu suchen und aufzulegen. Wenige Jahre später, als wir unseren Geschmack etwas definiert hatten, starteten wir den Blog. Das war lange vor Facebook und YouTube und eigentlich auch nur für Freunde gedacht, um ihnen möglichst Raritäten zu präsentieren“, erzählt Matt. „Ich werde diese Zeit nicht vergessen. Die ,Shine’-Nächte waren mit Sicherheit unsere größte Inspiration damals. Bei meinem ersten Besuch, ich war 17 Jahre alt, hat Laurent Garnier gespielt und als letzter Track lief ,Crispy Bacon’. Ein unglaublicher Moment“, fügt Andy hinzu.

Nach Veröffentlichungen auf Underground-Labels wie Throne Of Blood, Traveller Records, Mystery Meat und Love Fever schnappte sich irgendwann der britische DJ und Produzent Will Saul das Duo für eine Reihe von Releases auf seinem Label Aus Music, inklusive der heute als moderner Klassiker geltenden „Just“-EP. Der überwältigende und damals allgegenwärtige Titeltrack entwickelte sich 2015 weltweit zu einem der meistgespielten Clubtracks und brachte Bicep den Titel „Track Of The Year“ beim Mixmag wie auch beim DJ Mag ein. Die beiden kollaborierten zudem mit dem anderen großen Electro-Duo aus UK, Simian Mobile Disco, und remixten unter anderem Disclosure, Blood Orange und 808 State. Mit seiner gefeierten Live-Show gastierte das Duo bereits auf Festivals wie Coachella oder Primavera. „Unser Weg erscheint dennoch sehr lang, da wir uns schon seit Ewigkeiten mit der Materie auseinandersetzen. Erst der Blog, dann das Auflegen und die Produktionen und nun das Album. Es fühlt sich gut und natürlich an. Im Studio beginnen wir stets melodisch am Piano und schreiben die Tracks erst mal völlig ohne Beat, um ihnen mehr Platz zur Entfaltung geben zu können. Ich schätze, der für viele ,typische Bicep-Sound’ resultiert aus unserem sehr expliziten Geschmack, gepaart mit der Hardware, die wir nutzen, und der Art, wie wir produzieren.“

Für den nun erscheinenden Langspieler saß das Duo rund 15 Monate im Studio und schrieb dabei über 60 Demos. „Wir haben eine extrem breite Range an Tempi abgedeckt, die aber alle in unseren stilistischen Mantel gehüllt waren. Es war eine Art Experiment, was von dieser großen Anzahl am Ende übrig bleiben würde. Am Ende waren es etwa 20, von denen wir uns dann auf die zwölf unserer Meinung nach Stärksten geeinigt haben. Anschließend haben wir fast vier Monate nur für das Mixing gebraucht, das wir komplett in Eigenregie gemacht haben. Wir haben in dieser Zeit viele neue Dinge gelernt und hatten am Ende exakt das Ergebnis, das wir wollten. Auch wenn es mühselig war, tagelang nur Kleinstarbeit zu erledigen, wie zum Beispiel acht Stunden winzige Details an der Kick-Drum zu verändern.“ Die Gewissheit, an einem Album statt an einer EP zu arbeiten, stellte für Bicep eine enorme Veränderung dar. „Wir haben das Projekt ohne klare Vision oder Richtung begonnen. Wir wollten also ein Album produzieren, ohne aber zu wissen, wie es am Ende klingen sollte beziehungsweise würde. Für eine EP haben wir uns bislang immer am Dancefloor orientiert und nur für die B-Seite eventuell einen entspannteren Track hinzugenommen. Auf einem Album allerdings muss in unseren Augen eine kohärente Erzählung über mindestens eine Stunde gegeben sein. Was das Ganze natürlich viel anspruchsvoller macht. Genau aus diesem Grund haben wir zunächst also einfach so viel produziert, wie wir nur konnten. Ohne uns dabei von Anfang an auf etwas festzulegen. Irgendwann hat sich allerdings alles ergeben, auch wenn selbst kurz vor dem Mixing viele Tracks unglaublich unterschiedlich und teilweise nacheinander sogar schrecklich klangen. Aber wir haben unserem Gefühl vertraut, dass am Ende alles doch Sinn ergeben würde. Und das tut es für uns (lacht).“

Ihre Arbeitsprozesse im Studio haben sie seit ihrer „Just“-EP nahezu identisch beibehalten. Ein paar modulare Kleinigkeiten und Pedale sind hinzugekommen. Favorisierte Tools oder Hardware haben die beiden dabei jedoch nicht. „Es hat Jahre gedauert, uns dieses Studio so zu gestalten, wie es jetzt ist. Daher sehen wir es eher als Ganzes, auch wenn wir uns für jeden Track auf nur eine kleine Auswahl unserer Möglichkeiten begrenzen und diese möglichst variieren. So halten wir den Sound und uns frisch. Aus den unzähligen Möglichkeiten wählen zu können, fühlt sich gut an, auch wenn das Ergebnis dann vielleicht wesentlich subtiler klingt als die Hardware, mit der es produziert wurde.“

Nach der Veröffentlichung am 1. September geht es für die beiden auf eine ausgedehnte Welt-Tournee samt Stopps im brandneuen Münchner Blitz am 20.09. und im Berliner Kesselhaus am 23.11. „Und die freie Zeit verbringen wir mit Ruhe und ein paar Reisen, eventuell nach Cornwall. Und danach arbeiten wir vielleicht schon am zweiten Album …“

Aus dem FAZEmag 067/09.2017
Foto: Ben Price

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