Ganze sieben Jahre nach seinen letzten beiden Alben auf Rush Hour kommt Bnjmns dritter Langspieler. Nach mehreren EPs erscheint nun auch „Hypnagogia“ auf dem holländischen Label Delsin. Wir haben mit Ben über seine Musik, seine künstlerische Entwicklung und seine sanfte, melodische Seite gesprochen.

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Sieben Jahre – eine lange Zeit, in der sich mit Sicherheit viel getan und verändert hat. Was waren die prägendsten Erfahrungen und Eindrücke?

Ich konnte in den vergangenen Jahren ganz allgemein sehr viel Erfahrung in den Clubs sammeln und auch meine Fähigkeiten im Studio weiterentwickeln und verfeinern. Jedoch entstand „Hypnagogia“, ebenso wie die Alben auf Rush Hour, rein instinktiv und nicht durch spezielle oder neue Produktionstechniken. Das verbindet diese drei Alben. Gerade die vielen Clubnächte und Sets gilt es in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen. Es fühlt sich für mich so an, als hätte ich unbewusst einige Tracks verschiedenen Momenten gewidmet, also dem Beginn, der Mitte und dem Ende der Nacht. Ich hoffe natürlich, dass sich „Hypnagogia“ zu Hause genauso gut machen wird wie im Club.

Dein dritter Longplayer klingt für mich sehr verträumt, hypnotisch, warm, vielleicht auch etwas melancholisch und sehr intim. Unterm Strich ein sehr emotionales Album. Welche Idee steckt dahinter und welches Konzept hast du bei „Hypnagogia“ verfolgt?

Da bin ich ganz bei dir. Dieses Album ist definitiv wärmer, verträumter und melodischer gestaltet als der Großteil meiner bisherigen Veröffentlichungen. Es war mir wichtig, diese Seite zuzulassen, zu erkunden und mich nicht durchweg auf den Dancefloor zu fokussieren. Die dunkle Stimmung von „Hypnagogia“ reflektiert viele meiner Lebenslagen und -abschnitte, obwohl ich sagen muss, dass diesen Teilen des Albums auch eine besondere Energie innewohnt. Letztendlich hängt das jedoch alles von der Wahrnehmung des Hörers und dessen bisherigen Erfahrungen ab. Auch meine eigenen Träume und nächtlichen Zustände haben zur Inspiration beigetragen, weshalb das Album auch „Hypnagogia“ heißt. Dieser Begriff beschreibt den Bewusstseinszustand zwischen wach und schlafend.

Wie lange hast du am Sound von „Hypnagogia“ gearbeitet?

Insgesamt habe ich etwa eineinhalb Jahre gebraucht, um das Album zu vervollständigen. Im Grunde arbeite ich im Studio relativ schnell, gerade wenn es darum geht, Musik entstehen zu lassen. Doch während der Produktionsphase in Berlin musste ich aus verschiedenen Gründen zweimal das Studio wechseln. Glücklicherweise habe ich jetzt einen Platz gefunden, an dem ich mich zu 100 Prozent wohlfühle. Die Entscheidung zu Track-Auswahl und -Reihenfolge traf ich dann zusammen mit Delsin, die mir sehr dabei geholfen haben, ein in sich geschlossenes Album zu formen.

Welches Equipment war ausschlaggebend für den Sound des Albums?

Einer der Hauptgründe dafür, dass sich die Albumtracks von früheren Produktionen soundtechnisch unterscheiden, war die Anschaffung eines neuen und sehr guten Audio-Interfaces. Das Prism Sound Lyra II ist wohl zum wichtigsten Werkzeug meines Studios geworden. Es ermöglicht mir einen glasklaren Klang mit unheimlicher Tiefe. Natürlich ist das nicht das einzige nützliche Teil, auch die Eventide H9 Effekt Unit, der Waldorf XT Synthesizer, einige Drum-Machines von Elektron sowie ein 808 Clon oder die Roland 606 wirken sich auf meinen momentanen Sound aus.

Kommen wir noch mal zurück auf die lange Pause zwischen deinen Alben. Du bist ja ein emotionaler Typ. Wie fühlt sich diese Veröffentlichung für dich an und welchen Stellenwert hat ein Album für dich heutzutage?

Für mich ist dieses Release eine wirklich großartige Sache, denn so eine lange Pause hatte ich nun wirklich nicht vorgesehen. Auch das Format an sich ist nach wie vor außergewöhnlich. Meine Musik passt da auch gut hin, wie ich finde. 12Inches haben ihren eigenen Reiz, den ich in der Vergangenheit sehr genossen habe und in keiner Weise schmälern möchte, doch nur ein Full-Length-Album ermöglicht es mir, meinen eigenen Sound und dessen noch so kleine Auswüchse zu erforschen. Verglichen mit EPs, ist das ein anderes Intensitätslevel.

Wolltest du deshalb lieber mit einem externen Label zusammenarbeiten, anstatt „Hypnagogia“ auf einem deiner eigenen Labels zu veröffentlichen? Damit du mehr Zeit hast, dich mit deinem eigenen Sound auseinanderzusetzen?

Im Laufe der letzten Jahre hat mich Delsin sehr unterstützt. Und darüber hinaus haben sie einige meiner absoluten Lieblingsscheiben veröffentlicht, zum Beispiel Newworldaquariums „The Dead Bears”. Das war damals eines der Alben, die mich dazu brachten, mich hauptsächlich auf Techno-Musik zu konzentrieren. Dieser Sound hat einen wirklich tiefen Eindruck bei mir hinterlassen, weshalb ich mich auch in gewisser Weise geehrt fühle, heute selbst mit Delsin am eigenen Album zu arbeiten. Abgesehen davon sind die Leute dort wirklich sehr freundlich!

Der Spaß sollte bei einer Zusammenarbeit natürlich nicht fehlen. Weder im Studio noch im Club. Dort hast du ihn in der Regel als DJ, doch auch als Live-Act warst du schon unterwegs. Gibt es Überlegungen, das neue Album auch live zu präsentieren?

Mein letztes Live-Set ist zwar schon eine ganze Weile her, doch das möchte ich auf jeden Fall noch mal aufleben lassen. Als DJ fühle ich mich momentan jedoch deutlich wohler. Es macht unheimlich großen Spaß und verglichen mit einem Live-Set, fällt es mir auch leichter, mich kreativ auszudrücken. Nichtsdestotrotz – wenn die passende Location und Party kommt, wäre ich auch durchaus wieder für eine Live-Performance zu haben. Gerade das Album zusammen mit neuem Material zu präsentieren, wäre mit Sicherheit eine tolle Erfahrung!

Das Jahr ist so gut wie vorbei und „Hypnagogia“ zählt mit Sicherheit zu deinen persönlichen Höhepunkten. Was hat 2018 noch Eindruck hinterlassen?

Ein weiteres persönliches Highlight war die „Final Network“-EP, die Mitte des Jahres auf Bright Sounds erschienen ist. Die Tracks kamen sehr gut an und einige meiner absoluten Lieblings-DJs spielten sie rauf und runter. Einige Albumtracks entstanden etwa zur selben Zeit wie die EP, sodass auch hier eine gewisse musikalische Verbindung besteht. Meine eher melodische Seite scheint gut anzukommen, was aber nicht heißen soll, dass ich mich nicht mehr mit den dunklen, hypnotischen und funktionalen Rhythmen auseinandersetze. Es gefällt mir sehr gut, an Stücken für die Peak-Time zu arbeiten, und ich freue mich darauf, da im kommenden Jahr wieder etwas liefern zu können. Von Veröffentlichungen abgesehen, hoffe ich, auch 2019 wieder viel rumzukommen und durch die Musik die Welt entdecken zu können. Eine weitere Asien-Tour im März 2019 ist schon mal in Planung.

Noch eine letzte Frage. Dein bisheriger Werdegang erscheint mir auf eine bestimmte Art und Weise sehr natürlich. Auch wirkst du sehr reflektiert und geduldig, was deine persönliche Entwicklung betrifft. Du scheinst dein Ding zu machen, ohne auf Trends und Hypes innerhalb der Szene zu reagieren. Das ist beeindruckend, gerade in einer Zeit, in der alles sehr schnell gehen muss, auch die Karriere eines Künstlers. Fühlst du manchmal trotzdem so etwas wie Erfolgsdruck?

Danke, das ist schön zu hören. Ein Dasein als Musiker zu bestreiten, ist zeitweise sehr anstrengend und hart, doch etwas anderes käme gar nicht infrage. Das Gefühl der Isolation oder Einsamkeit kommt hin und wieder auf, gerade wenn man viel Zeit allein im Studio verbringt. Dann gibt es aber wieder das andere Extrem, im Club, wenn man teils über mehrere Stunden im Zentrum aller Aufmerksamkeit steht. Bis zu einem bestimmten Grad kann ich beide Seiten sehr gut aushalten und genießen. Das mit den Trends ist auch so eine Sache – meistens weiß ich nicht mal, was gerade angesagt ist. Ich versuche, meinem eigenen Pfad so gut es geht zu folgen, und ich glaube, das ist es, was anderen Leuten auffällt. Musik machen, ohne sich zu verbiegen, also auch nach den eigenen Idealen und Werten streben, ist meiner Meinung nach das Allerwichtigste. Und wenn es mir möglich ist, die Menschen dadurch positiv zu beeinflussen, und sei es auch nur ein kleines bisschen, dann ließe sich das mit keinem Geld der Welt oder kurzzeitigen Hype aufwiegen.

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
Text: Gutkind
www.soundcloud.com/bnjmnnn

 

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