Bochumer DJ warnt vor massiven Veränderungen der Feierkultur

Seit über elf Jahren stand Timo Grzechowiak aka Stinson fast jeden Dienstag im Bochumer Club Untergrund an den Decks.

Die legendäre 120-Minuten-Party wurde zu seinem Markenzeichen, doch inzwischen ist der Club wieder geschlossen – trotz gut besuchter Events. „Die letzten Monate waren ein Auf und Ab“, sagt er über die Phase von Schließung und Comeback.

Der DJ berichtet der WAZ von mehr als 200 Gästen an seinem letzten Abend. „Die 2-Stunden-Partys haben super funktioniert und wurden gut angenommen.“ Dennoch reichte ein erfolgreiches Event unter der Woche nicht aus, um den gesamten Betrieb zu sichern.

Nach der Corona-Pause habe es zwar einen regelrechten Ansturm gegeben, doch die Euphorie sei nicht dauerhaft genug gewesen, um wirtschaftlich stabil zu bleiben. Für Grzechowiak steht fest, dass die Szene vor einem Wandel steht.

„Die Feierkultur verändert sich massiv. Clubs müssen sich anpassen – sei es bei Öffnungszeiten, musikalischem Konzept, Sicherheitsmaßnahmen oder alkoholfreien Angeboten.“ Wer zu spät reagiere, verliere Besucher und Bedeutung.

Aus seiner Sicht sei Flexibilität heute wichtiger denn je, um im Nachtleben bestehen zu können. Besonders das Ausgehverhalten der jungen Generation beobachtet er genau: „Viele Leute gehen inzwischen lieber zu Day-Partys.“

Rooftops und Pop-up-Cafés ersetzen dunkle Kellerräume – nicht jeder Club könne das räumlich umsetzen. Weniger Alkoholkonsum verschärfe die Lage zusätzlich, denn „wenn früher die Gäste im Durchschnitt 15 oder 20 Euro pro Abend ausgegeben haben und heute nur noch zehn, ist das ein riesiger Unterschied.“

Auch Sicherheitsaspekte und das Unwohlsein in alkoholisierten Kreisen spielten heute große Rollen. Dazu komme die musikalische Vielfalt, die DJs vor neue Aufgaben stelle. „Heute sind die Musikgeschmäcker individueller.“

Streamingdienste sorgten dafür, dass es „keine universellen Hits mehr“ gebe. Selbst innerhalb eines Genres gäbe es oft kaum Schnittmengen, weshalb Sets breiter aufgestellt sein müssten. Wünsche nach Songs aus den 2000ern oder 2010ern seien laut Grzechowiak keine Seltenheit.

Das sei häufig „der letzte gemeinsame Nenner“. Umso wichtiger sei es, musikalisch flexibel zu agieren und Trends früh zu erkennen. Der Untergrund bot ihm dafür lange den idealen Raum, den er nun vermisst.

Die 120-Minuten-Partys waren für ihn mehr als ein Job – sie waren ein wichtiger Teil seiner Entwicklung. „Die 120-Minuten-Partys waren mein Herzstück. Über elf Jahre habe ich dort meine musikalische Entwicklung erlebt.“

Auch wenn er auf Festivals wie dem Parookaville, bei Firmen- oder Influencer-Events weiter auflegt, bleibt ein Unterschied: seine eigene Party mit Stammgästen gibt es nicht mehr. Grzechowiak blickt trotz allem nach vorn – mit Hoffnung, aber auch einer klaren Warnung an die Clubkultur.

Quelle: WAZ

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