
Nach mehr als 25 Jahren als Bonobo steht Simon Green an einem Übergangspunkt. Sein neues Album „Distance In Static“, das am 11. September auf Ninja Tune erscheint, verbindet die intime, detailreiche Seite seiner Musik mit der Energie seiner DJ-Sets. Im Gespräch erzählt der Brite, warum sich eine Platte für ihn oft erst kurz vor Schluss offenbart, wie ein spontaner Song mit Arooj Aftab zum Wendepunkt wurde und weshalb die kommende Tour womöglich die letzte ihrer Art sein wird.
Am Anfang steht bei Bonobo selten ein fertiges Konzept. Auch „Distance In Static“ entstand aus einer wachsenden Sammlung von Ideen, Aufnahmen und Fragmenten. „Ich setze mich eigentlich nie hin und beschließe, jetzt ein komplettes Album von Anfang bis Ende zu machen“, erklärt er. „Ich arbeite einfach an Musik, bis eine kritische Masse erreicht ist und sich langsam eine Platte abzeichnet.“ Was diese Platte sein könnte, erkenne er oft erst sehr spät: „Manchmal weiß ich fast bis zur Deadline nicht, was für ein Album es eigentlich ist.“ Zwischendurch habe er verschiedene Möglichkeiten gesehen – eine stärker vom Trip-Hop geprägte Platte, ein abstrakteres elektronisches Instrumentalalbum oder etwas deutlich Cluborientierteres. Am Ende blieb nicht eine dieser Richtungen übrig, sondern ein Werk, das mehrere Identitäten gleichzeitig zulässt.
Auch der Titel beschreibt weniger eine vorab festgelegte Geschichte als ein Gefühl, das er rückblickend in der Musik erkannte. „Mir gefiel die Vorstellung, nach einem weit entfernten Signal zu suchen – etwas im Rauschen zu finden.“ Darin liegen Erinnerung, Entfernung und die Frage, was nach einem Vierteljahrhundert von früheren musikalischen Impulsen zurückkehrt. Bonobo beobachtet, dass eine jüngere Generation Trip-Hop, Downtempo und elektronische Musik der 90er-Jahre neu entdeckt und dabei auch seine frühen Veröffentlichungen als Referenz wahrnimmt. „Der vordere Teil meiner Karriere ist inzwischen etwas, worauf jüngere Leute Bezug nehmen“, sagt er. Das empfinde er weniger als Bürde denn als eigentümlichen Kreislauf: Musik, die einst selbst aus Samples und älteren Einflüssen entstand, wird zum Ausgangspunkt einer neuen Generation. Nostalgisch sei „Distance In Static“ deshalb aber nicht. „Es ist schon seltsam, plötzlich an einem Punkt zu sein, an dem die eigene Arbeit als historische Referenz auftaucht. Aber ich möchte meine Vergangenheit nicht rekonstruieren.“
Stattdessen führt seine Neugier auf dem neuen Album immer wieder direkt in den Club. Das DJing hat Bonobo nie als Nebenprojekt verstanden. „DJing ist keine abgespeckte Version dessen, was ich sonst mache. Es ist etwas Eigenständiges.“ Die Unmittelbarkeit des Dancefloors bilde einen wichtigen Gegenpol zur langwierigen Studioarbeit: „Du spielst etwas und weißt innerhalb weniger Sekunden, ob die Energie funktioniert.“
Besonders hörbar wird das in „Me and You“. Bonobo bezeichnet den Track als eine Art „Kitchen-Table-Banger“: eine Idee, die nach einer Tour zu Hause am Laptop entstand und sich fast vollständig aus Rhythmus entwickelte. „Ich wollte etwas machen, das vor allem perkussiv funktioniert. Der Track kam sehr schnell, innerhalb von ein paar Tagen, und fühlte sich sofort sehr freudig an.“ Schon lange vor der Veröffentlichung lief das Stück in seinen Sets. Die Reaktionen hätten ihm nicht vorgeschrieben, wie er es fertigzustellen habe, aber bestätigt, dass sein Kern funktioniert. „Wenn die Leute nach der ID fragen, merkst du natürlich, dass da etwas passiert.“ Trotzdem wolle er Musik nicht per Publikumsabstimmung produzieren. „Ich ändere einen Track nicht einfach, weil eine bestimmte Stelle mehr oder weniger Resonanz bekommt. Aber man spürt, ob er im Raum lebt.“
Diese Erfahrung floss in eine Platte ein, die ruhige, fast schwerelose Passagen neben körperlichen Clubmomenten stellt. Für Bonobo ist das kein Widerspruch: „Ich möchte diese Idee stärken, dass man mehr als eine Sache sein kann.“ Auch die Stimmen auf „Distance In Static“ erweitern den Radius des Albums. Arooj Aftab, Joy Crookes, Nilüfer Yanya, Ichiko Aoba, Nicole Miglis und Aanya Martin bringen sehr unterschiedliche Klangfarben ein; gesungen wird auf Englisch, Urdu und Japanisch. Bonobo habe dabei nicht bewusst eine möglichst internationale Gästeliste zusammengestellt. Entscheidend sei, welche neue Ebene eine Stimme einem Stück eröffnet. „Es geht nicht nur darum, jemanden zu finden, der gut singt. Eine Stimme muss eine eigene Welt mitbringen.“ Häufig existiere die Musik bereits, bevor er an eine bestimmte Person denke.
Die verschiedenen Sprachen, iranische Samples, Guzheng-Aufnahmen und Sessions in London, Los Angeles und Tokio empfindet er nicht als Bestandteile, die künstlich zusammengehalten werden müssen. „Ich denke beim Arbeiten nicht in Kategorien wie: Das kommt aus dieser Kultur und jenes aus einer anderen. Es sind Klänge, Instrumente und Menschen, die mich interessieren. Der Zusammenhang entsteht durch meine Art, sie zu bearbeiten.“ Ein zentraler Ort für diese Arbeit war Neil Youngs Broken Arrow Ranch in den kalifornischen Redwoods. Bonobo zog sich dort zurück, um das Album fertigzustellen. „Der Ort ist ziemlich verrückt“, erzählt er. An den Wänden hängen Bilder von Crosby, Stills, Nash und Young; aus dem Fenster blickt man auf genau die Landschaft, in der sie damals spielten. „Da steht noch die alte Bandmaschine, die Neve-Konsole, draußen sind die Bäume und der Fluss. Kreativ hat das etwas Magisches.“
Vor allem die Isolation veränderte seinen Arbeitsrhythmus. „Ich habe den Ort zwei Wochen lang überhaupt nicht verlassen. Ich bin nicht in die Stadt gefahren, habe mich nicht rasiert, Suppe gekocht, Kaffee gemacht und gearbeitet. Morgens bin ich durch den Wald gelaufen oder saß am Fluss. Es war sehr fokussiert und fast meditativ.“ Dort entstand auch einer der entscheidenden Momente des Albums. Eine akustische Gitarrenschleife, mit der Bonobo zunächst nur die Eingänge des Studios testen wollte, wurde zur Grundlage von „Fire on the Water“. Arooj Aftab hörte die Idee und begann, auf Urdu darüber zu singen. „Als dieser Song entstand, konnte ich zum ersten Mal erkennen, wie das Album Form annimmt“, erinnert er sich. „Wir sahen uns beide an und wussten: Das ist etwas Besonderes.“
Die beiden Identitäten Bonobos – DJ und Live-Musiker – rücken auf „Distance In Static“ enger zusammen, ohne vollständig zu verschmelzen. Er liebt die Freiheit des Auflegens, hält aber ebenso an der großen Band fest. „Die Alben basieren auf Musikalität, auf Händen an Instrumenten. Deshalb fühlt sich die Live-Show für mich weiterhin notwendig an.“ Gleichzeitig weiß er, welchen Preis die aufwendigen Tourneen fordern.
Nach der letzten Konzertreise, zu der eine fünftägige Residency in der Royal Albert Hall gehörte, habe er nicht geglaubt, dieses Format noch einmal aufzunehmen. „Achtzehn Monate unterwegs zu sein, ist körperlich und mental extrem. Du erlebst riesige Hochs und danach diesen Absturz des Adrenalins. Das kann sehr störend für die Seele sein.“ Trotzdem seien einige der bedeutendsten Momente seines Lebens innerhalb dieser Shows entstanden. Für die neue Produktion arbeitet Bonobo mit dem Bühnendesigner Pierre Claude zusammen; die visuelle Ebene soll architektonischer, räumlicher und stärker mit der Musik verzahnt werden. Wenn er „Distance In Static“ dennoch als möglicherweise „letzte Runde in diesem Format“ bezeichnet, meint er keinen Abschied von der Musik. Zur Disposition steht vielmehr der klassische Kreislauf aus jahrelanger Albumproduktion, großer Veröffentlichung und anschließender Welttournee mit kompletter Band. „Ich weiß nicht, ob ich diesen Zyklus immer wiederholen möchte.“
Nach 25 Jahren empfinde er weniger Druck, sich oder anderen noch etwas beweisen zu müssen. „Ich glaube, ich habe musikalisch alles gesagt, was ich sagen musste. Alles, was von jetzt an kommt, kann stärker aus Freude und Entdeckerlust entstehen.“ Wie das konkret aussehen wird, lässt er offen: einzelne Tracks, kleinere Projekte, Kollaborationen oder mehr Clubmusik seien ebenso denkbar wie Formen, für die es bislang noch keinen Namen gibt. „Ich weiß noch nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Es geht darum, neu zu definieren, wie ich von hier aus Musiker sein will.“ „Distance In Static“ klingt deshalb nicht wie ein Schlussstrich, sondern wie eine Übertragung aus einem Zwischenraum: noch verbunden mit der bisherigen Geschichte, aber bereits auf der Suche nach einem neuen Signal.
Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Rafael Da Cruz
Foto: Ryohei Ambo
www.instagram.com/si_bonobo