Es könnte vermutlich bessere Zeiten für die Veröffentlichung eines neuen Albums geben als während einer globalen Pandemie, die das öffentliche Leben nahezu vollständig zum Erliegen bringt. Um die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 einzudämmen, sind Clubs weiterhin geschlossen, Großveranstaltungen bis zum 31. August unter- und daraufhin von den Organisatoren abgesagt – damit fallen viele Tourneen, Konzerte sowie der Festivalsommer 2020 so gut wie aus. Releast auf dem eigenen Plattenlabel Blaufield Music, schlägt mitten in dieses Vakuum das neunte Studioalbum „Dear Future Self“ von Arno Kammermeier und Walter Merziger alias Booka Shade Anfang Mai ein.


„Natürlich ist die Situation alles andere als toll gerade. Wir hatten eine Welt-Tour mit Dates in Asien, Australien, Neuseeland, Nord- und Südamerika bis Anfang Mai gebucht, die uns komplett abgesagt wurde. Speziell Australien, Neuseeland und USA sind immer wieder tolle Länder zum Spielen und Reisen“, berichten Arno und Walter, sehen aber zugleich mit der Erfahrung zweier Veteranen der elektronischen Musikszene und als ausgebuchter Live-Act auch Positives in der Corona-Krise: „Man kommt jetzt auch einmal zur Ruhe, lebt nicht mehr von Wochenende zu Wochenende. Und die Natur kann auch kurz durchatmen. Wir können an der Situation zurzeit ohnehin nichts ändern. Sich Sorgen zu machen, bringt nichts. Eher sollte man nicht das Vertrauen in sich und das Universum verlieren und möglichst jeden Tag so gut wie möglich genießen und gestalten. Alles passiert aus einem Grund, auch wenn man diesen zurzeit noch nicht versteht.“

Getragen vom Live-Gefühl ihrer Gigs sowie dem Spirit, den die Produktion der Tracks unterwegs auf Tour entfaltete, atmen die 13 neuen Tracks einen besonderen performativen Geist. Denn bisher testete das Duo seine Alben vor Veröffentlichung fast nie richtig live, sie wurden erst nach Abschluss der Produktion ins Live-Setup eingearbeitet. Dieses Mal war es umgekehrt: „Wir haben zwölf Monate lang Clubtracks veröffentlicht, diese weltweit in Clubs und auf Festivals ausprobiert und schließlich in ein Albumkonzept gebracht. Ob am Strand bei Sonnenuntergang oder in industriellen Lagerhäusern, auf großen Festivals oder in den kleinsten und intimsten Clubs; nur die essenziellsten Titel haben es letztendlich auf die LP geschafft. Das war nicht nur eine neue Arbeitsweise für uns, sondern auch ein guter Weg, mit Künstlern auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten.“ Arno und Walter sind bereits seit Schulzeiten Freunde, haben ihre musikalische Laufbahn gemeinsam in den 80ern im New Wave gestartet, konvertierten Ende der 90er-Jahre zu House, Techno und Trance, wurden Mitbegründer des Labels Get Physical und starteten mit dem Hit „Body Language“ international als Booka Shade durch. Seither sind sie als Produzenten und Remixer für viele namhafte Künstler wie auch als gefragter Act aus Clubs und Festivals nicht mehr wegzudenken.

Mit ihrem neuen Longplayer rücken die beiden genau die Sphäre der elektronischen Szene in den Fokus, die wir gerade so schmerzlich vermissen – und deren Existenz durch die Corona-Schutzmaßnahmen noch stärker als ohnehin schon bedroht ist: den Club. „Dieses Album ist definitiv das Clubmusik-lastigste Album unseres gesamten Repertoires, deshalb gibt es auch Übergänge zwischen den Tracks“, erklären Arno und Walter. Indem sie seit fast 30 Jahren im Business sind, kennen sie die Szene so gut wie wenige andere.

„Das Clubsterben ist kein rein nationales, sondern auch ein internationales Phänomen. Es gibt von allem viel zu viel … An jeder Ecke entstehen neue Clubs und neue Festivals, außerdem möchten die etablierten Venues auch weiterhin erfolgreich sein. Am wichtigsten ist eine klare Positionierung im Markt, so marketingmäßig das auch klingen mag, gepaart mit einer Liebe zum Detail und vollem Einsatz und viel Herz und Seele. Es gibt ja nach wie vor Beispiele für sehr erfolgreiche Club- und Festivalkonzepte. Die Jungs von Ritter Butzke in Berlin etwa sind wirklich mit Lust, Liebe und Leidenschaft am Werk und haben einen sehr eigenen Stil.“

Davon konnten sich Arno und Walter bei einem ihrer letzten Gigs vor dem Corona-Lockdown persönlich einen Eindruck verschaffen. Am 22. Februar spielten sie im Ritter Butzke bei ihrer eigenen ersten Blaufield-Labelnacht die neuen Songs von „Dear Future Self“. „Es war eine besondere Nacht mit großem Erfolg, wir waren doch überrascht, wie viele Leute dabei sein wollten. Es waren Freunde wie Rodriguez Jr., Animal Trainer, Florian Kruse, Verboten Berlin und 8Kays dabei – ein toller Abend mit einer klasse Stimmung“, erinnern sich die zwei und führen ihre Gedanken zur Clubszene weiter aus: „Das Berghain ist natürlich auch ein Beispiel für klare Linie, vollen Einsatz und einen daraus resultierenden großen Erfolg. Natürlich ist ein erfolgreiches Berliner Konzept nicht auf andere Städte Deutschlands einfach so übertragbar, dafür jedoch vielleicht in anderen europäischen Ländern mit Erfolg zu realisieren – siehe das Konzept von Printworks in London, das den Berghain-Gedanken aufgegriffen hat. Es ist nach wie vor wichtig, dass die Kulturschaffenden zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Nur gemeinsam können wir unsere Szene am Leben halten. Tatsächlich ist es ja die Liebe zum Club, die uns seit einigen Jahren motiviert, neben den Festivals wieder vermehrt kleine Clubs zu bespielen. Es gibt uns sehr viel Energie und Inspiration zurück.“

Energie und Inspiration sammeln die beiden während der etwas unfreiwilligen Auszeit von Live-Gigs nun auch zu Hause mit der Familie, in der Natur und bei ganz alltäglichen Aktivitäten: „Wir machen etwa Homeschooling für die Kinder und Dinge, zu denen man sonst nicht kommt: das Studio entrümpeln, unnötigen Kram auf eBay verkaufen. Oder wir gehen einfach am See spazieren – natürlich bei Einhaltung der Auflagen. Der größte negative Aspekt ist, dass wir unsere Eltern nicht besuchen und diese ihre Enkelkinder nicht sehen können. Aber grundsätzlich wird einem in solchen Zeiten klar, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein. Es ist eine gute Zeit, um innezuhalten.“

Halten wir es also mit dem Text des titelgebenden Tracks von „Dear Future Self“: „No matter how difficult, how unforgiving things may be – we’ll be alright.”

 

Aus dem FAZEmag 099/05.2020
Text: Csilla Letay
Foto: Eliot Lee Hazel