Sanhaji 15
Techniker und Technoästhet, Theoretiker und Trotzkopf. Der Frankfurter Brian Sanhaji vereint vieles in einer Person. Seit seinem Debütalbum „Stereotype“ auf Chris Liebings Label CLR zählt er zur Speerspitze teutonischen Technoschaffens. Aufgrund seiner herausragenden Mastering-Skills ist es in den vergangenen Jahren releasetechnisch ein wenig ruhiger um den Mann geworden, der durch den Amiga eines Freundes mit dem Musikvirus infiziert wurde. Warum er seine Masteringaktivitäten herunter gefahren hat, wie das kommende Album klingen wird und was er an der Szene nicht leiden kann, hat er uns im Interview verraten.


Wie bist du damals in die elektronische Musik eingestiegen? Gab es einen Schlüsselmoment für dich? Was wolltest du als Schüler beruflich machen?

Nach einem The Prodigy-Konzert in Hanau habe ich angefangen, Techno zu produzieren. Das war mein erstes Prodigy-Konzert und das Erlebnis, das eigentlich alles verändert und mein Interesse zu Techno in mir geweckt hat. Zu dem Zeitpunkt habe ich schon Musik gemacht, aber mehr HipHop-Beats und Richtung Dance Music. Der erste Schlüsselmoment aber, der meinen aktuellen Sound sehr geprägt hat, war meine erste Party im Omen Club in Frankfurt, als Sven Väth aufgelegt hat. Das müsste um 1997 herum gewesen sein. Ich wurde im Club irgendwann total müde, ich war es (noch) nicht gewohnt, so lange Party zu machen. Auf einmal wurde ich wach, alle Lichter waren aus, bis auf das Blaulicht der Polizei, das an der Decke hing. Der komplette Club stand Kopf und jeder ist ausgeflippt. Die Barleute tanzten auf der Theke und sogar einige der Türsteher wurden von der Stimmung mitgerissen und haben mitgefeiert. Väth spielte die Nummer „Moaner“ von Underworld. Wer den Track kennt, kann sich vorstellen, was das für ein Feeling war. Unfassbar!!! Den Moment werde ich nie vergessen. Der Track „Liftoff“ auf meinem ersten Album ist von diesem Moment inspiriert. Der weitere und für mich letzte Schlüsselmoment war Adam Beyer im Omen! So etwas hatte ich bis dato noch nie gesehen und gehört. Das war noch zu der Zeit, als auf dem Label Drumcode echter Underground Techno released wurde. Rückwirkend betrachtet war das eine meiner besten Partys ever, auf denen ich privat war. Bezüglich der Berufswahl: Ehrlich gesagt, wusste ich nie zu 100 Prozent, in welche Richtung ich beruflich gehen wollte. Mich hat Physik schon immer sehr interessiert, so dass ich vielleicht angefangen hätte, Physik zu studieren. Da ich aber schon mit 15, 16 angefangen habe, Musik zu machen, ist es nie soweit gekommen, dass ich mich mit der Berufs- bzw. Studienthematik auseinandersetzen musste. Ich habe schnell gemerkt, dass Musik das ist, was mich ausfüllt und dass es nichts gibt, das mir mehr Spaß macht, so dass ich alles auf eine Karte gesetzt habe.

Bevor du erstmalig unter deinem Namen Brian Sanhaji veröffentlicht hast, bist du unter diversen anderen Pseudonymen in Erscheinung getreten. Warum hast du dann 2001 die Entscheidung getroffen, als Brian Sanhaji zu releasen?

Das war eigentlich die Idee von Peter Armster damals. Er hat das Label Punkt Music betrieben und arbeitet heute bei Wordandsound. Er war mein Ansprechpartner bei Intergroove und ist ein guter Kumpel. Ich hatte ausnahmsweise mal einen lockeren Track gemacht, der ihm sehr gut gefallen hatte. Da es nicht gepasst hätte, diesen unter Relic zu releasen, hat er vorgeschlagen, es doch einfach unter meinem Namen Brian Sanhaji zu veröffentlichen. Das war dann der Track „In Your Eyes“ auf Punkt Music. Kurz darauf verlor ich auch langsam das Interesse, weitere Sachen unter dem Namen Relic herauszubringen. Den Namen hatte ich mir mit 15 aus einem Wörterbuch herausgeschrieben, ohne mir Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet. Ich habe dann aber dennoch ein paar weitere Releases unter diesem Namen gemacht, da das Pseudonym vielen ein Begriff war und ich auch Erfolg damit hatte. Aber ab der Single „07“ auf meinem damaligen Label Enable Recordings, die ich unter Brian Sanhaji released habe, habe ich für mich entschieden, nicht mehr unter Relic zu produzieren. Alle anderen Pseudonyme, die ich so hatte oder habe, sind eher kleinere Projekt-Geschichten, die ich auch nicht wirklich weiter verfolge.

Seit du deine Arbeit im Mastering auf einen engen Kreis reduziert hast, bist du um einiges produktiver, wenn es um eigene Produktionen geht. Seit einiger Zeit arbeitest du auch an deinem neuen und zweiten Album.

Ja, ich bin sogar sehr produktiv. Ich habe in den vier Monaten nach der Entscheidung, meine Mastering Arbeit auf einen sehr engen Kundenkreis zu beschränken, einen komplett neuen Live Act erstellt und 46 Tracks produziert. In der Zeit, als ich dem Mastering noch viel Zeit gewidmet habe, kam ich kaum zum Musikproduzieren. Das Mastering hatte mich sehr aufgehalten, und ich habe dann gemerkt, wie sehr mir das Produzieren fehlt. Das Mastering zu reduzieren war mit eine meiner besten Entscheidungen, die ich seit langem getroffen habe. So kann ich mich wieder voll und ganz auf meine Studioarbeit konzentrieren und auch die Arbeit an meinem Album wieder aufnehmen. Dazu hatte mir total die Zeit gefehlt.

Was kannst du uns hier schon verraten? Wann und wo wird es erscheinen, und welches Konzept verfolgst du dabei?

Zum Album verraten kann ich im Moment so viel: dark, undergroundig, analog und druckvoll. Das beschreibt das Konzept, das ich bei meinem Album verfolge, wohl am besten. Mir ist es wichtig, dass jeder Track für sich steht, aber trotzdem alle zusammen ein großes Bild ergeben. Ich möchte mich neu erfinden, ohne aber meinem Sound untreu zu werden. Wann und auf welchem Label es erscheinen wird, weiß ich im Moment auch nicht. Das ist noch offen.

Du veröffentlichst nun auch schon seit über zehn Jahren Musik. Wenn du dir die Entwicklung der Musikszene betrachtest, wie würdest du ihren aktuellen Zustand beschreiben?

Heutzutage ist es soooo wichtig „cool zu sein“ und mit den „richtigen“ Leuten zusammen zu arbeiten, dass mir davon schlecht wird. Dieses ganze Politik- und Business-Ding nervt mich und hält mich in meiner Kreativität auf. Oft möchte ich am liebsten laut schreien „Fuck off ihr coolen, Schwarz tragenden, hippen Möchtegernkünstler“. Dann schaue ich in den Spiegel und sehe, dass ich selber nur schwarze Klamotten trage. Also versuche ich mich so wenig wie möglich mit dem aktuellen Zustand der Szene und den Trends zu beschäftigen, da ich keine Lust habe, mich zu sehr vom Wesentlichen ablenken zu lassen: Musik zu Produzieren, die mir Spaß macht und die ohne Limitierungen oder Regeln entstanden ist. Das ist mir das Allerwichtigste. Wenn ich mich zu viel mit der Szene, Trends und Hypes beschäftige, beeinflusst das mein Schaffen im Studio. Am kreativsten bin ich, wenn ich mich damit überhaupt nicht auseinander setze.

Wie schätzt du die Lage in den nächsten Jahren ein?

Ich kann die Lage/Entwicklung für die nächsten Jahre überhaupt nicht einschätzen und war auch nie wirklich gut darin. Ich konzentriere mich, wie gesagt, lieber darauf, im Studio und im Club musikalisch das umzusetzen, das mich meiner Meinung nach zu einem individuellen Künstler macht und freue mich, wenn ich damit Erfolg habe. Dennoch: Man bekommt ja einiges mit, allein schon über Facebook. Ich muss sagen, dass das Streaming nicht so mein Fall ist. Dies wäre z.B. für mich ausgeschlossen, hier würde ich mich nicht mit beteiligen und würde dies nicht umsetzen. Großartig finde ich, dass Techno wieder gefragter ist. Ich habe das Gefühl, dass die Szene im Großen und Ganzen weiter wächst. Auch wenn die Entwicklung in anderen Genres schnelllebiger ist als im Technobereich, führt das trotzdem dazu, dass es der elektronischen Musikszene an sich gut tut. Ich merke das vor allem sehr stark in Südamerika. Dort geht‘s im Moment echt ab.

Wenn es um deinen Live-Act geht, bist du zeitlich gesehen sehr flexibel und kannst es mit Traktor und Maschine auf einige Stunden ausbauen. Wie sieht es hier mit deinem Equipment aus, wäre es interessant das eine oder andere Gerät hinzuzufügen oder auszutauschen? Welche neuen Geräte reizen dich?

Vor zwei Monaten habe ich meinen Live-Act komplett neu erstellt und Traktor aus meinem Setup verbannt. Im Moment besteht es nur noch aus Ableton auf meinem Macbook, einem iPad, einem Faderfox Controller und Maschine. Wobei ich die Maschine schon bei meinen letzten fünf Gigs nicht mehr benutzt habe. Ich finde es gerade super, alles wieder aufs Wesentliche zu reduzieren und nur noch mit Ableton live zu spielen. Aber auch mit meinem aktuellen Setup, ohne Traktor, kann ich lange Live-Sets spielen wie zum Beispiel auf meiner letzten Tour durch Argentinien Ende Juli, wo ich zweieinhalb Stunden gespielt habe. Da müssen dann aber auch die Rahmenbedingungen stimmen. Sprich eine gute PA und natürlich, für mich ganz wichtig, ein gutes Monitoring. Wenn ich das Gefühl habe, ich stehe auf dem Dancefloor, kann ich auch vier Stunden spielen. Dann stimmt der Vibe und ich fühle mich eher zum Publikum verbunden. Mein Plan ist es, mich weiterhin aufs Wesentliche zu konzentrieren und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich darüber nachdenken ob ich irgendwas noch dazu stel- le. Vielleicht ein wenig Modular-Zeug oder ein Drumsynth. Mal sehen. Im Moment finde ich meinen Live Act aber besser denn je, so dass ich mir da keinen großen Stress mache, getreu dem Motto: go with the flow …

Auf Facebook und Twitter hältst du dich mit Posts abseits des Tourlebens oder neuer Veröffentlichungen eher zurück. Findest du das nicht so wichtig? Was machst du, wenn du keine Musik produ- zierst, masterst oder auf Reisen bist?

Auf meinem offiziellen Künstlerprofil poste ich nichts Privates, ja das stimmt. Ich denke, die Leute haben mich wegen meiner Musik geliket und nicht wegen meiner Einstellung zum Leben, zur Politik oder wann ich mir in der Nase bohre. Auf meinem privaten Profil poste ich ab und zu mal Dinge, die mich bewegen und von denen ich meine, dass sie wichtig sind. Ich bin zwar schon sehr aktiv auf Instagram und Facebook, aber die wirklichen privaten Momente behalte ich dann doch für mich. Wenn ich nicht im Studio bin oder auf Reisen, dann verbringe ich die Zeit mit meiner Freundin und ihrem tollen Sohn. Ansonsten schaue ich jeden Tag vor dem Schla- fengehen Serien und Filme. Da stehe ich voll drauf. Filme waren schon immer meine Quelle der Inspiration, mindestens genauso stark wie aus der Musik, wenn nicht sogar noch stärker. Das ist eigentlich schon mein ganzes Leben.

Bisher erschienen nur eigene Releases auf EgoTon. Wirst du dem treu bleiben, oder wäre es interessant für dich, dort auch – abge- sehen von den Remixen – anderen Künstlern eine Plattform zu bieten? Vielleicht dadurch auch bisher unbekannte Talente zu fördern?

Mein Label EgoTon ist auf mich als Künstler beschränkt. Ego steht für mich und Ton für die Musik. Für mich bedeutet der Name des Labels soviel wie „meine Musik“. Von daher wird auf dem Label niemals ein anderer Künstler releasen, abgesehen wie du schon erwähnt hast, in Form von Remixen. Im Moment plane ich aber wieder ein neues „richtiges“ Label, auf dem ich auch anderen Künstlern eine Plattform geben möchte. Dafür habe ich auch schon ein sehr geiles Release von einem Newcomer auf dem Tisch liegen, das ich veröffentlichen werde. Ich denke, das erste Release wird nach dem Sommer oder spätestens zum Ende des Jahres am Start sein.

Welche größeren Termine stehen noch in deinem Kalender für dieses Jahr an?

Im August wird meine nächste Release auf Drumcell seinem Label „Droid“ erscheinen. Da freue ich mich schon sehr drauf, da ich immer gerne mit ihm zusammenarbeite. Ansonsten sind meine größeren Termine die Fertigstellung meines Albums und meines neuen Labels. / Haussmann, Steffens, Schäfer

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Interview aus dem FAZEmag 042/08.2015