„YEAH, es ist Freitag, wir fahren aufs Festival!“
Dieser Ausruf scheint unverkennbar aus einer anderen Zeit, der Zeit davor. Aber kein Spruch, es ist Freitag, der 25. September 2020 und wir sitzen im Auto auf dem Weg nach Crans-Montana in den Schweizer Alpen. Wir fahren wieder Mal zum Caprices Festival. Die 17. Ausgabe sollte eigentlich im April stattfinden, aus bekannten Gründen tat sie das nicht.
Die Festivalsaison hier war komplett im Eimer. Die großen Player wie Tomorrowland oder Mysteryland setzten auf Streams, Parookaville auf eine Sponsoren-Party mit 100 Leuten. Wo man auch hinsah, weit weit weg von allen Erwartungen.
Die Vorfreude auf das Caprices Festival 2020 ist also mega! Das Festival ist für uns nicht neu. Wir fahren zum fünften Mal in den Kanton Wallis, denn Caprices ist ein ganz besonderes Boutique-Festival! Das Festival hat sich über die Jahre gewandelt, vom Zehn-Tage Festival, zum Drei-Tage-Festival, nun zum Zwei-Wochenenden-Festival.
Die Frage, die über allem steht? Wie regeln die das? Wie lässt sich das hygienisch umsetzen? Zum einen sind die Schweizer Veranstaltungsreglements wesentlich flexibler als bei uns. Erlaubt sind 1.000 Personen verteilt auf Zonen mit maximal 300 Personen. WTF! Unter normalen Umständen sprechen wir bei der Gästezahl eher von Club-Events, nicht von Festival, auf einmal kommt es uns diese Besucherzahl astronomisch hoch vor.
„Hier in der Schweiz gibt es für Festivals andere Regeln als in Bars, Diskotheken oder Restaurants“, erklärt Festivaldirektor Joseph Bonvin.  Er ist auch Hotelmanager, Organisator von Veranstaltungen und Stadtrat in Crans-Montana. „Für eine Musikveranstaltung dürfen Gruppen von dreihundert Personen zusammenkommen. Wenn aber eine Person positiv getestet wird, müssen sie alle zehn Tage lang unter Quarantäne gestellt werden, das hat die Schweizer Regierung festgelegt. ”
Wie sieht das im Details aus: Überall herrscht Maskenpflicht. Die Gäste aus den verschiedenen Zonen begegnen sich kaum. Es gibt jeweils immer nur Tickets für einen Tag. Man muss sich jeden Tag neu für sein Bändchen anmelden. Rauchen sowie so nur draußen.
Das Caprices Festival hatte auch in diesem Jahr zwei Floors: die Forest Stage und die Modernity Stage. Neu ist, beide Floors liegen jeweils mitten in Skigebieten und man muss mit der Gondel hochfahren.
OK, let’s GO! Zur Sicherheit haben wir uns in der Apotheke vor Ort mit FFP2-Masken eingedeckt, einer der wenigen Artikel, der in der Schweiz genauso viel kostet, wie in Deutschland. Der Ticketcounter an der Talstation ist aufgrund der deutlich geringeren Gästezahl recht ruhig. Noch ein letzter Jägermeister im Stehen, Maske auf und hoch geht’s. Die Fahrt mit der Gondel dauert ca. zehn Minuten und bringt uns auf 2.200 Meter, mitten in den Schnee. Die Location ist sozusagen die ausgebaute Bergstation der Gondel mit einem atemberaubenden Panoramablick auf die Walliser Alpen. Die Party selber hat schon etwas Zoo-mäßiges, mit Metallabsperrungen und Abstand zwischen beiden Floors. Aber was ist aktuell schon normal ?

Der Sound kommt uns auf jeden Fall klar, drückend und erfreulich einladend entgegen. Ein fettes Gefühl, wieder auf einer Party zu stehen. Für den Samstag ist Ricardo am Start, für den gerade Sonja Moonear die Meute in ihren Gehegen warmgroovt. Fast überall Masken über Mund und Nase. Viele Securities am Start, die gezielt die Leute darauf hinweisen. Es fühlt sich erstaunlich schnell gewohnt an. Auch die DJs Sonja und Ricardo tragen die Masken ordnungsgemäß. Irgendwann nimmt man die Maske kaum noch störend wahr. Wenn das der Preis ist, so what! Interessant wird es natürlich mit zunehmender Spielzeit und zunehmendem Pegel: hält die Maske? Die Antwort ist JA! Ausnahmen gibt es immer, die deutliche Mehrheit hat sie richtig getragen. Den Rest des Abends nimmt uns Ricardo mit auf seine Reise … Schön eingeschwurbelt und später deutlich zackiger, als von ihm gewohnt, aber in geilster Festivalmanier. Pah! Mega! Das wir das dieses Jahr noch erleben durften, der Oberhammer!

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Der nächste Tag startet mit eisgekühltem Wein auf unser Terrasse.
Anmerkung: Wir sind im wilden Schneetreiben in Crans-Montana angekommen, ein Glück, dass unser schon Fahrzeug Winterreifen hatte. Taktisches Trinken und aufwärmen ist die Devise. Für heute ist Sven Väth auf dem Berg angesagt. Die Party ist daytime und wir schlendern um drei Uhr Nachmittags gemütlich mit kaltem Wegbier zu Fuss durch den Ort zur Gondelstation. Das Publikum oben ist schon auf Betriebstemperatur und Sven spielt sogar schon. Wir kennen das vertraute Masken-Prozedere und lassen die Party mal kommen. Die erste Scheibe, die uns richtig in den Arsch tritt ist der Acid-Pauli-Remix von „Loverboy“. Eine wohlige Mischung aus Nostalgie und Jetzt-geht’s-los-Gänsehaut. Naja, was sollen wir sagen, es wird halt auch wild gefeiert, mit allem Zip und Zap um uns herum :-)
Die Stimmung ist trotz Käfighaltung 1a und ausgelassen. Sven überzieht die Party um zwei Stunden. Grandios!
Das Festival war erstens 1a organisiert, vom Ankommen bis zum Runterfahren mit der Gondel, zweitens ist es echt mutig unter diesen Umständen etwas derartiges aktuell aufzuziehen. Viele heikle Variable sind dabei: die natürlich bestehenden Restrisiken, ein Shitstorm, ein neues Ischgl und so weiter.
Erst vor einem Monat wurde die Entscheidung getroffen, Caprices im September stattfinden zu lassen – drei Tage nachdem die Regierung die Coronaregeln gelockert hatte.  „Wir wissen, dass wir dieses Jahr kein Geld verdienen werden, aber wenn wir im Spiel sind, ist das großartig“, erklärt Bonvin. „Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, die Kosten bestmöglich zu senken. Das hat funktioniert!“ 
Klare Sache, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Es bestehen immer Risiken.

In diesem Fall hat ein Festival bewiesen, dass es auch ein neues „Normal“ gibt, das nicht nur zu Hause oder im verborgenen stattfindet.

Wir haben uns übrigens im Anschluss testen lassen und sind clean aus der Sache rausgekommen,
und freuen uns schon auf das nächste Mal. Caprices ist eben ein ganz besonderes Festival!
www.caprices.ch
Sonntag – Modernity Stage mit Sven

 

Samstag – Modernity Stage mit Ricardo

 

Freitag – Forest Stage mit Archie Hamilton