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Vor rund 15 Jahren begann Carola Pisaturo, Platten zu sammeln und ihre Karriere ins Rollen zu bringen. Heute führt sie ihr eigenes Label, arbeitet mit Cocoon zusammen und setzt sich nicht nur für den Erhalt, sondern auch für eine vollständige Rückkehr der Vinylkultur ein. Mit uns hat sie über ihren Werdegang gesprochen.


„Ich lebte damals bei meinem Freund, der ein paar Plattenspieler zuhause hatte. Bei diesen Modellen gab es noch nicht mal einen Pitch-Regler, was Beatmatching unmöglich machte. Wir besorgten uns also zwei 1210er, und über ein halbes Jahr hinweg übte ich stundenlang das Angleichen der Platten bis es zu meinem ersten Club-Gig kam. Der Vorteil war, dass ich zu dieser Zeit in einem Plattenladen arbeitete und unglaublich viel Musik hörte und besaß. Diese zwei Jahre im Laden waren sehr wichtig für mich und meine Entwicklung. Viele alte und seltene Platten prägten mich.“ Den größten Einfluss, so Carola hatte die US-Szene mit ihren Aushängeschildern Detroit und Chicago. „Obwohl sich mein Stil seither gewandelt hat, spiele ich einige der alten Plat- ten noch immer!“ Groß geworden ist die Italienerin damals in einem sehr weltoffenen und musikalischen Haus. „Meine Eltern hörten sehr viel klassische Musik – von Mozart zur Wiener Schule bis Free Jazz. Ich war stets umgeben von Klängen und moderner Kunst, doch es dau- erte eine ganze Weile bis ich verstand, was ich da hörte und sah.“ Die elektronische Musik wurde später zu ihrer großen Liebe, doch ihr künstlerisches Vorbild hat mit dieser Szene relativ wenig zu tun. „Wenn ich einen Künstler auswählen müsste, dann wäre es Arthur Russell. Er verkörpert die perfekte ‚wild combination’. In meinem Haus hängt sein Bild direkt neben dem meiner Mutter und meines Vaters – er gehört für mich zur Familie.“ Anregungen für ihre Arbeit holt sich Pisaturo grundsätzlich aus allen Bereichen der Kunst. Diese Offenheit trägt sie auch im Studio bei sich. „Sobald du anfängst zu komponieren, spielt es keine Rolle, um welche Art von Musik es geht, denn man steckt Herzblut und Seele in jedes Projekt. Ein Prozess, der mit Wahrheit und Ehrlichkeit einhergeht. Du kannst dich nicht selbst belügen. Ich bin Toningenieur, doch habe nie Musik studiert.
Das lässt mich vielleicht auch eine andere Verbindung zu ihr aufbauen. Durch die unbeabsichtigte Missachtung einiger ‚Regeln’ bleibt das Ergebnis rein und unverdünnt. Das macht das ganze auch unvorhersehbar. Du kannst nicht kontrollieren was passiert und die meiste Zeit weißt du es auch nicht.“ Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern sammelt Carola ihre Ideen nicht. Sie löscht alle ihre alten Projekte prinzipiell. „Ich brauche den Neuanfang, den Aufbau vom Grundstein an. Manchmal denke, ‚Hey behalte diesen Sound oder diesen Groove’, aber ich kann nicht. Eine sehr langsame Arbeitsweise von einem bequemen Mädchen! Ich nehme an, dass das der Grund dafür ist, warum ich nicht so produktiv bin wie andere in meiner Branche.“ Trotz einer gewissen Trägheit ist die Künstlerin erfolgreich. Seit Februar ist sie Teil der großen Cocoon Family. „Am Tag, als ich den Vertrag unterschrieben habe, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich bespiele viele Veranstaltungen auf der ganzen Welt. Es könnte mir nicht besser gehen.“ Nebenbei betreibt Carola auch ihr eigenes Label Claque Musique, bei dem sie sehr viel Wert auf Vinylveröffentlichungen legt. „Ich spielte selbst über zehn Jahre mit Vinyl ohne auch nur ein CD angefasst zu haben. Ich war ein Vinyl-Fundamentalist! Durch das viele Reisen benutze ich jetzt hauptsächlich USB-Sticks, doch ich nutzt jede Möglichkeit, meine Platten zum Einsatz zu bringen. Deshalb könnte ich mir auch nicht vorstellen, ein rein digitales Label zu führen. Der Markt ist vollgestopft mit Ableton-Musik und digitalen Labels, daher ist die Rückkehr zum Vinyl unbedingt erforderlich. Wir brauchen alle mehr Qualität!“ / Gutkind