Das Projekt Chris Hirose & Hours reift zu einem musikalischen Hochgenuss heran, sodass es sich definitiv lohnt, einen genaueren Blick auf die beiden Stuttgarter zu werfen. Die Jungs sind solo schon seit längerer Zeit in der Republik unterwegs und sorgen stets für gute Stimmung auf dem Dancefloor – und nun erschien ihre zweite gemeinsame EP auf Pan-Pots Label Second State. Wir sind gespannt, wie es mit den beiden kreativen Köpfen weitergeht, und wollten mehr über ihre Arbeit und Pläne wissen.

Chris Hirose & Hours


Nach eurem Debüt auf Second State im vergangenen Jahr folgt mit der „Fragrance“-EP nun die zweite Veröffentlichung auf dem Label von Pan-Pot. Auf dieser EP widmet ihr euch verschiedenen Düften. Was erwartet uns bei den Tracks „Patchouli“, „Lavender“ und „Encens“?

Chris: Bisher stand hinter jeder unserer gemeinsamen Veröffentlichungen ein Konzept. Die neue Platte besteht nun aus Tracks, die nicht nur nach Duftnoten benannt, sondern auch von ihnen inspiriert sind. Diese drei Aromen bilden zusammen den Duft von Techno, so wie wir ihn uns vorstellen, wenn es ihn geben würde.
Markus: Mit „Patchouli“ interpretieren wir Acid-House und -Techno auf eine ganz eigene Art und runden das Ganze mit einer Prise Electro und Punk ab. „Lavender“ dagegen ist unsere Variante eines straighten Festival-Tracks, inklusive Fanfare und peitschender Snares. Abschließend werden wir mit „Encens“ wieder nachdenklich und melodiös. Eine gute Nummer, um ein Set abzuschließen – und das richtige Aroma, um das Genre Techno abzurunden.

Wie und wo sind die Tracks entstanden und wie können wir uns eure Zusammenarbeit im Studio vorstellen?

Markus: Die Nummern haben mehrere Studios gesehen. Wir setzen uns nie ohne bestehende Ideen oder Pattern zusammen. Meist schicken wir uns zuvor Skizzen hin und her, bis etwas Klick macht. Unsere Treffpunkte sind jedoch oft unterschiedlich – manchmal sind wir zusammen unterwegs und schrauben an einer Nummer oder wir sitzen irgendwo und schieben uns gegenseitig den Laptop hin und her.
Chris: Genauso kann es aber sein, dass wir uns im Studio treffen oder gemeinsam kochen und bei einem Glas Wein an den Nummern weitermachen. Unsere kreative Phase läuft eher unstrukturiert ab, beim Mixdown hingegen arbeiten wir sehr klassisch. Wir setzen uns gemeinsam ins Studio und schöpfen unsere jeweiligen Stärken aus, bis wir beide mit dem Endprodukt ausnahmslos zufrieden sind. „Patchouli“ war in diesem Fall zuerst fertig. Diese Nummer bildete den rauchigen Kern, das Fundament der EP. Die beiden anderen Tracks haben wir dann drum herum gebaut.

Wie kam es überhaupt zu der Zusammenarbeit zwischen euch beiden? Ihr seid musikalisch doch komplett anders sozialisiert. Wo überschneiden sich eure Ansichten, Ansprüche und Werte?

Chris: Wir sind uns in der elektronischen Musikszene Stuttgarts über den Weg gelaufen. Schon im Vorfeld kannten wir jeweils die Arbeit des anderen und haben diese schon damals sehr geschätzt. Das muss so vier bis fünf Jahre her sein. Am Anfang war da viel Tech-Talk und Fachsimpeln, aber nachdem wir uns auch persönlich näher kennengelernt hatten, haben wir angefangen, uns Tracks und Ideen hin und her zu schicken, um die Meinung und den Rat des anderen einzuholen. Angefangen hat dann alles irgendwie mit Concepts Of Time, dem Label von Hours. Da haben wir beide veröffentlicht.
Markus: Im Zuge dessen sind auch Ideen entstanden, die nicht zum Label-Output gepasst haben, uns produktionstechnisch aber einander näher brachten – so entwickelte sich dann auch eine gemeinsame Vision. Nichtsdestotrotz sind die Klientelen, die wir jeweils mit unseren Solo-Projekten bedienen, recht unterschiedlich. Unser Spektrum ist allerdings sehr breit und privat sind wir musikalisch voll auf einer Wellenlänge. Wir hören beide alten Hip-Hop, 80ies-Pop, Crossover und die handgemachte und verzerrte Gitarrenmusik der 90er und frühen 2000er. Pantera, Deftones, Rage Against the Machine, Police, Bowie. Solche Sachen. Das schlägt sich in unserem Grundverständnis von Groove, Harmonie und Komposition nieder.

Was passiert, wenn ihr bei der Produktion unterschiedlicher Meinung seid?

Markus: Jeder von uns lässt sein Ego zu Hause, wenn wir beschließen, zusammen Musik zu machen. Während einer Session sind wir beide total offen, es muss uns einfach klanglich berühren. Da wollen wir nichts in Schubladen stecken oder uns großartig Gedanken machen. Die Idee muss einfach stimmen und sie muss sich gut anfühlen. Technisch sind wir uns beide auch extrem ähnlich, der eine mag es vielleicht etwas dreckiger, der andere etwas sauberer im Mix, aber wenn wir eine Entscheidung treffen müssen, bevorzugen wir immer das, was dem Track guttut.

Könntet ihr euch in dieser Konstellation auch ein Album vorstellen und würde auch hier Second State für euch infrage kommen?

Markus: Das Thema Album haben wir so direkt noch nicht angeschnitten. Es gibt einen Haufen an Skizzen und Snippets, die sich dafür anbieten würden. Der Wunsch ist natürlich auch da, aber aufgrund unseres musikalischen Backgrounds wäre das sicherlich alles andere als eine Aneinanderreihung von „4 to the floor“-Clubtracks.
Chris: Eine Idee, die wir schon länger im Kopf haben, ist, sich für so etwas vier bis sechs Wochen Zeit zu nehmen und irgendwohin zu fahren, um das ganze Ding auf einmal runterzuschreiben. In die Berge oder ans Wasser. Wirklich mal von allem anderen den Kopf frei kriegen und den Ideen konzeptionell freien Lauf lassen. Sollte es so weit kommen, dass wir ein Package haben, das den Namen Album auch verdient, wären Tas und Thomas, also Pan-Pot, die Ersten, die es zu hören bekämen. Aber es muss überhaupt erst mal dazu kommen.

Ein Album ist also noch lange nicht spruchreif, aber was habt ihr in der Konstellation Chris Hirose & Hours noch in petto? Und wie steht es um eure Soloprojekte? 

Chris: Tatsächlich haben wir einige gemeinsame Tracks in ganz verschiedenen Zuständen, von der Grundidee bis zur fertigen EP. Ein paar davon haben bereits ein Zuhause gefunden, an ein paar feilen wir noch, um sie dann in die Demo-Pipeline zu stoßen. Vielleicht machen wir mit dem einen oder anderen Track aber auch noch etwas anderes. Ansonsten kommt von mir gegen Ende des Jahres noch etwas auf Souvenir, dem Label von Tiefschwarz. Zusätzlich bin ich gerade mit einem Remix für Paulo Foltz, einem super Künstler aus Brasilien, fertig geworden und habe ein paar Tracks mit Clint Stewart produziert. Über die darf ich leider noch nichts Genaues sagen, doch auch sie werden im kommenden Jahr das Licht sehen.
Markus: Natürlich verfolgen wir unsere Solo-Karrieren weiterhin mit demselben Eifer. Ich werde in den kommenden Monaten verschiedene EPs rausbringen, unter anderem auf meinem eigenen Label Concepts Of Time, aber auch auf denen meiner großen Vorbilder. Im Frühjahr 2019 erscheint sogar eine EP auf einem meiner absoluten Lieblingslabels. Außerdem spiele ich mit dem Gedanken, noch ein weiteres Projekt zu starten. Da wird aber noch nichts verraten.

Nach einem sehr heißen Sommer freuen wir uns auf eine hoffentlich heiße Clubsaison! Was steht bei euch bereits im Kalender?

Chris: Ich bin noch ein bisschen mit Space Safari unterwegs, der Partyreihe von Clint Stewart, wo wir beide eigentlich auch immer spielen. Aber Gigs als Chris Hirose & Hours haben wir, glaube ich, erst nächstes Jahr wieder.
Markus: Wie gesagt, es kommt einiges an neuem Material in den nächsten Monaten. Außerdem stehen Gigs in ganz Deutschland an, ein paar Heimspiele in Stuttgart, Besuche bei befreundeten Veranstaltern in der Republik und ein paar neue Bekanntschaften. Ich freue mich drauf!

 

Aus dem FAZEmag 079/09.2018
Text: Gutkind
Foto: Julie Like
www.fb.com/chrishirose
www.fb.com/hourstechno
www.secondstate.net

 

 

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