Chris Liebing über PlayDifferently Model 1 – der neue Mythos


Chris Liebing über PLAYDifferently Model 1 – der neue Mythos

Als Richie Hawtin Anfang dieses Jahres die Vorstellung eines neuen DJ-Mixer-Konzeptes ankündigte, gingen natürlich in allen Technik-Redaktionen die roten Lampen an. Jeder kleinste Hinweis, ob nun gesichert oder nur Gerücht, wurde gierig aufgesogen wie ein Tropfen des teuersten Champagners. PLAYDifferently sollte das Projekt heißen und Model 1 das Tool, so viel war irgendwann klar. Mit Details und Bildern hielt sich Hawtin lange geschickt bedeckt. Es folgten eine Tour und Vorstellungen in erlesenem Kreis, inzwischen ist die Katze auch komplett aus dem Sack – in aller Ruhe ausführlich testen konnte ihn aber bis dato fast niemand. So sind wir fragend an eine DJ- und Produzentenlegende herangetreten, die mehr wissen muss: Chris Liebing. Ebenso wie Hawtin bereits seit den Neunzigern bestrebt, DJ-technisch permanent zu neuen Ufern aufzubrechen, war er bereits früh in die PD-Model-1-Entwicklung eingebunden.

Wie lange arbeitest du inzwischen schon mit dem Mixer?

So richtig regelmäßig bin ich auf den Mixer im März dieses Jahres umgestiegen, also vor gut sieben Monaten.

Wie sieht dein Setup aus, das du im Model 1 zusammenführst?

Die Idee bei dem Mixer war, mehr als nur vier Kanäle zur Verfügung zu haben. Sechs war für uns alle die magische Zahl, dazu zwei Send- und Return-Wege, um viele schöne Dinge zusammenführen zu können. Ich habe mein Setup in den letzten sieben Monaten ungefähr dreimal wieder verändert, weil der Mixer es mir erlaubt, in einer komplett anderen Weise zu spielen. Mein aktuelles Setup besteht deshalb aus einem Rechner, auf dem NI Traktor mit vier Decks und Ableton Live laufen. Ableton Live hat NI Maschine Jam als Plugin und noch diverse Send- und Return-Effekte, die ich quasi aus dem Mixer mit Send und Return bediene. So sind vier Kanäle mit vier Decks von NI Traktor belegt, ein fünfter Kanal ist für die NI Maschine Jam. Und da ich noch einen sechsten Kanal zur Verfügung hatte, habe ich ein lange verschollenes Gerät ausgegraben, mit dem ich früher schon unglaublich viel Spaß hatte: den Cycloops Red Sound Sampler. Damit kann ich in Echtzeit aus meinem Kopfhörerausgang jedes abgehörte Signal direkt absamplen, gleichzeitig loopen und wieder abspielen. Auf dem ersten Send-Aux-Weg liegt ein Reverb-Effekt und auf dem zweiten ein Delay-Effekt. Diese stelle ich immer wieder neu ein und kann so spontan mit ihnen umgehen. Der Model 1 erlaubt es zudem, Kabel zu sparen, da er spezielle Sub-D25-Ein- und Ausgänge hat. Entsprechende Sub-D25-Kabel ermöglichen es, acht herkömmliche Stereokabel in einem einzigen Kabel zu vereinen. Um das zu nutzen, bin ich auf eine Antelope Audio Orion 32+ Soundkarte umgestiegen, da sie ebenfalls Sub-D25-Ein- und Ausgänge hat. So kann ich nicht nur den wesentlich besseren Sound dieser Karte nutzen, sondern auch den großen Qualitätsvorteil dieser Kabel im Vergleich zu normalen unbalanced Kabeln. Und je weniger Kabel man verwendet, desto weniger kann auch schiefgehen.

Einer der Hauptentwickler stammt von A&H. Wie groß ist die Gemeinsamkeit mit den Xone-Mixern?

Es geht hier um Andy Rigby-Jones, der alle Xone-Mixer entworfen hat. Ich würde mal behaupten, dass man Ähnlichkeiten feststellen kann und dass der Xone ein früher Verwandter des Model 1 ist. All die Erfahrungen, die in die Xone-Modelle geflossen sind, finden sich folglich im Model-1-Design wieder. Der größte Unterschied ist, dass beim Model 1 die einzelnen Kanalzüge einen Highpass-, einen Lowpass-Filter sowie einen Sweep-EQ haben, bei dem man eine gewisse Frequenz zwischen 70 und 8000 Hz einstellen und sie rausnehmen oder wieder reindrehen kann. Das heißt, dass es eine komplett andere Arbeitsweise ist, da man mit der Rechtsbewegung den Bass nicht mehr rein-, sondern rausdreht. Also genau entgegengesetzt zum klassischen EQ. Ich vergleiche es immer mit „auf der anderen Seite Auto fahren“. Meiner Ansicht nach ist diese Art des Mixens wesentlich organischer.

Ist der Mixer hinsichtlich Größe und Gewicht noch gut zu transportieren?

Der Mixer ist bewusst darauf ausgelegt, die Standard-Mixer-Maße zu haben. Er ist genauso groß wie beispielsweise ein Pioneer DJM-800 oder der A&H Xone92 und man kann ihn noch irgendwie im Handgepäck mitnehmen. Gleichzeitig wurde also auf engstem Raum alles untergebracht, wobei ich betonen möchte, dass der Mixer komplett analog aufgebaut ist, also kein einziges digitales Bauteil verwendet wurde.

Wie waren der erste Eindruck und das „First Feel“?

Ich hatte schon vor zwei Jahren das Vergnügen, den allerersten Prototyp in die Hand zu bekommen. Schon damals wurde genau darüber – über das „Feel“ und den ersten Eindruck – diskutiert und ich glaube, da ist auch ein Riesenschritt passiert. Die Knöpfe fühlen sich alle supersupergut an, es wurde besonderen Wert auf hochqualitative Fader und natürlich Filter gelegt. Für mich ist der Unterschied beim Wechsel von einem Xone92 zum Model 1 exakt so groß, wie es sich damals angefühlt hat, als ich von einem Pioneer-Mixer auf den Xone92 umgestiegen bin.

Wie würdest du die Ergonomie beurteilen? Sind die Bedienelemente logisch und schnell erreichbar angeordnet?

Ich persönlich finde, wenn man sich einmal kurz mit der neuen Denkweise der Frequenzbearbeitung beschäftigt hat – also dem Filtern anstatt des Arbeitens mit klassischen EQs –, dann ist der Mixer extrem intuitiv. Er erscheint eigentlich nur im ersten Moment recht komplex. Jedes Element ist genau da, wo es sein muss. Das ist auch der Punkt, warum schon vor zwei, drei Jahren eine Gruppe von DJs, zu der ich auch gehörte, ihren Input dazu gegeben hat, wie der Mixer aussehen sollte. Unter der Federführung von Richie und Andy Rigby-Jones ist dann quasi die endgültige Version entstanden.

Ist der Mixer selbsterklärend oder muss man einen Lernprozess durchlaufen, um mit ihm arbeiten zu können?

Also, ich habe bislang Unterschiedliches erlebt. Ich habe DJs gesehen, die gezwungen waren, an dem Mixer zu spielen, weil ich ihn schon aufgebaut hatte, und die das in fünf Minuten kapiert haben. Und es gibt Leute – wie übrigens mich zum Beispiel –, die ein bisschen länger gebraucht haben. Ich würde sagen, man muss einen kurzen Lernprozess durchlaufen, aber ansonsten ist er schnell begreifbar. Und wenn man erst mal damit angefangen hat, gibt es so viele verschiedene Wege, wie man damit spielen kann – und genau das ist das Schöne daran. Es gibt beispielsweise einen Master-EQ und einen Master-Filter, der auch den einzelnen Kanälen zugewiesen werden kann.

Wie ist die Mixeroberfläche strukturiert?

Es gibt sechs gleichwertige Kanäle, die alle Highpass- und Lowpass-Filter sowie den Sweep-EQ in der Mitte haben. Die Fader-Kanäle sind normal lang und jeder Kanal hat zudem zwei Sends direkt darüber liegend. Zusätzlich gibt es zu jedem Kanal noch einen kleinen, durchsichtigen Drive-Button neben dem Gain. Der Drive-Button ist ein analoger Verzerrer, der auf verschiedenen Tracks von einem sehr schönen, leichten Sättigungseffekt bis hin zu einer krass übertriebenen Verzerrung alles ermöglicht. Ansonsten gibt es eine Sektion auf der rechten Seite, die den Master-EQ bietet, und eine weitere Sektion links unten, in der sich der Master-Filter befindet – wiederum auf jeden Track anwendbar. Die Return-Kanäle sind mit Drehknöpfen statt Fadern ausgestattet und verfügen jeweils über den bereits erwähnten Overdrive-Button. Den Eingangspegel kann man einstellen und mittels Gain den Drive reinzerren. Weiterhin bemerkenswert ist, dass es zwei Kopfhörer-Ausgänge gibt, die unabhängig voneinander arbeiten. Auf der rechten Seite ist Kopfhörer-Ausgang A, auf der linken Seite sind Kopfhörer-Ausgang B sowie zwei Cue-Knöpfe für jeden Kanal. Hier kann man jeweils A oder B anwählen, was absolut perfekt ist, um mit jemandem back2back zu spielen, ohne die Person stören zu müssen. Man kann also entweder hören, was der andere hört, oder eben seine eigenen Sachen isoliert vorbereiten.

Welche Anschlüsse sind vorhanden?

Neben den üblichen Anschlüssen wie XLR für den Master-Out und großen Klinken für Booth und Master 2 gibt es eine Miniklinke für Record-Out. Für einen Cinch-Ausgang als Record-Out war leider kein Raum mehr. Ansonsten gibt es natürlich Phono- und Line-Eingänge im Cinch-Format und, wie vorhin schon erwähnt, einen Ausgang und zwei Eingänge im Sub-D-Format. Wenn man die richtige Soundkarte hat, ist er klanglich einfach nicht zu übertreffen. Einen solchen Klangqualitätszugewinn wie mit der Antelope-Soundkarte und dem Model-1-Mixer zusammen habe ich in den letzten 20 Jahren noch nicht erlebt.

Besitzt der Mixer Controllerfunktionen?

Nein, der Mixer ist absichtlich komplett analog ausgelegt und enthält keine digitalen Elemente. Eine interne Soundkarte hätte zum einen zu viel Platz weggenommen. Zum anderen sind in dem Bereich, in dem der Mixer genutzt wird, dann doch Leute am Werk, die lieber ihre eigene Soundkarte einsetzen. Eine interne Soundkarte könnte nie diese Qualität haben wie eine professionelle, die man von außen anschließt. Das heißt auch, dass der Mixer keine Midi-Funktionen hat.

Wie gewöhnungsbedürftig ist das Arbeiten ohne CF oder hast du schon immer ohne gearbeitet?

Ich persönlich vermisse keinen Crossfader. Ich habe schon immer ohne Crossfader gearbeitet und denke, er macht speziell beim Model 1 auch keinen Sinn. Auf einem Zweikanal-Mixer als Battle-Tool natürlich, auf einem Vierkanal-Mixer eventuell auch noch, aber bei sechs Kanälen ist ein Crossfader meiner Meinung nach überflüssig.

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Betrachtest du die analoge Signalführung als Vorteil oder wärst du mit einer hochqualitativ digitalen ebenso zufrieden? 

Ich empfinde die analoge Signalführung als absoluten Vorteil. Wir arbeiten heute alle fast nur noch mit digitalen Geräten und digitalen Files – und das Beste, was wir einem solchen Signal noch verpassen können, ist eine hochwertige, analoge Summierung. Von daher ist das für Leute wie mich, die eigentlich keine analogen Soundquellen mehr haben, aber hochwertige Soundkarten wie zum Beispiel die Antelope Orion 32+ verwenden, zweifellos ein Vorteil.

Für wen ist der Mixer ideal geeignet, für wen eher nicht?

Ich finde, der Mixer ist für alle ideal geeignet, die – und ich glaube, das sind immer mehr – viele einzelne Klangquellen zusammenführen wollen. Für alle, die back2back spielen, alle DJ-Duos ist das eigentlich der ideale Mixer. Dann wiederum natürlich für Live-Acts, die vielleicht nicht mehr auf 24 oder 36 Kanälen mischen, sondern denen sechs Kanäle mit zwei Sends und Returns ausreichen. Für solche Live-Acts ist der Mixer wie gemacht, aber ich denke auch, dass mehr und mehr Leute, die heute noch mit zwei, drei oder vier Decks spielen, irgendwann auf die Idee kommen, dass sie noch mehr machen wollen. Ich weiß noch, als wir damals dafür gekämpft haben, dass Traktor von zwei auf vier Decks umgerüstet wird, da haben am Anfang auch viele gedacht: „Wer braucht denn vier Decks, zwei reichen doch völlig, vielleicht mal noch eine dritte Quelle, aber vier ist doch zu viel.“ Und das war dann eigentlich schon nach der Einführung nicht mehr der Fall und spätestens drei, vier, fünf Jahre später hatte ich das Gefühl, dass ich gerne noch mehr Kanäle hätte. Von daher kam auch die Idee oder der Wunsch, an einen Mixer zu kommen, der mehr als vier, beziehungsweise sechs oder auch acht Kanäle hat. Ich glaube, dass DJs in einem gewissen Underground-Bereich, sei es House oder Techno, immer mehr einzelne Spuren zusammenführen, Vocals und Stems spielen – und genau darauf ist das eigentlich ausgerichtet.

Müsstest du die Besonderheiten des Model 1 noch einmal zusammenfassen, dann wären das …?

Die Tatsache, dass es zwei unabhängig voneinander anwählbare Kopfhörer-Eingänge gibt, scheint auf den ersten Blick nur ein kleiner Vorteil zu sein. Im wirklichen back2back-Betrieb macht das jedoch einen Riesenunterschied und ermöglicht komplett neue Spielarten. Dann gibt es die bereits erwähnte Filter-Sektion. Ich kenne keinen anderen Mixer weltweit, der pro Kanal eine solche Frequenz-Bearbeitung bietet. Und natürlich als kleines Schmankerl: die Overdrive-Funktion. Das Gesamtkonzept fügt sich irgendwie so zusammen, dass man mit dem Mixer in einer komplett anderen Weise spielen kann, woher ja auch der Name „PlayDifferently“ kommt.

Gibt es Aspekte, mit denen du noch nicht zufrieden bist?

Also, man könnte eventuell über die Filterkurven diskutieren. Für meinen Geschmack sind die Filterkurven vielleicht etwas zu spitz, es ändert sich also zu viel auf einem kurzen Weg. Das ist aber reine Gewöhnungssache und eine Frage der Vorliebe, ob man es eher etwas smoother mag. Ansonsten muss ich sagen, dass ich mit dem Model 1 hundertprozentig zufrieden bin. Der Headroom und der Sound sind absolut fantastisch.

Wann wird der Mixer offiziell erscheinen und zu welchem Preis?

Der Mixer ist schon erschienen. Dadurch, dass kein Großkonzern und riesengroße Stückzahlen dahinter stehen, kostet er momentan noch so um die 3.000 EUR. Was aber, wenn man die Qualität bedenkt, die man dafür bekommt, eigentlich auch angemessen ist.

Was steht bei Chris Liebing gerade künstlerisch an?

Ich habe einen fantastischen Sommer hinter mir, eigentlich den besten, den ich in meiner DJ-Karriere bislang hatte, und bin jetzt gerade mit meinem Album fertig geworden. Das heißt, es gibt ein neues Album und ich hoffe, dass es irgendwie sogar Anfang 2017 auf den Markt kommt. Wo es rauskommt, kann ich noch nicht sagen, weil ich es noch nicht weiß. Aber seid gespannt, ich freue mich darauf, endlich mal wieder eines zu veröffentlichen. Ansonsten hört euch AM/FM an und guckt mal auf die Website!

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Aus dem FAZEmag 057
www.playdifferently.org
www.clr.net
Foto HYTE: Danni Borg