In ihrem Schoß fühlen wir uns geborgen. Ihr Zorn macht uns Angst. Wie ein pubertäres Kind, das sich von den Eltern freikämpfen will, versucht der Mensch seit jeher, sich, oft zerstörerisch, von der Natur zu emanzipieren. Um dann doch immer wieder, bisweilen schmerzhaft, erkennen zu müssen, dass er zu ihr gehört und sie braucht.


„Wir wissen alle, dass wir uns zu weit von Natur und Umwelt entfernen“, sagt Produzent Christian Löffler. „Wir sind ein Teil davon und sollten nicht gegen das arbeiten, was uns am Leben hält.“ Die ewige Frage nach der Beziehung zwischen Mensch und Natur, an der sich viele Denker und Künstler bereits abgearbeitet haben, verschmilzt in seiner Musik so unaufgeregt wie bei wenigen anderen, nahezu beiläufig, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, ja eher Zufall. Es ist wohl auch tatsächlich Zufall, darin begründet, dass Christian Löffler naturnah in Greifswald aufgewachsen ist und weder das Musikmachen aus einem bewussten Plan resultierte noch die Inspiration durch die Natur. „Ich bin eigentlich immer rausgegangen, um Ideen zu sammeln. Sei es zum Fotografieren oder um Field-Recordings aufzunehmen“, erzählt Christian, der noch vor der Musik visueller Künstler war und immer noch ist. „Natur scheint eine große Inspirationsquelle für mich zu sein, wobei ich dies nie hinterfragt habe. Ich wollte anfangs einfach in den Wald fahren, Geräusche aufnehmen und sie in meine Musik einbauen.“ So unaufgeregt eben. Bereits sein Debüt-Album „A Forest“ war das Sinnbild seiner Heimat. Nun hat er das dritte Album seinem Rückzugsort Graal-Müritz an der Ostseeküste gewidmet, an dem er „nach dem Touren Eindrücke verarbeiten und zur Ruhe kommen kann“.

Dieser Tage erscheint „Graal (Prologue)“ auf dem von Christian mitbegründeten Kölner Label Ki. Wie der Namenszusatz „Prologue“ schon andeutet, stehen die sechs Tracks als eine Art Vorgeschichte für ein weiteres, nachfolgendes Album. Während „Graal“ wie ein Reisetagebuch skizzenhaft unterwegs entstanden ist, soll das vierte Album klassisch im Studio entstehen. Das Entwurfartige des Albums kommt nicht von ungefähr. Mit „Graal“ überwand Christian eine Phase der musikalischen Produktionsstagnation, die er während einer sehr intensiven Tourzeit erlebt hatte und so beschreibt: „Ich habe in den letzten beiden Jahren sehr viel live gespielt. Das war sehr schön und erfüllend. Ich fühlte mich oft inspiriert und hatte große Lust, Musik zu machen. Sobald ich aber zu Hause im Studio war, lief es nicht so wirklich gut und ich konnte meine Ideen nicht in Musik übertragen. Ich entschied mich, für eine gewisse Zeit Ableton nicht zu öffnen, und fing wieder an, zu zeichnen und zu malen. Bevor ich mein erstes Album ,A Forest’ aufnahm, hatte ich eigentlich nichts anderes gemacht, als zu malen. Es war sehr befreiend und erfrischend zurückzukehren. Bald kam durchs Malen wieder Inspiration für die Musik und der erste Track nach dieser Phase war ,Ry’. Es gibt auch eine Zeichnung zu ,Ry’, die Teil des Artworks von ,Graal’ ist.“ Um aus seiner Routine auszubrechen, begann Christian zudem damit, eine andere Aufnahmesoftware zu verwenden, die er wieder neu erlernen musste.

Das Skizzenhafte des Albums ist aber nicht bloß Mittel, sondern auch Stil. Wie impressionistische Maler ihre Bilder als Eindrücke wirken ließen, so hält auch Christian Löffler das Flüchtige des Moments fest, flink. „Wenn ich Musik auf Tour schreibe, ist es wie mit einem Notizblock. Ich versuche, die Ideen so schnell wie möglich ohne Umwege festzuhalten. Ich vermeide es, mich in Details zu verlieren. So sind die Songs auf dem Album alle sehr nah an ihrer Essenz und wenn man die jeweiligen Projekte in der Software öffnet, haben sie oft unter zehn Spuren“, fasst Christian seine Arbeitsweise zusammen und führt weiter aus: „Das Album ist zu 95 Prozent unterwegs entstanden. Daraus hat sich ergeben, dass ich sehr viele Werkzeuge und Mechanismen weggelassen oder sehr vereinfacht habe. Die Idee war es, die Musik so roh und skizzenhaft wie möglich und ohne viel Nachschleifen zu veröffentlichen. Das war aber kein Konzept, das ich mir vorher überlegt habe, sondern das sich aus der Situation ergeben hat.“ Dinge, die raus müssen, wie er sagt.
Situationen sind es auch, aus denen die starken Bilder, Themen erwachsen, die den Songs vorangehen. So wie in einem Appartement in Brooklyn, wo Christian – großer New-York-Fan – letzten Sommer während seiner Nordamerika-Tour einige Tage verbrachte. Einer der neuen Tracks, „Bird“, ist dort entstanden, im kleinen Garten des Innenhofs: „Es war wie eine kleine Oase mitten in der Stadt. Ich saß jeden Tag dort und machte Musik.“

Und auch wenn sich der Musiker für große Städte begeistert: „Es kommen so viele Leute mit tollen Ideen zusammen. Es passiert ständig etwas und es gibt immer etwas zu entdecken. Das kann sehr inspirierend und förderlich für die eigenen Sachen sein.“ Benannt ist der Song „Bird“ dann doch „nach den Tauben, mit denen ich mir den Hof teilte“.

Man möchte mit Christian Löffler im Downtempo an der Küste von Graal entlanglaufen, an der sich seine minimalistischen Klanglandschaften dramatisch auftürmen und mit dem rauen Ostseewind vereinen.

Aus dem FAZEmag 086/04.2019
Text: Csilla Letay
Foto: Brian Zajak
www.christian-loeffler.net