Credit: Andreas Waldschuetz


Die Erfolgsgeschichte des enigmatischen Künstlers mit der goldenen Maske ist schlicht und ergreifend bemerkenswert. Seit seinem Start im Jahr 2012 kollaborierte Claptone mit Künstlern wie Depeche Mode, New Order, Disclosure, Faithless, Bastille und Hurts, bespielte mehrfach den gesamten Globus und hielt dabei nicht selten mit „The Masquerade“ eigene Events in den gefragtesten Venues ab. Auf Ibiza, wo Claptone als nicht mehr wegzudenkende Instanz gilt, wurde er bereits zum dritten Mal in Folge zum besten Künstler im Genre „House“ gewählt. Nach seinen beiden von Fans und Kritikern frenetisch gefeierten Langspielern „Charmer“ (2015) sowie „Fantast“ (2018) folgt nun nach einer nahezu dreijährigen Produktionszeit mit „Closer“ das dritte Album. Das Werk erscheint am 12. November auf Different. Co-produziert vom dreifachen „Grammy“-Gewinner Stuart Price, der für seine Arbeit mit Künstler*innen wie Madonna, The Killers, Dua Lipa und den Pet Shop Boys geschätzt wird, handelt „Closer” von Freude und Schmerz des Menschseins. Das Album vereint sowohl ikonische Namen und etablierte Künstler*innen als auch aufregende neue Talente, darunter Barry Manilow, Mayer Hawthorne, Mansionair, APRE, Dizzy, SPELLES, Lau.Ra, Two Another sowie Nathan Nicholson, den Ex-Sänger von The Boxer Rebellion. Wir haben mit Claptone gesprochen.

 

Glückwunsch zum dritten Album. Wie fühlst du dich mit dem neuen Werk?

Ich fühle mich sehr gut mit dem Album, ich hoffe, dem Rest der Welt geht es ähnlich.

Drei Jahre war „Closer“ in der Mache, darunter eineinhalb Jahre unter Pandemie-Bedingungen. Welche Phasen und auch Gefühlswelten hast du dabei durchlebt?

Es war schon eine radikale Vollbremsung von über 200 Gigs in 2018 und 2019 auf null. Mir haben die Energie gefehlt, die Menschen, die Musik und das ganze Drumherum einer gelungenen Veranstaltung. Ich habe noch einmal eindrücklich realisiert, wie viel mir all das bedeutet, daher habe ich mich auch entschlossen, viel zu streamen und auf diese Weise mit den Fans und anderen Musikverrückten in Verbindung zu bleiben. Mir war natürlich klar, dass niemals diese direkte Kommunikation via Musik und dieser Energieaustausch stattfinden wie bei einem echten Gig, aber es war besser als gar nicht aufzulegen. Zudem hatte es den Vorteil, dass ich durch Themenschwerpunkte, die ich mir selbst gesetzt habe, auch mal andere Perspektiven auf den Claptone-Sound eröffnen konnte, andere Tracks spielen, in der Zeit zurückgehen, all das hat mir in der Streaming-Zeit viel Spaß gemacht. Außerdem hatte ich natürlich enorm Zeit fürs Studio und habe viel länger an allen Details für „Closer“ gefeilt und härter daran gearbeitet als je zuvor an einem Album. Ich habe auch viel mehr Songs geschrieben und aufgenommen, als sich auf dem Album wiederfinden, hatte also eine tolle Basis am Ende.

Wie hast du generell die Pandemie erlebt?

Wenn man nur auf Tour ist, vergisst man fast, was ein Zuhause bedeutet. Aber alles in allem muss ich sagen, dass ich mich ganz gut eingelebt habe nach einer gewissen Anlaufzeit. Leider hat mir der Kontakt zu meinen Freunden schon sehr gefehlt und da hilft ein Zoom-Call ebenso wenig wie ein DJ-Stream, um den Fans nahe zu sein, aber das haben wir ja alle ähnlich empfunden, denke ich.

Wie, würdest du sagen, hat sich Claptone nicht nur musikalisch, sondern auch künstlerisch entwickelt, im Vergleich zu „Charmer“ 2015 und „Fantast“ 2018?

Eine künstlerische Entwicklung ist ja fast automatisch der Fall, wenn man sich eine – nicht nur musikalische – Welt erschaffen hat, wie ich es getan habe. Es gab einen Urknall im Claptone-Universum und nun breitet es sich aus. Zudem ist man auch selbst neugierig, was man in der Claptone-Welt alles erleben kann. Man möchte sich weiterentwickeln, auch, um neue Blickwinkel auf sich selbst zu erarbeiten.

Eine Entwicklung gab es sicherlich auch mit dem Co-Produzenten des Albums, Stuart Price. Wie entstand die Zusammenarbeit?

Bei der Arbeit an einem Album hat man natürlich eine ungleich größere musikalische Freiheit als bei der Produktion eines Club-Tracks und kann richtige Songs schreiben. Stuart Price ist zurzeit einer der gefragtesten Pop/Rock-Produzenten und hat von Madonna, The Killers, Rolling Stones, Pet Shop Boys und Dua Lipa gefühlt schon jeden großen Act im Studio gehabt. Aber angefangen hat er unter seinem Pseudonym Les Rythmes Digitales mit House und Club-Musik. Auch als Thin White Duke hat er Club-Tracks und Remixe vor allem von Indie-Rock-Acts angefertigt, bevor er auf den Produzenten-Job umsattelte. Ich wusste, schon bevor die Arbeit mit Stuart begann, dass er openminded ist, Musik liebt und in seiner Arbeit alles, was ich auf dem Album erreichen wollte, vereint. Oder andersherum, ich wusste, dass Stuart die Songs und Demos, die ich mit unterschiedlichen Vokalisten geschrieben hatte, gefallen würden, und so haben wir während des Lockdowns insgesamt fast acht Monate an der Produktion gefeilt. Wir haben viel über alle möglichen Themen und etwas weniger über Musik diskutiert, es hat Spaß gemacht und ich habe viel dabei gelernt.

„Closer“ handelt von der Freude, aber auch vom Schmerz des Menschseins. Zwei Gefühlswelten, die in den letzten Monaten sicherlich nah beieinander waren, oder?

Ja, das ist richtig, dennoch ist das Album kein Corona-Album, schon vorher war der Antrieb, nah bei den Menschen zu sein und menschliche Gefühlswelten zu erforschen. Natürlich wurde diese Idee durch Entzug von menschlicher Nähe verstärkt, keine Frage.

„Ich erlaube mir, mich den Menschen zu nähern und auf der Suche nach meiner Seele Mensch zu sein“ resümierst du über die insgesamt 14 Titel.

Vor meinem ersten Album „Charmer“ im Jahr 2015 stand ich eher im Schatten und habe mich das erste Mal herausgetraut. „No Eyes“ war ja eigentlich eine B-Seite einer Club-Single und ist plötzlich – obwohl es eher ein Song als ein Track war – zum Underground-Hit avanciert. Das hat mir den Mut gegeben, ein ganzes Album zu produzieren, als erster Schritt zur Selbstfindung. Eine Visitenkarte, die aber Claptone als Wesen noch nicht weiter hinterfragt. Mit dem zweiten Album „Fantast“ bin ich 2018 dann in die Natur gegangen, um meine nicht menschliche, animalisch-mystische Seite besser kennenzulernen. Jetzt bei „Closer“ ist der Mut da, mich den Menschen zu nähern, menschliche Gefühle aus nächster Nähe zu studieren und meine eigene menschliche Seite besser kennenzulernen. Das war ein intensiver und wichtiger Schritt.

Du bist bekannt für zahlreiche Kollaborationen, auf den beiden vorherigen Werken hast du mit Künstler*innen wie Kele von Bloc Party, Joan As A Police Woman, Jimi Tenor, Clap Your Hands Say Yeah, Matt Simons oder Jaw sowie Peter, Björn und John Nathan Nicholson gearbeitet, die auch auf  „Closer“ dabei sind. Nun gibt es Features mit weiteren Beteiligten, wie Seal, Barry Manilow, Mayer Hawthorne, Mansionair und vielen, vielen mehr. Wie verlief die Auswahl und wie war die Zusammenarbeit?

Ich liebe es, mit Sängerinnen und Sängern zu arbeiten, die schon ein eigenes Projekt, ein eigenes musikalisches Sprachrohr, eine Solokarriere haben oder Teil einer Band sind. Damit meine ich nicht nur Legenden wie Barry Manilow, sondern auch Newcomer wie APRE oder Dizzy, die am Anfang stehen, aber schon tolle Songs abgeliefert haben. Das bisherige künstlerische Schaffen einer „Stimme“ ist für mich sicher ein Auswahlkriterium. Meist vermittle ich nach dem ersten Kontakt den konzeptionellen Rahmen des Albums und gebe einen Einblick in die Claptone-Welt, sodass auf dieser Basis die Texte verfasst werden können. Das ist aber nur ein Leitfaden, der natürlich auch oft ignoriert wird. Dann beginnt der Austausch von Musik und Text, es wird also auf ein Demo gesungen. Danach ändere ich die Musik manchmal komplett, wenn ich durch die Stimme eine neue, bessere Idee bekomme, dann wird die Vocal-Line nochmal geändert und dann wieder die Musik, und irgendwann fühlt es sich richtig an. Dann beginnt der Feinschliff.

Das Album erscheint – wie auch die Vorgänger – bei Different. Erzähle uns mehr zur Zusammenarbeit mit dem Londoner Imprint.

Different ist ein Sublabel von PIAS und bei PIAS habe ich unterschrieben, weil ich die Musik und Philosophie mag, für die sie stehen. PIAS ist mit das größte klassische Indie-Label. Seit dem Beginn in den 80ern mit Front 242 schon, heute arbeiten sie eng mit Mute und Domino – ihre Geschichte ist faszinierend und sie spannen den Bogen zwischen Club- und Indie-Musik.

Die Welt kommt langsam, aber sicher zurück zur Normalität. Was steht bei dir auf der Agenda?

Leider haben wir in Deutschland die Festival-Saison dieses Jahr bis auf wenige Ausnahmen schon wieder ausfallen lassen müssen, das schmerzt schon sehr. Umso mehr hat es mich gefreut, dass die „The Masquerade“-Stage bei den „Pool Sessions“ des World Club Dome solch ein Erfolg war. Ich komme gerade von der ausverkauften „The Masquerade“-Show beim Amsterdam Dance Event, und auch hier war die Energie der Wahnsinn. In London steht jetzt die auch eine ausverkaufte „The Masquerade“ im grandiosen Printworks an. Und in Vegas spiele ich EDC, ja, es geht wieder los. Hauptsächlich werde ich wohl dieses Jahr in den USA und Südamerika sein, aber Osteuropa, die Schweiz und Spanien ziehen auch wieder stark an. Ich würde gern auch in Deutschland noch in 2021 spielen, aber es kann sein, dass es erst nächstes Jahr wieder was wird. Ich denke, im nächsten Sommer kehrt „The Masquerade“ dann wieder in sein Zuhause ins Pacha auf Ibiza zurück. Zudem sind selektive Stage-Takeovers bei namhaften Festivals in Europa geplant, bevor es Ende 2022 eine ausgedehnte „The Masquerade“- Tour geben soll. Aber das ist natürlich alles sehr weit vorausgedacht.

Aus dem FAZEmag 117/11.21
Text: Triple P
Credit: Andreas Waldschuetz
instagram.com/claptone.official