Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: „Collab, Bro?“

Facebook Freundschaftsanfrage. Unbekannter Name, aber hey: 34 gemeinsame Freunde, bestimmt 18 gemeinsame Lieblings-Tracks, zwölf gemeinsame Schnürsenkel. Ach, irgendwoher wird man sich schon kennen. Bestimmt hat man mal irgendwo zusammen geaftert. Es ist ja auch nicht irgendein dubioser alter Schulfreund, also überlegst du nicht lange und nimmst die Anfrage an. Momente später jedoch die Ernüchterung: Dein neuer Kumpel schickt dir eine Einladung, seine Seite zu liken. Prompt poppt eine Nachricht auf: „Wanna collab, bro?“

Momente im sozialen Netz, die wir alle kennen. Der Sekundenzeiger schlägt keine 60, schon ist man Bruder fürs Leben? Geschenkt. Was an solchen Kontakten mehr nervt, ist das ziellose Anfragen mancher Hobby-Producer, die vor nicht einmal zwei Wochen das erste Mal eine gecrackte Producing-Software installiert und bis dato noch keinen einzigen Track fertig bekommen haben. Doch scheinbar ist es Trend geworden, im Zeitalter der Doppelnamen seinen Datenmüll online auszutauschen, um aus ein paar sinnlosen Sample-Loops eine Schippe Buntes zu mischen.

In den Biografien bekannter Mehrlinge taucht die Geschichte immer irgendwo auf: Man hat sich auf einer Party, am Bahnhof, auf dem Klo kennengelernt und beschlossen, sich fortan gemeinsam im Studio einzuschließen. Doch warum macht man eigentlich Kollaborationen? Im Grunde ist es ein Zusammenschluss kreativer Köpfe, um gemeinsam das zu machen, wozu man alleine nicht imstande ist. Wenn jeder seine Stärken einbringt und seine Aufgaben kennt, um eine Produktion mit gemeinsamen Know-How auf ein höheres Level zu hieven. Getreu dem Motto: „Zusammen sind wir stark“.

Auch ich mache gerne mal Collabs. Mit Künstlern, deren Musik ich liebe, deren Herangehensweise ich schätze. Um einen gemeinsamen Gedanken zu transportieren, um musikalisch eine Symbiose einzugehen.

Aber sind wir doch mal ehrlich. Meistens fängt so eine Collab nicht mit einer Kick an, sondern mit irgendwelchen liegen gebliebene Ideen, die auf der Festplatte schon lange vor sich hin schimmeln. Loops, die schon im Friedhofs-Ordner lagen, bekommen plötzlich neues Leben eingehaucht. Mit einem grinsen im Gesicht exportiert man die Stems. Soll sich halt ein anderer abquälen, die potentielle Karteileiche wiederzubeleben – Hauptsache man hat das Ding vom Tisch. Doch schickt man sich seine verwursteten Files hin und her, klingt es irgendwann, wie wenn man früher fünf mal von Kassette auf Kassette überspielt hat – sofern man nicht die gleiche Software nutzt oder im gleichen Studio sitzt.

Und so passiert es, dass einige Titelnamen länger sind als das Vorstrafenregister manch Kleinkrimineller. Einfach weil zig Artists mitmischen und jeder seinen Namen drauf schreiben will. Manchmal hat man das Gefühl, dass es nur genau darum geht: name dropping, präsent sein, Häkchen setzen. Vielleicht durch eine sinnlose 0815-Nummer ein Booking abgrasen. Hauptsache man kann sich in Klammern noch das zwanzigste Label schreiben, um zu sagen: „Dort habe ich auch mal einen Furz gelassen.“

Natürlich weiß der etablierte Produzent von heute: Der Kunst-Aspekt geht dabei völlig verloren, weil es irgendwann beliebig wird. Keine Handschrift, keine Philosophie und keine Marke kann sich etablieren, wenn man über die Jahre mit 20 wahllosen Kollegen Musik gemacht hat. So spaßig es vielleicht auch war, aber der rote Faden fehlt. Und wer möchte mit seinen Collabs schon kollabieren?

In der strikten Auswahl trennt sich die Spreu vom Weizen. Erfolgreiche Producer-Teams haben sich gefunden, die als Solokünstler vermutlich nie den großen Wurf gelandet hätten. Wenn die gemeinsame Handschrift zur Marke wird, ist es egal, wie viele Eigennamen im Titel auftauchen. Namen sind Schall und Rauch, solange die Musik zu überzeugen weiß. Und da begleitet mich seit frühesten Anfängen ein Spruch, der immer wieder kehrt: „Es ist egal, wie du es machst. Wichtig ist, was am Ende des Tages dabei heraus kommt“, Bro!

 

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Foto:
 Jörg Singer/Studio Leipzig