CORPSESHOCK – Zwischen Bass und Blut

Foto: Maximilian Blachetzki

Dieses Trio ist mitnichten ein herkömmliches Musikgespann. Die aus dem Ruhrgebiet stammende Band bezeichnet sich selbst als „elektronische Horror-Kultisten“ und bewegt sich irgendwo zwischen Klangkunst, Kult und Körperritual. „Über die Jahrhunderte sind wir uns immer wieder begegnet. Hexenprozesse, römische Klöster, Fegefeuer – das Übliche“, sagen sie mit sarkastischem Unterton. Der Ursprung ihres Projekts liegt irgendwo zwischen Mythos, Wahn und Magnetband. „In den 80s und 90s hatten Kassetten und VHS krasse magnetische Anziehung – wir haben da einiges manifestiert. Ging gut weg unter der Ladentheke. Heute? Alles clean, glatt, konservativ AF. Zeit zurückzukehren. Vielleicht gibt’s da draußen noch ein paar verlorene Seelen, die Bock auf ’ne Rückführung mit ordentlich Bass haben.“

In einer Zeit, in der elektronische Musik oft nach Zielgruppen und Streaming-Kategorien sortiert wird, sehen CORPSESHOCK sich als Gegenentwurf. „MTV war mal geil, Musik war mal gefährlich. Heute wird sie nach Stimmungen sortiert. Alles glatt, alles safe. Langweilig“, sagen sie. Ihre Auftritte sind keine gewöhnlichen Clubshows, sondern Rituale zwischen Ekstase, Wahnsinn und Verführung. „Wenn wir drei auftauchen, wird’s nie normal. Und das Ritual? Das beginnt gerade erst.“ Mit „Club Flesh“ treiben sie diese Philosophie auf die Spitze. Der Track wird als „Techno-Zeremonie zwischen Sex, Snuff & VHS-Delirium“ beschrieben – eine Mixtur, die sich so radikal wie faszinierend anhört. „Rave-Culture sieht heute aus wie ein Lifestyle-TikTok“, erklären sie. „Coole Outfits, edgy Vocals, aber alles bleibt eigentlich safe. Kommt mal in den ,Club Flesh’ – da wird nicht gefächert, da wird wirklich gesündigt. Wer sich wirklich verzehrt, denkt irgendwann: ,Beiß mich.’ Und wenn’s für immer ist? Scheiß drauf. Konsens seit Jahrhunderten, btw.“

Im Zentrum der neuen Single steht ein Sample des gleichnamigen Darkwave-Hits von GRIZZ. „Seine Stimme ist wie eine saucoole Einladung aus der Unterwelt“, erzählt das Trio. „Corpsi hat das Teil gefunden (oder es ihn?) und sofort gesagt: Da geht was. Zack: brutale Drums gebaut, Acid-Sounds programmiert, das Tempo angezogen – und schon konnte keiner mehr stillsitzen. Dann wurde es komplett durchgeknallt, als der Doc plötzlich zum Moshpit aufrief. Da wussten wir, wir haben was.“ Auch das Musikvideo zu „Club Flesh“ trägt die Handschrift des Wahnsinns. Gedreht wurde in einem verlassenen Kaufhaus – irgendwo zwischen Neonlicht, Kellergewölbe und Liminal Horror. „Endlich mal ne Location, wo keiner stört“, erzählen sie. „Der Doc war im Überwachungsraum, hat Kommandos durch seine Maske genuschelt, Corpsi verstand kein Wort durch den Funk. Schwierig! Mina hatte Spaß im Pool – etwas zu viel, als wir sie zersägt haben. Das war weird. Jetzt müssen wir sie erst einmal wieder zusammensetzen. Hoffentlich weiß das Publikum das zu würdigen – wir haben unsere besten Leute geopfert. Props an Regie und Kameramann, Felix und Daniel – die haben beim Dreh echt geliefert. Dummerweise war’s wohl ihr letzter.“

Foto: Maximilian Blachetzki

Die drei Figuren – Dr. Satan, Mina Harker und Corpsi – sind keine Rollen, sondern Teil einer gemeinsamen Mythologie. „Wir sind wie ’ne ganz normale dysfunktionale Familie – nur halt irgendwie Psychopathen“, lachen sie. „Jeder tickt anders, aber zusammen machen wir Dinge, die sonst nicht passieren würden. Wir lieben uns. Oder bringen uns um. Ist bei uns dasselbe.“ Dieser familiäre Irrsinn zieht sich durch ihre gesamte Arbeit – eine Mischung aus Ironie, Leidenschaft und einem seltsam spirituellen Verständnis von Musik. Nach „In Heaven“, das eher melancholisch angelegt war, zeigt sich das Trio mit „Club Flesh“ von seiner extrovertierten, exzessiven Seite. „‘In Heaven’ war unser erstes Zeichen aus dem Jenseits – ein kleiner Appetizer. ,Club Flesh’ zeigt das echte Potenzial unserer Crew. ,In Heaven’ ist melancholisch, ,Club Flesh’ auf-die-Fresse-euphorisch. Aber sie haben auch vieles gemeinsam: die zuckenden Synths, Disharmonien und die vielen Hinweise auf die Popkultur aus dem Horrorgenre. Sie kommen halt aus demselben Grab.“

Ihr Sound folgt keinem klaren Genre, sondern einer Energie. „Alles, nur nicht langweilig“, so ihre Devise. „Wenn’s uns selbst überrascht, ist’s gut. Und wenn wir lachen, spüren wir auch mal was. Am Ende muss es scheppern. Corpsi predigt immer: Jeder Track wie ’ne Achterbahn – schnell, überraschend und auch mal kurz ruhiger oder etwas irreführend, aber am Ende immer ein Erlebnis, das man noch einmal haben will. Hard-Techno ist die Haut, Industrial die Textur und Elemente wie Hyperpop, Drum & Bass oder Filmscore sind die Zutaten, die die Motten fernhalten. Klingt bei uns nie gleich, passt in keine Playlist. Oopsie – aber hat immer diesen einen roten CORPSESHOCK-Faden. Und ja: Wir hassen Motten.“ Neben der Musik spielt das Visuelle eine zentrale Rolle. Ihre Bildsprache erinnert an die 90er, an flimmernde VHS-Tapes, verbotene Videonächte und kaputte Popkultur. „Damals musste man suchen, um etwas Besonderes zu finden. Aufbleiben, flimmern, fragen: Guck ich da rein – oder guckt das Ding in mich? Darf ich das sehen? Das war Kunst auf Risiko. Und Trash? Trash ist echt. Macht, was man nicht tun sollte. Heute ist alles so clean – wir sind der Kratzer im Lack. Unsere Frequenz stört. Cool, oder?“

Was CORPSESHOCK antreibt, ist die Sehnsucht nach dem Unberechenbaren. Sie wollen das Dunkle nicht nur inszenieren, sondern spürbar machen. „Wer zu uns kommt, lässt etwas zurück – oder nimmt etwas mit, was er nicht mehr loswird. Unsere Anhänger, ob sterblich oder nicht, sind Teil unserer Family. Wir haben Spaß. Das Diesseits und seine Probleme sind ernst genug. Bei uns darf man die Angst vor dem Tod verlieren oder alles andere hinter sich lassen, was ihre Seelen gerade quält. Wir sind schließlich ein Kult – nur ohne den ganzen Manipulationsblödsinn. Also seid dabei – wir haben einen ganzen Haufen knuspriger Fingernägel für euch zurückgelegt.“

CORPSESHOCK schaffen es, Horror, Humor und Hedonismus zu einer einzigen Erfahrung zu verschmelzen – einer, die so verstörend wie befreiend wirkt. Zwischen Bass und Blut, Wahnsinn und Ekstase erinnern sie daran, dass Techno nicht nur Tanzmusik ist, sondern auch ein Ritual der Verwandlung. Und wer sich einmal in den Kreis des „Club Flesh“ wagt, kommt womöglich verändert wieder hinaus.

Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: Triple P
Foto: Maximilian Blachetzki
www.instagram.com/corpseshock